Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Partystimmung | Juli 2015
Partystimmung ohne Party
von Glädja Skriva

Sie benetzte ihre Lippen. Dann legte sie diese an das Mundstück. Ein klarer Ton erklang aus dem Saxophon und - legte sich sofort aufs Herz. Da, wo vorher Füße noch unruhig gescharrt hatten und in der dritten Reihe gepresst gehustet worden war, trat jetzt Stille ein.

“Sieh das Land mit mir,
von dem wir als Kinder träumten …“,

schmeichelte das Saxophon, dennoch ohne eine Spur von Rührseligkeit. Nur in der Gewissheit guter Erinnerungen, die sich Raum schafften, in dem Ton, der hinausdrängte aus dem muffigen Saal hin zu der blühenden Wiese, hinter der großen Glasfront, und dem blauen Himmel, der sich von allen dunklen Wolken freigeputzt hatte. Sommerhimmel.

“Irgendwo über dem Regenbogen,
jenseits unserer Vorstellungskraft,
sehe ich die Bäume grünen, die Rosen blühen …“

Ihre Augen waren geschlossen. Das Spiel in einer unerschütterlichen Gewißheit, die berührte. Ein Mann in der letzten Reihe mit Haarkranz, schwarzer Hose, weißem, gebügeltem Hemd, zog umständlich sein Taschentuch aus seinem Hosensack, wischte über die verlängerte, trockene Stirn, so, als ob er schwitzen würde, und schnäuzte dann verhalten seine Nase.

“Irgendwo dort weit über dem Regenbogen
ist der Ort, wo Träume wahr werden,
wo Sorgen dahinschmelzen, wo kein Schmerz regiert,
wo keine Tränen fließen …“

Die Töne trugen tiefen Schmerz – und gleichzeitig Trost. So, als spüre man Wunden, schmerzlich geöffnet und blutend, und gleichzeitig die Linderung durch eine Heilsalbe, deren Rezeptur bisher noch niemand kannte, aber deren man jetzt, in diesem Augenblick, gewiß war und darin zur Ruhe kam.

Sie stand unscheinbar vorne. Dunkel gehalten gekleidet. Kaum wahrnehmbar. Hinter dem Ton. Hinter der Hoffnung. Unerschütterlich, geerdet, tief verwachsen, mit den Flügeln entfaltet. Zum Himmel. Was sie sich, selbstvergessen, nicht bewusst war, sondern nur erahnt werden konnte - am angehaltenen Atem der Zuhörer.

Roland lächelte. Dieser schelmische Kranz der Fältchen hatte sich wieder um seine Augen gebildet, die mitlachten. Wie sein Mund. Zögerlich noch.

Sie sah ihn nicht an. Sie musste ihn nicht ansehen. Ihr Blick war nach innen gerichtet, wo sie es fühlte:

“… unser Lachen wird erklingen.
Frieden wird herrschen, die Tränen versiegen.“

Über allen Schlachten, die sie gegeneinander ausgefochten hatten, hatte sie sich entschlossen, genau dieses Lied zu spielen, weil alle Bitterkeit von ihr gewichen war und wieder das in ihr zum Tragen kam, das sich vor vierzig Jahren zwischen ihnen entsponnen und leicht und unschuldig zwischen ihnen getanzt hatte. Fernab allem, was sie später mit ihren Füßen getreten hatten.

“Schließe die Augen! Sieh das Land mit mir,
von dem wir als Kinder träumten,
dort werde ich sein, fern von hier, nah bei dir.“

Sie benetzte das letzte Mal ihre Lippen. Schließlich stellte sie mit ruhigen Bewegungen das Saxophon in seine Halterung, verbeugte sich vor dem Bild des Geliebten, das den Trauerflor trug, sowie respektvoll vor seiner dritten Frau, die ihr diesen Abschiedsgruß gestattet hatte.

Dann setzte sich der Trauerzug der Urnenbeisetzung in Bewegung. Und sie ging über das Wiesenstück auf den Parkplatz, zum Auto, packte das Saxophon ein. Noch war es nicht an der Zeit … aber bald. Over the rainbow …


© P.S./Glädja Skriva/Juli 2015/2. Version

Letzte Aktualisierung: 25.07.2015 - 18.30 Uhr
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