Der Tod aus der Teekiste
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Unterwegs | Oktober 2015
Der Bambi Kill mit Törtchen
von Klaus Freise

Eigentlich war ich mit mir zufrieden. Der Job erledigt. Siebzigtausend Dollar abkassiert, keine Bullen am Arsch und noch dreißig Meilen zur kanadischen Grenze. Alles bestens.
Eigentlich.
Ich sah die Pannenblinker am Straßenrand. Ein alter Ford Mercury. Ich nahm Gas weg. Vor dem Wagen stand eine Frau, die sofort aufgeregt winkte und mir vor den Wagen sprang.
Ich bremste.
Eigentlich hatte ich für sowas jetzt keinen Nerv. Aber sie sah doch ziemlich hilflos aus. Also setzte ich meinen SUV, einem 2,5 Tonnen Lincoln Navigator, zurück und parkte hinter ihr am Randstreifen. Ich war noch nicht ganz aus dem Wagen, als sie loslegte.
„Oh mein Gott, endlich hält jemand. Sie müssen mir helfen, ich habe es gar nicht gesehen und dann hat es geknallt und jetzt ist es nicht richtig tot …“
Während sie einen neuen Weltrekord im Wörteraneinandereihen versuchte, gingen wir zu ihrem Wagen, dabei sah ich sie mir genauer an. Brünette halblange Haare, ein graues Kostüm mit einem engen Rock, der nur kurze Schritte zuließ. Kurzum eine echte Torte, keine Sahne, aber Torte. Vor ihrem Wagen wurde mir alles klar. Ein Rehbock, vielleicht ein Jahr, mit kurzen Hörnern, lag halb unter ihrem Wagen. Die Hinterläufe unnatürlich verrenkt. Als wollte er noch auf seine missliche Lage aufmerksam machen, stieß er ein anklagendes Blöken aus.
„Sehen Sie, es war plötzlich da, wie aus dem Nichts und dann hat es geknallt und jetzt ist es gar nicht richtig tot. Wir müssen es zum Tierarzt bringen. Tun Sie doch etwas.“
Ich sah ihre großen Augen hinter ihrer Sekretärinnen-Spießer-Brille. Rehbraun. So groß wie in diesen japanischen Mangafilmen. Natürlich stand sie unter Schock. Aber bei all der Panik war da etwas an ihr, vielleicht doch Sahnetorte. Der Bock blökte wieder und sie beugte sich nieder. Das Tier starrte uns mit weit aufgerissenen Augen an.
„Glauben Sie, es hat noch eine Chance. Nein? Wir müssen es irgendwie erlösen, oder?“
Sie hielt mir einen Stein hin, ungefähr so groß wie ihre Faust.
Ich schüttelte den Kopf und sagte:
„Treten Sie zurück, Miss und halten Sie sich die Ohren zu.“
Im Mündungsblitz meines fünfundvierziger Colt konnte ich ihr entsetztes Gesicht sehen.
Ich steckte die Waffe wieder weg. Sie sah so hilflos aus, während sie mich anstarrte und nach Worten suchte.
„ Mein Gott, ich fass es nicht. Sie haben es erschossen. Sie haben Bambi ermordet. Sie haben …“
Ich hob die linke Hand, so wie ein Schülerlotse vor den Kindern. Es funktionierte, sie schwieg.
„Ich habe das Tier ja auch nicht angefahren, außerdem ist es ein Bock. Also war ein Bock.“
„Wie?... Was?“ Ihre Unterlippe begann zu zittern. Okay, ich habe keine große Erfahrung mit Schuldzuweisungen bei Frauen.
„Das Tier, Miss. Kein Bambi sondern ein Bock.“
Da gab es kein Halten mehr. Ihre Schultern sackten zusammen und sie schluchzte. Sie stand nur einen Schritt vor mir, die Arme um den Körper geschlungen. Ganz dicht. Dann trat sie vor und ich nahm sie in die Arme, einfach so, ein Reflex. Sie bebte und zitterte. Ihr Atem ging hastig, und ich stand da wie nicht abgeholt.
„Ganz ruhig, Miss. Ich bringe Sie zu meinem Wagen. An Ihrem Mercury läuft Kühlwasser aus, außerdem ist ein Scheinwerfer kaputt.“ Ich ertappte mich dabei, wie ich flüsterte. Ich flüsterte in das kastanienbraune Haar einer Fremden. Dafür gab es bestimmt einen Begriff. „Continental“ war es nicht. Irgendwas mit „Tal“ am Ende.
Sie sah zu mir auf. Große braune Augen, hinter einer Sekretärinnenbrille. Törtchen ohne Sahne. Einfach nur Törtchen.
„Oh, tut mir leid, Sie müssen mich für eine dumme Heulsuse halten. Ich flenne sonst nicht gleich los, aber ich habe einen Scheißtag hinter mir. Erst Ärger im Büro und jetzt der Unfall.“
Sie nahm noch eine Handtasche und ihren Mantel aus dem Wagen. Dann sah sie meinen Lincoln Navigator.
„Oh, ist das Ihr Wagen?“
Hm, es standen nur zwei Wagen am Straßenrand. Ihr zerdepperter Mercury und mein Lincoln.
Vielleicht war sie doch keine Sekretärin oder die Einstellungskriterien hatten sich geändert.
Ich sagte:
„Der vorige Besitzer konnte nichts mehr damit anfangen.“ Sie starrte mich an und fasste meinen Arm.
„Sie sind doch nicht etwa vom FBI? Ich meine, wegen dem schwarzen SUV? Der sieht aus wie ein FBI Wagen aus dem Fernsehen, also Ihr schwarzer Anzug, der Wagen. Fehlt nur noch die Sonnenbrille. Wie bei „Men in Black“, kennen Sie „Men in Black“? Oder sind Sie etwa von den Zeugen Jehovas, ich meine …“
Der Trick mit der erhobenen Hand funktionierte noch einmal. Sie schwieg, kurzfristig.
„Hätten Sie denn Probleme mit dem FBI? Oder einer anderen Behörde?“
Törtchen weitete die Augen noch mehr. Vermutlich haben Frauen um die Augen eine andere Muskulatur oder eine Dehnfuge, keine Ahnung.
„Ich? Wie kommen Sie denn darauf?“
Alles klar, Törtchen. Das „ich“ hatte sie zu lang betont und außerdem wurde sie rot.
Dann hielt ich ihr die Beifahrertür auf. Sie kletterte aufs Trittbrett und rutschte auf den Sitz. Der Rock brachte ihren Po sehr gut zur Geltung. Bevor ich die Tür schloss, hielt sie mir die Hand hin.
„Lucy, nennen Sie mich einfach Lucy.“ Ich nahm die weiche warme Hand und sagte:
„Norman Sykes, angenehm, Lucy.“
Auf dem Weg zur Fahrertür versuchte ich mir in den Hintern zu beißen, es gelang nicht. Ich hatte ihr meinen richtigen Namen gesagt. Einfach so. Bei jeder scheiß Passkontrolle fielen mir hunderte Decknamen ein. Sentimen-Tal, genau. Das war das Wort. Ich wurde sentimental, und die Steigerung war senil. Von jetzt an wollte ich auf der Hut sein. Eigentlich.
Ich wollte während der Fahrt nach Norden nicht schon wieder Handzeichen geben, deshalb ließ ich Lucy-Törtchen plappern. Wenn ich alle Füllwörter und Phrasen wegließ, wusste ich immerhin so viel: Sie war auf der Flucht vor ihrem Mann, hatte Schulden, einen Boss, der sie ins Bett kriegen wollte, und der Wagen war nicht abbezahlt. Ab und zu streute ich belangloses Zeug ein: Ich war Geldeintreiber für ein Syndikat, auf der Flucht mit siebzigtausend Dollar nach Kanada, arbeitete allein, war nie verheiratet, auch nicht schwul und schoss manchmal Leuten ins Knie. Nichts Wichtiges eben.
Vermutlich verströmte sie so ein Molekül, welches bei Männern den Beschützerinstinkt auslöst. Gerade als ich meinen Arm völlig unauffällig hinter ihrer Kopfstütze parken wollte, sah ich die Scheinwerfer hinter uns.
Einen Instinkt hatte ihr Molekül bei mir noch nicht vernebelt. Den Bullen-fahren-zu-dicht-auf-Instinkt. Die Highwaypatrolstreifen fuhren immer dicht auf, um das Kennzeichen zu kontrollieren, dann stellten sie fest, das wir aus einem anderen Bundesstaat waren und …
Im selben Moment ging die Sirene hinter uns an.
Lucy sah mich an. Im Widerschein der roten und blauen Lichtblitze war Törtchen einfach hinreißend.
„Meine Güte, die Polizei. Werden die uns anhalten oder verhaften? Also ich hab nichts getan. Glauben Sie die sperren uns ein? Sind wir zu schnell? Was wollen …“
Mein Handzeichen galt eigentlich dem Bullen im Rückspiegel, aber sie schwieg trotzdem abrupt. Das schönste in ihrem Redeschwall waren Geräusche, wie „uns“ und „wir“.
Ich setzte den Blinker und fuhr auf den Randstreifen. Dann beugte ich mich zu ihr und flüsterte:
„Okay Lucy, egal wie laut es jetzt gleich wird, bleib im Wagen. Hörst du?“ Um meinen Worten Nachdruck zu verleihen, streichelte ich ihre warme Wange.
„Okay.“ Ich war mir ziemlich sicher, dass sie das Wort gehaucht hatte, wie in diesen Schwarzweißfilmen. Ach Törtchen.
Bullen können es nicht leiden, wenn man nicht am Steuer sitzen bleibt, bis sie einen auffordern auszusteigen. Dieser Highwaypatrolbulle machte keine Ausnahme. Er konnte es auch bestimmt nicht leiden, als ich aus dem Wagen sprang und mich mit gezogener Waffe vor ihm aufbaute. Genauso wenig wie die zwei Schüsse auf seine Fahrzeugkamera und den Innenspiegel. Dann riss ich seine Tür auf, zerrte ihn aus dem Wagen und knallte seine Bullenbirne zweimal aufs Wagendach. Danach schoss ich noch aufs Funkgerät und seinen Laptop. Gerade als ich den bewusstlosen Bullen in den Graben schleifen wollte, heulte der Motor meines Lincoln auf. Lucy hatte Angst. Klar, ich hatte wieder rumgeballert und jetzt geriet sie in Panik. Mein Gott, sie war so sensibel.
Ich rannte zur Fahrertür und klopfte mit dem Lauf der Waffe an die Scheibe. Großer Fehler.
Sie gab Gas. Ich stand zu dicht am Wagen und 2,5 Tonnen Lincoln Navigator rollten über meinen linken Fuß.
Ich dachte, ich sterbe. Scheiße tat das weh. Ich sah Funken sprühen und Tränen traten mir in die Augen. Ich war angeschossen worden, sogar von einer 44er Magnum und man hatte mich übel verprügelt, aber nie war mir jemand über die Zehen gefahren. Also hüpfte ich fluchend im Dunkeln auf dem Highway herum. Doch dann sah ich die Bremslichter aufleuchten, Lucy Törtchen hatte angehalten. Sie stürzte aus dem Wagen auf mich zu.
„Oh nein, Norman, ich dachte du wärst der Polizist, ich hatte solche Angst.“ Dann sah sie mich genauer an.
„Weinst du etwa? Oh Norman, dachtest du ich würde dich verlassen? Mein Gott, du bist so süß …“ Im Dunkeln konnte sie mein Handzeichen nicht sehen, deshalb nahm ich ihr liebliches Gesicht in meine Hände und küsste sie auf den Mund. Warme, weiche Lippen. Nach einer Ewigkeit löste sie sich und sagte:
„Bist du verletzt? Hat er dich angeschossen? Komm schnell, wir legen dich auf den Rücksitz.“
Sie bugsierte mich auf die Bank meines Wagens. Ich stöhnte:
„Du musst noch etwas für mich tun. Im Kofferraum liegt im Seitenfach ein Putzlappen. Den nimmst du und wischt im Streifenwagen alles ab, die Türgriffe, das Lenkrad und den Türrahmen. Verstanden, Lucy?“ Dann ließ ich mich auf die Rückbank sinken und hielt den Fuß hoch. Ich hörte wie sie die Heckklappe öffnete.
„Geht es dir gut, Norman?“
„Ja, das wird schon wieder.“
„Prima.“ Dann knallte sie die Klappe zu. Sekunden später hörte ich den Streifenwagen mit quietschenden Reifen nach Süden davon brausen. Ich blickte über die Rückbank.
Der Koffer war weg.
Mein Koffer war weg.
Mein Koffer mit den siebzigtausend war weg.
Lucy, du Teufelstörtchen, du Gangstermuffin, du Donut der Unterwelt.
Na warte, wir sehen uns wieder.
Ganz sicher.

Letzte Aktualisierung: 27.10.2015 - 16.44 Uhr
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