Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Partystimmung | Juli 2015
Das Märchen von Artemisia und Akirema
von Christian Rautmann

Es war einmal ein Königreich, in dem lebten die Menschen glücklich und ohne Sorgen. Schon beim Aufstehen freuten sie sich auf den neuen Tag. Probleme hatten sie keine, denn es gab jederzeit für alle genug zu essen und zu trinken. Alte und Kranke waren nie alleine, denn immer gab es Verwandte, Freunde und Nachbarn, die sich um sie kümmerten. Die Häuser waren ordentlich, aber einfach. Nur der König wohnte in einem Palast, der aber so klein und unscheinbar war, dass schon mancher Besucher erst einmal daran vorbei gegangen war. Aber auch wenn kaum ein Bewohner dieses Königreichs, das den schönen Namen Artemisia trug, über viel Geld verfügte, so waren die Menschen doch reicher als in den meisten anderen Ländern. Denn sie waren glücklich.

Nicht weit entfernt lag das Land Akirema. Im Gegensatz zum kleinen und unbedeutenden Artemisia war es groß und mächtig. Und es gab dort auch viele Menschen, die in großen und prachtvollen Häusern wohnten, die sie aber Tag und Nacht beschützen lassen mussten, da die meisten Bewohner Akiremas sehr arm waren und zum Teil sogar auf der Straße lebten. Aber das interessierte die wenige Wohlhabenden nicht besonders. Ihnen war es wichtiger, dass es ihnen selbst gut ging und sie noch reicher wurden. Aber das war nicht einfach, denn in Akirema selbst gab es kein mehr Geld zu verdienen: Bei den Armen war nichts zu holen und untereinander wollten die Reichen sich auf keinen Fall etwas wegnehmen. Denn dann hätte es ja passieren können, dass auf einmal einer von ihnen zu den Armen gehört hätte. Und das wollte keiner riskieren.
Da sie keine bessere Idee hatte und es ihnen schrecklich langweilig war, feierten sie eine Party nach der anderen. Doch auch das gefiel ihnen nicht so richtig. Eine wirkliche Partystimmung war schon lange nicht mehr aufgekommen.
Das änderte sich, als sich eines Abends bei der Party von Gräfin Barton die Neuigkeit herumsprach, dass man in einem kleinen Land namens Artemisia Gold und Silber gefunden habe. Bei allen, die das hörten, trat sofort Gier in die Augen. Und schon am nächsten Tag setzen sich die reichsten der Reichen zusammen und berieten, wie sie an die Reichtümer jenes Landes gelangen konnten. Man war sich schnell einig, dass man es kaum den Bewohnern des Landes selbst überlassen konnte, die neu entdeckten Bodenschätze abzubauen. Man kam überein, dass man einen Gesandten nach Artemisia schicken würde, der dem König die Hilfe Akiremas beim Abbau und der Verwertung der neu entdeckten Gold- und Silbervorräte anbieten sollte.

Nur wenige Tage später stand der Gesandte, ein elegant gekleideter junger Mann, dem König gegenüber, der ein wenig ärgerlich war, da er gerade ein Bad hatte nehmen wollen.
„Was führt Euch zu mir?“, fragte er dennoch sehr freundlich. Denn in Artemisia war Gastfreundschaft sehr wichtig.
Der junge Mann verbeugte sich tief. Dann ließ er sich in einem der Sessel nieder, die im Empfangszimmer des Königs standen.
„Ich bin ein Gesandter des Landes Akirema und habe den Auftrag, Euch unsere Hilfe anzubieten.“
„Hilfe? Wobei?“, fragte der König irritiert, denn er wusste wirklich nicht, was der Gesandte meinen könnten.
„Uns ist zu Ohren gekommen, dass in Eurem Königreich Bodenschätze gefunden wurden, die ihr sicher abbauen möchtet. Darin haben wir Erfahrung und darin möchten wie Euch unterstützen.“
„Ja, ich habe natürlich von der Entdeckung gehört. Aber über den Abbau habe ich noch keine Entscheidung getroffen. Eigentlich geht es uns gut und wir brauchen das Gold gar nicht.“
Der Gesandte schüttelte den Kopf. „Aber, aber. Damit könntet Ihr viel Gutes für Euer Volk tun. Seht Euch doch zum Beispiel den Zustand der Wege an. Nicht einer ist gepflastert. Alle Wagen versinken bei Regen im Matsch.“ Er deutet unbestimmt aus dem Fenster. „Außerdem mangelt es dem Volk doch an Vergnügungen. Warum macht ihr Euren Bürgern nicht die Freude, ein Theater und einen Zirkus zu bauen? Das würde Euch sicher noch viel beliebter machen, als ihr ohnehin schon seid. Und dann Euer Palast...“ Er sah sich mit einem vielsagenden Blick im Raum um und blickt dann erwartungsvoll zum König.
Der kratzte sich am Kinn und überlegte. Die Argumente des Gesandten erschienen ihm vernünftig. Tatsächlich waren die Straßen nicht besonders gut und die Bürger seines Landes, die so hart arbeiteten, hatten tatsächlich ein wenig Vergnügen verdient. Er nickte. „Ihr habt recht. Ich werde dem Volk etwas Gutes tun und die Dinge bauen, die ihr vorgeschlagen habt. Vielen Dank für Euren Besuch.“ Der König erhob sich. Doch der Gesandte blieb sitzen, weshalb auch der König wieder auf seinen Thron sank.
„Womit wollt Ihr denn die Neubauten bezahlen? Und wer soll das alles überhaupt bauen? Und wer soll das Gold und das Silber aus den Bergen holen? Das ist alles nicht einfach und auch nicht billig.“
Darüber hatte der König noch nicht nachgedacht. Und so freute er sich sehr, als der Gesandte eine weitere Idee hatte. Er konnte dem König nämlich nicht nur erfahrene Handwerker und Baumeister aus Akirema vermitteln, sondern er konnte dem König auch einen besonders günstigen Kredit beschaffen, mit dem er sofort anfangen konnte zu bauen.
Der König war begeistert und unterschrieb sofort alle Pergamente, die der Gesandte zufällig bei sich hatte.

Als der Gesandte bald darauf wieder in Akirema eintraf, wurde noch am selben Abend ein großes Fest gefeiert, bei dem - wie üblich - die Reichen unter sich blieben. Sie alle freuten sich auf die fetten Gewinne, die sie mit Artemisia machen würden.

In Artemisia selbst gingen die Arbeiten nur schleppend voran. Der Abbau der Gold- und Silberminen war unerwartet schwer. Und das, obwohl die akiremische Spezialisten wirklich ihr Bestes taten. Und auch die Straßen, das Theater und der Zirkus wollten nicht so recht vorankommen. Mal war das Wetter zu schlecht, dann fehlte Baumaterial und einmal gab es sogar ein großes Feuer, das den fast fertigen Zirkus völlig zerstörte.
Das Problem war, dass dadurch nicht nur alles viel länger dauerte, sondern vor allem, dass alles viel teurer wurde, als ursprünglich angenommen. Der Gesandte aus Akirema musste noch zweimal nach Artemisia kommen, da der König noch weitere Kredite aufnehmen musste, deren Zinssatz schon nicht mehr so günstig war.

„Mir geht das Geld aus. Wenn nicht bald Gold und Silber gefördert werden, dann kann ich die Zinsen nicht bezahlen“, sagte er zum Gesandten. Er war betrübt, denn er hatte sich alles so schön vorgestellt und aus unerfindlichen Gründen klappte rein gar nichts.
Der Gesandte schüttelte den Kopf. Auch er wirkte betrübt (dabei musste er sich in Wirklichkeit bemühen, nicht laut zu lachen). „Das ist natürlich nicht gut. Die Bank erwartet pünktliche Bezahlung. So ist es abgemacht. Sonst fordern sie am Ende noch das Geld zurück, dass sie Euch geliehen haben.“
Der König war in sich zusammengesunken. „Aber, was soll ich denn tun? Ich habe kein Geld.“
„Und wenn Ihr die Steuern erhöht und selbst noch mehr spart? Dann könnte es doch klappen. Immerhin kommt ja alles dem Volk zugute. Da kann es auch seinen Beitrag leisten.“

Und so stöhnte das Volk bald unter den hohen Steuern, die es sich gar nicht leisten konnten. Auf einmal gab es Armut und Unzufriedenheit. Zumal der König auch die kostenlose Ausgabe von Essen an die Bedürftigen eingestellt hatte, um weiteres Geld zu sparen. Es kam zu Unruhen im Volk und einmal wurde sogar eine Scheibe des halb fertigen neuen Palastes eingeworfen und es war nicht mehr sicher, sich nachts auf die Straße zu begeben.

In seiner Verzweiflung rief der König erneut den Gesandten zu sich, der ihn zunächst mittleidig ansah und dann intensiv nachzudenken schien. Schließlich stieß er einen Jubelschrei aus: „Ich hab’s! So können wir die Probleme auf einen Schlag lösen.“
Und dann schilderte er dem König seinen Plan, der auch bald darauf umgesetzt wurde:
Alle Rechte am Abbau der Gold- und Silberminen sollten für die nächsten zehn Jahre an das Land Akirema gehen. Die Rückzahlung der Kredite und die Zahlung der Zinsen wären damit erledigt und für Artemisia wäre alles wieder wie vorher. Außer natürlich, dass für die Fertigstellung des Palastes, des Theaters, des Zirkus und der vielen aufgerissenen Straßen kein Geld mehr da war und inzwischen im Volk eine große Armut und Unzufriedenheit herrschte.
Aber das sagte der Gesandte dem König natürlich nicht so deutlich. Und es war ihm eigentlich auch egal. Genau so wie den anderen reichen Akiremanern, die sich unbändig darüber freuten, wie einfach es wieder einmal gewesen war, die Bodenschätze eines fremden Landes in ihren Besitz zu bringen. Schon bald trafen die ersten Lieferungen von Gold- und Silberbarren aus Artemisia an. Wie durch ein Wunder hatte es beim Abbau auf einmal keine Probleme mehr gegeben.
Bei den wohlhabenden Einwohnern von Akirema herrschte wochenlang ausgelassene Partystimmung. Man war glücklich, noch reicher geworden zu sein. - Und wenn sie nicht gestorben sind, dann feinern sie heute noch.

Version 1

Letzte Aktualisierung: 21.07.2015 - 05.30 Uhr
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