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Hier spukt's | November 2015
Tankwart mit Hund
von Klaus Eylmann

Ein Sturm zieht auf. Henry döst im Schaukelstuhl. Neben ihm liegt Hektor. Der Wind übertönt metallenes Scheppern, das entsteht, wenn ein fahrerloser Wagen an der Zapfsäule andockt, um zu tanken oder Batterien aufzuladen. Von den Traktoren, die Steppengras zu beiden Seiten der Autobahn unterpflügen, weht Staub herüber. Alan Jacksons „Chattahoochee“ geht im Geheule des Windes, im Klappern und Rattern von Reklameschildern, im Brummen der Motoren unter. Henry mag Countrymusik. Da, wo er herkommt, gibt es keine. Muss jemand auf dem Highway tanken, kommt er an Henry nicht vorbei.
So schnell wie es gekommen war, verschwindet das Unwetter. Der Staub bleibt.
Hektor spitzt die Ohren, knurrt. Ein Tankwagen quietscht, zischt und hält an. Henry stemmt sich ächzend aus dem Schaukelstuhl und schlurft auf den Laster zu. Die Kabine ist leer. Henry transferiert Geld, füllt seinen Tank. Das Fahrzeug setzt sich in Bewegung und verschwindet. Henry geht mit Hektor ein paar Schritte auf und ab, lässt sich wieder auf seinen Stuhl fallen und kämpft vergebens gegen den Schlaf an.
„Sir!“ Henry schreckt hoch. Ein Feuerwehrmann und eine andere Person stehen plötzlich vor ihm. „Sir, wir haben das Steppengras zu beiden Seiten der Autobahn und hinter ihrer Tankstelle in einer Breite von einer halben Meile untergepflügt. Sie brauchen sich wegen eines Feuers keine Sorgen mehr zu machen.“ Die beiden wenden sich zum Gehen. „Und Sie können beruhigt weiter schlafen“, sagt einer. Der andere lacht. Henry schließt die Augen. Eine Brise fächelt ihm heiße Luft zu.
Das verblichene Holz des Schuppens hebt sich kaum von der staubigen Landschaft ab. Hinter ihm schlängelt sich eine Straße heran und verschwindet im Nirgendwo. In Central Valley ist es heißer geworden. Vor mehr als zwanzig Jahren hatten sich Farmer gegenseitig das Grundwasser weggebohrt. Dann fielen Bäume um. Mandelbäume, Pfirsichbäume, Apfel- und Birnbäume. Bäume, von denen Walnüsse geerntet wurden, sie alle verdorrten mit dem Gemüse und Salat, für die es kein Wasser mehr gab. Farmer gaben auf und zogen weg. Blühende Landschaften versteppten. Mitten hindurch zieht sich der Highway.
„Huhuuu Henry!“. Eine Frau kommt hinter dem Schuppen hervor. Kompakt, stämmig, mit wettergerötetem Gesicht, leicht hervorstehenden Augen und einem Topf unter dem Arm.
„Eintopf, den isst du doch so gern.“
„Jo“. Henry verzieht sein Gesicht zu einer freundlichen Grimasse. Seine hagere Gestalt wirft einen Schatten, als er sich erhebt und der Frau den Topf abnimmt.
„Danke, Sandy.“ Henry schlurft mit dem Topf in den Schuppen und stellt ihn auf eine Herdplatte. Draußen rückte er einen Stuhl heran.
„Setz dich doch. Ich esse später.“
„Mein Gott, diese Hitze. Wie du das aushältst.“ Die Frau lässt sich schwer atmend auf den Sitz fallen.
„Was ich dich schon immer mal fragen wollte. Wieso sehe ich dich nie am Sonntag in der Kirche?“
Henry sieht sie nur kurz an, lächelt schief, richtet seinen Blick wieder auf den Highway. „Ich kann hier nicht weg.“
Die Frau zieht die Stirn kraus. „Und wo schläfst du? In deinem Schuppen?“ Henry sagt nichts.
Die Frau schüttelt den Kopf. „Dann will ich mal.“ Unbeholfen erhebt sie sich und baut sich vor ihm auf.
„Was ist eigentlich mit dem Nebel da drüben? Wieso geht der nicht weg bei der Hitze?“ Sandy nickt mit dem Kopf in Richtung Highway. Mehr als hundert Meter weit kann man nicht sehen.
Ein Phänomen. Eines Morgens war es da und verzieht sich nicht mehr. Und das bei brütender Hitze. Militär und Wissenschaftler fanden nichts.
Henrys Gesicht erstarrt. „Aliens“, stößt er heraus. „Aliens.“
„Du Scherzkeks.“ Sandy stemmt ihre Hände in die Hüften. „Und nächsten Sonntag will ich dich in der Kirche sehen. Meine Freundin Mrs. Applebee wollte dich auch mal kennen lernen. Die Ärmste. Vor kurzem ist ihr Mann gestorben.“ Sie hält inne. „Wenn du schon nicht zum Gottesdienst kommen willst. Freitags Abends um 7 haben wir Line Dance im Keller der Kirche. Vielleicht interessiert dich das ja.“
Sandy bleibt stehen und wartet auf eine Antwort. Dann geht sie.
Henry steht auf und sieht ihr nach. „Vielen Dank für das Essen“, ruft er ihr hinterher, als sie sich in ihren altersschwachen Buick wirft und davonschaukelt.
Am Horizont taucht ein gleißendes Licht auf, das näher kommt, sich in ein Auto verwandelt, dann in einen Polizeiwagen, der vor Henry hält. Sheriff Jackson, ein dünner, schnurrbärtiger Mann mittleren Alters öffnet das Wagenfenster und ruft: „Hallo Henry. Ist dir was aufgefallen?“
„Nein Sheriff. Alles normal hier.“
„Normal ist gut.“ Der Sheriff setzt die Sonnenbrille ab. „Es ist fast einen Monat her.“ Das Militär hatte an diesem Tag in der Früh ein Objekt auf dem Radar gehabt, das dort niedergekommen sein muss, wo jetzt der Nebel ist. Nur hat die Suche nichts ergeben.
Auf dem Highway flimmert die Luft.
„Halte mich auf dem Laufenden.“ Der Sheriff schließt das Fenster und entfernt sich.
Dunkelheit bricht herein. Henry und Hektor sehen sich an. Hektor läuft um den Schuppen herum, inspiziert die Umgebung, dann überqueren sie den Highway und machen sich auf den Weg zum Nebel, aus dem zwei Schemen auftauchen, die sich zu Henry und Hektor formen und ihnen entgegen kommen.
Vier Stimmen sind zu hören: „Hallo Henry.“ Die beiden gehen an ihnen vorbei auf die Tankstelle zu. Henry und Hektor werden zu Dunst. Der andere Henry lässt sich in den Schaukelstuhl fallen und beobachtet mit seinem Hund die vorbeirasenden Autos.
Version 3

Letzte Aktualisierung: 18.11.2015 - 15.00 Uhr
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