Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt | September 2015
Pater Melone und die letzte Stunde
von Klaus Freise

Der Sturm trieb die Wellen über die Klippen von Lizard Point. Die Gischt fauchte die Landzunge empor, ihre Ausläufer verfingen sich an der kleinen Mauer aus Feldsteinen. Dahinter duckte sich der Pub „Tinnermens Arms“. Unter dem reetgedeckten Dach drängten sich eine Handvoll Männer, die noch im Ölzeug, bei ihrem ersten Pint saßen. Während die Wärme des Kaminfeuers sich langsam ausbreitete, wurden die Gäste redseliger. Allmählich nahmen sie ihre schweren Mäntel und Hüte ab, sprachen über die anstrengende Arbeit der letzten Stunden. Die ganze Nacht waren sie auf den Beinen gewesen, seit das Unwetter begann. Erst hatten sie aus Treibgut zusammen mit Pech und Öl ein Feuer entzündet, das dem schweren Sturm widerstand. Gerade weit genug auf der Klippe, um von See aus noch gesehen zu werden, aber von der Landseite fast unsichtbar.
Dann hatten sie gewartet, Stunde um Stunde. Erst um Mitternacht war der junge McLaine von seinem Posten am Feuer in den Pub gestürmt, von Salzwasser und Regen triefend. Die zitternden Hände schoben das Fernrohr zusammen, als er rief:
„Ein Gaffelschoner von Nordwest“. Nach Atem ringend setzt der Junge hinzu: „Die Takelage zerschlagen. Er zerschellt an den Klippen. Fässer und Kisten treiben zum Strand.“
Für ein paar Sekunden hielten alle die Luft an, bis sie das Gehörte verarbeitet hatten.
Dann gab es kein Halten mehr. Finnegan, der Wirt brüllte Anweisungen:
„Das Feuer aus. Die Blöcke und Zugtaue zur Klippe. Den Dreifuß aufgestellt. Bewegt euch, ihr faulen Hunde.“
Im Nu waren alle auf den Beinen. Raus aus dem Pub, vorbei an den Handkarren. Mit groben Netzen und Bootshaken sowie Seilen bewaffnet eilten alle zur Klippe. Es blieb nicht viel Zeit, jeder wusste was er zu tun hatte. Der Sturm jagte noch immer von Blitz und Donner begleitet über die Küste.

Jetzt saßen sie wieder beisammen. Finnegan wischte noch die feuchten Stiefelabdrücke vor der Kellerlucke auf, während Constable Higgins sich verstohlen an der Hintertür die Uniform zurechtrückte. Auch für ihn hatte es sich gelohnt. Er rollte zwei Fässer Rum zu seinem Karren um über Umwege zu seinem Haus zurück zukehren, bevor er sich auf der kleinen Wache wieder blicken ließ. Aber der heftige Wind machte ihm das Fortkommen schwer. Bei jedem Blitz zuckte er zusammen, den Handkarren hielt er nur mit Mühe auf dem groben Steinpflaster. Nach einem Donnerschlag, der ihm fast das Trommelfell zerriss, stürzte er zu Boden. Das abschüssige Gelände tat sein übriges. Der Handkarren fuhr ihm in die Hacken. Gerade als er sich keuchend erheben wollte polterten die Fässer vom Wagen auf ihn nieder.

Im „Tinnermens Arms“ besprachen sich die Männer mit Finnegan, der gerade verkündete, was ihnen alles in die Hände gefallen war.
„ Acht Fässer Schießpulver, vierzehn Fass Rum aus Jamaika und gut ein Dutzend Fass Lampenöl. Das hat sich diesmal gelohnt. Vielleicht finden wir morgen noch ein paar Kisten. Geteilt wird in der nächsten Woche. Noch eine Runde für alle und dann ab mit euch.“
Als die Männer ihre Krüge erhoben, wurde plötzlich die Tür aufgestoßen. Im Widerschein eines Blitzes und von Regentropfen umweht füllte eine Gestalt den ganzen Türrahmen aus.
Jeder im Raum erstarrte.
Finnegan fand als erster die Sprache wieder. „Großer Gott, Pater Melone, was macht Ihr denn bei diesem Unwetter hier?“
Der Pater stemmte die Hände in die Hüften und sagte:
„Wie groß Gott heute Nacht ist, wird sich noch zeigen. Ich sorge mich um meine Schäfchen gerade in den stürmischsten Zeiten. Auch wenn für den armen Higgins meine Hilfe zu spät kam.“ Finnegan schnappte nach Luft.
„Higgins? Constable Higgins? Der war schon lang nicht mehr hier.“ Damit drehte er sich zu seinen Kameraden, die alle erschrocken aufgesprungen waren.
„Jungs, hat einer von euch den Constable gesehen?“ Doch noch bevor einer antworten konnte, war der Pater mit schnellen Schritten bei Finnegan, packte diesen an der Kehle und zerrte ihn über die Theke in die Mitte des Schankraums.
„Jetzt hör genau zu, du schwarzes Schaf. Er ist tot. Constable Higgins liegt mit gebrochenem Genick draußen auf seinem Handkarren. Wollte wohl seinen Anteil heim schaffen.“
Mit diesen Worten ließ er den Wirt zu Boden fallen, der sich daraufhin würgend den Hals rieb. In der Runde war es jetzt totenstill. Die Männer starrten sich schweigend an, während Pater Melone weitersprach:
„Ihr Heuchler, Diebe und Mörder. Denkt ihr, Gott ließe sich von euch täuschen?“ Er zeigte auf jeden der Männer.
„Ihr werdet eure Strafe bekommen, jeder von euch. Niemand wird verschont.“ Die Männer rutschten auf ihren Stühlen hin und her. Einige rieben sich nachdenklich das Kinn oder hielten die Blicke zu Boden gerichtet. Manche kneteten die Hände. Der junge McLaine räusperte sich und sagte:
„Aber wir haben Familien und kaum was zu essen, der Lohn aus der Zinnmine reicht einfach nicht.“
Der Pater packte McLaine mit beiden Händen am Kragen und zog ihn hoch, dann brüllte er bis sein Gesicht rot anlief:
„Familien? Glaubt ihr die Seeleute da draußen hatten keine Familien? Ihr habt Tod und Verderben über diese armen Seelen gebracht. Habt sie mit eurem falschen Leuchtfeuer in die Klippen gelockt, wo sie elendig ertranken.“ Er schleuderte McLaine auf den immer noch am Boden sitzenden Finnegan. Dabei rief er:
„Wie viele habt ihr gerettet? Wie viele, frage ich euch?“ Dann trat er Finnegan in den Hintern.
„Los, Finnegan, wie viele Seelen habt ihr aus den Fluten gerettet? Sagt es mir?“ Niemand sprach, nur das Knistern im Kamin war zu hören.
Pater Melone richtete sich auf, strich seinen Mantel glatt und flüsterte in die drückende Stille hinein:
„Nicht einen.“
Er zog den Kragen hoch und ging zur Tür. Mit dem Riegel in der Hand drehte er sich um und sagte:
„Gott wird euch richten. Denkt an meine Worte.“
Er öffnete die Tür und der Sturm umspülte ihn sofort. Dann fiel der Riegel hinter ihm ächzend ins Schloss.

Erst nach einer Minute der Stille stieß Finnegan den Jungen von sich runter und murmelte:
„Naja, predigen kann er ja. Aber jetzt ist es genug. Also Männer, wir teilen sofort. Ich will das Zeug hier nicht mehr haben. Los, holt die Fässer rauf. Schiebt die Stühle und Tische beiseite. Beeilt euch.“
Nach und nach kam Bewegung in die Leute. Die Luke wurde aufgerissen, einige polterten die Treppe hinunter, andere nahmen die Fässer oben in Empfang. Mit jedem Fass wurden sie hektischer. Bald stapelten sich Pulverfässer, Rum und Lampenöl in der Mitte des Raumes.

Der Regen peitschte fast waagerecht, Blitze zuckten im Sekundentakt über den Himmel. Pater Melone zerrte den Handkarren mit dem toten Constable hinter sich her und sagte:
„Richte Du sie, oh Herr. Ich bin fertig mit ihnen.“

Einer der Männer stolperte, ein Fass mit Öl entglitt seinen Händen und zerbrach am Kaminsims. Finnegan wirbelte herum und rief noch: „Passt doch auf, Gott verdammt.“
Doch das hörte fast niemand mehr.

Letzte Aktualisierung: 22.09.2015 - 21.28 Uhr
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