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Partystimmung | Juli 2015

Heiß und kalt in Kings County
von Frank Atteln

Dieser Morgen war wie gemacht für die Phantasie kleiner schmutziger Leute, die sich an der Vorstellung erregten, jedermanns Geheimnisse ausloten zu können. Mit Sicherheit waren ein paar Jungs beim Müllabfuhrunternehmen eingeschmuggelt worden, die die sauber verknoteten Tütchen von Zacharias Gawrilow einsammelten, durchwühlten, und in etikettierte Tüten umgefüllt an ihren Auftraggeber abgelieferten. Und mit tödlicher Sicherheit war Zack nicht ohne ein paar professionelle Schatten zum Treffen in den Sportpark gekommen. Wer verschollene Kunst auf den Markt bringt, wirft blutiges Fleisch in ein Piranhabecken, in dem sich die namhaften Auktionshäuser tummeln, deren Zähne die namenlosen Spezialisten des gewalttätigen Überzeugungswesens sind. Zacharias zupfte an seiner grünen Krawatte herum - das verabredete Erkennungszeichen.

»Gawrilow«, sagte eine Frauenstimme hinter ihm. Zack spürte beinahe seine Sinne schwinden, noch bevor ihm ins Bewusstsein drang, dass er seinen Namen gehört hatte. Er drehte sich um und musterte die Person, die Dr. Bassetti sein musste. Sie war eine dürre Blondine in ihren 40ern, hoch aufgeschossen und braungebrannt, mit Sonnenbrille, einem grünen Schal, einem trägerlosen, hellen Top und einem grünen Hosenrock. Ihre Füße wurden von dünnen Lederriemchen wie Juwelen eingefasst. Er nahm ihr Parfüm wahr. Ihre nackten Schultern und ihr viel zu breiter Mund - es verging ein Moment, dann erkannte er sie wieder. Angst durchflutete ihn. Sie sah mehr denn je nach einem lebhaften, handgreiflichen Redestil aus. Die Vorstellung, das schutzlose Ziel näherkommender, schwitzender Arme und Brüste zu werden, ließ ihn zittern. Traumata wurden wach. Die Furcht vor neuen Waschzwängen überfiel ihn. Er spürte, wie sich Ärger und Unwillen ihren Weg von seinen Schläfen ins Gehirn bahnten. Jetzt fühlte er sich nicht in der Lage, zu verhandeln. Statt Dr. Bassetti zu begrüßen, atmete er sie eine kleine Weile mit offenem Mund an, und dann hörte er von einem dünn durch seine Schädelknochen schneidenden Schall den Satz: »Haben Sie heute schon geschaut, wie es den Toten geht?« Sein linguistischer Apparat hatte die Wörter ohne sein Zutun artikuliert. Die Dame, die sie geworden war, wich ein wenig zurück. Zack registrierte dankbar ihre geringer gewordene körperliche Präsenz und machte von sich aus ebenfalls einen Schritt zurück.

Vielleicht, sollte er in späteren Rückschauen denken, entwickelten sich die logischen Brüche des Lebens als Folge einer Ursache, die aus einer verborgenen Zeitfalte heraus wirkte. Das ist nicht zu tadeln, denn selten verstehen Kunstwissenschaftler etwas von moderner Physik. Jedenfalls aber vermochte er sich in der Zukunft nicht daran zu erinnern, ob sich ein Zeitabschnitt mit relevanten Ereignissen zwischen seinen vorherigen und seinen folgenden Satz geschoben haben könnte. Er lautete schlicht: »Treffen wir uns doch in einer halben Stunde auf der Parkbank beim Eismann«, und bevor Dr. Bassetti reagieren konnte, drehte Zack sich um und lief davon, den Weg hinab zu Charlie‘s Sports Bar, wo er die Toilette besuchen konnte. Der Gedanke an die glänzenden, hellgrau-dunkelgrau gesprenkelten Fliesen, an die weißen Waschtische und ihre blitzenden Mischbatterien trieb ihn an. Er sah die herausschießenden, mit Luftbläschen vermischten Wasserstrahlen vor sich, fühlte ihren Sprühnebel auf seinem Gesicht und hörte das Trommeln und Zischen der reinen, aufgesprudelten Strahlen so sauber und kalt wie der Gischtvorhang, den ein in die Klamm stürzender Gebirgsbach bei der Schneeschmelze bildet.

Das Adrenalin trug ihn zum Ziel. Als er das Charlie‘s erreicht hatte, war er kaum außer Atem. Der Junge am Tresen nickte nur. Zack lief an der Reihe der Fernseher vorbei zur Treppe und dachte an sein Mantra: Nur das Gesicht und die Hände. Nur das Gesicht und die Hände, dann kämmst Du Dich und gehst. Im Toilettenraum riss er den Krawattenknoten auf, zog sich sein Hemd über den Kopf, schleuderte es auf den Boden, tauchte in das Waschbecken ein und ließ sich den Wasserstrahl vom Haaransatz am Nacken an über den Kopf rinnen. Nach zwei Minuten wechselte er die Position, formte mit den Händen eine Rinne für das Wasser und hielt sein Gesicht hinein. So stand er und beruhigte sich, bis sein Pulsschlag seine Gedanken nicht mehr übertönte. Dann begann er, sich Arme, Hände und Gesicht zu waschen, immer wieder. Mit der Zeit entfernte sein Geist sich von dem Vorgang. Alles war kühl und sauber. Seine Gedanken wurden klar, er konzentrierte sich nur noch auf das Wasser und zog schließlich die Hände aus dem Strahl.

Den Jungen hatte er nicht hereinkommen gehört. Er nahm das Handtuch, das er ihm hinhielt. »Geben Sie es mir nachher einfach wieder, wenn Sie gehen«, sagte der Junge und verließ den Raum. Zack brauste sich die Arme bis zum Ellenbogengelenk und trocknete sich dann ab. Er erinnerte sich daran, wie er vor seiner Therapie häufig die Abflüsse mit Toilettenpapier verstopft hatte. Stolz auf seinen Erfolg durchpulste ihn, und er wusste, dass er in seinem Hochgefühl dem Kribbeln nicht nachgeben durfte. Er drehte den Strahl wieder auf und versenkte sich in das brillante Perlen der Mikrotröpfchen, die das Sonnenlicht sichtbar machte. Die Wirkung der Verlockung verschwand.

Mit ordentlich sitzendem Hemd, gekämmt und gesammelt betrat er die Bar, reichte dem Jungen das Handtuch und einen Zehndollarschein und nickte zum Abschied. Er hatte noch acht Minuten Zeit bis zum neuen Verhandlungsbeginn. Zack beschloss, schon zum Eisstand zu schlendern, um ein unschuldiges Fruchtsorbet zu genießen, bevor der Stress beginnen würde. Und Stress würde sich aufbauen. Dr. Bassetti war Kuratorin eines bedeutenden Museums irgendwo in Mittelitalien. Durch einen Zufall war ihr eine verschollen geglaubte Reliquiensammlung buchstäblich in den Schoß gefallen, als sie die Rücküberführung einiger im zweiten Weltkrieg in einer Nekropole ausgelagerter Renaissancemöbel überwacht hatte. Offenbar hatten die, die die Reliquiare zu verstecken getrachtet hatten, nicht viel Zeit gehabt, sonst hätten sie den Schatz nicht in das mit Möbeln besetzte Gewölbe gestellt sondern ein freies Versteck gesucht, und vermutlich hatten sie nicht lange genug überlebt, um ihn wieder abzuholen. Zack fand es nicht unmoralisch, die in Gold und Silber eingefassten, vertrockneten Knöchelchen und Flüssigkeiten zu verkaufen, ohne ein Eigentumsrecht an ihnen zu besitzen. Er hatte seine Fühler schon nach Unternehmen ausgestreckt, die etwas für ihr Image tun wollten. Das beste Angebot kam von einer bußbedürftigen Restaurantkette. Sie hatte eine Summe in Aussicht gestellt, mit der sich für den ganzen Museumsbestand drei oder vier Jahre lang Instandhaltung und Restaurierung bezahlen ließ. Als PR war geplant, dem Vatikan die Sammlung in einer gemeinsamen Abendshow aller großer Fernsehsender als Schenkung zu übergeben, denn die eigentlich beraubte Kirchengemeinde wollte sie aus Kostengründen nicht zurückhaben. Wie tolerant würde Dr. Bassetti auf das Angebot reagieren?

Der Eismann begrüßte ihn mit den Worten: »Drehen Sie sich doch bitte einmal mit Ihrer linken Seite zu mir.« Zack zeigte ihm sein Profil und schenkte ihm dann übungsweise den verachtenden Blick, den er am Waschbecken für die Verhandlung probiert hatte. Der Eismann sah auf das Display seines Mobiltelefons, nickte und sagte mit Erregung: »Ich soll Sie von der Dame mit dem grünen Schal grüßen, nicht wahr?« Seine Hände beschrieben die Silhouette eines weiblichen Torsos, und dazu machte er mit dem Mund zischende Geräusche und einen schnalzenden Knall. »Bestellen Sie jetzt Ihr Eis im Becher. Am Boden auf der Außenseite klebt ein Datenträger für Ihren Computer, den Sie mit der Serviette abmachen und bitte nicht verlieren.« Dann stieß er ihn mit der Faust vor die Schulter und begann zu glucksen. Zack zuckte vor der schweißnassen Faust zurück, legte das Geld auf das Kleingeldtellerchen und machte sich mit dem Becher zu einer weit entfernten Bank auf, von wo er das Röcheln und Schenkelklopfen des Eismanns nicht würde hören können. Dort angekommen, begann er, sich zu entspannen, und beim Löffeln nahm sein Gesicht die Züge an, die die Versenkung ins Nichts begleiten.

Plötzlich fiel ihm der Datenträger in den Schoß. Nachdem das Sorbet in seinen Magen gewandert war, hatte die Sommerwärme ihr Werk getan. Zack legte auch seine Serviette auf den Schoß und überlegte. Vor Taschendieben war er in Brooklyn kaum sicher. Er beschloss, Flüssigkeit vom Becher auf den Schuh tropfen zu lassen, um sie abwischen zu können. Verdeckt von der Serviette stopfte er dabei mit der anderen Hand den Datenträger unter die lose Einlage in seinem Schuh. Er blieb noch etwas sitzen, bevor er sich mit dem Becher in der Hand erhob. Als er an einer Sandkastenanlage mit spielenden Kindern und ihren Müttern vorbeikam, ließ er Becher und Serviette in den einen Mülleimer fallen, den Löffel in den anderen. Auf seinem Weg zum Auto begegnete er nacheinander zwei Gruppen junger Männer, bei denen in jeder einer so ungeschickt betrunken war, dass er ihn anrempelte und im Fallen reflexhaft umklammerte. Zack geriet wieder in eine Situation körperlicher Bedrohung, aber er beherrschte sich, weil er den Zweck der Attacken verstand und vorhergesehen hatte. Im Schutz der Hecke des Parkplatzes schaute er zurück und sah, wie die angeblich Betrunkenen von den empörten Müttern von den Mülleimern verjagt wurden. Zufrieden damit, ein erfolgreicher Schmuggler zu sein, zwei von drei Panikattacken gemeistert zu haben und noch über seine Wagenschlüssel zu verfügen, machte er sich auf den Weg ins Büro und überlegte, ob er seinem Sekretär eine Nachricht schreiben sollte, dass er auch für die sensationellsten Werke der Welt keine Begegnungen mit ehemaligen Lehrstuhlassistenten wünschte. Aber Guiseduck‘s Fine Art Auctions setzte für so spezielle Feldoperationen jedes Gesicht nur einmal ein. Seine Feuertaufe war gleichzeitig sein letzter Kundenkontakt. Eine Hochstimmung ergriff ihn.

Letzte Aktualisierung: 05.07.2015 - 11.48 Uhr
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