Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Allein | Dezember 2015
Wetterwechsel
von Martina Lange

Langsam wurde der Himmel rot. Aus dem kleinen Fenster konnte ich nur einen schmalen Ausschnitt des Osthimmels sehen. Alle Fenster in meinem Elternhaus waren so winzig. Und zugig. Das Schwitzwasser gefror zu den exotischsten Pflanzengebilden, über Nacht. Eine Sanierung würde ein Vermögen verschlingen. Etwas, das ich hier nicht investieren wollte. Das Haus war verkauft.
Vor Weihnachten noch eine Entrümpelung durchzuführen gestaltete sich für mich als ein logistisches Problem. Doch der neue Eigentümer wollte bereits im Januar mit den Umbauarbeiten beginnen.
Ein Grund mehr nicht weiter am Fenster herumzustehen, sondern direkt mit der Arbeit zu beginnen.
Ich schlüpfte frierend in meine dicken Socken und die selbst gestrickte Jacke. Das Haus war eiskalt. Eine Zentralheizung gab es nicht. Lediglich Holzöfen und die auch nicht in jedem Zimmer. Als Stadtpflanze, zu der ich geworden war, konnte ich mir kaum mehr vorstellen, dass ich davon als Kind nichts bemerkt hatte.
Die Treppe protestierte knarrend auf meinem Weg in die Küche. Ganz automatisch zog ich den Kopf ein. Die Decken waren so niedrig, dass ich sie mit ausgestreckter Hand leicht berühren konnte - zwischen den geschwärten Balken - und dabei hatte ich mit meinen einmeterneunundsechzig wirklich keine Modelmaße.
Alles was mir in meiner Kindheit Geborgenheit vermittelt hatte, erdrückte mich an diesem Morgen. Die enge Diele, die so dunkel war, dass ich gegen die schwere Holztruhe stieß. Die kleinen Zimmer, die ich nur gebückt betreten konnte, weil mir die Türen lediglich bis an die Stirn reichten. Der große Holzofen, der fürchterlich zu rauchen begann, nachdem ich mit zuviel Papier und feuchtem Holz versuchte ein wenig Wärme und einen Kaffee zu produzieren. Zudem hatte ich vergessen, den Abzug zu öffnen.
Hustend und mit tränenden Augen stieß ich die Tür zu Garten hin auf. Ein Nebeneingang, damit man das geerntete Gemüse direkt in die Küche tragen konnte.
Der Garten mit dem Hühnerhaus.
Jetzt lag er erstarrt in der Wintersonne und das Häuschen, ein winziges Duplikat des Wohnhauses, war verweist. Ich musste an Franziska denken. Ein hochtrabender Name für ein Huhn, aber sie war auch unsere beste Legehenne gewesen. Mein Liebling in der ganzen Scharr und sie gehorchte mir auf's Wort.
Tagelang war ich untröstlich gewesen, nachdem der Marder sie geholt hatte.

Der Garten, das gesamte Grundstück waren unglaublich steil. Auf den wenigen Quadratmetern, die beinah eben waren, hatte mein Ururgroßvater unser kleines Haus errichtet. Jedoch direkt hinter der Küche, begann das Gelände, steil abzufallen. In Generations übergreifender Arbeit war es meiner Familie gelungen mit Trockenmauern einen über sieben Stufen reichenden Terrassengarten anzulegen. Steintreppen verbanden die einzelnen Gartenbereiche. In der Mitte befand sich sogar ein alter Brunnen.
Ich musterte die bröckelige Ummauerung und erwischte mich dabei, dass ich darüber nachdachte, ob er noch immer Wasser führte.
Seufzend riss ich mich von den Betrachtungen und Erinnerungen los an eine Zeit, die vorbei war. Ich musste nach vorn schauen und das bedeutete erst einmal Kaffee.
Die Küche war noch ebenso eingerichtet, wie vor meinem Auszug. Meine Eltern mochten Veränderungen nicht besonders. Warum sollte etwas ersetzt werden, wenn es noch tadellos funktionierte? Die Lampe über dem Küchentisch beispielsweise, stammte sicherlich aus den späten Sechzigern. Damals hätte man meine Eltern als Aussteiger bezeichnet, wenn sie nicht schon immer hier gewohnt hätten. So waren sie einfach nur sehr sonderbar und ich, ihre einzige Tochter, hatte dieses Stigma geerbt.
Während der Rest des Dorfes sich modernisierte, Auto, Kühlschränke, Telefon, W-lan, bekam, bekamen wir - Strom.
Meine Mutter nähte alles selbst. Das bedeutete von einer Jeans war ich Lichtjahre entfernt. Ich hörte sie Tuscheln. Sah wie sie sich abwandten oder mich offen auslachten. Rohheiten die tiefer reichten als jeder tatsächliche Messerstich. So zog ich den Kopf ein und versuchte unsichtbar zu werden.
Nachdem ich mein Abitur gemacht hatte, verließ ich das Dorf. Mit jedem Kilometer, den ich zwischen mich und die Dichte des Dorfes legte, ließ der Druck auf meiner Brust nach und ich konnte freier atmen.
Jetzt war er wieder da. Und obwohl es in der Küche mittlerweile warm wurde, überlief mich ein Schauder.
Systematisch leerte ich Schränke, Laden und Kästen. Schleppte Müllsäcke hinaus und lehnte sie an die gestapelten Kisten neben dem Gartentor. Viel hatten meine Eltern nicht mitnehmen können in das Seniorenpflegeheim. Mein Vater war dorthin überwiesen worden und meine Mutter wollte einfach nicht allein bleiben.
Morgen würde das Entrümpelungsunternehmen kommen und mir bei den schweren Schränken behilflich sein. Und übermorgen würde ich diesen Ort für immer verlassen.
Der Nachmittag verhängte sich zunehmend mit Wolken. Ein Wind frischte auf und zur Kaffezeit war es im Haus bereits so dunkel, dass ich kaum noch etwas erkennen konnte.
Am Garten ging eine Frau vorbei und musterte den Sperrmüll. Mit klopfendem Herzen öffnete ich die Haustür und sah ihr in die Augen. Diesmal würde ich mich nicht wegducken. Ja, wir kannten uns. Ihre Zunge war besonders scharf gewesen. Jetzt schien sie sie verschluckt zu haben. Oder war mein Blick, war meine Ausstrahlung so stark geworden, dass sie zurückweichen musste? Grußlos setzte sie ihren Weg fort. Sie würde für immer hier verharren. Erstarrt wie der Garten, in einem eisigen Panzer aus Angst vor allem Ungewohnten.

Als die Straßenlaternen aufleuchteten beendete ich die Entrümpelung und packte nur noch die Kiste mit Erinnerungstücken in mein Auto.
Ein Regentropfen traf mich. Dann noch einer. Und noch bevor ich den Zaun erreichen konnte, trieben mir Windböen schweren Regen ins Gesicht. Die Straße verwandelte sich augenblicklich in eine Eisfläche. Vom Gartentor rutschte ich haltlos bis zur Haustür. Das ich mir bei meinem Sturz nur die Knie aufschürfte, grenzte an ein Wunder.
Eisregen war nichts Ungewöhnliches und bis zum Morgen würde der Spuk sicherlich vorüber sein. Der Wind frischte noch einmal auf. Und Blitze zuckten durch die Dunkelheit, gefolgt vom Aufkreischen berstenden Metalls. Dann fiel der Strom aus.
Einen atemlosen Moment lang stand ich einfach nur da und starrte hinaus. Ich hatte nicht einmal mehr eine Kerze.
Langsam tastete ich mich in die Küche. Hier leitete mich der Schein des Herdfeuers. Das würde eine lange Nacht werden.

Im trüben Morgenlicht wurde das ganze Ausmaß des Unwetters sichtbar. Die Eislast hatte die Überlandleitungen zum Einsturz gebracht. Das Dorf war vorerst von der Außenwelt abgeschnitten. Ich saß hier auf unbestimmte Zeit fest denn die Straße glich noch immer einer Eisbahn.
Ein energisches Klopfen an der Haustür riss mich aus meinen Überlegungen, wie ich meinen Zeitplan einhalten sollte.
An der Tür sah ich mich einer Fremden gegenüber. Sie gehörte nicht zu denen die hier geboren waren. Entschuldigend lächelnd stellte sie sich als Frau eines Nachbarn vor. Schon nach wenigen Worten wurde das ganze Ausmaß ihrer Miesere klar. Sie saßen im Dunkeln und froren jämmerlich. Die Heizung war ausgefallen und einen Holzofen besaßen sie nicht. Die elektrischen Rollläden ließen sich nicht öffnen. Ihre offene Art weckte meine Hilfsbereitsschaft.
Mit der Asche aus meinem Herd legten wir einen Pfad hinüber zu ihrem Haus an. Beladen mit allem war sich in ihrer Küche finden ließ, kehrten wir in die meinige zurück. Bald schon füllte sich der kleine Raum, das ganze kleine Haus mit Unbekannten und anderen Menschen. Jedes mal wenn sich die Tür öffnete, kam ein lauer Luftzug mit herein.
Es duftete nach Kaffee und geröstetem Brot. Aufregung und Angst wichen. Pläne wurden geschmiedet und wieder verworfen. Und dann wich das Eis.
Als ich Tassen und Becher herumreichte sah ich meine einstige scharfzüngige Provokateurin wieder. Sie stand im Schatten ihres Mannes, ganz nah bei der Haustür. Und in der sie umgebenden lauten Gemeinschaft war sie allein. So allein, wie ich einst gewesen war.
Mein Entschluss stand fest. Ich trat auf sie zu und reichte ihr einen Becher. In ihrem Blick stand Misstrauen, denn sie konnte von anderen nur erwarten, was sie gegeben hatte. Mir lag nichts Ferner, als mich auf diese Stufe zu begeben, und ich nickte ihr aufmunternd zu.
Am frühen Nachmittag fuhr endlich ein Streuwagen durch die Straße. Ich hätte das Dorf verlassen können, aber ich blieb. Bis die Bundeswehr das Dorf mit einem Notstromgenerator ausgerüstet hatte und sich meine alten und neuen Nachbarn wieder selbst versorgen konnten. Noch lange nach dieser Eisnacht erzählten sich die Leute wie gemütlich es im Miteinander gewesen war.
Im kleinen Haus meiner Eltern lebt nun ein Künstlerpaar. Sie töpfern Hühner und machen ihren eigenen Strom.

Letzte Aktualisierung: 22.12.2015 - 18.04 Uhr
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