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Allein | Dezember 2015
Familienanschluss
von Anne Zeisig

“Ey Mama! Couchsurfing? Ganz alleine? Und was sagt Papa dazu? Und was ist mit Daniel? Soll ICH etwa für ihn kochen, wenn er aus der Schule kommt und Hausaufgaben mit ihm machen?”
Meine Siebzehnjährige schüttelt ihre Mähne kraftvoll von links nach rechts und kreischt: “Never! Never! Never!”
Ihr Bruder, der die zweite Klasse besucht, fragt, ob ihre ‘Extänschens’ nun abfallen.
“Warum sollen die denn abfallen?”, fragt Lena patzig und stellt das Werk ihrer Friseuse abermals auf eine harte Probe. Die Haare fliegen ihr nur so um die Ohren.
Daniel stochert in seinen Spaghettis herum. “Weil du deinen Kopf so wild hin und her schmeißt.”
“Siehste!” Sie zeigt auf ihn. “Solche krassen Kiddyassibemerkungen sind mit ein Grund dafür, dass ich nicht seine Ersatzmutti sein werde, nur weil du auf dem Ego-Trip bist! Never! Never!” Sie schaufelt sich die zweite Kelle Tomatensoße auf die Nudeln und schlürft sie in sich hinein. “Keine Ahnung, warum man sich ein zweites Kind anschaffen muss, wenn das erste bereits zehn ist. Noch nie was von Verhütung gehört?”
“Mama? Meint sie mich? Und darf Lena schmatzen?”
Ich zwinkere unserem Sohn zu und signalisiere mit dem Zeigefinger auf meinen Mund, dass er still sein soll und schaue zu meinem Mann hinüber, der sich hinter der Tageszeitung vergraben hat.
Na klar, habe ich inzwischen einen Puls von zweihundert, aber ich lasse mir das nicht anmerken, schließlich ist meine Reisetasche bereits gepackt und ich will mir die Vorfreude nicht verderben lassen.
Als hätte mein Gatte meinen Blick gespürt, sagt er leise: “Das ist die erste Reise, die eure Mutter alleine antritt, da kann sie machen, was ihr gefällt.”
“Aber Couchsurfing ist was für junge Leute!” Lenas Haartracht hängt auf ihrem Teller in den Spaghettis. Farbe und Konsistenz gleichen sich irgendwie, finde ich und pruste los.
“Ey, weißt du, dass du total peinlich bist? Was gibt es da zu lachen! Dann auch noch Hamburg! Ausgerechnet! Willste dich etwa auf der Reeperbahn austoben?”
“Mama tobt nicht!”
“Blödmann!”
“Blödschwester!”
“Leck mich!”
“Pah!”
“Ruhe!”, übertöne ich die Kinder, “jeden Tag bin ich für euch da! Diesen viertägigen Städtetrip gönne ich mir! Und basta! Notfalls übernachte ich auch bei der Bahnhofsmission! Hauptsache, ich kann in Ruhe alleine eine Stadt besichtigen.”
“Mit uns ging das ja nie! Wir waren dir ja immer im Weg bei Deiner Selbstfindung.”
“Eine Städtetour ist ja auch nicht unbedingt ein interessantes Familienprogramm. Oder?” Ich werfe meinen Kopf in den Nacken und blicke unsere Große mit festem Blick an. “Wer hat denn immer als Erste gemault, wenn ich auch nur ansatzweise auf eine Kirche zugesteuert bin?”
“Papa!”, ruft Daniel dazwischen.
“Der auch”, wispere ich und will endlich diese Diskussion beenden.
“Eure Mutter will unbedingt ausprobieren, wie gut ihre Bandscheiben ohne die geliebte Zehn-Zonen-Kaltschaum-Matratze schlafen.”
“Und ich will ausprobieren, wie wohlig ich durchschlafe, wenn kein schnarchender Ehemann neben mir liegt”, kontere ich.
“Dabei ist Hamburg voll von komfortablen Hotels.”
Na klar, Lena muss das letzte Wort haben.
Ich erkläre ihr, dass man beim Couchsurfing nette Menschen kennen lernt.
In Hotels würde man keinen Kontakt zu Einheimischen haben.


* * *

Der Bus hat mich und eine Masse Menschen an den Landungsbrücken ausgespuckt. Ich presse die Reisetasche an mich. Mein Mann meinte, ich solle mich vor Taschendieben hüten und hat im Internet ausschließlich Sofas von weiblichen Besitzerinnern gebucht, damit ich keinem Sextäter in die Hände falle.
Nebel und Nieselregen kriechen derart schnell durch meinen Schurwollmantel, dass sich auch mein Kaschmirpullover bereits klamm auf der Haut anfühlt. Mich fröstelt. Hätte doch lieber den grünen Parka anziehen sollen. Aber wenn man aus der Provinz in eine Großstadt reist, dann möchte man nicht als biedere Hausfrau erkannt werden, sondern als Dame von Welt. Meine Fußballen schmerzen wie Hölle, keine Ahnung, wann ich das letzte mal Absätze über einen Zentimeter Höhe getragen habe. Friere ich wegen der Nässe oder wegen meiner geschundenen Füße? Früher habe ich die Nächte in Stöckeln durchgetanzt!
Ich schaue auf meine Armbanduhr.
Hoffentlich weiß Lena auch, wie man die Mikrowelle bedient, damit sie das Essen auftauen kann. Ich habe für die Tage meiner Abwesenheit vorgekocht und alles säuberlich beschriftet, beginnend bei ‘Mittag-Montag’, ‘Abend-Montag’, usw. Für das Frühstück sorgt Dirk, der deswegen eine Stunde später ins Büro fährt.
Es ist halt alles eine Sache der Organisation. Man muss den Kindern auch was zutrauen, sonst werden sie nie selbständig.

Meine erste Couch für diese Nacht befindet sich in Nähe der Speicherstadt und beinhaltet auch ein Frühstück, wenn ich Corn-Flakes mag und grünen Tee. Soll mir recht sein. Kann ja vor der Stadtbesichtigung in einem netten Café einkehren.
Dirk wüsste nun bestimmt genau, in welche Richtung ich gehen muss. Ich nestele mein Handy hervor, was ja eigentlich ein i-Phone ist und suche diese Wegweiser-App, die Lena mir gestern herunter geladen hat und erschrecke mich, weil es in meinen nassen Händen vibriert. Fast wäre es mir aus der Hand gerutscht.
Ein Anruf von Unbekannt. Ich hätte mir denken können, dass Lena nicht mit der Mikrowelle klarkommt.
“Lena! Du bist in einem Jahr volljährig! Drücke auf Auftauen und stelle die Zeit auf acht Minuten ein. Aber pro Teller acht Minuten. Nicht insgesamt!”
“Frau Weber? Äh, Susanne? Hier ist Hilde. Du hattest für heute mein Sofa gebucht!”
Ich nicke. “Sorry! Ich dachte, meine Tochter! Also. Ich bin bereits auf dem Weg, muss nur noch schauen, in welche Richtung, also, ich bin gleich da.”
“Genau das ist das Problem! Der Hein, mein Verflossener, der liegt hier nun stinkbesoffen auf dem Kanapeé und ich krieg ihn nich wach. Ums Verrecken nich! Und wenn der erstmal pennt, dann bleibt das auch so!”
Ich bin verwirrt. “Und was bedeutet das?”
“Du musst dir ein anderes Sofa suchen.” Klick.
Aber wo soll ich so schnell eine neue Übernachtungscouch herbekommen?
Meine Füße sind inzwischen auch durchnässt. Zugegeben: Das kühlt die Blasen an meinen Ballen und Fersen. Jedoch wird die Lederbrandsohle das niemals aushalten, sie wird sich spätestens in einer Stunde auf- und abgelöst haben. Dabei waren diese Stiefeletten sündhaft teuer!
Und daheim stehen meine bequemen karierten Gummistiefel!
Ich tippe mit zitterndem Zeigefinger auf dem elektronischen Spielzeug herum und suche unter den Kontakten Schlafgelegenheit Nummer Zwei, welche ich ab morgen belegen sollte. Vielleicht stand sie ja bereits für heute Nacht zur Verfügung?
Eine junge Stimme: “Eigentlich morgen? Ob du heute bereits? Moooment!”
Ich warte gefühlte zwanzig Minuten auf eine Antwort und höre im Hintergrund laute Stimmen.
Inzwischen hat sich auf der Straße das Regenwasser angestaut, ein Auto prescht hindurch und über mich ergießt sich eine Fontäne, die mich endgültig in einen begossenen Pudelmischling verwandelt.
Endlich meldet sie sich wieder. Meine Zähne klappern aufeinander.
“Mein Bruder hat mir mit diesem Sofasurfing wieder eins reinwürgen wollen, weil er meint, ich brauche Gesellschaft und müsse Leute kennen lernen. Dabei bin ich gerne Single und lebe freiwillig allein. Sorry, kommt nicht wieder vor.” Abermals Klick.
Meine klatschnassen Haare kleben im Nacken, an den Ohren und auf der Stirn.
Nun stehe ich hier obdachlos und kann mich auswringen wie einen alten Putzlappen.
Halte Ausschau nach einem Taxi, denn irgendwo wird es bestimmt eine gemütliche, warme, kleine, preisgünstige Pension geben, wo ich mich trocken legen kann.
Wo es eine dampfende Suppe gibt, ein Glas Rotwein und eine heiße Dusche.
Man muss schließlich flexibel sein und kompromissbereit.

Der Taxifahrer blickt mürrisch unter seiner Kappe in den Rückspiegel. “Sie brauchen ein Zimmer?” Nun lacht er dröhnend. Ich zucke zusammen. “Gnädigste! Wissen Sie überhaupt, was im Moment in Hamburg los ist?”
Er dreht sich kurz halb herum und blickt zu mir nach hinten. “Sie versauen mir doch wohl nicht den Rücksitz? So patschnass wie Sie sind?”
Ich nestele ein Taschentuch aus meiner Manteltasche und wische mir das Gesicht trocken.
Er trommelt mit den Fingern auf das Lenkrad. “Wir haben Messe! Wir feiern Hafengeburtstag! Wir beerdigen täglich Prominente! Da ist alles auf den Beinen, was Rang und Namen hat! Außerdem gucken sich Heerscharen von Delegationen unsere halbfertige Oper an und das Musical ist ein Touristenmagnet. Kennen Sie ‘Die Schöne und das Biest’?”
Ich nicke höflich, fühle mich im Moment nicht schön und hoffe inständig, dass dieses Biest von Chauffeur endlich seinen fahrbaren Untersatz zu irgendeiner Unterkunft fahren möge.
“Unsereiner kann sich die teuren Tickets ja nicht leisten. Also. Wo soll ich hinfahren?”
“Zu einer kleinen Pension? Könnte auch etwas außerhalb sein? An der Alster vielleicht?”
Er müsste sich hier doch besser auskennen als ich!
“Ich könnte Sie ins ‘Alte Land’ fahren! Apfelplantagen sind doch auch sehenswert! Und dann die gute Landluft! Da gibt es jede Menge Fremdenzimmer bei den Obstbauern.”
Ja ja, ab ins ‘Alte Land’ mit einer alten Landpomeranze, anstatt ins junge, dynamische Hamburg, wo das Leben und der Regen toben.
Weil mein Magen aber inzwischen mächtig knurrt, bin ich fast versucht, dieses Angebot anzunehmen, aber dann kommt der entscheidende Satz von ihm: “Und das alles total persönlich mit Familienanschluss!”
“NEIN!”

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Letzte Aktualisierung: 23.12.2015 - 19.59 Uhr
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