Der Tod aus der Teekiste
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Mein Freund, der Baum | Juni 2015
Ubi arbor?
von Eva Fischer

Wie willkommene Diebe stahlen sich die Sonnenstrahlen durch die Jalousien. Gradlinig drangen sie zu mir durch und küssten mich direkt auf den Mund. Ich lächelte, wollte den Traum nicht verlassen. Doch sie ließen nicht locker, fokussierten meine Augen. Ich blinzelte. Der Abspann lief, ich musste zurück in eine andere Realität.

Noch im Nachthemd zog ich die Jalousien hoch, öffnete weit das Fenster, atmete tief die frische Luft ein, schaute hinaus in den neuen Tag.
Etwas war anders als gestern, doch ich wusste nicht was. Ich dachte nach, gähnte, als sich die Erkenntnis jäh an die Oberfläche katapultierte.
Der Baum war verschwunden!
Ich tappte zum Nachttisch, suchte meine Brille, um schärfer sehen zu können. Aber da war nur ein Nichts, das keine Spuren hinterlassen hatte. Jeden Morgen seit x- Jahren hatte ich wie ein heiliges Ritual auf diesen Baum geblickt und nun war er weg.

Sofort hatte ich meinen Nachbarn zur Linken im Verdacht, der mir oft genug nachts den Schlaf raubte mit seinen italienischen Opernarien von Andrea Bocelli, die in meinen Ohren wie das Geschrei von liebestollen Katzen klangen. Doch wo sollte er den Baum versteckt haben? In seinem Garten sah ich ihn nicht. Sein Wohnzimmer war zu klein für den Baum und auch der Transport dürfte ihm Schwierigkeiten bereiten. Er maß nicht mehr als einen Meter sechzig. Mein Nachbar, nicht der Baum. Den schätzte ich auf drei bis vier Meter.

Oder hatte meine Nachbarin zur Rechten etwas damit zu tun? Sie regte sich immer darüber auf, dass die Hunde den Baum als Toilette nutzten, was deren Besitzer ignorierten. Oder waren sie einfach zu faul, die Überreste in einer Plastiktüte abzutransportieren? Hatte meine Nachbarin das Ordnungsamt benachrichtigt? War dies ein Gefahr-im-Verzug-Fall, der ein schnelles Handeln über Nacht rechtfertigte? Aber es gab keinerlei Anzeichen, dass der Baum gefällt worden war. Kein Baumstumpf ragte mahnend in den Himmel.

Tag für Tag hatte ich den Baum gesehen. Aber hatte ich ihn wirklich angeschaut?
War es eine Linde, eine Buche, eine Akazie gewesen? Ich hätte es nicht sagen können, was sicherlich auch mit meinen mangelhaften Biologiekenntnissen zu tun hatte.
Aber ich hatte ihn geliebt. Um so schlimmer, dass ich nichts über ihn wusste.

Ich unterzog mich einer reinigenden Dusche, aber sie konnte meine Verwirrung und meinen Kummer nicht abwaschen. Auch der Kaffee und das Croissant schafften es heute nicht, mich durch ihren Duft zu betören. Achtlos hatte ich mich angezogen, bevor ich mich auf die Suche machte. Ich musste diesen Baum wiederfinden. Es hingen einfach zu viele Erinnerungen an ihm.

Im Frühling hatte er geblüht. Zart rosa. Dessen war ich sicher. Das hatte mich immer an meine unbeschwerte Kindheit erinnert, als über meiner Welt noch ein rosiger Nebel hing, hinter dem sich eines Tages eine strahlende Sonne zeigen würde. Kein Wesen ist so naiv und voller frommer Wünsche wie ein Kind, wenn man es lässt. Meine Eltern klärten mich nicht über die böse Welt auf, sondern suchten sie mir fernzuhalten. Wer sollte es ihnen verübeln?

Früchte hatte dieser Baum nie getragen. Auch ich wäre besser kinderlos geblieben. Es gibt kein Gesetz, dass der Mensch sich reproduzieren muss.
Im Spätherbst verlor er seine Blätter, aber diese Nacktheit stand ihm gut. Erst jetzt nahm er Form an, streckte seine Äste majestätisch in den Himmel, wurde eine wirkliche Schönheit. War der Baum ein Er so wie im Deutschen, oder eine Sie wie im Lateinischen?
Viel hatte ich nicht behalten von meinem Schullatein, aber dass ein Baum weiblich sein könnte, hatte mich schon immer fasziniert.
Ich schweife ab. Das war eine seiner hervorragensten Eigenschaften, dass er mich immer in einen Sog von Gedanken und Gefühlen zog wie in das Magma des Erdinneren.

Wo sollte ich ihn suchen?
Im Internet? Eine Fülle von Bildern breitete sich vor mir aus. Alle zum Verwechseln ähnlich, alle geruchlos und eindimensional.
Ich beschloss, eine Großgärtnerei aufzusuchen. Der Verkäufer zeigte mir eine Reihe von Bäumen. Wenn du etwas suchst, brauchst du einen Namen oder zumindest eine genaue Beschreibung. Diese Erkenntnis kam für mich leider zu spät. Ich konnte es dem Verkäufer nicht verübeln, dass er meiner diffusen Worte zunehmend müde wurde, wo es exakte gebraucht hätte. Ich bedankte mich für seine Geduld und machte mich auf in die städtischen Parks.

Ich fand Bäume, große und kleine, dicke und dünne, welche mit Blättern, andere mit Nadeln. Nie fiel mir ihre reichhaltige Grünschattierung auf. Lindgrün, tannengrün, smaragdgrün, meergrün, moosgrün, grashüpfergrün, waldmeistergrün, götterspeisengrün, grüngold. Eine grüne Welt für sich, die mir erst durch das Nebeneinander der Bäume erschlossen wurde.
Und dann, ich weiß nicht, wie spät es mittlerweile war, sah ich ihn. Auf einem gepflegten Rasen stand MEIN Baum.
Ich lief zu ihm hin, umarmte ihn liebevoll. Endlich! Ein zweites Mal wollte ich ihn nicht mehr verlieren!
Zum Glück gab es ganz in seiner Nähe eine Bank. Auf diese setzte ich mich.
Ich sprach mit ihm, erzählte ihm von dem Leid, das er mir zugefügt hatte durch sein Verschwinden, aber auch von der Freude, die sein Wiederfinden in mir auslöste.
Ich zeigte Verständnis, dass er mich allein gelassen hatte. Gibt es ein höheres Gut als die Freiheit? Auch ein Baum hatte das Recht, sich einen neuen, besseren Platz zu suchen.
Hier stand er nicht eingeengt zwischen Asphalt und Abgasen, sondern hatte Freunde. Vögel hatten sich eingenistet, sangen ihm Kantaten.

Später tauchte der Mond ihn in ein silbernes Licht. Der letzte Passant war gegangen. Wir blieben allein zurück. Da sah ich von Weitem eine Gestalt auftauchen. Sie kam mit raschen Schritten geradewegs auf mich zu.
Es war ein blonder Jüngling. Er umarmte und küsste mich.
„Da bist du ja! Endlich habe ich dich gefunden. Ich habe dich schon überall gesucht.“,rief er erleichtert aus und reichte mir seinen Arm.

„Jawohl, mein Prinz, ich folge dir. Wo ist dein Schloss?“, strahlte ich ihn an..
„Was machst du so spät in einem Park?“, wollte er wissen, während er mich unterhakte und nur noch das Knirschen der Kieselsteine unter unseren Füßen zu hören war.
„Stell dir vor, ich habe MEINEN Baum wiedergefunden.“
„Ihn bei seinesgleichen zu suchen, ist ja ganz pfiffig, Oma, aber das nächste Mal, wenn du ausbüxt, gib mir vorher Bescheid. Du kennst Papa. Er steckt dich sonst in ein Heim.“

Letzte Aktualisierung: 11.06.2015 - 19.03 Uhr
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