'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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Mein Freund, der Baum | Juni 2015
Die Entstehung der Jahreszeiten
von Marcel Porta

Gott erschuf die Welt in sechs Tagen. So steht es im Buch der Bücher und deshalb muss es stimmen.
Am ersten Tag erschuf Gott die Materie, das Licht und die Zeit. Das waren Schwergewichte, und mir scheint, die wichtigste Arbeit erledigte er an diesem Tag. Ich frage mich oft, wie lange er brauchte, um die Zeit zu erschaffen, und mir wird schwindelig, wenn ich darüber nachzudenken versuche. Bei Licht und Materie hat er ein bisschen geschummelt, so arg verschieden sind die gar nicht, wie man heute weiß. Aber das war natürlich sein göttliches Recht, man muss nicht immer das Rad neu erfinden. Das stellt eher seine Genialität unter Beweis. Minimaler Aufwand – optimales Ergebnis. Und die ersten paar Milliarden Jahre hat sowieso niemand den klitzekleinen Betrug entdeckt.

Ab dem zweiten Tag beschäftigte er sich interessanterweise nur noch mit einem winzigen Brocken Materie in der Milchstraße, am äußeren Rand gelegen. Auch wenn die Wahl befremdet, wir müssen dankbar dafür sein. Was, wenn er sich mehr um den Pferdekopfnebel gekümmert hätte? Dann würden sich vielleicht nicht wir, sondern die Houyhnhnm über seine Entscheidung wundern. In diesem Fall hätten wir zwar keine Probleme mit der Umweltverschmutzung oder der Atombombe, aber auch sonst keine, weil wir gar nicht existieren würden.
Ja, diese spezielle Welt sollte wirklich gut werden und erforderte daher Gottes ganze Aufmerksamkeit. An diesem zweiten Tag erschuf er - speziell für die Erde - das Wetter. Doch bereits hier traten - infolge der später von Heisenberg wiederentdeckten Unschärferelation - erste Unregelmäßigkeiten auf. Es wurde nicht gerecht verteilt. Noch heute leiden gewisse Inselbewohner unter dieser Nachlässigkeit, obwohl sie das niemals zugeben würden. Bei hinreichend verschrobenem Charakter kann man sogar auf mieses Wetter stolz sein.

Der dritte Tag war wieder etwas anstrengender, denn Wasser, Land und Pflanzen wurden erschaffen. Leider hatten die Pflanzen es an ihrem ersten Tag recht schwer, denn aus einem in der Heiligen Schrift belegten Planungsfehler heraus wurde die Sonne erst am vierten Tag angeknipst. Wie es zu diesem Fiasko kommen konnte, ist noch ungeklärt. Oder vielmehr reicht unser beschränktes Gehirn nicht aus, um die Logik hinter dieser Tatsache zu durchschauen. So kümmerte also die Flora vor sich hin und alle warteten auf das Licht.
Die Bäume waren die Klügsten unter den Pflanzen. Sie wuchsen hoch hinauf in den Himmel, damit sie die Ersten waren, denen die unentbehrlichen Sonnenstrahlen tags drauf Lichtnahrung bringen konnten. Das ist nur ein Fehler in der Überlieferung, sagen manche, aber wie erklären sie dann die ungewöhnliche Wuchsform der Bäume? Eben, gar nicht! Mich können diese Besserwisser nicht überzeugen.

Am fünften Tag wurden Luft und Wasser vollgestopft mit Tieren und sie erhielten den Auftrag, sich zu vermehren, womit die Geburtsstunde der Sexualität angebrochen war. Da hatte Gott sich etwas Feines ausgedacht und er mochte diese Spezialität von Anfang an. Welche Freude bereiteten ihm das Gewusel der Delfine zur Paarungszeit und der Balztanz der Auerhähne. Daran, dass die Sexualität bei einem seiner Geschöpfe später in Verruf geriet, ist er völlig unschuldig. Im Gegenteil, über nichts hat er sich je mehr gewundert.

Jetzt waren die Voraussetzungen vorhanden, die Krone der Schöpfung zu erschaffen. Doch weil er langsam müde wurde, verschob Gott diesen Kraftakt auf den nächsten Tag.
Der Samstag brach an, und Gott schuf die Tiere des Landes, all die Spinnen und Nashörner, die Springböcke und Ohrwürmer. Eine Menge Arbeit, und erst gegen Abend fiel ihm ein, dass er noch den Menschen zum Leben erwecken wollte.
In einem heute nicht mehr nachzuvollziehenden Akt der Großzügigkeit schenkte er seinem letzten Geschöpf nicht nur das Leben, er übereignete ihm darüber hinaus alles, was er bisher geschaffen hatte, übergab ihm die gesamte Erde zu treuen Händen. Ein fataler Fehler, wie sich später herausstellte.

Doch das ist nur die Geschichte der ersten, zugegebenermaßen ereignisreichen Woche. Richtig interessant wurde es erst, als die Schöpfung sich selbst überlassen blieb. Adam und Eva pflanzten sich fort, ganz wie ihnen aufgetragen wurde. Dass sie sich dabei das Paradies verscherzten und Mord und Totschlag die Tür öffneten, war Schicksal. Wäre jedem von uns passiert, davon bin ich überzeugt.
Auch die ersten Generationen danach erledigten ihre Pflichten ganz zu Gottes Zufriedenheit. Er hatte Freude an der Entwicklung und beglückwünschte sich zur Erfindung der Evolution, die dank des Zufalls, der ihm schon bei der Erschaffung des Wetters dazwischengefunkt hatte, unvorhergesehene Ergebnisse versprach. Doch dann geschah das Undenkbare, das einer Katastrophe gleichkam: Nach einigen Generationen erlahmte der Fortpflanzungseifer, die Menschen gingen dem Auftrag zur Vermehrung nur noch lustlos nach.
Gott erschrak bis ins Mark, als er diese Entwicklung bei einer Routinekontrolle entdeckte. Was war zu tun? Die Lethargie war ohne seine Intervention entstanden, wie sie nun wieder vertreiben? Wie brachte er seine höchsten Geschöpfe wieder dazu, sich miteinander zu beschäftigen und für Nachwuchs zu sorgen?

Zum Glück war Gott allwissend: Wenn es eine Lösung gab, würde er sie finden. Das erforderliche Wissen war vorhanden, nur wo? Schublade um Schublade durchforstete er, in einer Geschwindigkeit, die alle heutigen Suchalgorithmen in den Schatten stellte, bis er endlich die Psychologie mit der Himmelsmechanik verknüpfte und ein Plan Gestalt annahm. Eilige Berechnungen und Simulationen ergaben einen optimalen Wert von 23,5.

Mit einem kleinen Stibbs brachte er die Erdachse aus dem Gleichgewicht, und mit einer Neigung von 23,5 Grad zur Ekliptik stabilisierte sie sich wieder. Die Auswirkungen zeigten sich nicht sofort, sodass die Menschen auf der Erde Zeit hatten, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Der weiße Regen erfüllte sie zunächst mit Schrecken, denn er ging mit einer ungewohnten Kälte einher. Die unerträgliche Hitze in manchen Gegenden des Gesteinsbrockens bräunte die Menschen und schuf das neue Phänomen des Sonnenbrands und unterschiedliche Hautfarben. Dass sich die Blätter der Bäume, der guten Freunde der Menschen, zu gewissen Zeiten bunt verfärbten, belustigte die Bewohner der Erde zunächst. Doch als die Blätter dann vertrockneten und abfielen, kam Panik auf. Wie sollten sie jetzt die Säuberung nach der Notdurft vornehmen? Wer schon einmal ernsthaft vor dieser Frage stand, findet das sicher nicht lustig.

Im Gegensatz zu den anderen neu entstandenen Jahreszeiten war der Frühling von Anfang an ein Hit. Der Plan war aufgegangen. Die Freude über den scheidenden Winter schuf, wie erwartet und berechnet, neue Lebenslust und steigerte die Geburtenrate so, dass der Fortbestand der Menschen gesichert schien. Erst in neuerer Zeit gibt es wieder Probleme mit der Zukunftsfähigkeit der Menschheit, doch da helfen solche Kinkerlitzchen wie das Verbiegen der Erdachse nicht mehr weiter.

Das ist die wahre Geschichte der Entstehung der Jahreszeiten, und wer etwas anderes behauptet, hat entweder keine Ahnung oder ist ein verdammter Atheist.

© Marcel Porta, 2015
Version 1

Letzte Aktualisierung: 01.06.2015 - 19.52 Uhr
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