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Hier spukt's | November 2015
Der ausgestoßene Seufzer
von Werner Wanitschek

Er war vertrieben, heimatlos, fast homosexuell, asozial zumindest ‚Äď ein armer Ausgesto√üener. Wie aber kam er dazu, auch noch zu allem Elend zu seufzen und nichts als zu seufzen? Bestand er wirklich nur aus sich selbst oder die M√∂glichkeit, auch aus etwas anderem? Hier Licht ins Detail zu bringen, sind wir da. Nicht wahr? Sehen Sie. Sie k√∂nnen ganz sch√∂n von Gl√ľck reden; da√ü Sie so einsichtsvoll sind, haben Sie mir zu verdanken, ich habe auch einen ganzen Werkzeugkasten von triftigen bis schwachen Argumenten umh√§ngen.
Ich hoffe, ich habe Sie nicht nur √ľberzeugt, sondern Sie glauben mir auch. Glauben mu√ü sein; wenn das Argument das Samenkorn ist, so ist die √úberzeugung der Keim, der Glaube die Bl√ľte, die dann, d.h., der die entsprechenden Fr√ľchte tr√§gt. Nicht wahr, so ist es doch, oder sind Sie Atheist? Dann kann ich Ihnen nur raten, mir das nicht zu verraten. Ich bringe Meuten von Gl√§ubigen und Dem√ľtigen gegen Sie auf!
Der Seufzer also, ausgesto√üen, kam sich auch so vor, in welcher Vorstellung er sich auch nicht irrte ‚Äď einmal wenigstens Recht in seinem Hauch von Leben, ist das nichts, liebe Gemeinde? Wer von uns, nicht wahr? Ich sage nur: habt Acht, was Sie bitte nicht mit der Uhrzeit √§hnlichen Namens in Verwechslung bringen wollen, nein, da sei doch das gewisse Etwas vor!
Der Seufzer, der offenbar nur aus sich selbst zu bestehen schien, war ausgehaucht, er war von kurzer Dauer, aber wahrhaft, tief, so tief, da√ü er sich gar nicht denken konnte, denn seine Gedanken kamen gar nicht wieder hoch, er war ein wahres Monstrum von einem Brunnen. Doch es gibt ihn immerhin nicht mehr; das ist das eigentlich Bemerkenswerte an ihm, da√ü er trotz seiner schillernden Qualit√§ten so singend-klingend spurlos verschwand. Wie fehlt er uns jetzt, jetzt, wo wir ihn vergessen haben ‚Äď denn, liebe Leute, was fehlt uns denn in Wirklichkeit, wenn nicht das, was in Wirklichkeit nicht ist. Nicht wahr!
Und dieser Seufzer, der uns da wieder mal allein gelassen hat mit unseren Ersatzw√ľnschen, wurde von uns selbst ausgesto√üen. Wie konnte das geschehen? Ich wei√ü es wirklich nicht. Bis zur Urzeugung sind meine Recherchen noch nicht vorgedrungen, ich habe mich lieber ans mythische Ende dieser Geschichte gemacht. Zwar steht das Mythische am Anfang unserer Geschichte, doch die Heutzeit liebt die Damalszeit, so da√ü sie sich nur noch an ihr g√ľtlich tut und den Anfang aller Geschichte ans Ende setzt. Der Anfang ist ja nur das eine Ende einer Geschichte, die ja immer zwei hat: das Ende am Anfang und das Ende am Schlu√ü. Eine Geschichte ist also ein echter Zweiender, und in der Mitte steht das Ende der H√§lfte, und da es zwei H√§lften sind, gibt es in der Mitte der Geschichte noch mal zwei Enden. Doch diese sind symbolisch zu nehmen. Man k√∂nnte ja sonst von Anfang zu Mitte und von Mitte zu Schlu√ü noch mal teilen. Wir k√§men dann in den mathematischen Aberglauben hinein. Da sei das Symbol vor! Dieses steht eben so recht in der Mitte zwischen Fakt und Aberglaube, das eine gegen das andere abschirmend ‚Äď entstanden aus einer Mittelteilung.
Wenn ich nun also diese Seufzergeschichte an ihrem mythischen Ende aufrolle, so will ich mich nicht als fliegender Teppichh√§ndler √† la Salami und die Wanderklampfe bei Ihnen vorstellen, sondern ich versuche die Geschichte von hinten ‚Äď also von vorne ‚Äď aufzuz√§umen, denn was hinter uns liegt, ist ja der Anfang, also vorne.
Den Seufzer in seiner mythischen Dimension erfassen hei√üt nicht, auf Fakten und Tatsachen verzichten. Im Gegenteil, wir verzichten gar nicht darauf. So, nun wissen Sie‚Äôs! Sie d√ľrfen n√§mlich nicht glauben, wir seien von gestern oder vom Mond, bzw. noch weiter hinten, nein, wir leben im Hier und Heute, wie Du und Ich, Dick und Doof, wie √úber-Ich und Es, einfach: wir leben wie der Mann von der Stra√üe, blo√ü, da√ü wir von unsern Argumenten und Geschichtenaufrollen leben.
Wir haben ja auch schon genug Fakten fallengelassen bez√ľglich des Seufzers, wir waren die ersten neben der Bild-Zeitung, die darauf hinwiesen, da√ü der Seufzer ausgesto√üen war. Wir f√ľgen hinzu, da√ü er sich im Akte des Ausgesto√üenwerdens, das ja eben ein existentiell-akutes Ausgesto√üensein bedeutete, manifestierte, verwirklichte ‚Äď er realisierte sich und seine Pl√§ne in einem Nu, und tragischerweise ging diese Selbstverwirklichung einher mit der Zerst√∂rung aller seiner Pl√§ne, n√§mlich von sich selbst ‚Äď wer h√§tte dem Seufzer soviel Selbstzerst√∂rungstrieb zugetraut? Aber er war ja ein Ausgesto√üener, ein Desperado also, vielleicht von allen versto√üen. Wer, so frage ich, von uns hielte das auf die Dauer aus? K√∂nnen wir hier nicht den Seufzer verstehen? Wo w√§ren wir, w√ľrde man uns von heute auf morgen aussto√üen ‚Äď w√ľrden wir in solch einem Moment nicht geradezu w√ľnschen, uns in die momentange Existenz eines Seufzers verwandeln zu k√∂nnen? O ja, ich kenne euch, auch ihr seid kleine Brutusse!
Dies also zu den Fakten, deren Realit√§t halt nun hart ist. Nun ‚Äď da wir wie gesagt √ľber die weitere Motivation der Urzeugung nichts auszusagen verm√∂gen ‚Äď denn mit Psychologie oder gar Theologie befassen wir uns nicht ‚Äď, wenden wir uns eben dem Mythos vom Seufzer zu.
Der Mythos vom Seufzer, meine Damen und Herren, entstand um die Jahrhundertwende ‚Äď warum gerade damals? Fragen Sie mich nicht, meine Damen und Herren, wir sind keine Soziologen, wir beschr√§nken uns. Was besagt nun also der Mythos vom Seufzer? Der Seufzer soll nach ersten urkundlich belegten Notizen zum ersten Mal im Stadtzentrum aufgetaucht sein, wo er mit seinem Geseufze den Passanten in der grauen Fu√üg√§ngerzone auf die Nerven fiel. (Die alten Seufzer hatten eine offenbar √ľber unsere Vorstellung gehende Lebensdauer.) Zur Rede gestellt antwortete jener Seufzer, ihm sei nicht zu helfen, worauf sich manche mitleidige Hand r√ľhrte, um ihm das Gegenteil zu beweisen. Doch jener Seufzer mu√ü ausgesprochen uneinsichtig gewesen sein ‚Äď damals, wir wissen aus anderen Mythen und Berichten, da√ü er sch auch von einer anderen Seite zeigen konnte, vorausgesetzt, jener und dieser Seufzer sind identisch, was sehr nahe liegt, denn er tauchte z.B. nie an zwei Orten zu gleicher Zeit auf, was auf eine einzelne Seufzerfigur schlie√üen l√§√üt ‚Äď jener Originalseufzer war also recht uneinsichtig, lie√ü sich nicht helfen, gab vor, ein Versto√üener zu sein, was erstaunte, denn Seufzer pflegen sonst nur Ausgesto√üene zu sein, wobei hier nat√ľrlich nur sehr relativ ist. Ja also dieser Urseufzer lie√ü sich nicht helfen, blieb wandlungsunf√§hig, statisch, r√ľckst√§ndig.
Ganz anders dagegen ein sp√§terer Typ, der sicher derselbe war, aber doch im Wandel der Zeiten einiges gelernt, eingesehen zu haben schien. Dieser gab sich leutselig, seufzte nur mittelm√§√üig und nicht zu oft, war hilfsbereit, beklagte nicht st√§ndig sein Los, ging zum Psychiater und in die Kirche, verschm√§hte Marx nicht, ja, er hatte sogar Kapital, gr√ľndete eine Art Weberei, wurde kapitalistischer Ausbeuter, denn er war ein sehr gelehriger Sch√ľler von Marx, zugleich blieb er aber an theologischen Fragen interessiert, stiftete Armenh√§user f√ľr die Ausgebeuteten und hielt seinem Psychiater die Stange, was man halt so Nibelungentreue nennt.
Dieser Seufzer benahm sich gar nicht wie ein Ausgesto√üener, obwohl er es doch irgendwann einmal in grauer Vorzeit gewesen sein mu√üte. Konnte man sein Wesen innerhalb so kurzer Zeit so total auf den Kopf stellen? Hatte das der Psychiater vollbracht? Fragen √ľber Fragen, die zum Mythos werden, so klar liegen sie auf der Hand.
Diese zwei Hauptstorys von Seufzern gibt es nun, fragt sich, wieviel Seufzer es wohl geben mag. Gibt es wirklich nur einen ‚Äď oder eine ganze Milliarde? Niemand wei√ü es, und wir f√ľhren keine Statistiken. Seufzer sind eben der Stoff, aus dem unsere Tr√§ume sind, und bis in die Traumdeutung wollen wir uns nicht vorwagen, wir verl√∂ren hier an Faktizit√§t, was wir an Traummaterie gew√∂nnen.
Ich wei√ü, meine Damen und Herren, wir konnten hier die ganze Seufzerproblematik nur anrei√üen, Denkanst√∂√üe zum Weitertr√§umen geben, zu Tr√§umen, die uns endlich Aufschlu√ü √ľber Existenz, Wesen und Anzahl der Seufzer geben k√∂nnen.
Daher w√ľnsche ich Ihnen im Namen unserer Gesellschaft, tr√§umen Sie s√ľ√ü, meine Damen und Herren!

Werner Wanitschek

Letzte Aktualisierung: 01.11.2015 - 23.19 Uhr
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