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Unterwegs | Oktober 2015
Cruisen mit Ed
von Jochen Ruscheweyh

Am Anfang hatte niemand hurra geschrien, als sie mit der Auflage ankamen, dass die Fahrzeuge zukünftig gemischt besetzt sein müssten. Es war wohl hauptsächlich eine Frage des fehlenden Vertrauens. Und auch ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, ich wäre ohne Bauchschmerzen auf meine ersten Patrouillen mit Ed gefahren. Aber Vorurteile hin oder her, wie sollst du dich denn auch sicher und als Teil eines Team fühlen, wenn du jemanden neben dir sitzen hast, dem die Hälfte vom Hinterkopf fehlt, der nach modrigem Waldboden ausdünstet und den nur ein implantierter Mini-Chip davon abhält, dir Teile aus deinem Gesicht oder den Armen zu beißen?

Mit der Zeit begann ich festzustellen, dass Ed trotz seiner Einschränkung – er hatte wie alle postmortalen 95/24er seine Sprache verloren – durchaus Gefühle, vor allem Humor besaß. Von Lächeln zu sprechen, wäre übertrieben gewesen. Es handelte sich vielmehr um ein sich in kurzen Abständen um seine Mundwinkel abspielendes Zucken, wenn ich eine Situation etwas derber kommentierte oder fluchte, weil ich mich irgendwo gestoßen hatte.
Zudem lag immer ein Ausdruck von Scham in seinem Blick, wenn seine Bauchdecke aufriss, seine Gedärme hervorquollen und ich seine Innereien zurück in sein Chassis drücken und die Öffnung mit einer Einmal-Nadel/Faden-Kombi aus dem 95/24er-Aid-Kit verschließen musste.

Irgendwann fiel mir auf, dass ich eigentlich nicht ungern mit Ed cruiste. Ich denke, es war eben ein typisches Männerding: Nachtschicht, zwei Kerle, ein geländegängiger Unimog und jede Menge Waffen an Bord, nicht viel reden, sondern einfach losballern, wenn einem etwas verdächtig vorkam. Denn besonders in den Randgebieten rottete sich die Brut des Nachts zusammen.
Auch wenn ich Ed nicht als einen von ihnen sah und auch nicht wie manche andere Kollegen hinter dem Rücken ihrer Partner von „chipgesteuerten Zombies“ sprach, so konnte auch ich nicht von der Hand weisen, dass Ed der herumlungernden Meute zumindest insoweit verbunden war, als dass er instinktiv ihre Wege und Handlungen voraussah.
Oft war er bereits aus dem Unimog gesprungen und hatte das Hirn einer wandelnden Leiche – die einzige Möglichkeit einer permanenten Erlösung – über Scharnhorster oder Kurler Vorstadtboden verteilt.
In der Drogenprophylaxe hatte sich schon in den Siebzigern gezeigt, dass Ex-User die besseren Drogenberater waren. Daher war irgendwann irgendjemand auf den Trichter gekommen, dass gechipte Untote die besseren Zombie-Jäger sein müssten. Oder zumindest eine sinnvolle Ergänzung. Deswegen die gemischten Teams.

Ab und zu, besonders nach freien Tagen, kam es vor, dass ich noch soviel Restalkohol intus hatte, dass ich den Unimog ganz sicher in den nächsten Graben gesetzt hätte. Bei diesen Gelegenheiten packte ich immer ein paar Frischgeworfene der läufigen Katzen ein, die sich in meinem Wohnheim ständig sinnlos vermehrten. Ich ging davon aus, dass Ed sie als Abwechslung zu den wahrscheinlich eher faden Vorstadtratten, von denen er sich sonst ernährte, mochte. Zumindest übernahm er immer bereitwillig die Fahrerposition, wenn ich mit meinem Beutel wedelte.

In manchen Nächten waren bis zu zweihundert Umherwandelnde unterwegs. Dann hätte selbst Ed im Nahkampf keine Chance gehabt und wir gingen zu Plan B über: Ed klemmte sich hinter das Steuer, und ich positionierte mich auf der Ladefläche des Unimogs, verschoss salvenweise von der Bareiner-Munition mit Aufschlagzünder, während wir die Zombie-Brut aus den Außenlautsprechern mit Mötley Crüe beschallten und ich in Endlos-Schleife „I’d rather be dead ... I’d rather be face down in the dirt with a bullet in my head“ mitbrüllte.
All das geschah fast mechanisch. Der Kick, von dem andere Teams bei den Übergaben berichteten, blieb bei mir aus. Das hätte mir eigentlich Sorge machen müssen. Tat es aber nicht.

Die Sache kippte an dem Abend, für den sich Prominenz angemeldet hatte.
Techniker sind schon eine Sorte Individuen für sich, aber diese Klemmbrett-Kontrolleure, die jeden Furz mit irgendeiner DIN abgleichen und von der Praxis keinen Plan haben, hatte ich schon in der Zeit, als ich noch so etwas wie Empfindungen aufbringen konnte, wie die Pest gehasst. Kazmarzinski war so einer. Zu dick, dass er sich auf Dauer selbst hinters Steuer hätte setzen können, und dazu noch nachtblind wie ein Stück Brot. Andererseits sind solche Leute meist ziemlich gefährlich, weil sie a) chronisch frustriert sind und b) keinen Alkohol vertragen oder c) sich als trockene Säufer erweisen.
Ich hatte mich gut im Griff, lobte sogar unsere Einsatzleitung; nicht übermäßig, weil es sonst aufgefallen wäre, aber zumindest soviel, dass man den guten Willen anerkennen musste.
Seine Kampfansage begann mit den Worten: „Prüft ihr auch mal das Reifenprofil oder macht ihr hier nur auf Moon-Patrol für Minderbemittelte?“
Ed schaute mit derselben stoischen Gelassenheit durch die Frontscheibe wie er es immer tat. Mir wären früher einhundertprozentig die Sicherungen durchgebrannt, ich hätte den Fettsack am Kragen gepackt, ihn gegen einen der Waffenschränke gedrückt und ihm eine Ansage gemacht, etwa im Stil von „Jetzt hör mir mal gut zu, wir riskieren hier Nacht für Nacht unsere Ärsche, damit Flachwichser wie du abends ungestört innerhalb der Zone in ihren Vorgärten sitzen können. Ich finde, du solltest meinem Kumpel Ed und mir ein bisschen mehr Respekt erweisen.“. Jetzt zuckte ich nur mit den Schultern und dachte an den selbstgebrannten Westfälischen, der nach der Schicht auf mich wartete.
Kazmarzinski richtete seinen Arbeitsblouson mit dem Aufnäher auf der Brust, der ihm uneingeschränkte Kontrollrechte gewährte. Das Symbol seiner Macht.
„Schätze, du brauchst mal wieder etwas Tuning für dein versoffenes Oberstübchen, was Becker?“, versuchte er mich weiter zu provozieren. Was ihn abhielt fortzufahren, war ein Stöhnen von Ed, das ich so noch nie zuvor gehört hatte.
Ed hatte die Hände an die Frontscheibe gelegt und starrte auf die Gestalten, die sich im Lichtkegel keine zehn Meter vor dem Unimog in ihrem typischen Zeitlupentempo bewegten. Eds Stöhnen steigerte sich zu einem Brüllen, gleichzeitig begann er gegen die Scheibe zu schlagen.
„Bring die verrottete Sau zum Schweigen, Becker!“, forderte Kazmarzinski mich auf.
Mir blieb keine Gelegenheit zu reagieren. Ed riss mit für seine Verhältnisse Lichtgeschwindigkeit die Fahrertür auf und hielt auf die Gruppe Untoter zu.
Ich sah Ed fast jede Nacht umherwandelnde Leichen erlösen, wie wir es nannten, aber diesmal ging er mit einer Vehemenz und Brutalität vor, die ihres Gleichen suchte, beschränkte sich nicht darauf, Schädel zum Platzen zu bringen. Nur wenige Augenblicke später prasselte alles Mögliche gegen die Frontscheibe unseres Unimogs, rutschte hinab und hinterließ Spuren wie verlaufene Wasserfarbzeichnungen von Kindern.
Reflexartig betätigte ich die Scheibenwischer, deren Enden sich in einigen Darmschlingen verfingen, die vom Dach herabhingen. Durch dieses skurrile Schauspiel hindurch konnte ich beobachten, wie Ed auf die einzige zweifellos ebenfalls Untote zuging, die er verschont hatte.
Was er dann tat, ähnelte am ehesten einem bizarren Balztanz, zumindest aber in keinster Weise dem Verhalten, das ihm als 95/24er über seinen Chip implementiert sein musste. Der Sieg der Emotion über die Technik.
„Die Scheiß-Software muss einen Bug haben. Eliminier ihn, Becker!“, fuhr Kazmarzinski mich von der Seite an.
Einem spontanen Impuls folgend antwortete ich: „Nein.“
„Du weißt, dass ich das melden muss.“
„Fick dich selbst“, gab ich zurück, ohne den Blick von Ed nehmen zu können.
Es fällt mir schwer, es zu beschreiben, aber Eds Handeln, seine Interaktion mit der Untoten erschien mir auf einmal so zielgerichtet und so – ich weiß, es ist ein ungewöhnliches Wort in diesem Kontext – liebevoll, dass es eine Sehnsucht in mir auslöste, von der ich dachte, sie schon lange verloren zu haben, zwischen dem ständigen Umherfahren in Nachtschicht, Alkohol, Schlafen, Langeweile und Dauer-Fernsehberieselung im Wohnheim.
Leben!
„Becker, ich geb dir zehn Sekunden!“, drohte Kazmarzinski.
Statt einer Antwort öffnete ich die Tür und ließ mich vom Beifahrersitz gleiten.
Ed und seine Begleitung kamen mir auf halbem Weg entgegen.
Mit derselben Zärtlichkeit, mit der Ed der Untoten begegnet war, streichelte er über meinen rasierten Schädel, fand die Narbe in meinem Nacken und öffnete sie. Als er mir den Chip hinhielt, der viel kleiner war, als einer der 95/24er, begann ich zu verstehen.
Daher kostete es mich keine Überwindung, Eds Begleitung meinen Arm hinzuhalten und sie zu ermuntern, mir das Virus weiterzugeben.

Wenige Sekunden zuvor wäre mir der Gedanke, Muskelstücke aus Kazmarzinski herauszubeißen, abartig und widerwärtig vorgekommen. Jetzt, nach der erwartet unglaublich kurzen Inkubationszeit, erschien er mir normal.
Cruisen mit Ed hatte plötzlich eine vollkommen neue, lebendige Dimension angenommen.

Version 2

Letzte Aktualisierung: 25.10.2015 - 17.27 Uhr
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