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Hier spukt's | November 2015
Corbeau - Der Rabe, der wiederkehrte
von Kevin N. Hoffmann

Eine klassische Spukgeschichte, gruselig oder nicht, findet meist in der Nacht statt: doch weshalb?
K├Ânnten wortgewandte Autoren und Gruselfanatiker nicht eine Geschichte schreiben, in der ein Geist des Tages durch ein verlassenes Geb├Ąude streift und die Leute zu Tode ver├Ąngstigt? Eine Spukgeschichte, die am Tage stattfindet, verliert genau den Inhalt, der uns Menschen erschaudern l├Ąsst: die Ungewissheit.
Denn: welcher Mensch ├Ąngstigt sich vor seinem n├Ąchsten Schritt, wenn er doch vor sich den Weg genau erkennen kann? Niemand w├╝rde z├Âgern, ├╝ber die schwarzen Fliesen zu gehen, denn sie w├Ąren im Schein des hellen Tageslichtes doch gut erkennbar.
Des Nachts jedoch, wenn der silbrige Mond nur sp├Ąrlich durch das graue Wolkenmeer hervorlugt und der Boden vor uns zum ungewissen Nichts wird, sollte man vorsichtig und bedacht jeden Schritt vor den anderen setzen! Niemand sieht, ob sich nicht ein gro├čes Loch auftut und man k├Ânnte ebenso wenig sehen, wohin der Weg f├╝hren w├╝rdeÔÇŽ
Und genau diese Ungewissheit tat sich auch Eric Steiner auf, er hatte am Tag zuvor einen braunen Umschlag auf seinem Schreibtisch vorgefunden.
Beim ├ľffnen flog ihm ein Wust an Bl├Ąttern entgegen. Es handelte sich um fr├╝here Familienfotos, auf denen er, seine Eltern und seine Schwester zu sehen waren. Mit einem m├╝den L├Ącheln legte er die Fotografien beiseite und widmete sich einem zusammengefalteten Brief. Ein silberner Schl├╝ssel rutschte heraus und landete mit einem leisen Klirren auf dem Mahagoni.
Als er sich mit halbem Interesse dem Brief angen├Ąhert hatte, packte ihn urpl├Âtzlich ein ungutes Gef├╝hl und er warf den Brief weit von sich. Sein Gesicht war blass geworden. Dieser Brief konnte unm├Âglich echt sein! Aber diese Handschrift, er kannte sie gut genug; sie geh├Ârte seiner Mutter.
Vom ersten Schreck halbwegs erholt, machte er einen Satz nach vorne, griff nach dem Papier und begann zu lesen. Sie bat ihn, morgen nach Hause zu kommen, denn sie hatten eine ├ťberraschung f├╝r ihn geplant, die ihm sicherlich gut gefallen w├╝rde.
┬╗Unm├Âglich!┬ź, wisperte Eric und sch├╝ttelte den Kopf. ┬╗Du bist tot!┬ź Diese Worte hallten eine Ewigkeit als k├Ârperloses Echo im Raum umher und verunsicherten den Dreiundzwanzigj├Ąhrigen zutiefst. War dies alles blo├č ein Scherz, den man sich mit ihm erlaubte? Doch woher hatte ein unbekannter Narr den Schl├╝ssel f├╝r das alte Reihenhaus seiner Eltern?
F├╝rs erste setzte er sich an seinen Arbeitstisch und gr├╝belte ├╝ber die mysteri├Âsen Zeilen. Nach einer Weile riss er sich aus seiner Gr├╝belei und beschloss, den morgigen Tag zu nutzen, um herauszufinden, was dort vor sich ging. Seiner Frau erz├Ąhlte er nichts ├╝ber sein Vorhaben und stahl sich in den fr├╝hen Morgenstunden aus dem Haus.
Er startete den Motor und begann seine ungewisse Fahrt mit gemischten Gef├╝hlen.
Die Stadt n├Ąherte sich rasch, die Nervosit├Ąt in Eric wurde st├Ąrker. Seine Stimmung ver├Ąnderte sich nochmals rapide, als er das Ortsschild des Ortes erblickte, in dem seine Eltern und er vor langer Zeit mitsamt seiner Schwester gewohnt hatten. Als er dreizehn Jahre alt war hatten seine Eltern mit seiner Schwester jedoch einen schweren Autounfall und alle drei kamen dabei ums Leben. Einzig er hatte ├╝berlebt, da er zu jener Zeit in einem Ferieninternat war.
Ein dichter Nebel begann das Auto zu umh├╝llen, die Stra├čenlaternen gaben ihr mattes, fahles Licht von sich und verliehen dem Nebel etwas Magisches. Kein Auto r├╝hrte sich auf den Stra├čen und so fuhr er nach kurzer Zeit auf einen Parkplatz, nicht weit von seinem ehemaligen zu Hause entfernt.
Mit weichen Knien stieg Eric aus und n├Ąherte sich mit gewagtem Schritt dem ehemaligen Haus seiner Eltern. Der Komplex bestand aus drei H├Ąusern. Das Haus zur linken seiner Eltern schien verlassen. Das mittlere strahlte eine fast schon greifbare Atmosph├Ąre des Unbehagens aus, die ihn vor Ehrfurcht und Angst erschaudern lie├č. Einzig das rechte Haus wirkte bewohnt und als er sich nach kurzem Z├Âgern aufraffte, erschien eine kleine dicke Frau am Toreingang. Sie hinkte auf ihn zu und musterte ihn mit ihren w├Ąssrigen alten Augen.
┬╗Du bist tats├Ąchlich gekommen┬ź, sagte sie mit hei├čerem R├Âcheln, ┬╗doch ich warne dich, gehst du dort hinein, wirst du als ein anderer wieder herauskommen. Merke dir meine Worte! Ich rate Dir auf dem Absatz umzukehren! Diese B├╝rde wird dich dein Lebtag lang verfolgen.┬ź Damit verschwand sie zur├╝ck in ihr Haus, noch bevor Eric etwas erwidern konnte. Vage erinnerte er sich an seinen Vater, der ihn vor der verr├╝ckten Alten gewarnt hatte. Ihre Worte prallten an ihm ab, wie Regen an einer Scheibe.
Wind setzte ein; schnell lief er zu dem silbernen Tor hin├╝ber, stie├č es auf und zog den Schl├╝ssel hervor. Mit zittrigen, unsicheren H├Ąnden drehte er den Schl├╝ssel und stie├č die T├╝r auf.
Er trat ein. Mit einem lauten Krachen schlug die T├╝r hinter ihm zu. Eric war in vollkommene Dunkelheit getaucht und f├╝r einige Momente wagte er es nicht einmal Finger und Zehen zu bewegen. Diese undurchdringbare Schw├Ąrze schlich sich, ohne dass er es bemerkte, n├Ąher an ihn heran, schl├Ąngelte sich um seinen K├Ârper und wurde von seiner Haut gierig aufgesogen. Sie schob sich weiter in seine Blutbahnen und als sie sein Herz erreicht hatte, begann es vor Angst sp├╝rbar lauter und kr├Ąftiger zu schlagen. Als Reaktion auf seinen heftigen und schmerzhaften Herzschlag erh├Âhte sich sein Drang nach Luft und seine Lungenfl├╝gel weiteten sich schmerzhaft.
Er zog sein Handy hervor und schaltete die Taschenlampe ein. Das grelle Licht gab Eric freie Sicht auf den Flur. Er dr├╝ckte die Lichtschalter, doch das Licht ├╝ber ihm blieb ihm verwehrt. Des ├ľfteren rief er nach seiner Mutter und seinem Vater; die Antwort darauf war jedes Mal eine eigent├╝mliche, gespenstische Stille, die, umso l├Ąnger er sie ertragen musste, seine Angst und Panik erh├Âhte.
Einmal, er war sich dessen nicht ganz sicher, vermeinte er einen Schatten an der K├╝chent├╝re ausgemacht zu haben. Als er jedoch das Licht auf die T├╝r richtete, war davon nichts mehr zu sehen. Er wandte sich wieder dem altmodischen Wohnzimmer zu und schreckte panisch zur├╝ck: eine blasse Kinderhand ragte hinter dem Sofa hervor! Hastig umrundete er das Sofa, um sich Gewissheit zu verschaffen ÔÇô es lag jedoch nichts hinter dem Sofa, auch nicht die Hand, derer er sich so sicher war. Ein Rascheln ert├Ânte hinter ihm und als er sich umwandte sah er gerade noch, wie sich die K├╝chent├╝r einen Spalt ├Âffnete. Paralysiert stand er im Wohnzimmer, ein Schrei auf den Lippen. Die gesamte K├╝chent├╝r war von frischem Blut bedeckt und dahinter, da war er sich ganz sicher, konnte er das leichenblasse Gesicht seiner Mutter auf dem Fu├čboden erkennen. Panisch lief er darauf zu, die blutende Wunde auf dem Kopf seiner eigenen Mutter im Blick. Er riss die T├╝re auf und fand sich in einer menschenleeren K├╝che vor. Weder eine Leiche, noch das Blut waren zu sehen. Verdattert wich er zur├╝ck, prallte gegen den T├╝rpfosten und rutschte daran herab. Drehte er durch oder spukte es hier etwa?
Zeit verstrich und schlie├člich erhob er sich benommen, kehrte der K├╝che und dem Wohnzimmer den R├╝cken und wollte schon auf die Haust├╝re zugehen, als sich eine schwarze Silhouette vor ihm auft├╝rmte. Sie schien aus keinerlei Materie zu bestehen. Noch w├Ąhrend ihm ein kalter Schauer den R├╝cken hinab kroch, machte er kehrt und st├╝rmte die alte, knarrende Holztreppe empor. Geschockt stierte er auf halber H├Âhe in das blutige Gesicht seines Vaters, welches ihn aus verst├Ąndnislosen, kalten Augen anstarrte. Er schrie auf, sprang ├╝ber ihn hinweg und prallte gegen eine verschlossene T├╝re. Diese sprang auf und er donnerte auf den Fu├čboden. Er rappelte sich auf und starrte v├Âllig aufgel├Âst in sein eigenes Gesicht ÔÇô zehn Jahre zuvor. Der Junge vor ihm legte einen Finger an seine Lippen und hob eine lose Holzdiele empor. Daraufhin verschwand er und lie├č den erwachsenen Eric alleine zur├╝ck.
Mit bebendem K├Ârper kroch er zu der losen Diele hin├╝ber und hob diese an. Darunter befanden sich drei verknitterte und vergilbte Schriftst├╝cke, die er einst aus dem B├╝ro seines Vaters geklaut hatte. Das eine war eine Adoptionsurkunde eines Jungen namens Leo Corbeau, welcher zuk├╝nftig auf den Namen Eric Steiner h├Âren w├╝rde. Das Zweite war ein Entlassungsschreiben aus einer Nervenheilanstalt f├╝r Kinder und das letzte war die zweite Seite eines Briefes, in der seine Mutter ihre Vorfreude auf sein Kommen verk├╝ndete. Der unvollst├Ąndige Brief war zehn Jahre zuvor geschrieben worden und war die zweite Seite des Briefes, den Eric tags zuvor aus dem braunen Umschlag gezogen hatte.
Wie konnte das sein? Was ging hier vor? Ein Schwindel ├╝berkam Eric und er presste seine H├Ąnde an den schmerzenden Kopf. Ein verschwommenes Bild und rasende Wut stiegen in ihm auf. Vor seinem geistigen Auge konnte er eine silberne Klinge erkennen, gef├╝hrt von einer Kinderhand. Sein Adoptivvater trat gerade aus dem Badezimmer, da schnellte die Hand vor und der Vater brach blutend zu Boden. Die Treppe langsam herabsteigend verschwand der Messertr├Ąger in die K├╝che, stie├č das Messer in den R├╝cken der Mutter und schnitt der Schwester im Wohnzimmer die Kehle durch. Ein Spiegel blitzte auf und er konnte deutlich das von Blut bespritzte Gesicht erkennen: er selbst war es gewesen!
Er hatte vor all diesen Jahren seine Adoptionsfamilie umgebracht ÔÇô er konnte die Wahrheit ├╝ber seine Adoption nicht verkraften. Der damals von der Polizei gesuchte T├Ąter konnte also gar nicht existieren! Er war danach zu einer Gastfamilie gekommen, die ihn liebevoll aufzog und ihm einredete, seine Eltern w├Ąren bei einem Unfall gestorben. Vage blitzten Erinnerungen auf, wie ihm damals seine Gastmutter einen braunen Umschlag mitgegeben hatte, als er ausgezogen war.
Noch in derselben Nacht verlie├č Eric Steiner das Haus. Ein einzelner Rabe kreiste dar├╝ber und er wusste, er w├╝rde dieses f├╝rchterliche Geheimnis bis ins Grab nehmen. Einen Spuk hatte es freilich nicht gegeben, einzig ein Streich des Unterbewusstseins, welches sein Geheimnis endlich offenbaren wollte.

Letzte Aktualisierung: 26.11.2015 - 18.57 Uhr
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