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Hier spukt's | November 2015
Mind-mapping Anna-Lena
von Jochen Ruscheweyh

Endlich war es vorbei.

Ich hatte meine Entscheidung getroffen.
Für Anna-Lena und gegen die Firma.

Gegen die von allem und jedem Besitz ergreifende Institution mit all ihren Normen, informellen Regeln und Codexen.
Gegen 20 Stunden Tage hinter dem Schreibtisch, unzählige Megabites an E-Mails und Kurznachrichten auf Smartphones, Pager und Netbooks, die man am Wochenende mit sich zu führen hatte, während man in Bars und Clubs in Sachen Firmen-PR unterwegs war.

Ich atmete durch.

Die abgashaltige Luft an der Hauptstraße füllte meine Lunge mit Leben.
Leben, das sich dadurch auszeichnete, dass es eben nicht perfekt oder zumindest optimierbar war.

Wie oft war ich auf dem Bürgersteig unter mir gelaufen, mit all seinen Rissen, gebrochenen Kanten und ausgebesserten Stellen, die mir nie aufgefallen waren?

Diese wunderbare Patina des Alltags, die die ganze Stadt überzog, und ihr einen einzigartigen Glanz verlieh, der mit der frühen Vormittagssonne um die Vorherrschaft rang.

Meine Welt würde sich wandeln, entschleunigen, langsamer drehen.
Milchkaffee statt Espresso.
Zeitungen aus Papier statt Newsfeeds.
Und vielleicht auch mal Pfeife statt Zigarette.

Im Nachhinein konnte ich nicht einmal mehr sagen, wie oder wann ich so geworden, warum mir soziale Beziehungen auf einmal lästig und störend und frühere Hobbys zeitverschwendend vorgekommen waren.
Vielleicht kam all das nicht von einem Tag auf den anderen sondern mehr als schleichender Prozess.
Ich wusste es nicht.

Dafür nahm ich die Geräusche der Menschen um mich endlich wieder wahr.
Den klischeebehafteten Obdachlosen, der mich um Kleingeld bat.
Die Frau mit dem Pappschild, die für Jesus und Fruchtbarkeit warb.
Und die verstimmte Gitarre des Straßenmusikers mit den fingerkuppenfreien Handschuhen.

Vielleicht waren sie glücklicher als ich gewesen.
Vielleicht.
Aber wenn, dann war das vor Anna-Lena gewesen.

Ich erkannte sie schon von Weitem, ihre im Wind wehenden Locken nur mäßig durch eine ins Haar gesteckte Sonnenbrille gebändigt, ein luftiges Sommerkleid.

Ungezwungene Tage in der Provence, Sonnenbaden an griechischen Stränden, Bummeln in Brüssel, all das schien mir jetzt ebenso attraktiv wie möglich.

Ein Hauch ihres Duftes wehte zu mir hinüber, als ich mich setzte.
Sie lächelte und streckte ihre Hand nach mir aus.
Ihr Blick sprach es aus, bevor ihr Mund das Wort formte.

„Und ...?“

„Ja“, antwortete ich.
„Also, du hast wirklich ...?“, fragte sie.
Ich nickte und lächelte zurück.
Sie stand auf, kam um den Tisch und küsste mich auf die Stirn. „Das müssen wir feiern. Ich bestelle uns Prosecco.“



„Ich liebe dich, Anna-Lena“, sagte ich und zeichnete mit der Fingerspitze ein Herz auf die beschlagene Flasche.
„Was?“
„Ich liebe dich.“

Anna-Lena begann den Stiel ihres Glases zu drehen.
„Du bringst da etwas durcheinander, Martin“, sagte sie.
In diesem Moment entdeckte ich die Schuppe in ihrem Haar. Eine einzige. So winzig, dass man sie mit bloßem Auge kaum erkennen konnte.
Dann eine zweite.
Vier.
Acht.
Sechzehn.


„Ich habe dir nie etwas vorgespielt. Du weißt, dass ich Headhunterin bin. Ich sehe einen erstklassigen, wenn nicht gar den besten Key Account Manager der Stadt vor mir, dann kommt eine Weile nichts und erst dann sehe ich den Menschen dahinter. Das ist mein Job.“

Jetzt fielen mir ihre trockenen Hände auf. Sie kratzte sich zwischen den Knöcheln. Dann an der Stirn. Im Gegenlicht erkannte ich, wie sich feine Hautpartikel lösten und wie Schnee hinabrieselten.
,Sie löst sich auf’, dachte ich. ,Sie ist nicht wirklich, nie gewesen. Ein Geist, eine unbeständige Erscheinung.’
Mit dem nächsten Blick sah ich durch sie hindurch.
Noch einen später trug sie bereits der Wind weg.

Version 1

Letzte Aktualisierung: 17.11.2015 - 16.55 Uhr
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