Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Jochen Ruscheweyh IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Partystimmung | Juli 2015
Re-inventing the Slam!
von Jochen Ruscheweyh

Ich sag: „Ey, scheiße, warum tu ich mir den Rotz eigentlich an?“
Stippe, mein zweitbester Freund nach Teschke - weil, Zivi schweißt zusammen for life - massiert meine Schultern, als wär ich der beschissene Wuttke Balboa und meint: „Weil du ein verdammt progressiver Bad Boy bist.“
„Komm, Wuttke“, stimmt Rosi, seine Perle, mit ein, „das wird ein ganz famoser Spaß.“
Hmm, unter Spaß versteh ich was anderes. Aber ich nick, weil Rosi is’ kein Girl zum diskutieren, weil man eh immer den Kürzeren zieht. Ich hab neulich mal gefragt: „Ey, Rosi, wieso bist du immer so topgeil aufgestellt, wenn’s in Debatten reingeht?“ Und sie hält mir ’n Vortrag, wie sich das im Journalismus verhält, so mit These und Antithese und das Ganze is’ immer komplexer geworden, also hab ich nich’ mehr zugehört und die 2x „ja?“, 1x „nein!“, 1x „ach, echt?“ - Technik angewendet. Keine Ahnung, was ich konkret damit gesagt hab, aber irgendwie denkt Rosi seitdem, ich interessier mich für’s Schreiben. Und daher ihre Idee, dass ich Stippe dringend musikalisch supporten muss, weil der heute wieder bei so ’nem Slam auftritt.
Slam hab ich bisher gedanklich immer bei - tittenlosen (weil wegtrainiert) Schlamm-Catcherinnen einsortiert, aber in Amiland is’ das wohl ’ne echt fette Nummer mit dem Texte lesen. Wobei Rosi hat neulich so ’ne SpO.k.en Words LP von diesem Black Flagg -Wichser Rollins beigehabt, total überbewerteter Scheiß. Da hör ich lieber Slayer und presch mir dabei ’n Heinz Erhard Gedichtband.

„O.k., Champs, darf ich eure persönlichen streams of consciousness mal unterbrechen?“, unterbricht Rosi, „wie fühlt ihr euch?“
Stippe, der wahrscheinlich noch nich’ mal mit der Wimper zucken tät, wenn jemand ’ne Pershing in seinem Bad zerlegt, erklärt: „Cool, aber ich hab Hunger.“
„Iss von der Salami-Pizza aus der Mensa“, rät Rosi.
„Hab ich schon. Ist alle.“
„Oh“, meint Rosi.
Göttlich.

„Ist deine Nazi-Zitter eigentlich schon richtig eingenordet?“, will Stippe wissen und zeigt auf mein Akkustik-Brett. O.k., ich spiel ’n Modell aus ’ner Zeit, als Mädels sich noch Zöpfe geflochten haben und in dem Drei-Buchstaben-Club organisiert und ja, auf der Kopfplatte steht in altdeutscher Schrift München, aber sie klingt nun mal schweinegeil.
„Ey, fuck mich nich’ wegen der Klampfe ab, lass uns lieber mal deine komischen Psalme da durchgehen und checken, wo ich was spielen soll.“ Weil dazu sind wir nämlich irgendwie noch nich’ gekommen und ich hasse nix mehr als halbgare Impro.
„O.k.“, meint Stippe. "Aber erst brauchen wir noch einen Namen für dich, das ist beim Slam so. Keine Ahnung, Lakaie? Sexsklave? Fleischwurst-Scientologe?"
„Wie grell“, Rosi klatscht hektisch in die Hände, „bitte, Wuttke, nimm den Scientologen.“

Wir also rein in die Location, die eben so rüberkommt, wie Uni-Räume nun mal rüberkommen: Vergilbtes cremeweiß, funktionale Tische und ’ne Elektromarkise, wo man für die Bedienung ’n Doc-Titel in Astrophysik braucht. Und ’n Haufen Schnarchnasen.
„Oh, fuck“, raunt Stippe mir zu, „wenn wir hier noch eine ordentliche Sause abburnen wollen, müssen wir akut Gas geben.“
Ich sag: „Ey, Stippe, lass uns erstmal richtig ankommen. Feinde können wir uns auch später noch machen, o.k.?“
Aber Stippe wär nich’ Stippe, wenn er meinen Tipp ernsthaft in Erwägung ziehen tät. Stattdessen krallt er sich den erstbesten Pimmel, der unbeschäftigt rumsteht, und fragt nach der Veranstaltungsleitung.
„Die Maja organisiert das hier. Das ist die mit dem Pearl Jam T-Shirt am Büchertisch.“
„Korrekt, Genosse!“ Stippe klopft ihm auf die Schulter. „Und denk dran: Du musst für den inkognito auf der Party anwesenden Weltbestsellerautor voten.“
Der Typ scheint überfordert. „Äh, wie erkenn ich den denn?“
„Oaaah, mann, du Spacko, das ist mein Künstlername“, farzt Stippe ihn an. „In der Szene hat jeder einen Künstlernamen, raffst du das?“
Stippe greift sich was von der Böser Wolf - Kreide natürlich ohne das mit Maja abzuklären - und schreibt „Der inkognito auf der Party anwesende Weltbestsellerautor“ auf die Wandtafel neben sich, wo deutsch durchnummeriert Joachim Maiderwald, Birger Schmiedemann (durchgestrichen), Daniel Wittbold und Tamara Welke stehen.
„Was hab ich gesagt?“, klärt Stippe den Pimmel auf, „oder kennst du irgendwelche Weiber, die original Tamara heißen?“
„Ganz ehrlich, Stippe?“, nehm ich ihn zur Seite, „ich glaub, Tamara is’ genauso unhip oder gewöhnlich wie Rosi.“
„Das, mein lieber Wuttke“ - dabei rammt er mir seinen Zeigefinger mit der Frequenz von ’ner Singer Nähmaschine aus den 70ern gegen mein Brustbein, und die waren verdammt schnell - „ist ja ad eins nicht Gegenstand dieser Betrachtung und wäre ad zwei noch zu beweisen.“
Irgendwie gibt’s kaum einen, der sich geilere Sachen rausschraubt als Stippe, was mitunter ’n Grund is’, warum ich so gerne mit ihm abhäng und wohl auch die Erklärung, warum er wohl ’n geiler Slammer is’.
’ne Viertelstunde später: Ich hab uns zwei Stifts und ’ne Fanta für Rosi besorgt - logo, wir würden nie ’n Stifts veralstern - hat Stippe schon ’n Pulk Leute um sich geschart und spinnt westfälisches Seemannsgarn, als er am Behaupten is’, er wär 2.Vorsitzender der neokulturellen Schreibvereinigung Hoden-Tinte (O-Ton Stippe: „Was, ihr kennt Hoden nicht? Dieses äußerst pittoreske Dörflein im Kreis Unna?“)
Ich sag zu Rosi: „Ey, Rosi, is’ das nich’ mitunter Bock-anstrengend mit Stippe, weil introvertiert is’ ja irgendwie anders, oder?“
Sie tut meinen Einwand ab: „Ich hab mit so vielen Hanseln zu tun. Dagegen ist eine Beziehung mit Stippe wie Reha in Dauerschleife.“
„Hmm, auch ’ne Art von Kompliment“, lass ich sie wissen.
Sie trinkt drei Strohhalme breit von ihrer Fanta, bevor sie fragt: „Wie lange schreibst du eigentlich schon, Wuttke?“
Aus dem absolut verachtenswertenden Grund, dass ich ’n Typ bin, der irgendwie immer latent das Gefühl hat, nich’ genug Aufmerksamkeit zu kriegen und weil ich heute nich’ mit meiner Mucke punkten kann, weil die nur zweite Geige spielt - hehe, was für ’n porno Wortspiel - weil’s hauptsächlich um diese bepisste Schreibe geht, kann ich nich’ anders. Ich will echt Null von Rosi, weil sie die Perle von meinem zweitbesten Freund is’. Aber allein der Gedanke, dass Rosi mich für ’n coolen Arsch halten könnte, wenn ich’s richtig anstell, is’ so verlockend, wie wenn Theresa Orlowski in maxigebrochenem Deutsch anbietet „komm, fass sie an“, um nochmal ’n blumenreiches Bild einzufügen.
Also sag ich: „So ab der siebten Klasse ungefähr.“
„Ich finde es bemerkenswert, auf wie viel Baustellen du so unterwegs bist, Musik, Schreiben, Sport machst du doch sicher auch?“
’n bisschen was mit Gewichten, Joggen, SitUps, das Übliche halt.“ Ich guck dabei instinktiv nach oben, ob’s da vielleicht ’n Dachbalken gibt, der sich biegen könnte. Ich muss aufhören mit so ’ner Scheiße.

Stippe und ich sind sein Germanistisches Gemetzel (Titel seines Beitrags) immer noch nich’ durchgegangen, als Joachim Maiderwald die Stage entert (’ne Ecke inner Ecke, mit Mikroständer, Shure-Mikro, 50 Watt Fender Combo, Transistor) und sich für erstmal für alles mögliche entschuldigt, um dann hammermäßig zur Sache zu kommen („Herr Wachtmeister, verhaften Sie den Sommer, er macht mich schwitzend!“). Rosi, Stippe und ich greifen uns simultan an die Birnen. Der Mittelteil cremt farblos, das Ende schwach. Immerhin sieht er’s ein und entschuldigt sich für’s Kommen und Auftreten. „Ey, von dem hätt ich gerne vier inner Band“, teil ich Stippe mit, „kein Stress mit Songwriting mehr ... wie sind ’n die anderen Pöten?“
„Birger hat ein Zeiten- und Genitiv-Problem“, weiß Rosi zu berichten.
Ich sag: „Häh?“
Sie trinkt noch drei Strohhalm breit und meint: „Er gehört halt zur Ich war auf ihm seiner Seite gewesen-Fraktion.“

Daniel Wittbold erzählt mehr, als dass er am Lesen is’, hübsch garniert mit jeder Menge Äh-Hängern, über ’ne Party, zu und auf der er zu früh kommt und hinterher alle am Kotzen sind. ’n Wahnsinns-Brüller. Stippe nutzt ’ne Luftholpause von DW, zeigt auf mich und haut raus: „Da musste mal hier bei Deathtroja im Proberaum vorbeikommen, das passiert da jede Woche.“
Die Meute tobt, wesentlich mehr als bei DW, der das ziemlich unfair findet, aus Protest die Bühne verlässt und Maja, die sich selbst monster abrollt, ’n Killer-Blick zuwirft.

Die naturrote Tamara Welke kommt anscheinend direkt vom „Unsere kleine Farm“-Set oder hat ’n oberbeschissenen Style-Berater. Aber sie macht das ganz putzig mit den kleinen Hootchie-Pootchie-Landwirtstorys und sprechenden Kühen, bis sie ’n Steiff-Fuchs unter ihrem Kittel hervorholt, aufschlitzt und dabei immer „fur is murder“ kreischt. Irgendwie fehlt mir nur noch der Eimer Blut, der von oben runterkippt, und dann wär’s ’n obercooles Carrie-Remake. However, sie hat die Show im Sack. Verneigungswürdig. Jetzt müsste ich Stippe eigentlich 100% meiner Power geben, aber irgendwie geht mir kräftig mehr die Düse als bei ’ner amtlichen Metal-Show. Ich setz mich hin und weiß plötzlich, egal was ich mach, es wird Scheiße und von Stippe seiner Lese ablenken , weil das hier is’ definitiv nich’ meine Baustelle. Also gibt’s nur eine Konsequenz.
Ich steh auf und teil dem Mob mit: „Sorry Leute, aber ich bin nich’ würdig, ihm auch nur die Füße zu balsamieren.“ Is’ irgendwie noch so vom Konfi-Unterricht hängengeblieben, ziemlich unkreativ, aber ’n Top-Strike, da mir der Pöbel stehende Ovationen zukommen lässt. Haha, von wegen „Losing my religion“!
„Warum hast du das gemacht?“, fragt Rosi als ich meine München wieder einpack.
Ich zuck mit den Schultern. „Weil Stippe ’n geiler Typ is’ und seine Texte lieber für sich selbst stehen sollten, als von mir in so ’ne musikalische Wattebox eingepackt zu werden.“ Sie lächelt wissend und gibt mir ’n Knutscher auf die Wange.
„Zollt dem Fleischwurst-Scientologen Respekt“, fordert Stippe von seiner Leseposition aus. „Er hat den Slam neu erfunden.“

Naja, irgendwie nich’, aber wenn, keine Ahnung, 2014 mal einer was von den Anfängen des Slams quakt, kann ich sagen, ich war mal dabei. Halb.

Version 2

Letzte Aktualisierung: 11.07.2015 - 15.57 Uhr
Dieser Text enthält 9959 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2017 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.