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Allein | Dezember 2015
Dunkelheit
von Ingo Pietsch

Meine Augenlider waren schwer wie Blei. Ich bekam sie kaum auf.
Als es mir endlich gelang, stellte ich fest, dass ich mich in vollkommener Dunkelheit befand.
Mir schoss ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf: War ich blind?
Ich versuchte meinen Kopf zu drehen, was mir aber nicht gelang. Ein leichter Schmerz jagte vom Nacken in den Rücken, der aber sofort wieder verebbte.
Sehen konnte ich zwar immer noch nichts, aber dafür besser hören.
Irgendwo zischte etwas und plätscherte es.
In meinem Kopf dröhnte es, als hätte ich einen harten Schlag abbekommen. Irgendeine Flüssigkeit lief langsam über meine Stirn. Ich hoffte, dass es kein Blut war.
Meine Gedanken schweiften ab und ich versuchte mich zu erinnern, wo ich war, und was passiert sein könnte. Erinnerungen kamen hoch und unterdrückten den dumpfen Druck.
Ich dachte an den blumigen Duft des Parfums einer Frau - welcher Frau? Ich wusste es nicht. Ich fuhr zur Arbeit und freute mich. Aber warum? Ich ärgerte mich im Stau der Rush-Hour zu stecken und dann das Glücksgefühl endlich einen Parkplatz gefunden zu haben.
Alles war so verschwommen. Ich fühlte mich in Watte eingehüllt.
Und dann, Stück für Stück, wusste ich wenigstens wieder, wo ich war: In der Tiefgarage eines Einkaufszentrums.
Ich versuchte um Hilfe zu rufen, aber die staubige Luft ließ mich nur ein Husten zu Stande bringen. Meine Unterlippe riss auf und ich hatte mit einem Mal einen metallischen Geschmack im Mund. Meine Zähne knirschten, wegen des Drecks und ich hatte so einen schrecklichen Durst.
Es gelang mir ein wenig Speichel im Mund zu sammeln und versuchte den ekligen Geschmack herunterzuschlucken - ohne Erfolg. Ich hustete wieder.
Weswegen war ich noch mal hierher gefahren?
Unser Hochzeitstag! Ich hatte beim Juwelier eine Kette anfertigen lassen, die ich abholen wollte.
Vorsichtig bewegte ich meine Arme. Der linke brannte ein wenig, mit dem rechten war alles in Ordnung.
Ich taste um mich herum: Unter meinen Händen fühlte ich Beton und Metallstangen. Direkt vor mir war eine glatte Steinwand, da wo meine Oberschenkel in die Beine übergingen.
Das Gute war: Die Beine taten nicht weh. Allerdings spürte ich sie gar nicht mehr.
Ich versuchte meine Beine zu befreien, was aber unmöglich war.
Ich schrie um Hilfe und diesmal klappte es. Mein Ruf wurde von polterndem Geröll beantwort.
Beklemmung überkam mich. Ich war allein. Ich wollte nicht allein sterben. Schon gar nicht jetzt.
Ich brauchte unbedingt Ablenkung und versuchte mich erneut zu erinnern, was geschehen war.
Nebelschwaden trieben in meinen Gedanken. Sie lichteten sich: Ich war aus dem Auto gestiegen, ein paar Meter gegangen und dann hatte es eine Detonation gegeben. Vielleicht war es eine Gasexplosion oder eine Bombe gewesen. Doch das war mir völlig egal. Bevor das Licht ausgefallen war, sah ich noch eine Staubwolke und wie die Betonpfeiler um mich herum wegknickten wie Streichhölzer.
Mein Auto kam mir in den Sinn. Es war noch nicht abbezahlt!
Aber was spielte es schon für eine Rolle, wenn ich keine Beine mehr hatte?
Ich hätte mir vor die Stirn geschlagen, wenn das irgendwie geholfen hätte. Auf was für blöde Ideen man in so einer Lage kam.
Ich spürte wieder das unangenehme Pochen hinter der Schläfe.
Vielleicht könnte ich mich ja bemerkbar machen?
Mit einem Stein klopfen?
Mein Handy! Warum war ich nicht gleich darauf gekommen?
Hoffnung keimte in mir auf. Mein Puls wurde schneller und damit auch die Kopfschmerzen stärker. Ich schaffte es, mein Handy aus meiner Hosentasche zu friemeln.
Hoffnung wich der Angst.
Wenn ich es einschaltete, würde ich meine Beine sehen. Ich malte mir die schlimmsten Dinge aus und drückte gleichzeitig den An-Knopf.
Die schwache Display-Beleuchtung tat mir in den Augen weh. Ich war nicht blind! Ich schickte ein Dankgebet Richtung Himmel.
Die Freude verging, als ich zu meinen Beinen blickte: Da war nur der Betonpfeiler. Er hatte meine untere Körperhälfte vollkommen zerquetscht.
Ich musste mich damit abfinden. Konnte ich das?
Ich drückte auf dem Display herum. Die Akkuleistung lag bei nur noch 2%. War das nicht immer so!?
Ich versuchte den Notruf zu wählen, hatte aber kein Netz.
Dann war es wieder finster.
Laut der Uhrzeit war ich seit zwei Stunden hier unten. Mir kam es wie Tage vor.
Würde mich jemand retten kommen?
Ich dachte wieder an meine Frau. Ich war jetzt ein Krüppel, würde sie bei mir bleiben?
Ich wimmerte vor mich hin. Doch das half nicht. Ich schrie meine Wut mit aller Kraft heraus und musste dadurch wieder husten. Trotzdem ging es mir viel besser.
Jetzt machte ich mir Gedanken um die vielen anderen Menschen, die im Einkaufszentrum gewesen waren. Hatte ich nicht vorhin eine Familie zu ihrem Auto gehen sehen? Oder eine ältere Dame mit einem kleinen Hund?
Wäre ich tot vielleicht besser dran?
Ich hatte eigentlich noch so viel vor.
Jetzt war mir auch noch schwindelig.
Ich war wieder wütend. Ständig wechselten meine Gefühle. Was war nur los mit mir?
Ich ertastete einen Stein und schlug wahllos um mich. Ich traf eine Metallplatte und machte einen Höllenlärm. Das war wie Musik in meinen Ohren.
Mehrere Lichter flammten in der Dunkelheit auf. Sie blendeten mich. Ich war nicht mehr allein!
Es war die Familie von vorhin.
„Geht es ihnen gut?“, fragte ich, als sie um mich herumstanden.
Die Mutter hielt den Kopf des Mädchens von mir weg.
„Ist OK, das sind nur meine Beine. Ich spüre überhaupt nichts.“
Dem Vater liefen die Tränen übers Gesicht.
Plötzlich brach dort, von wo aus die Familie gekommen war, alles zusammen.
Schützend kniete die Familie über mir. Eine Staubwolke hüllte uns ein.
Minutenlang konnten wie kaum atmen oder etwas sehen.
„Wenn Sie nicht so einen Lärm gemacht hätten, wären wir jetzt alle tot. Danke!“ Der Mann weinte weiter und auch die Frau schluchzte.
Was hatten die nur? Wir lebten doch alle noch. Und wir waren mitten in der Stadt. Die Rettungskräfte würden sicher gleich kommen.
Euphorie überkam mich. Es war alles nur halb so schlimm.
Und tatsächlich: Ich hörte einen Presslufthammer und dann Hundegebell.
„Immer mit der Ruhe, wir werden sicher gleich gerettet!“
Der Mann war immer noch total aufgelöst und schüttelte den Kopf: „Sie wissen es nicht?“
„Ja, meine Beine!“
Der Vater sah mich ungläubig an. Aber nicht in meine Augen, sondern auf meine Stirn.
Ich tastete um meinen Kopf herum und wusste jetzt woher die Schmerzen kamen.

Die Rettungskräfte hatten uns kurze Zeit später befreit. Ich konnte mich sogar von meiner Frau verabschieden.
Sie hatte mich unbedingt noch einmal sehen wollen, auch wenn ich ihr das gerne erspart hätte.
Ob ich diesen Tag überleben werde, weiß ich nicht, denn alle Versuche die Stahlstrebe, die sich durch meinen Kopf gebohrt hatte, zu entfernen, waren bisher vergeblich gewesen.

Letzte Aktualisierung: 26.12.2015 - 07.41 Uhr
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