Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
Schaufensterpuppen trĂ€umten mit leerem Blick. Teens liefen an ihnen vorbei. MĂŒtter schoben Kinderwagen. MĂŒnder plapperten. Hausfrauen entluden ihr Gehirn im GesprĂ€ch. Ein Mann der Wachgesellschaft schlenderte verschlafen umher, und als Karl Hammer taumelig wurde, rettete er sich auf die nĂ€chste Bank. âMein Innenohrâ, âder LĂ€rm der Rockbandâ. Heute frĂŒh, gegen vier Uhr, als er noch high war, hatte er sich vorgenommen bei Wilson eine schwarze Lederjacke zu kaufen. Jetzt, um fĂŒnf Uhr nachmittags, saĂ er neben ein paar Rentnern im Einkaufszentrum und fĂŒhlte sich so alt wie sie. Sollte er ihnen was von seiner Ohrenoperation von vor zehn Jahren erzĂ€hlen? Rentner hörten so was gern, oder?
Einen Tag vorher hatte es gehupt. Karl lag in seinem Fernsehsessel, dann saĂ er in Lauries altem Chevy. Eine Riesenliebesschaukel. Laurie und Mandy hatten ihn entfĂŒhrt. Karl saĂ im Fond wie auf einer Couch, und sie waren auf dem Weg nach Bay City. In dieser Stadt in Michigan, die nach den Bay City Rollers benannt worden war, oder war es umgekehrt?, lag das âShip Wreckâ.
"Karl", hatte Mandy gesagt. "Wir fahren zum âShip Wreckâ. Sie haben da ne Rhythm nâ Blues Band."
Er sah aus dem Seitenfenster. Hatte keinen Sinn nach vorn zu sehen. Dort war nur StraĂe. Schnurgerade. Hin und wieder zogen HĂ€user, eine Scheune, einige BĂ€ume, Strom- und Telefonmasten vorbei. Es war ein Freitag im Oktober. Auf den Feldern lag Schnee.
"Viel Gegend hier", hatte sein Freund Fritz gesagt, als er Karl am Flughafen abholte. Sie beide hatten einen Zeitvertrag als Programmierer im ansÀssigen Chemie-Unternehmen.
Das âShip Wreckâ liegt am Saginaw River. FĂ€hrst du in der Dunkelheit ĂŒber den Parkplatz hinaus oder mit einem Boot zum Angeln, dann wartet der Fluss auf dich.
Im Lokal fetzte, dröhnte es. Metal Rock, kein Rhythm nâ Blues. Karl war nicht begeistert. Er war um die FĂŒnfzig. Im Lokal war die Musik. Zu laut. Und drauĂen war es dunkel und kalt. Karl stand an der Wand, wĂ€rmte seine HĂ€nde an einem kalten Bier. Laurie und Mandy tanzten selbstvergessen zwischen Lederjacken. Rocker. Verlorene Seelen griffen nach dem Strohhalm der Euphorie. Gitarrentöne fraĂen sich in Trommelfelle. Der SĂ€nger sprang auf einen Tisch, röhrte ins Mikrofon. Karl schmerzten die Ohren. Lauries und Mandys Arme schlenkerten. HĂŒften schwangen, Beine stampften. Die MĂ€dchen lachten. Der Alltag war weit weg. Flatternde Arme. Laurie, die tanzende Fledermaus. Mandy, der quirlende Malkasten. Eine Kunstfigur. Fast zeitlos, zwischen zwanzig und vierzig. Wo fing die Schminke an, wo hörte sie auf? Mandy war grafische Designerin, trug einen scharfen Hosenanzug. Laurie hingegen dunkelgraue BĂŒrokluft: kurzer Rock, weiĂe Bluse mit einer Jacke darĂŒber, Stilettos. Eine Schlafwandlerin. Jeder will vergessen, dass er in einem Kokon steckt, dachte Karl und sprang ins GewĂŒhl.
Pause. Dort, wo man vorher getanzt hatte, standen zwei StĂŒhle. Zwei junge MĂ€dchen saĂen darauf und dann gab es Eddie. Muskulös, gedrungen, dunkelhaarig, Male Stripper. Hemden und Hose flogen. Frauen johlten, quietschten, kreischten, schoben Zehn-Dollarscheine in Eddys Slip. Einige machten einen schĂŒchternen Schritt nach vorn, wedelten mit dem Geld, trauten sich nicht, andere stieĂen sie unter GelĂ€chter weiter und Karl dachte, `zum GlĂŒck ist die Musik leiser und ich brauch nicht zu fahren`. Er bestellte ein weiteres Bier. Lauries und Mandys Augen glĂ€nzten. âDas wird ÂŽne lange Nachtâ, fand Karl. Dann, als er nach drei weiteren Bieren und einer heftigen Dosis Metal Rock den Entschluss gefasst hatte, sich am nĂ€chsten Morgen eine schwarze Lederjacke zu kaufen, stand plötzlich ein dĂŒnner Mann mit einem noch dĂŒnneren MĂ€dchen an der Theke und schlug ihr ins Gesicht. Nicht das erste Mal, sah Karl. Der Anblick der BlutergĂŒsse auf ihrem Gesicht und ihren Armen verlangsamte die Zeit. Dann stand sie still. Die Tanzenden hatten sich zu ihnen hingedreht. Der Wirt hinter der Theke hielt einen BaseballschlĂ€ger in der Hand, die Töne der Gitarren standen im Raum. Dann lief die Zeit wieder los. Das dĂŒnne MĂ€dchen griff nach dem AutoschlĂŒssel des Mannes, der auf dem Tresen lag, rannte aus dem Lokal. Und der Mann lief hinter ihr her. Sie waren weg. Auch die Stimmung, wie Luft aus einem Ballon. Aus der TanzflĂ€che wurden Bretter.
"Karl, wir gehen!", rief Laurie ĂŒber das Gemurmel der Leute hinweg. Jemand brĂŒllte etwas in den Saal. Lederjacken stĂŒrzten aus dem Lokal.
"Da ist jemand in den Fluss gefahren!" Karl ging vor die TĂŒr. Es war kalt. Rocker liefen zum Wasser hin. Zombies unter gelbem Licht von Natriumlampen. TrĂŒgerisch die Ruhe des Saginaw Rivers.
"Sie sind da drin!", rief jemand. "Mit Karacho reingefahren!"
"Ruf jemand Polizei und Krankenwagen!", brĂŒllte ein anderer.
Karl sah Reifenspuren. Sie endeten im Nichts. Jemand rannte an ihm vorbei und sprang kopfĂŒber in den Fluss.
"Eddie!", kreischten zwei Frauen und stĂŒrzten zum Ufer. Karl erkannte, sie hatten vor Eddie auf den StĂŒhlen gesessen.
"Eddie!", schrien die Frauen, als ein Kopf auftauchte, dann das dĂŒnne MĂ€dchen. MĂ€nner warfen sich auf den Asphalt, streckten Arme nach ihnen aus. Eddie und das dĂŒnne MĂ€dchen lagen da, schnappten nach Luft. Wie Fische auf dem Trockenen. Das MĂ€dchen hustete und spuckte, Eddie richtete sich keuchend auf, fiel auf den Boden zurĂŒck und rĂŒhrte sich nicht mehr.
Sirenen, Hupen, blau, gelb, rot flackernde Lichter. Frauen kreischten. SanitĂ€ter hantierten mit einem Defibrillator. In Karls Kopf zischte und rauschte es. âDer LĂ€rmâ, dachte er, setzte sich auf eine Tonne und starrte ins Leere. Frauen schluchzten. Karl dachte an seine letzte Angeltour.
"Karl, da bist du ja. Wir wollen los." Grausame Wirklichkeit. Im Dunkeln sah man nicht, wie er schwankte. Der LĂ€rm, dachte Karl, dann saĂ er in Lauries Chevvy. Eine Weile fuhren sie so dahin und sagten nichts.
"Die armen MĂ€dchen. Laurie, mach mal Licht." Mandy klappte den Spiegel runter und zog ihre Lippen nach. "Das eine war Eddies Schwester, das andere seine Freundin."
"Was ist mit Eddie?", fragte Karl. Er ahnte die Antwort.
"Ein College-Kid, das sich was zuverdient hatte, und nun ist Eddie tot."
"Und das MĂ€dchen?"
"Lebt. Aber der Mann neben ihr im Wagen hat es auch nicht geschafft."
"Sie haben ihn zu spĂ€t rausgezogen," meinte Laurie, "das ist vielleicht ganz gut, so wie er sie verprĂŒgelt hat," dann sagte sie plötzlich: "Oh, shit, die Bullen."
Ein Fahrzeug schoss an ihnen vorbei. Auf dem Dach blinkte es blau und rot, als es vor ihnen hielt. Laurie stoppte den Wagen und lieĂ die Scheibe runter. Wagenpapiere. Das reichte nicht.
"Gleich fliegt sie weg," sagte Karl, als er sah, wie Laurie mit ausgebreiteten Armen auf dem weiĂen Seitenstrich der StraĂe balancierte.
"Oh, Mann." Mandy hielt sich die Hand vor die Augen. "Wenn das nur gut geht. Danach muss sie von hundert an rĂŒckwĂ€rts zĂ€hlen." Sie sahen, wie Laurie mit Handschellen in den Polizeiwagen gestopft wurde. Dann waren Mandy und Karl allein auf der StraĂe.
"Fahr du, Karl," sagte Mandy. "Ich kann mir keinen Tag Knast leisten. Muss heute arbeiten. Hab nicht mal genug Geld auf der Bank, um Laurie auszulösen."
Karl, setzte sich auf den Fahrersitz und dachte: âBei den Klamotten, die Mandy jeden Monat kauft, bleibt sicher nur noch Geld fĂŒr ein paar Dosensuppen ĂŒbrigâ.
Morgens um acht, seine Ohren dröhnten, fuhr er mit Lauries Wagen Richtung GefÀngnis. Die Holzbuden drum herum waren Bail-Bond Agenturen.
"Ich brauch nen Bail-Bond fĂŒr Trunkenheit am Steuer." Karl gab der Agentur Lauries Namen und schrieb einen Scheck aus.
"Manche fallen ins ScheiĂhaus und kommen nach Rosen duftend wieder raus. Nur ich nicht," quetschte Laurie aus sich heraus, dann fuhr sie Karl nach Hause.
Nun saĂ er auf der Bank im Einkaufszentrum und ĂŒberlegte, schaffte er es in einem Anlauf bis zum Pizza Stand? Lisa war wieder da. Er fĂŒhlte, sie mochte ihn. Vielleicht, weil er so verhungert aussah? Sie gab ihm immer das gröĂte StĂŒck. Ob er sie mal zum Tanzen einlud? Vielleicht sollte er sie vorher erst mal fragen, welche Musik sie mochte.
Am nÀchsten Freitag hupte es. Karl lag in seinem Fernsehsessel, dann saà er in Lauries altem Chevy.
"Karl", sagte Mandy. "Wir fahren zu âMolly McGuireâsâ nach Saginaw. Sie haben da ne Rhythm nâ Blues Band."
Version 2
Letzte Aktualisierung: 17.10.2015 - 19.38 Uhr Dieser Text enthält 8371 Zeichen.