Ganz schön bissig ...
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Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt | September 2015
Gotta fight!
von Jochen Ruscheweyh

Ich wurde davon wach, dass ein Kampfjet mit Ursula von der Leyen im Cockpit auf mich stürzte.
Also, nicht direkt sondern eher in meinem Traum.
Aber zu realisieren, dass stattdessen eine Mücke um einen rumgeflogen ist, dauert ja immer etwas, wenn man sich vorher in einer Tiefschlafphase befunden hat.
„Na, auch wach?“, kam es von der anderen Hälfte des Bettes.
Ich rieb mir die Augen und sagte: „Ja, du wirst nicht glauben, was ich gerade ...“
„Das interessiert mich nicht die Bohne, ich bin schon total zerstochen“, ließ Kerstin mich wissen, „sieh lieber zu, dass wir diese dämliche Mücke kriegen.“
„Okay“, sagte ich, als wäre ich bereits im Bilde, dass ein entsprechendes Insekt in unserem Schlafzimmer unterwegs wäre. Denn es ist nie gut, Kerstin gegenüber ein Informationsdefizit einzuräumen.
Ich drehte mich zur Seite und tastete nach dem Lichtschalter.
„Bist du verrückt?“, blaffte Kerstin mich aus der Dunkelheit heraus an. „Da kannst du ja gleich Kaffee und Kuchen für die anderen hinstellen!“
Ich antwortete: „Wir haben Ende September, die meisten sind doch eh schon tot, ich denke es wird eine einzelne Mücke sein, die noch übrig geblieben ist.“
„Und wenn nicht?“
„Okay“, erklärte ich, um Kerstin das Gefühl zu geben, ich nähme ihren Einwand ernst, drückte mich hoch, ging zum Fenster und schloss es. Dann legte ich mich wieder ins Bett und tastete erneut nach dem Lichtschalter.
Ich bin immer wieder überrascht, dass eine 25 Watt Birne mehr Helligkeit abgeben kann als die Stadionbeleuchtung im Signal Iduna Park. Man sollte die Angestellten von Osram oder Philips mal darüber aufklären, über wie viel Lux-Reserven ihr Produkt tatsächlich verfügt.
„Was ist mit dem Lüftungsschlitz?“, erkundigte sich Kerstin.
„Was soll damit sein? Da kommt frische Luft durch!“, gab ich zurück.
„Na, vielen Dank! So schlau bin ich auch. Meinst du nicht, dass das eine perfekte Mückenschleuse ist?“
„Nein. Der ist zu klein.“
„Aber Luft, meinst du, kommt schon durch?“
„Ja. Klar.“
„Und wieso sollte das dann eine Mücke aufhalten?“
„Weil ... weil das Licht durch den Schlitz ja um die Ecke müsste, um eine Mücke anzulocken, was wiederum nur funktionieren würde, wenn die Mimik in sich verspiegelt wäre.“
„Das ist doch vollkommener Blödsinn, du hast doch nur keine Lust noch mal aufzustehen.“
„Okay, ...“, begann ich, und drückte mich hoch, aber Kerstin war bereits aufgestanden.
„Ich wär doch gegangen“, gab ich zurück.
„Und wann? 2017?“, sagte Kerstin und warf mir die NEON hin.
„Die hab ich schon gelesen.“
Kerstin ließ sich wieder ins Bett fallen und stöhnte: „Die sollst du nicht lesen, sondern damit die Mücke erschlagen.“
Ich setze mich auf. „Ich komme eigentlich immer besser mir einem dünnen Handtuch zurecht.“
„Dann hol dir selbst eins, Indiana Jones!“, kam es von der anderen Seite des Bettes. „Nein warte, nicht bewegen, ich hör was ...!“
Ich hoffe inständig, dass unser Leben zu uninteressant für die NSA oder andere Spionage-Sportvereine ist, denn ich glaube, man kann nicht bescheuerter gucken, als wenn man versucht, mit nachtdicken Augen ein Mikrometer großes Insekt vor einer Raufasertapete aufzuspüren.
Und wenn ich eins nicht möchte, dann dabei gefilmt werden.
„Ich denke, sie ist hinters Bett geflogen“, überlegte Kerstin, „das würd’ ich zumindest an ihrer Stelle so machen.“
Hinter der Kopfseite unseres Betts befindet sich durch die Dachschräge bedingt eine Art Niemandsland, in das sich mit periodischer Gewissheit Dinge wie rechte Socken oder das letzte ungeöffnete Paket Papiertaschentücher, das sich in der vergangenen Heuschnupfenperiode plötzlich entmaterialisiert hat, verirren.
Ich bog den flexiblen Arm der Lampe an meiner Bettseite so, dass er den versteckten Bereich ausleuchtete. Und tatsächlich!
Ich fühlte mich fast ein wenig beleidigt, nicht ernst genommen, dass diese fliegende Chitin/Eiweiß-Mischung der Meinung war, auf diese billige Weise ein gutes Versteck gefunden zu haben.
Blind griff ich nach der NEON, rollte sie geschickt mit einer Hand zusammen – was zugegebenermaßen ein wenig Übung erfordert, aber das tut dieses Ziehharmonika mäßige Kartenmischen auch und trotzdem habe ich es drauf, dafür kann man schon mal ein paar verregnete Sonntage investieren, finde ich – und schlug zu.
Gleichzeitig löste dies einen Reaktionsmechanismus aus, den Männer in den Genen implementiert haben und der die Ausschüttung von Adrenalin und Testosteron zur Folge hat.
Kerstin knutschte mich, deutete mir mit einem Kopfnicken das Licht auszumachen und drehte sich mit den Worten Nach dem Schlag würd ich sogar eine Safari mit dir machen rum, um binnen weniger als fünfzehn Sekunden in das regelmäßige Schnauben, Rattern und Krächzen, das sie immer galant als Ich schnarche nie! bezeichnet, zu verfallen.
Nicht abgebautes Adrenalin in meinem Körper hat meist zur Folge, dass meine Waden, Zehen und Schienbeine unter solcher Spannung stehen, dass ein Krampf nur eine Frage der Zeit ist. Also stand ich auf, ging etwas trinken und prophylaktisch Magnesium aus dem Discounter einzuwerfen, dessen Wirkung sicher mehr Einbildung, aber besser als gar nichts war.
Auf diese Weise placeboisiert vergaß ich auch das lästige Adrenalin und schnurchelte weg.
Nur um einen Wimperschlag später wieder davon wachzuwerden, dass mir Ursula v.d.L im Traum bei der Besichtigung meiner Zivildienststelle statt staatsmännisch dreimal auf die Wange küsste, einmal kräftig in die Lippe biss.
Gleichzeitig vernahm ich ein vertrautes Sirren.
„Was ’n jetzt wieder los“, nuschelte Kerstin, als ich das Licht einschaltete. „Ich brauch einen Waschlappen. Das bescheuerte Vieh hat mich in die Lippe gestochen.“

„Nimm mal den Lappen weg und lass mal gucken!“, gähnte Kerstin. Trotz der Eiswürfel im Lappen pumpte meine Lippe von innen wie ein kleines Kraftwerk. „Oh, sieht schlau aus!“
Ich ignorierte ihren Kommentar und legte meinen Kopf an die Dachschräge.
„Was wird das?“, fragte sie.
„Ich glaub, ich seh was“, sagte ich und drosch mit der NEON auf die Stelle, an der ich das kleine schwarze Etwas zappeln sah.
„Quatsch, das war ein Staubfaden!“
„Woher weißt du das?“
„Weil der schon drei Wochen da hängt!“
„Ist mir gar nicht aufgefallen“, gab ich zurück.
„Natürlich“, erklärte Kerstin, „du staubwedelst ja auch nie, du produzierst nur Staub.“
„Aber das da vorne!“, schrie ich, stürzte zum Schrank, riss ein dünnes Leinentuch heraus, faltete es noch im Umdrehen und klatschte auf die Wand über Kerstin.
„Das ist die tote Mücke, die noch vom letzten Mal da klebt“, klärte sie mich auf.
„Okay“, ließ ich mich wieder ins Bett fallen, „dann machen wir das Licht aus und wenn wir sie hören, dann ganz fix wieder an, dass sie zum Licht fliegt.“
„Guter Plan“, nuschelte Kerstin und drehte sich bereits um.
Eine, es können auch zwei Minuten später gewesen sein, sagte sie in der roboterhaften Stimmlage, in die sie immer verfällt, wenn sie kurz vor dem Einschlafen ist: „Ich – bin – schon – so – müde.“
„Ich auch“, gab ich zurück, während ich merkte, wie die Spannung meiner Hände, die das Leinentuch umklammert hielten, langsam nachließ.
Ursula v.d.L hatte mir gerade ein ganze Kiste Heckler und Koch in Playmobil-Größe übergeben, mit dem Hinweis, dass die Genauigkeit bei kurzen Entfernungen wie zwischen Bett und Fenster absolut in der Toleranz läge, als Kerstin mich wachrüttelte.
„Du bist eingeschlafen! Das Vieh kann mich totstechen, und der Herr macht hier auf einbalsamierter Pharao mit auf dem Bauch gefalteten Händen!“
In der Kreisbewegung heraus traf ich nicht nur den Lichtschalter sondern auch die Wasserflasche neben meiner Bettseite.
„War die wenigstens zu?“, hielt Kerstin mir vor.
„Ich kann mich jetzt nicht mit solchen Unwesentlichkeiten aufhalten“, presste ich zwischen Ober- und meiner mittlerweile sicherlich fast rituell vergrößert wirkenden Unterlippe hindurch. „Paff!“, schrie ich, als ich das Tuch gegen die Raufaser drückte. Und: „Hab sie!“, während ein erneuter Adrenalinstoß durch meine Synapsen schoss. Ich würde das Untier von der Wand kratzen und ihm in seine toten Augen sehen, wozu ich allerdings den Mikroskopier-Kasten meines Neffen Max brauchte. Aber die Mühe nach Bergkamen zu fahren würde ich mir zur Feier des Anlasses machen. Und meiner Tante gleichzeitig ihre vergilbten Tupper-Töpfe wiederbringen, in denen sie uns immer Essen einpackte, das wir zuhause wegwarfen.
„Ich hab dir schon hundertmal gesagt, du musst aus dem Handgelenk schlagen und nicht drücken, als wenn du beim orthopädischen Turnen wärst“, meldete sich Kerstin.
„Tot ist tot!“, gab ich zurück, während ich mir vorstellte, dass der Saugrüssel des zerquetschten Minivampirs wie ein Stinkefinger gegen den Objektträger des Mikroskops drückte und stumm anklagte: „Du hast mich feige erdrückt statt mich mit einem sauberen Handgelenkschlag zu stellen!“
„Ja, wenn du sie erwischt hättest.“
„Ich hab sie ja ...“ Ich verstummte, als ich das vertraute Surren neben meinem Ohr hörte, und ließ mich aufs Bett fallen.
„Ich kann nicht mehr“, sagte Kerstin, „irgendwann muss das Monster doch mal satt sein.
„Mach die Augen zu“, sagte ich, „ich lass erstmal das Licht an und pass auf.“
„Echt?“, fragte sie.
„Ja.“
Als Kerstin eingeschlafen war, stand ich auf, holte einen Bogen Klebepunkte aus der Küche, mit denen wir sonst unser Gefriergut anpunkten und markierte all die Stellen an den Dachschrägen, wo sich etwas an der Raufaser befand, dass keine lebende Mücke war.
Ich brauchte jetzt einen Erfolg, das hatten Ursula und ich gemeinsam, sonst würde ich ganz sicher nicht mehr einschlafen können.

„Warum hast du das Licht ausgemacht“, fragte ich.
„Ich hab das Licht nicht ausgemacht, du hast die Augen zu!“, klärte Kerstin mich auf.
„Aha“, sagte ich.
„Tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber ich hab das Vieh gerade erwischt. Ich hoffe, das kränkt nicht deinen Jagdstolz oder stürzt dich in eine Sinnkrise.“
„Aha“, gab ich zurück.
„Ich mach das Licht jetzt aus.“
„Aha“, antwortete ich und fügte nach einer Weile an: „Du – bist – die – Beste – Frau – Van – Helsing.“







, denn direkt über mir an der Schräge

Letzte Aktualisierung: 22.09.2015 - 07.26 Uhr
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