Ganz schön bissig ...
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Partystimmung | Juli 2015
Und täglich grüßt...
von Eva Fischer

„Wie lange müssen Sie noch?“, frage ich mein Gegenüber.
„Morgen werden wir abgeholt.“
„Sie Glückliche!“, seufze ich.
„Ich habe noch fünf Tage“, füge ich hinzu.

Ich hätte es mir gleich denken können. Dieses rote Gemäuer, nur schwer zugänglich auf einem nackten Felsen gelegen, von hohen Zinnen umgeben, sieht nicht nur aus wie ein Gefängnis, es ist eines. Und dabei habe ich es mir selbst ausgesucht.

Auf die andalusische Sonne ist Verlass. Pünktlich um 8 Uhr scheint sie mir zum Frühstück auf der Terrasse ins Gesicht. Am Nebentisch sitzen verschlafen einige Kinder mit ihren Eltern und stopfen sich Schokobrötchen in den Mund.
Ich hole mir eine Tasse Kaffee aus dem Automaten, aber ihm fehlt das Wesentliche, Kaffeemehl, und so sehe ich nur eine gräuliche, dampfende Flüssigkeit. Der Kellner steht dezent im Abseits und wartet, bis sich die Spatzen an den angebissenen Brötchen der Vorgänger satt gegessen haben. Offensichtlich ist er ein Anhänger des Heiligen Franziskus. Erst dann räumt er das Geschirr weg. Als ich ihm meine Tasse zeige, verweist er mich unwillig auf einen anderen Apparat. Ich hoffe, dass ich ihn finde und dass noch Kaffee in meiner Tasse ist, bis ich wieder an meinem Platz angelangt bin. Es klappt, aber mein Teller mit Brötchen und Marmelade wurde bereits abgeräumt. Schade! Besonders leid tut es mir um den schönen Obstsalat.

Auf dem Weg zum Pool dröhnt Zumbamusik an mein Ohr. Die Animateurin hat einen biegsamen gebräunten Körper und bietet eine diskoreife Tanznummer. Nur wenige scheinen schon so wach zu sein, um es ihr gleich zu tun. Am mutigsten sind noch die Kinder, die jedoch eher auf Eigenkomposition stehen. Anrempeleien sind noch lustig, solange man selbst nicht zu viel abgekriegt hat. Ansonsten müssen ein paar Tränen weggewischt und die Kleinen weitergezerrt werden.
Ich hoffe, ich bin schneller, will ein paar Runden schwimmen. Die weißen Liegen sind mit orangefarbenen Badetüchern bedeckt. Sie stehen in Reih und Glied, warten wie Bataillone auf ihren Einsatz im Schlachtgetümmel. Wie können die Leute sich den Standort ihrer Liegen merken, grüble ich.
Der Pool ist ein Traum, von Palmen umringt, mit Blick auf das Meer. Ich tauche ein in das zugegeben lauwarme, chlorhaltige Nass und starte die ersten Schwimmzüge. Ein paar Haare verfangen sich unweigerlich zwischen meinen Händen. Da ernte ich böse Blicke. Eine Familie im Wasser stehend hält den Fotoapparat an einer Teleskopstange hoch und möchte schöne Urlaubsfotos von sich machen. An ihren begeisterten Blicken erkenne ich, dass es Neuankömmlinge sind. Ich lächle ihnen zu und schwimme weiter.

Als ich nach einer endlosen Wanderung durch lange Flure mein Zimmer erreiche, sehe ich, dass die Putzkolonne mir nicht mehr viel Zeit zum Umziehen lässt. Im Gegensatz zu den Kellnern sind diese Frauen von ausgesuchter Freundlichkeit. Plaudern können wir leider dennoch nicht miteinander. Ich verstehe ihre Sprache nicht, sie nicht die meine.
Ihre Fröhlichkeit hängt sicher damit zusammen, dass sie zeitlich begrenzt arbeiten dürfen und dafür entlohnt werden, während ich diesen Ort nicht verlassen kann und für alle Bedürfnisse kräftig zur Kasse gebeten werde. Jede Halbliter Wasserflasche kostet zwei Euro und es wird gnadenlos heiß werden im Laufe des Tages. Eins ist nämlich gewiss, die andalusische Sonne erscheint spätestens zum Frühstück und verschwindet frühestens um zehn Uhr abends. In der Zwischenzeit gerät sie mächtig in Fahrt, zeigt was sie drauf hat. Die verdörrten strohigen Pflanzen außerhalb der Anlage zeugen von ihrer Macht.

Ab 11 Uhr sind Hotel und Pool fest in den Händen der Kinder. Es wird pausenlos gerutscht, gelacht, gekreischt. Die jungen Animateure denken sich witzige Spielchen aus. In der Hotelhalle wird Fußball gespielt. Der Weg zum Café wird für mich zum Spießrutenlaufen. Zur Siesta verziehe ich mich in mein Zimmer mit einem Roman.
Nach hundert Seiten, die im kühlen Norden spielen, packt mich das Heimweh und ich wage den steilen Abhang zum Meer, das von meinem Zimmer aus zum Greifen nahe scheint. In der engen Bucht sind die bunten Sonnenschirme wie Bajonette aufgepflanzt. Die meisten Menschen liegen gutgelaunt und natürlich in Clans auf ihren riesigen Badetüchern. Sie kommen mir wie Fakire vor, denn die Schottersteine scheinen ihnen nichts anhaben zu können. Ich schlüpfe in meine Plastikschuhe und bahne mir einen Weg zum Wasser. Es ist angenehm kühl. Die Steine lassen es glasklar erscheinen. Mitten in der Schwimmbewegung packt mich ein brennender Schmerz am Oberschenkel. Ich humple zurück, um mein Bein zu inspizieren. Ein feuerroter Flatschen lässt auf eine Qualle als Übeltäterin schließen. Gibt es die im Mittelmeer überhaupt?? Medusa klingt netter und jetzt sehe ich auch einen weißen Tennisball mit rosa Streifen und langen Armen arglos durchs Wasser gleiten. Mit gebührendem Abstand erschließt sich mir sogar die Schönheit des Tieres. Ich trockne mich ab. Nachdem ich mich erneut mit Lichtschutzfaktor 50 eingeschmiert habe, trete ich den Rückweg an, eine halbe Stunde Kraxelei unter tropischer Sonne. Mein Schweiß vermischt sich schnell mit der Creme. Im Hotelzimmer stelle ich mich erst einmal unter die Dusche und mache mich fein für das Abendprogramm.

Um 20 Uhr öffnen sich die Pforten zum riesigen Speisesaal, der mit einer Klimaanlage auf winterliche Temperaturen heruntergefahren worden ist. Zum Glück gibt es die überdachte Terrasse. Sie ist noch ziemlich leer, denn die Spanier werden mit ihren Kindern nicht vor neun Uhr kommen.
Das Buffet bietet alles, was der hungrige Mensch sich wünschen kann. Salate, Fisch, Fleisch, Gemüse, Obst, Kuchen. Leider hat das Ganze einen Haken. Es gibt jeden Tag exakt das Gleiche an der gleichen Stelle. Der Schinken schmeckt so ekelig, als ob Muslime beweisen wollten, dass Schweinefleisch nicht essbar ist. Der Fisch scheint eine lange ungekühlte Reise hinter sich zu haben. Obwohl ich begeisterte Fischesserin bin, lassen mich nicht zuletzt die spitzen Gräten auf den Genuss verzichten. Der Wein wird mich über alle Enttäuschung hinwegtrösten. Blanco, rosado, tinto, alle sind eisgekühlt wie das Mineralwasser, das sicherheitshalber noch ein paar zusätzliche Eiswürfel kriegt.

Für das, was noch kommt, ist es besser, etwas im Tran zu sein, denn ab 22 Uhr 15 beginnt der Höhepunkt des Tages. Wie die Ameisen strömen alle zu einem riesigen Saal, der wie ein Kino mit roten Plüschstühlen bestückt ist. Auf der Bühne wird Flamencomusik gepielt. Ich bewundere die eleganten Bewegegungen der Tänzer. Ihr In-die-Hände-klatschen und Aufstapfen mit den Füßen überträgt sich auf die Gliedmaßen der Betrachter. Leider ist die Tanzfläche nicht groß genug für Nachahmungstäter. Ein Mann setzt sich neben mich. Ich kenne ihn schon. Auch er weiß, dass sich vor Mitternacht kein Auge zumachen lässt. Ein Gespräch ist nicht möglich, es sei denn, wir schreien uns an, was uns aber nicht weiter stört. Lieber nippen wir an unserem Coctail, lassen die Flamenco-Tänzer nicht aus den Augen, während es den Kindern offensichtlich langweilig wird und sie zwischen den Stuhlreihen Fangen spielen. Da sie von ihren sportlichen Aktivitäten tagsüber geschafft sind, gibt es schon mal Tränen.
Plötzlich wirbelt ein Clown mit roter Nase auf die Bühne. Von den Kindern wird er freudig als Jose begrüßt. Über jedes Wort von ihm lachen sie sich schlapp. Mir kommt das alles sehr spanisch vor. Endlich ertönt Diskomusik. Die Bässe wummern in meinem Bauch. Zusammen mit meinem Tänzer quetsche ich mich auf die Bühne. „All I want is you. Make my dreams come true”, kann ich endlich mitsingen. Die Batterie wurde in der Siesta aufgeladen, um sich jetzt in Extase zu tanzen. Auch die Kinder finden ein Plätzchen zwischen unseren Beinen.
Dieser Partyspaß wird erst weit nach Mitternacht zu Ende sein und natürlich werde ich erneut eine Dusche brauchen.

Am nächsten Morgen schwimme ich wieder im Pool und denke an den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Das Schlimme ist, jeder Tag wird genauso aussehen, eine nimmerendenwollende Reihe von sich gleichenden Tagen, aus denen es kein Entrinnen gibt.
Ich habe noch fünf Tage. Sie erinnern sich.

Und dann träume ich von einem grauen wolkenverhangenen Himmel, der ein paar Regentropfen auf die Erde sprüht und der keine Klimaanlage braucht. Ich kann mein Domizil verlassen, wann ich will, kann gehen, wohin ich will, weil ich nicht fürchten muss, einen Hitzschlag zu bekommen oder mir die Füße zu verbrennen. Abends werden meine Beine auch schon mal vor Mitternacht zur Ruhe kommen und einmal duschen pro Tag könnte dann auch genügen.

Letzte Aktualisierung: 25.07.2015 - 13.58 Uhr
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