Unsere Literaturzeitschrift Schreib-Lust Print bietet die neun besten Geschichten eines jeden Quartals aus unserem Mitmachprojekt. Dazu Kolumnen, Infos, Reportagen und ...
âEy Mama! Couchsurfing? Ganz alleine? Und was sagt Papa dazu? Und was ist mit Daniel? Soll ICH etwa fĂŒr ihn kochen, wenn er aus der Schule kommt und Hausaufgaben mit ihm machen?â
Meine SiebzehnjĂ€hrige schĂŒttelt ihre MĂ€hne kraftvoll von links nach rechts und kreischt: âNever! Never! Never!â
Ihr Bruder, der die zweite Klasse besucht, fragt, ob ihre âExtĂ€nschensâ nun abfallen.
âWarum sollen die denn abfallen?â, fragt Lena patzig und stellt das Werk ihrer Friseuse abermals auf eine harte Probe. Die Haare fliegen ihr nur so um die Ohren.
Daniel stochert in seinen Spaghettis herum. âWeil du deinen Kopf so wild hin und her schmeiĂt.â
âSiehste!â Sie zeigt auf ihn. âSolche krassen Kiddyassibemerkungen sind mit ein Grund dafĂŒr, dass ich nicht seine Ersatzmutti sein werde, nur weil du auf dem Ego-Trip bist! Never! Never!â Sie schaufelt sich die zweite Kelle TomatensoĂe auf die Nudeln und schlĂŒrft sie in sich hinein. âKeine Ahnung, warum man sich ein zweites Kind anschaffen muss, wenn das erste bereits zehn ist. Noch nie was von VerhĂŒtung gehört?â
âMama? Meint sie mich? Und darf Lena schmatzen?â
Ich zwinkere unserem Sohn zu und signalisiere mit dem Zeigefinger auf meinen Mund, dass er still sein soll und schaue zu meinem Mann hinĂŒber, der sich hinter der Tageszeitung vergraben hat.
Na klar, habe ich inzwischen einen Puls von zweihundert, aber ich lasse mir das nicht anmerken, schlieĂlich ist meine Reisetasche bereits gepackt und ich will mir die Vorfreude nicht verderben lassen.
Als hĂ€tte mein Gatte meinen Blick gespĂŒrt, sagt er leise: âDas ist die erste Reise, die eure Mutter alleine antritt, da kann sie machen, was ihr gefĂ€llt.â
âAber Couchsurfing ist was fĂŒr junge Leute!â Lenas Haartracht hĂ€ngt auf ihrem Teller in den Spaghettis. Farbe und Konsistenz gleichen sich irgendwie, finde ich und pruste los.
âEy, weiĂt du, dass du total peinlich bist? Was gibt es da zu lachen! Dann auch noch Hamburg! Ausgerechnet! Willste dich etwa auf der Reeperbahn austoben?â
âMama tobt nicht!â
âBlödmann!â
âBlödschwester!â
âLeck mich!â
âPah!â
âRuhe!â, ĂŒbertöne ich die Kinder, âjeden Tag bin ich fĂŒr euch da! Diesen viertĂ€gigen StĂ€dtetrip gönne ich mir! Und basta! Notfalls ĂŒbernachte ich auch bei der Bahnhofsmission! Hauptsache, ich kann in Ruhe alleine eine Stadt besichtigen.â
âMit uns ging das ja nie! Wir waren dir ja immer im Weg bei Deiner Selbstfindung.â
âEine StĂ€dtetour ist ja auch nicht unbedingt ein interessantes Familienprogramm. Oder?â Ich werfe meinen Kopf in den Nacken und blicke unsere GroĂe mit festem Blick an. âWer hat denn immer als Erste gemault, wenn ich auch nur ansatzweise auf eine Kirche zugesteuert bin?â
âPapa!â, ruft Daniel dazwischen.
âDer auchâ, wispere ich und will endlich diese Diskussion beenden.
âEure Mutter will unbedingt ausprobieren, wie gut ihre Bandscheiben ohne die geliebte Zehn-Zonen-Kaltschaum-Matratze schlafen.â
âUnd ich will ausprobieren, wie wohlig ich durchschlafe, wenn kein schnarchender Ehemann neben mir liegtâ, kontere ich.
âDabei ist Hamburg voll von komfortablen Hotels.â
Na klar, Lena muss das letzte Wort haben.
Ich erklÀre ihr, dass man beim Couchsurfing nette Menschen kennen lernt.
In Hotels wĂŒrde man keinen Kontakt zu Einheimischen haben.
* * *
Der Bus hat mich und eine Masse Menschen an den LandungsbrĂŒcken ausgespuckt. Ich presse die Reisetasche an mich. Mein Mann meinte, ich solle mich vor Taschendieben hĂŒten und hat im Internet ausschlieĂlich Sofas von weiblichen Besitzerinnern gebucht, damit ich keinem SextĂ€ter in die HĂ€nde falle.
Nebel und Nieselregen kriechen derart schnell durch meinen Schurwollmantel, dass sich auch mein Kaschmirpullover bereits klamm auf der Haut anfĂŒhlt. Mich fröstelt. HĂ€tte doch lieber den grĂŒnen Parka anziehen sollen. Aber wenn man aus der Provinz in eine GroĂstadt reist, dann möchte man nicht als biedere Hausfrau erkannt werden, sondern als Dame von Welt. Meine FuĂballen schmerzen wie Hölle, keine Ahnung, wann ich das letzte mal AbsĂ€tze ĂŒber einen Zentimeter Höhe getragen habe. Friere ich wegen der NĂ€sse oder wegen meiner geschundenen FĂŒĂe? FrĂŒher habe ich die NĂ€chte in Stöckeln durchgetanzt!
Ich schaue auf meine Armbanduhr.
Hoffentlich weiĂ Lena auch, wie man die Mikrowelle bedient, damit sie das Essen auftauen kann. Ich habe fĂŒr die Tage meiner Abwesenheit vorgekocht und alles sĂ€uberlich beschriftet, beginnend bei âMittag-Montagâ, âAbend-Montagâ, usw. FĂŒr das FrĂŒhstĂŒck sorgt Dirk, der deswegen eine Stunde spĂ€ter ins BĂŒro fĂ€hrt.
Es ist halt alles eine Sache der Organisation. Man muss den Kindern auch was zutrauen, sonst werden sie nie selbstÀndig.
Der Taxifahrer blickt mĂŒrrisch unter seiner Kappe in den RĂŒckspiegel. âSie brauchen ein Zimmer?â Nun lacht er dröhnend. Ich zucke zusammen. âGnĂ€digste! Wissen Sie ĂŒberhaupt, was im Moment in Hamburg los ist?â
Er dreht sich kurz halb herum und blickt zu mir nach hinten. âSie versauen mir doch wohl nicht den RĂŒcksitz? So patschnass wie Sie sind?â
Ich nestele ein Taschentuch aus meiner Manteltasche und wische mir das Gesicht trocken.
Er trommelt mit den Fingern auf das Lenkrad. âWir haben Messe! Wir feiern Hafengeburtstag! Wir beerdigen tĂ€glich Prominente! Da ist alles auf den Beinen, was Rang und Namen hat! AuĂerdem gucken sich Heerscharen von Delegationen unsere halbfertige Oper an und das Musical ist ein Touristenmagnet. Kennen Sie âDie Schöne und das Biestâ?â
Ich nicke höflich, fĂŒhle mich im Moment nicht schön und hoffe instĂ€ndig, dass dieses Biest von Chauffeur endlich seinen fahrbaren Untersatz zu irgendeiner Unterkunft fahren möge.
âUnsereiner kann sich die teuren Tickets ja nicht leisten. Also. Wo soll ich hinfahren?â
âZu einer kleinen Pension? Könnte auch etwas auĂerhalb sein? An der Alster vielleicht?â
Er mĂŒsste sich hier doch besser auskennen als ich!
âIch könnte Sie ins âAlte Landâ fahren! Apfelplantagen sind doch auch sehenswert! Und dann die gute Landluft! Da gibt es jede Menge Fremdenzimmer bei den Obstbauern.â
Ja ja, ab ins âAlte Landâ mit einer alten Landpomeranze, anstatt ins junge, dynamische Hamburg, wo das Leben und der Regen toben.
Weil mein Magen aber inzwischen mĂ€chtig knurrt, bin ich fast versucht, dieses Angebot anzunehmen, aber dann kommt der entscheidende Satz von ihm: âUnd das alles total persönlich mit Familienanschluss!â
âNEIN!â
ENDversion
Letzte Aktualisierung: 23.12.2015 - 19.59 Uhr Dieser Text enthält 9632 Zeichen.