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Hier spukt's | November 2015

Auf dem Abstellgleis
von Barbara Hennermann

Hector hockte im Kassenhäuschen und stierte mit stumpfem Blick vor sich hin.
Wie lange ging das nun eigentlich schon so dahin? Monate? Jahre?
Er hatte den Ãœberblick verloren.
„Machen Sie ein Fahrgeschäft auf“, hatte man ihm damals geraten. „Unterhalten wollen die Leute sich immer, da sitzt auch das Geld locker.“
Also hatte er in seinem Freundes- und Bekanntenkreis herumgefragt, wer ihn bei diesem Projekt unterstützen wolle. Die waren gleich Feuer und Flamme gewesen, denn die meisten von ihnen schwelgten hauptsächlich in Langeweile und die Aussicht auf ein bisschen Abwechslung, sogar mit einem Honorar verbunden, war ihnen Ansporn genug.

Hector schreckte hoch. Ein junges Pärchen stand schwatzend und kichernd auf der anderen Seite der trüben Glasscheibe. „Zweimal, bitte“, forderte der junge Mann und legte das Eintrittsgeld auf den Tresen. Hector schob ihm die Billetts hinüber und drückte auf einen Knopf. Hoffentlich hörte Eduardo hinter dem Vorhang die Glocke und stellte den Strom an! Es kam inzwischen so selten vor, dass jemand eine Karte kaufte, dass sie die Maschine nur nach Bedarf laufen ließen.
Doch ja, es begann zu rattern und begleitet von einem langgezogenen Heulen erschien die erste Doppelbank. Die junge Frau schmiegte sich an ihren Begleiter und zwitscherte, Ängstlichkeit vortäuschend: „Schatzi, beschützt du mich auch wirklich vor den Ungeheuern?“ Lachend legte er den Arm um sie und zwängte sich mit ihr auf die Bank, die sich rumpelnd wieder in Bewegung setzte und auf der Gegenseite hinter einer Klapptür in der Dunkelheit verschwand. Weitere zehn unbesetzte Bänke rumpelten hinterher ...
Durch die Bestromung war auch in die Leuchtschrift über dem Fahrgeschäft Leben gekommen. „G.isterb.hn“ strahlte sie in den Nachthimmel, denn leider waren das e und das a bereits seit längerem ausgefallen. Allerdings fiel das in Folge eines Wackelkontaktes, der auch die restlichen Buchstaben unkontrolliert flackern ließ, nicht besonders auf. Seit Ernstl* vor einigen Jahren einen neuen Job als Hausmeister auf einem gräflichen Gut gefunden hatte, blieben derartige Mängel unbehoben.
Aus den Tiefen der Geisterbahn drang jetzt ein schauriges, lang gezogenes Stöhnen, das in einem lauten Gepolter endete. Hector musste grinsen. „Eduardo beherrscht sein Geschäft noch ganz gut ...“ Sicher hatte der eben seinen Kopf wie eine Boule Kugel neben die besetzte Doppelbank gerollt. Der spitze Schrei, den er dann hörte, musste von der jungen Frau stammen. Ah ja – das Gefährt war wohl nun bei Camilla angelangt, die ihre acht schwarzen, behaarten Spinnenbeine über den Köpfen der Gäste platzierte und dabei unangenehme Zischlaute von sich gab.
Ja, sie verstanden ihr Geschäft, zweifellos. Jeder gab sich Mühe und machte seinen Job, so gut er nur eben konnte.
Sie heulten, polterten, zischten, bellten und krähten, versprühten Funken und verteilten klebrige Spinnennetze über die Köpfe der Gruselsuchenden.
Aber – und das war das Problem – sie waren nicht mehr zeitgemäß.
Hector seufzte.
Eben kam die Bank mit dem Pärchen durch das Auslasstor gerauscht und stoppte vor seinem Kassenhäuschen. Die junge Frau wischte sich angewidert ein paar wenige Spinnweben von der Bluse, ihr Partner brummte in Richtung Hector: „Das wundert mich nicht, dass bei euch nix los ist. Das ist doch keine Geisterbahn, das ist mittelalterliche Kinderbelustigung!“ Hector sah, wie sie in Richtung des siebenfachen Looping davon strebten.
Er seufzte abermals. Ja, genau das war es. Die Leute wollten Nervenkitzel. Sie wollten echte Angst spüren. Am Abgrund vorbeischrammen. Gerade so noch einmal davongekommen sein ...

Die Zeit ließ sich nicht zurückdrehen.
Ein Entschluss musste gefasst werden.
Und es hatte keinen Zweck, ihn noch länger hinauszuschieben.

„Eduardo, stell den Strom ab! Und dann kommt bitte alle zu mir!“
„G.isterb...“ „G.ist......“ „...........“
Es herrschte Dunkelheit.

Das leise, vielfache Tappen gehörte zu Camilla, die als Riesenspinne über Jahrzehnte bravouröse Erfolge gefeiert hatte, welche sogar in diversen vergilbten Zeitungsartikeln an der Wand des Kassenhäuschens nachzuverfolgen waren. Knapp hinter ihr schlurfte Eduardo, der „Mann ohne Kopf“: „Verdammt, Hector, was soll der Mist? Mein Kopf muss da noch irgendwo drin liegen, konnte den in der Dunkelheit nicht mehr finden!“ „Moment, Eduardo, bring ich dir mit!“ Zerbi, der dreibeinige Höllenhund, versuchte das gute Stück möglichst sanft zwischen den triefenden Lefzen zu balancieren und legte es vor dem Kumpel ab. Unter brausendem Flügelrauschen schwebte Gallo, der Riesenhahn, aus den Kulissen und krähte zur Freude aller Beteiligten ein blechernes Kikeriki. „Hat jemand Luise gesehen?“ fragte Hector. Da trat sie schon durch den Vorhang, wie immer unbeschreiblich schön in ihrer Blässe mit den blutverschmierten Wangen und dem langen, zotteligen Blondhaar. Der Abendwind fächerte ihr weißes Chiffonkleid um ihre schlanke Gestalt.
Hector erhob sich in seinem Kassenhäuschen und schob seinen Buckel zurecht. Der verrutschte leicht beim Sitzen ... Sein liebevoller Blick schweifte über die Truppe.
„Meine Lieben, versteht das hier jetzt als eine Betriebsversammlung!“ Die Belegschaft sah ihn verdattert an. „Ja, meine Lieben, die Zeit ist gekommen, unseren Betrieb einzustellen.“ Eduardo setzte seinen Kopf auf den Rumpf und rülpste ärgerlich. „Sind wir vielleicht nicht mehr gut genug für dich, he?“ Hector hob beschwichtigend die Hand. „Nein, mein Guter, mit mir hat das nichts zu tun. Es ist die Zeit, das Publikum, das sich geändert hat.“ Gallo schlug heftig mit den Flügeln. „Versteh ich nicht, Rummelplatz ist Rummelplatz, oder?“ „Sicher, sicher“, erwiderte Hector. „Doch die Leute wollen keine gediegene Handwerksarbeit mehr, wie wir sie machen. Die Leute wollen Technik, Mechanik, Geschwindigkeit, Rausch – wir Gespenster bringen die nicht mehr zum Gruseln. Uns fehlt der Nervenkitzel, der heutzutage verlangt wird. Außerdem, und das wisst ihr selbst ja auch ...“, er machte eine bedeutungsvolle Pause, „sind wir seit langem notorisch unterbesetzt und kriegen einfach keinen Nachwuchs mehr bei.“ Luise stieß einen tiefen Seufzer aus und sank zu Boden, langsam, unbeschreiblich schön und genau auf Zerbi, der sie weich abfederte. Dumpf fragte der unter seiner süßen Last hervor: „Ja, und was stellst du dir jetzt vor?“
Hector schluckte. Nun musste sie heraus, die bittere Wahrheit!
„Wir werden unser Etablissement auflösen müssen, uns neue Arbeitsstellen suchen. Ja, wir werden uns trennen müssen ...“

Vier Wochen später.
Nachricht im Tagesanzeiger der Stadt Bad Pusselsheim im Odenwald.
„Im Jobcenter Rastlos wurden gestern drei dubiose Gestalten, ein verwilderter Hund, eine Riesenspinne sowie ein offensichtlich genmanipulierter Hahn in polizeilichen Gewahrsam genommen. Auf unerklärliche Weise verschwanden alle Inhaftierten noch während der Nacht aus dem gut gesicherten Polizeigebäude. Die Bevölkerung wird gebeten, bei Sichtung dieser Personen Meldung an die zuständige Behörde zu machen.“



*Ernst August von Pappenheim, 1726 -1779, war als „Kettenrassler“ tätig gewesen, was heißt, dass er am Fuß eine Eisenkette mit anhaftender Kugel mit sich schleppte. Zudem schmückte ihn ein fest verschlossener Kragen aus stabilem Eichenholz, in welchem auch seine linke Hand verankert war. Erosion ließ Ketten und Kragen dahinschwinden, so dass Ernstl, wie ihn die Gefährten liebevoll nannten, seinem Job nicht mehr gerecht werden konnte und eine neue Stelle annahm. Freundlicherweise hatte er bis dato auch die Elektroarbeiten am Fahrgeschäft durchgeführt, da er auf Grund seiner Ausrüstung zum Überprüfen ihrer Funktionalität prädestiniert war.

hb 11/2015 V2

Letzte Aktualisierung: 14.11.2015 - 09.21 Uhr
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