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Partystimmung | Juli 2015
Die Betriebsfeier
von Ingo Pietsch

Verhaltener Applaus breitete sich langsam unter der Belegschaft aus, als Edith Wilkening das behelfsmäßig zusammengezimmerte Podest erklomm. Bevor sich das Klatschen in einen Hauch von Begeisterung steigerte konnte, ebbte es wieder ab.
Edith Wilkening war achtzig, wirkte aber in ihrem maßgeschneiderten Kostüm mindestens fünfzehn Jahre jünger. Ihr Enkel, der zusammen mit ihr die Geschäfte leitete, half ihr umständlich die paar Stufen nach oben.

Was machte ich eigentlich hier?
Ich war doch glatt wieder dem Irrglauben verfallen, dass diese Betriebsfeier doch etwas Besonderes hätte werden können.
Und so fand ich mich mitten unter den knapp zweihundert anderen Kollegen der Belegschaft wieder.
125 Jahre Wilkening-Töpfe. Unter diesem Motto lief die große Party.
Die Firmenleitung hatte sich diesmal für ihre Verhältnisse weit aus dem Fenster gelehnt: Als letztes Jahr das Werk erweitert worden war, heizte uns eine Stimmungskanone mit Akkordeon ein – und das meine ich im positiven Sinne.
Das Weihnachtstreffen dagegen war untermalt mit dem langweiligen Geklimper eines Hobby-Keyboardes, der nie seine besten Jahre als Musiker gehabt hatte.
Heute trumpfte eine „Bigband“ bestehend aus drei Leuten auf, die mit kaum erkennbaren Eigeninterpretationen bekannter Klassiker glänzte.
Außerdem war die Lautstärke hier in Halle II so hoch, dass man eh keinen Ton hörte.
Als Edith Wilkening die ersten Worte ins Mikrofon krächzte (sie war Kettenraucherin), gab es die obligatorische Rückkopplung, bei der alle kurz aufstöhnten.
„Liebe Mitarbeiter!“, begann sie.
Wir hoben unsere Plastiksektgläser mit dem total verwässerten Orangensaft (vielleicht war es auch Wasser mit Farbstoff) und prosteten ihr pflichtbewusst zu.
Hier in der Kartonagenverarbeitung, wo übrigens auch ich tätig war, war es wie immer stickig und schwül.
Dem Geruch meiner Partykollegen nach zu urteilen, erging es ihnen ebenfalls so.
Ich wäre eigentlich schon wieder verschwunden, aber uns war ein überraschendes, ein überragendes Finale angekündigt worden.
Naja, das hier zu toppen, konnte ja kein Kunststück werden.
Mein Blick fiel auf das Büffet hinter mir. Dutzende selbstgemachte Kartoffelsalate reihten sich auf schier endlosen Tapeziertischen. Die Werksführung hatte keine Kosten und Mühen gescheut um ein unvergessliches Erlebnis zu garantieren.
In der Einladung hatte gestanden: Jeder darf sich am Essen beteiligen.
Perfekte Organisation.
Frau Wilkening – bevor ihr Enkel Rupert vor zehn Jahren in die Produktion eingestiegen war, durften wir sie noch Edith nennen – gab belangloses Zeug von sich. Ich hörte nur mit einem Ohr zu.
Dem Enkel war es auch zu verdanken, dass die Töpfe jetzt in Rumänien hergestellt wurden und die Endmontage und der Versand hier in unserem Werk in Deutschland erfolgten, damit man das Kochgeschirr noch Made in Germany nennen durfte.
So hatte Rupert Wilkening über die Hälfte der Mitarbeiter entlassen und die Personalkosten um zwei Drittel gesenkt.
Edith erzählte gerade die Gründungsgeschichte: Vom Kohleofen zum Induktionsherd.
Die ersten Kollegen gähnten schon.
Jemand rief: „Brenn, du alte Hexe!“
Viele drehten sich um.
Der Rufer hatte gerade so laut gesprochen, dass es nicht bis zum Podest zu hören war.
Trotzdem starrte auch Rupert in unsere Runde.
Wir sahen alle wieder nach vorne.
Es war der alte Kovac gewesen, der im jugoslawischen Bürgerkrieg nach Deutschland gekommen war.
Bei einem Betriebsunfall hatte er sich schwer am Kopf verletzt und seither konnte er nicht anders, als das zu sagen, was er gerade dachte – ob er wollte oder nicht. Und meistens entsprach es der Wahrheit.
Manchmal starrte er minutenlang auf eine einzige Stelle, ohne sich zu rühren. Man hatte ihn damals nur wegen der Behindertenquote behalten und weil er einer der wenigen war, die diese uralten Kartonmaschinen warten und reparieren konnte.
Einige lachten leise.
Ruperts Blick wurde stechender.
Edith las weiter in ihrer Rede: „Dank Ihres unermüdlichen Einsatzes“.
Kovac ergänzte: „Erzwungene Überstunden!“
„Krisengestärkt.“ Ging es weiter.
„Unterbezahlt!“
„Familienorientiertes Arbeiten“
„Nachtschichten!“ Kovac war ganz aus dem Häuschen.
Rupert machte Anstalten zu uns herunterzuspringen. Ich hatte ihn nur ein oder zwei Mal unter der Belegschaft gesehen. Da war er mit jemandem unterwegs gewesen, der die Maschinen geschätzt hatte.
Ich ließ meinen Blick in die Runde schweifen. Die meisten von uns waren über vierzig. Uns war klar, was an diesem Abend verkündet werden sollte. Unser Werk, unsere Heimat, würde geschlossen werden.
Eine neue, vollautomatische Fertigung würde aus dem Boden gestampft werden.
Mich fröstelte es, als ich mir vorstellte, wie Soldaten die Halle stürmten und uns auf Lastwagen zu einem Vernichtungslager fahren würden.
Aber da ging meine Phantasie mit mir durch.
Ich hatte gar nicht bemerkt, wie Rupert ans Mikro getreten hatte. Er begann mit „Börse“ und Kovac beendete den Satz mit „Seele verkauft“.
Ein Raunen ging durch die Halle, als wären alle überrascht, was jetzt kommen möge.
Edith schob ihren Enkel zur Seite und sagte ohne Umschweife: „Ich werde die Firmenleitung an meinen Enkel übergeben.“
„Und ich übergebe mich gleich!“, sagte Kovac.
Niemand fand es mehr lustig.
„Danke, Großmutter! Es wird in den nächsten Tagen große Veränderungen geben, die sie schriftlich mitgeteilt bekommen!“
„Feigling!“
Edith drängte noch einmal ans Mikrofon: „Ich danke Ihnen für ihre Arbeit und wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft. Sie alle sind ein Teil meiner Familie und haben mich ein Stück im Leben begleitet.“ Sie wirkte ehrlich traurig.
„Großmutter, du musst dich jetzt ausruhen.“ Bestimmt schob er sie zur Seite. „Genießen Sie weiterhin die Party.“
Blöder Schnösel. Hatte in seinem jungen Leben wahrscheinlich noch nie richtig gearbeitet. Wirtschaftsstudium oder so. Vielleicht sogar erkauft oder erschlichen.
Ich schüttelte den Kopf.
Als Rupert seiner Großmutter die improvisierte Treppe herunterhalf, brach ein Brett und er knickte um.
Geistesgegenwärtig sprangen die Kollegen vorne zur Seite, damit er sie nicht mit umriss.
Während ich an meinem Sektglas nippte und noch eine Portion Kartoffelsalat von einem Pappteller verdrückte, erzählten mir Mitarbeiter, wie Rupert mit dem Krankentransport weggebracht wurde. Er hätte wohl mehrmals wegen seines gebrochenen Beines „Ich sterbe!“ gerufen.
Edith hatte sich noch eine Zeit lang zu uns gesellt und auch die Band hatte tatsächlich ein paar erkennbare Lieder hinbekommen.
Ich war ja sonst nicht schadenfroh, aber Ruperts Unfall war für mich das Highlight dieser letzten Betriebsfeier geworden und meine Laune hatte sich ein wenig gebessert.

Letzte Aktualisierung: 23.07.2015 - 19.23 Uhr
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