Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Mein Freund, der Baum | Juni 2015
Die königliche Blutbuchensuche
von Klaus Freise

Es begab sich zu einer Zeit, als der Satz: „Ein Königreich für ein Schwert“ ein guter Tausch zu sein schien.
König Edard ohne w zügelte sein Pferd, seufzte königlich und sprach:
„Kann Er dieses Gebimmel nicht endlich unterlassen? Es schmerzt seiner Majestät Ohren.“

Es dauerte eine kurze Weile bis der königliche Hofnarr, genannt Kaspar, mit seinem Pony an die Seite des Königs trippelte und dabei seine Mütze mit den drei Zipfeln und Glöckchen kräftig schüttelte. König Edard ohne w sah auf ihn herab, Kaspar sah zu ihm hinauf und sprach:
„Nö.“
Da beugte der König sich hinab, umfasste einen der Zipfel und zerrte ihn mit dem Hofnarr in die Höhe. Verdutzt betrachtete er die Mütze mitsamt dem Narren. Dieser hob verlegen die Schultern und äußerte:
„Lebenslange Vertragslaufzeit.“ Dabei klappte er die Handflächen nach oben und sprach:
„Hab das Kleingedruckte nicht gelesen.“
Der König schüttelte nur sein Haupt und öffnete die königliche Hand. Der Narr plumpste und sein Pony ächzte. Gemeinsam waren sie aufgebrochen, um einen üblen Fluch zu brechen.
Ausgesprochen von einer unterbezahlten Wahrsagerin, nachdem der König in seinem Reich Schilder gegen Betteln, Hausieren und Falschwahrsagen aufgestellt hatte.
„Wollen Eure Lordschaft etwas ruhen?“
„Nein, will Er nicht.“
„Vielleicht mal austreten? Ich kenne da einen Donnerbalken, nicht weit von hier.“
„Nein, will Er nicht.“
„Vielleicht möchten Eure Erlauchtheit ein kaltes Milchprodukt in einer Waffel?“
„Nein, verflixt noch eins. Außerdem soll Er keine königliche Anrede benützen. Wir reisen inkognito. Also unsichtbar für das gemeine Volk. Deshalb keine königliche Garde und hundert Kammerzofen, sondern nur …“ Er deutete wage auf den Ponybesitzer.
Kaspar kicherte neben dem Herrscher des Reichs und deutete dann auf des Herrschers Kopf.
„Dann sollten Eure Erfahrenheit aber … also, da oben.“
Etwas irritiert tastete Edard ohne w nach dem königlichen Haupt. Nahm die Krone ab und stopfte sie in seine Satteltasche.
„Immerhin“, murmelte Kaspar. „Tragt Ihr nicht mehr den roten Umhang mit dem weißen Kragen.“ Dabei gelang es ihm nur unzureichend, ein Lachen zu unterdrücken.
„Sage Er: Ist es noch weit zu diesem Gestrüpp? Zitiere Er nochmal den Wortlaut dieser inkompetenten Hexe.“
Der Hofnarr tat einen Seufzer des Missfallens, den sein Pony mit einem genervten Schnaufen unterstützte.
„Wald, my Lord, nicht Gestrüpp. Wahrsagerin, nicht Hexe. Es sprach also die Wahrsagerin …“
Da zügelte der König sein Pferd und zürnte:
„Doch nur eine Zusammenfassung, es beginnt schon zu dunkeln.“
„Wahrsagerin verflucht König, Er verliere sein Reich an das gemeine Volk binnen einer Woche. Wahrsagerin beschwor Blutbuche im Dunkel-Dunkel-Düsterwald für ihren finsteren Plan. Blutbuche weg, Ende von Fluch.“
Die beiden folgten seit Stunden einem geheimen Pfad, den nur Geheimkuriere, erfahrene Fuhrleute, Spione, Diebe, betrunkene Heimkehrer, streunende Hunde, Rehwild und allgemeiner Pöbel kannten. So kamen sie zügig voran. Da hielt Edard ohne w sein Tier und äußerte:
„Es dürstet seine Majestät, eile Er sich aus meiner Satteltasche den Schlauch zu holen.“
Der Hofnarr ließ sein Pony an des Königspferd trippeln, stellte sich in seiner ihm eigenen unnachahmlichen Art auf den Sattel und spähte in die Tasche.
„Hm, Euer Herrscherlichkeit hat ja sehr übersichtlich gepackt. Hier ist nur eine Krone, ein königliches Zepter, ein goldenes Flies und ein heiliger Gral. Nur königlicher Unrat, kein Wasser, mein Beherrscher des Königreichs.“
So stillte der König unter dem wenig dankbaren Blick des Narren seinen Durst aus dessen Vorräten.
Eine kurze Weile danach erreichten sie einen Wald, der so finster, blickdicht und undurchsichtig vor ihnen auftauchte, dass es die beiden doch ein wenig gruselte. Der Stimmung angemessen flüsterte der König:
„Ist dies der beschriebene Forst?“
„Ja, mein Fürst des Volkes“, hauchte Kaspar. „Der Dunkel-Dunkel-Düsterwald ist erreicht.“
Da drehte sich das königliche Haupt eine Nuance zum Hofnarren.
„Meint Er nicht, dass ein >Dunkel< in der Beschreibung dieser Örtlichkeit völlig ausreicht?“
Verlegen kratzte sich der Narr am Kinn.
„Nun, mein Beherrscher einiger Untertanen, in den Legenden und Geschichtsbüchern wird der Wald so benannt.“
„Wie denkt Er denn, dieses unsäglich anstrengende Abenteuer fortzuführen?“
„Nun, es gibt eine Lichtung, zentral gelegen, mit Blick auf die Blutbuche. Wir folgen nur diesem fast unsichtbaren, von Dornen verhangenem Pfad. Vorbei an den rotglühenden Augen in der Dunkelheit und wenn wir nicht gefressen werden, sollten wir so mit dem letzten Tageslicht die Blutbuche erreichen. Wir sollten die Pferde hier anbinden. Er deutete auf ein Schild, darauf Stand: „Für eilige Besucher, Müll und königlichen Unrat abladen verboten.“
Gesagt getan, wobei einige Zwischenfälle mit scheußlichen, blutgierigen Wesen und Halsabschneidern, Dieben und Rehwild unerwähnt bleiben sollen.
Nachdem sie von den letzten Dornen freigegeben wurden, standen sie auf der besagten Lichtung. Dort erhob sich eine mindestens tausendjährige Buche, deren Stamm nicht von fünf Männern umfasst werden konnte und deren Krone gerade zu furchterregend das Abendrot widerspiegelte.
„Wirklich, mein Edelblütiger, ein beeindruckender Baum, meint Seine Erhabenheit nicht auch?“
„Wie auch immer, hier endet es nun.“ Bei diesen Worten streckte der König die Hand aus, ohne den Blick von der Buche abzuwenden und sprach die majestätischen Worte:
„Die königliche Axt, bitte.“
Sehr verlegen räusperte der Hofnarr:
„Ähem … bitte?“
Der König schnippte mit den Fingern
„Axt, Beil, Baumfällwerkzeug, was auch immer, her damit.“
Kaspar trat behutsam ein paar Schritte zurück und äußerte:
„Äh, tja, wie soll ich sagen … vergessen, my Lord. Kann passieren.“
Raum und Zeit hielten den Atem an. Eine vorbeihuschende Ameise geriet ins Straucheln. Jedes Geräusch erstarb, als Edard ohne w sich langsam umdrehte. Mit hochrotem Kopf und einer gepressten Stimme, als säße er auf dem Abort, umgeben von hundert Kammerzofen, sprach er:
„Was hat Er denn gedacht, als ich Ihn anwies alle Ausrüstung für den Fall des Fällens mitzuführen?“ Dabei streckte er die königlichen Hände aus, den Narren am Halse zu packen.

Alsbald war königliches Gefluche und Getrampel, sowie närrisches Wehklagen und Getrippel zu vernehmen.

… und wenn sie nicht gestorben sind, umkreisen sie noch heute die Blutbuche im Dunkel-Dunkel-Düsterwald.


Letzte Aktualisierung: 27.06.2015 - 12.02 Uhr
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