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Partystimmung | Juli 2015

Für Dich
von Manuel Fiammetta

Am Ende unseres Gesprächs hielt er mir eine kleine Tablette hin. Sie nannten sie „Neue Welt“.
Ich nahm das runde Ding in meine Hand und rieb es zwischen Daumen und Zeigefinger. Von der Größe her war die Tablette mit einer handelsüblichen Paracetamol zu vergleichen. Sie war sonnengelb und ihre Oberfläche glatt wie eine Eisbahn. Beinahe wäre sie mir aus den Fingern gerutscht.
„Ist das nicht illegal?“, fragte ich Herr Fitschen, während ich scheinbar hypnotisch auf das Ding in meiner Hand starrte.
Fitschen stützte seine Unterarme auf den Schreibtisch und beugte seinen Oberkörper in meine Richtung. Die Spitze seiner Krawatte legte sich auf den Tisch.
„Wir befinden uns hier in einer Grauzone“, sagte er zu mir, setzte ein sympathisches Lächeln auf und legte seinen Zeigefinger auf seine Lippen.
Ich gab ihm die Tablette zurück. Meine Hände wurden wieder trocken und die Anspannung löste sich allmählich aus meinem Körper.
„Natürlich werde ich niemandem etwas erzählen“, erwiderte ich daraufhin.
„Das ist schön. Ich denke, dann hätten wir alles geklärt.“
Ja, wir hatten alles geklärt. Fast.
Zu diesem Zeitpunkt saß ich nun seit über vier Stunden mit Herr Fitschen zusammen.

* * *

Er begrüßte mich freundlich am Eingang des Komplexes und führte mich in sein Büro. Dieses war relativ schlicht eingerichtet: ein Schreibtisch, zwei Stühle, ein paar Schränke und eine Pflanze in der rechten Zimmerecke. Fitschen trug einen beigen Anzug, ein weißes Hemd, eine Krawatte und braune Lackschuhe.
Er sah aus wie ein Versicherungsvertreter. Doch er war nett. Und sehr verständnisvoll.
Fitschen stellte mir zunächst die Firma namens WFD und ihre Dienstleistung vor. Dies machte er voller Freude und Begeisterung. Dann sollte ich erzählen, weshalb ich gekommen war.
Ich berichtete von der Erkrankung meiner Frau und davon, dass die Ärzte ihr nur noch etwa ein halbes Jahr gaben. Nach deren Prognose würde sie 64 Jahre alt werden. Sollte alles so eintreffen, wären wir fast 39 Jahre verheiratet gewesen.
Herr Fitschen interessierte sich wirklich sehr für meine Geschichte und ich fühlte mich zum ersten Mal seit Jahren von jemandem verstanden. Nachdem ich ihm erzählte, wie lange ich meine Frau schon pflegte, war er sehr beeindruckt.
„Das ist wirklich rührend“, sagte er.
Im weiteren Verlauf wollte Fitschen wissen, welche Vorlieben, Hobbies und Wünsche meine Frau hätte.
Mein Mund öffnete sich und es sprudelte nur so aus mir heraus.
Der Zeitpunkt kam, um das Finanzielle zu besprechen.
„So, Herr Naumann“, sagte Fitschen, der sich immer wieder Notizen machte, „wenn ich das alles grob überschlage, kommen wir auf schätzungsweise 17.000 Euro.“
Mein Schlucken war wohl auch im Nebenbüro zu hören. Ich hatte mich auf eine hohe Summe eingestellt, aber als ich sie dann hörte, erschrak ich trotzdem.
„17.000?! Ok. Ok. Ein nettes Sümmchen. Da bleibt von meinem Ersparten nicht mehr viel übrig. Aber ok, es ist für meine Frau.“
Fitschen lächelte mich erneut an und nickte zustimmend.
„Der Ablauf würde dann wie folgt aussehen: Ich werde in den nächsten zwei Monaten alles über Ihre Frau erfahren müssen. Ich muss genau wissen, was Sie mag und was nicht und das in, wenn möglich, jedem Lebensbereich. Dann werde ich Freunde und Verwandte ausfindig machen. Ich benötige viele Informationen, um Ihrer Frau einen unvergesslichen Tag zu ermöglichen.“
Kurzzeitig war ich von der ganzen Aktion nicht mehr überzeugt. Konnte es wirklich möglich sein, einen erfüllten, unvergesslichen Tag zu erleben?
„Glauben Sie denn, dass meine Frau einen solch tollen Tag haben kann?“, fragte ich Fitschen deshalb.
Seine Antwort erstaunte und ermutigte mich, dass Vorhaben anzugehen. „Die Philosophie der Firma lässt dahingehend keine Zweifel zu. Meinen Sie, eine Eintagsfliege hat ein erfülltes Leben?“
„Ehrlich gesagt: Ich habe mir darüber noch keine Gedanken gemacht.“
„Na sehen Sie. Wir schon. So sehr, wie die Eintagsfliege während ihrer Lebenszeit glücklich sein kann, können wir es auch schaffen, Ihre Frau glücklich zu machen und ihr das Gefühl geben, ein erfülltes Leben zu haben.“
Fitschen überzeugte mich zunächst. Ich musste eine Einverständniserklärung unterschreiben, die ihm jegliche „positive Spionage“, wie er es nannte, erlaubte.
Schließlich kam der Teil mit der Tablette. Fitschen öffnete einen der Schränke. Darin befand sich ein kleiner Tresor. Bevor Fitschen die Kombination eingab, bat er mich, wegzusehen.

* * *

„Wenn ich nach der Feier doch nicht die Verabreichung der Tablette möchte, kann ich sie quasi abbestellen?“
Fitschen nahm die Tablette wieder an sich, legte sie in einen kleinen, abschließbaren Plexiglaskasten und diesen dann zurück in den Tresor.
„Nein, tut mir leid“, gab er mir zu Antwort, „entweder Sie buchen das komplette Programm oder es kommt keine Vereinbarung zustande.“
Er sagte dies und schob mir zugleich einen Vertrag zu. Aus einer Schublade kramte er ein weiteres Papier hervor und legte es mir hin.
„Wenn Sie sich dafür entscheiden, unterschreiben Sie bitte den rechten Vertrag. Wenn Sie alles doch nicht wollen, unterschreiben Sie bitte das linke Schreiben. Dies ist nur die Schweigeverpflichtung.“
Mein Blick schweifte von einem Blätterhaufen zum anderen, während meine Gedanken scheinbar Karussell fuhren. Der Zweifel kam wieder zum Vorschein.
Plötzlich sah ich meine Frau vor meinem geistigen Auge. Ich sah Ihr schmerzverzerrtes Gesicht und hörte Ihr Seufzen. Ich sah Ihre müden Augen und hörte Ihre immer kraftloser werdende Stimme und nach Erlösung flehenden Worte. In Ihrem Gesichtsausdruck spiegelte sich dieser, mir angsteinflößender, Wunsch. Er schaffte es aber auch, mir ein Teil der Verantwortung zu übertragen. Schließlich nahm ich den Kugelschreiber in die Hand und unterschrieb den rechten Vertrag. Die Gewissheit, dass es nun kein Zurück mehr gab, ließ einen Schauer über meinen Rücken laufen.
„Vielen Dank, Herr Naumann. So wie Sie mir alles berichteten, war dies die richtige Entscheidung.“
„Ich hoffe es“, sagte ich mit belegter Stimme.
Wir wickelten die erste Rate ab. Den Rest musste ich nach der Feier begleichen. Zum Abschied gab mir Fitschen die Hand und drückte sie ganz fest.
„Ich melde mich bei Ihnen“, meinte er.
Es fühlte sich alles so irreal an und an die Heimfahrt kann ich mich nicht mehr erinnern.
Was ich aber noch weiß: Dort wartete meine Frau Claire.
Die Monate vergingen.
Claire hatte nichts von allem mitbekommen. Fitschen organisierte alles derart perfekt und diskret.
An einem Dienstag rief er mich an und sagte mir, dass er fertig sei und wir nun einen Termin für die Feier ausmachen könnten. Wir einigten uns schnell. Die Zeit zwischen meinem ersten Besuch bei WFD und diesem Anruf kam mir sehr lang und beschwerlich vor. Claire ging es immer schlechter und auch mir fehlten zusehends die Kräfte, um wiederum ihr Kraft geben zu können. Die Erleichterung war enorm, als Fitschen anrief. Aber auch die Angst.
Der große Tag war gekommen.
Die Freunde aus Amerika und auch Claires jüngere Schwester aus Australien ließen sich die Feier nicht entgehen. Es waren alle da, die in Claires Leben eine wichtige Rolle spielten. Jedes der Lieder, welche die Musiker sangen, war eine Erinnerung an Claires Stationen in ihrem Leben.
Der große Pool und der angelegte Strand waren natürlich die Attraktion schlechthin. Meine Frau liebte den Strand und das Meer. Ihre Augen strahlten. So hatte ich Sie schon ewig nicht mehr gesehen. Die Leute klatschten und sangen. Sie tanzten und lachten. Und das wichtigste: Claire auch.
Das Essen war köstlich und natürlich gab es Claires Leibspeise. Wunderschöne Torten warteten auf ihren Anschnitt.
Neben dem Strand und dem Meer liebte meine Frau die Tiere. Immer wieder, als es ihr noch gut ging, lag sie mir in den Ohren, wie gern sie mal einen Löwen anfassen oder von einer Robbe geküsst werden wollte.
Heute war es soweit. Claire bekam einen Robbenkuss und durfte einem Löwen durch die Mähne fahren. Fitschen hatte alles perfekt arrangiert.
Der Tag ging viel zu schnell vorbei und mit jedem Gast, der die Feier verließ, kam der Moment näher, welcher mir schlaflose Nächte bereitete.
Claire und ich waren schließlich allein in dieser riesigen Halle. Wir saßen in einer Hollywoodschaukel am Strand und betrachteten das Wasser. Sie sagte mir, welch traumhaften Tag sie hatte und nahm mich in den Arm. Der Schmerz kam zurück in ihren Körper und ich kramte aus meiner Hosentasche die Tablette hervor. Claire schaute mich mit großen Augen an. Ich denke, nein, ich wusste, dass ihr klar war, was ich in der Hand hielt. Wir brauchten nicht viele Worte um uns zu verständigen. Oftmals reichte ein Blick in die Augen des anderen.
Ich sagte ihr, wie sehr ich sie liebe und ich es genossen habe, sie heute so glücklich zu sehen. Ihre Worte waren leise, aber mächtig. „Ich liebe Dich auch.“
Dann sah Sie meine zitternde Hand, in der sich die Tablette befand. Claire legte ihre Hand auf meine und beruhigte sie. Dann ließ sie mich wieder los und streckte mir ihre Handinnenfläche hin. Die Aufforderung war eindeutig und ich legte das kleine, runde, glatte und sonnengelbe Ding in ihre zierliche Hand. Ohne zu zögern, legte sich Claire die Tablette in den Mund.
Wir nahmen uns Wortlos in den Arm. Meine Tränen tropften auf ihre Schultern und ich spürte, dass auch sie weinte. Doch ich wusste, es war richtig.
Claire sah mich nochmal an. „Vielen Dank für diese wunderschöne Feier“, sagte Sie mit leiser Stimme. „Und vielen Dank für Deine Liebe.“
Ich versuchte stark zu bleiben und meine Tränen zu unterdrücken. Sagen konnte ich aber nichts. Wenige Augenblicke später kam Fitschen herein. Er sah, dass es vorbei war.
„Ich kümmere mich um alles“, sagte er, während er mich umarmte.
Ich bedankte mich bei ihm. Die Feier ließ Claires Augen leuchten. Das war mein Ziel. Dieses eine Mal noch.

* * *
Nun, einige Monate später, liege ich hier. Mein Bettnachbar und ich warten auf ein Wunder oder eine neue Welt. Immer dann, wenn ich Claire ganz besonders vermisse, wünsche ich mir jemanden, der meine Augen auch wieder zum Leuchten bringt. Dieses eine Mal noch.

Letzte Aktualisierung: 09.07.2015 - 20.24 Uhr
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