Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Mein Freund, der Baum | Juni 2015
Karl
von Glädja Skriva

Die Blätter fallen, fallen … mit verneinender Gebärde … (Rainer Maria Rilke)




“Er sah in dem allem keinen Sinn mehr.“
Unser Gespräch endete mit einem dünnen Faden, der luftleer im Raum hing.
“Und wenn Sie einmal darüber schreiben?“



* * * *




Meine Bleistiftkappe war nass und zerkaut. Feine Holzfasern hatten sich auf meine Lippen gesetzt. Der Geschmack war so strohig, wie die Frage selbst:
Wie hätte er sich wohl sein Leben gewünscht, damit es noch Sinn machte? Ja, gesund hätte er sein wollen. Fit und munter. So wie früher. Morgens um 5.00h bereits ein pfeifendes Lied auf den Lippen. Der alte Frühaufsteher. Mit seinem Duft, der sich mit der ersten gemeinsamen Tasse frischen Kaffees vermischte: Herbes Sandelholz, quasi mit Röstaromen. Ich rieche es immer noch.
Die Welt, die damals für uns noch auf rosaroten Wolken war. Aber hatte dann nicht auch unsere Krise Sinn gemacht? Wie wir sie gemeinsam durchgestanden hatten. Blutjung. Und dennoch Schulter an Schulter. Der eine an den anderen gelehnt. Verlassen konnten wir uns aufeinander. Bedingungslos.
Damals merkte ich das erste Mal, dass es gar nicht so einfach war, das Paradies von der im Schatten gelegenen Erdhalbkugel zu unterscheiden. Wie sich manches in unserem Leben im eigenen Rhythmus plötzlich vom einen ins andere verschoben und verändert hatte.
Ich kam nicht weiter. Meine Gedanken kreisten - als plötzlich ein Blatt vor meiner Nase heruntertanzte. David, unser Nachbarjunge, der immer freitags zum Schokoladetrinken zu uns gekommen war, hatte seine Blättersammlung mit lautem Gejohle vom Balkon aus über mich hinunterregnen lassen.
Nicht wahr, Karl, du hättest so ein Blatt sicher in deinen Händen gedreht und mit David darüber gesprochen, dass es ein Ahornblatt von einem Ahornbaum war. Entstanden in einer kleinen Traumfabrik. Nicht Birkenblatt. Nicht Eichenblatt. Nicht Blatt von einer Trauerweide. Aber dass Ahornblätter besonders wertvoll und hübsch anzusehen sind, wegen ihrer charakteristisch weich geschwungenen Form, mit der sie im Wind wie kleine Nasen flirren und sich den ersten Sonnenstrahlen entgegenstrecken.
Ich sehe es noch genau vor mir, wie wir gemeinsam auf unserem Bänkchen am Waldrand saßen. Immer unter unseren „drei Eichen“ und neben uns das, was ich für einen mickrigen Stängel hielt. Aber du konntest die Jahreszahlen dieses kleinen Ahornbaumes, der er eigentlich war, an den Knoten seines schmalen Stammes ablesen. Sechs Jahre war er jung, stelltest du fest, und versetzen wolltest du ihn, näher zur Schonung, damit ihn die Rehe nicht kahl äsen würden. Du kanntest jeden Baum, jeden Strauch, jede Pflanze in deinem Forstrevier.
Den Herbst hast du am liebsten gemocht. Ich spüre heute noch, wie meine Finger von der Kälte klamm wurden. Wir haben es trotzdem gemacht, jedes Jahr neu, die registrierten Vogelhäuser im Wald gemeinsam gereinigt. Jedes einzelne. Mit dem Landrover sind wir gefahren; von einem Vogelhäuschen zum nächsten und du hast die Leiter festgehalten, damit ich auch ja nicht herunterfalle. Im Frühjahr haben wir manchmal die ausgebrüteten Kleinen piepsen gehört. Und im Sommer haben wir unter der Laube Himbeersahne gegessen, die ich frisch gebacken habe. Mit „Lady“, unserer zufrieden schnurrenden Findlingskatze. Und wenn wir Glück hatten, kamen sogar Rolf und Inge auf ein Schwätzchen vorbei und lobten die Himbeerstückchen, die süß und aromatisch waren. „Nicht so ein wässriges Treibhauszeugs“, wie du dabei gebrummelt hast. Jeden Morgen bist du zu deinem Regenmesser gelaufen. Die Zahlen darauf waren großgeschrieben. Deine Augen hatten bereits etwas nachgelassen, aber ob die Pflanzen an ihrer Stelle gedeihen konnten, ob sie nicht zu viel oder zu wenig Nässe hatten, dafür hattest du immer noch einen Blick ... weil du sie verstanden hast.
Bis der Winter kam. Die Äste des Ahornbaumes streckten sich wie Skelettfinger in den dunklen Himmel. In der Nacht dann, der Schlaganfall, Karl. Deine ersten, verzweifelten Versuche, kleine Schritte zu gehen. Wie ein Kind. Dann die Reha. Noch untrügliche Hoffnung, dass es werden würde. Dass wir es wieder einmal schaffen würden. Gemeinsam. Aber es wurde nicht. Wurde immer schlechter. Die Schmerzen. Das mühsame Sprechen. Das Angewiesensein auf andere. Bis du das alles los sein wolltest – uns, mich losmachen wolltest, wie ein Blatt … von dir. Du seist doch nur noch eine Last für mich … und du aus dem Sims gekippt bist, dich hast fallenlassen und es - still war. So, als ob sich eine dunkle Decke über alles gelegt hätte und ich meinte, darunter zu ersticken.



* * * *




“Hat Ihnen das Schreiben geholfen?“
“Ich erkenne den Sinn nicht. Warum? Warum? Ich habe Zweige des kleinen Ahornbaumes an seiner Stelle niedergelegt. Morgen werden die Blätter verweht sein. Die Nistkästen der Vögel bleiben leer. Rolf und Inge kommen zum Kaffeetrinken, aber der Kloß im Hals sitzt fest. Wenn ich auf unserem Bänkchen sitze, zähle ich die Kerben am Stamm unseres Ahornbäumchens. Es ist acht Jahre alt und inzwischen ganz schön kräftig. Du hast damals gut daran getan, es in die Schonung zu setzen, Karl … und doch… ich vermisse dich so.“


© P.S./Glädja Skriva/Juni 2015/ Endversion

Letzte Aktualisierung: 26.06.2015 - 19.12 Uhr
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