Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Allein | Dezember 2015
GeorgohneHilde
von AnnaMaria Nissen

Die Nachmittagssonne im Nacken, geht der alte Georg Jansen Schritt für Schritt, entlang der Steinumrandung. Leichter spätsommerlicher Wind streichelt ihn, als er zum Abschied seines Besuches eine Rose auf das Grab legt. Dann küsst er den Grabstein.
„Mach’s gut Liebes!“, tätschelt er den Stein und wendet sich zum Gehen.

„Sie küssen sie ja noch immer.“
Jansen ist perplex, als die ältere Frau plötzlich vor ihm steht, gleichzeitig aber fasziniert von ihrem Erscheinungsbild. Geblümter Stoff, der ihre Beine verhüllt, flattert leicht im Wind, genau wie ihre offenen grauen Haare, die ihr weit über die Schultern reichen. Ein bezauberndes Lächeln schenkt dem, von vielen Fältchen gezeichneten Gesicht etwas Junggebliebenes. Ihr Anblick holt aus weit entlegenen Teilen seiner Erinnerung eine Szenerie hervor:
Ein Festival 1969. Er hatte die Arme fest um Hilde geschlossen, den Blick zur Bühne gerichtet. Dort stand eine junge Künstlerin, deren wallendes braunes Haar hinab hing, bis zu der Gitarre, auf der sie spielte, und sie sang. Das Publikum, ein Meer aus Kerzenlichtern, bewegte sich langsam zur Melodie, die Georg nun, obwohl sie schon fast in Vergessenheit geraten war, anfängt im Kopf herumzuschwirren.
Beautiful People
You live in the same world as I do.


Er begibt sich zu der Frau auf den Friedhofsweg. Sie verströmt einen lieblichen, süßen Duft. Blumig ist er, genau wie ihr Rock.
„Warum fragen Sie?“, will er wissen.
„Ich frage nicht. Ich stelle fest.“
„Sie sind auch öfter hier?“
„Manchmal besuche ich eine gute, alte Freundin. Sie ist vor zwei Jahren gestorben.“
„Das tut mir leid.“
Sie nickt. „Ich habe Sie hier schon oft gesehen. Und jedes Mal haben Sie den Grabstein zum Abschied geküsst.“
„Das stimmt.“ Er blickt sehnlich zu Hilde’s Grab.
„Ich finde das unglaublich romantisch. Immerhin ist es nun schon über ein Jahr her?“
„Im März war’s ein Jahr.“

„Ich bin Edith.“ Sie hält ihm eine Hand mit weinrot lackierten Fingernägeln entgegen. Als er aufschaut, blickt er in wasserblaue Augen. Wenn man lange genug hineinsieht, kann man sicher das Meer rauschen hören, denkt er sich. Sie lächelt hinreißend und das Lied von damals setzt wieder ein.
But somehow I never noticed
You before today
I'm ashamed to say.

Er sieht sich mit Hilde, wie sie sich vor der Bühne wiegten und verliebte Blicke schenkten.
„Georg Jansen.“, erwidert er nach kurzem Zögern und reicht ihr die Hand. Ihre Haut fühlt sich weich an. Warm. Insgeheim ist es ein angenehmes Gefühl sie zu berühren.
Beautiful people
You look like friends of mine.
„Sie müssen sie sehr geliebt haben.“
Die Musik bricht abrupt ab. Er lässt ihre Hand los.
„Das tue ich noch immer.“, wendet er sich Richtung Grab.
„Wie lange waren Sie denn verheiratet?“
„52 Jahre.“
„Also wirklich, ich beneide sie.“
„Tatsächlich?“
„Aber ja! Solch eine lange Zeit mit ein und demselben Menschen zu verbringen, ihn über das Ende hinaus zu lieben, wo gibt es so etwas heute noch? Sie haben fast ihr ganzes Leben miteinander verbracht.“
„Richtig. Ein ganzes Leben.“ Er schaut zu Boden. „Wissen Sie, Hilde war meine erste große Liebe.“
„Ach, ich wünschte, ich hätte solch ein Glück mit meinen Ehen gehabt.“
„Sie glauben also das ist ein Glück?“
„Sie nicht?“
Er blickt eine verwunderte Edith an und ihm ist, als ob ihre Augen musternd über die vielen Altersflecken auf seiner Stirn wandern. Sie selbst trägt solche auch im Gesicht, bestimmt schon lange mit Würde.

„Wissen Sie Edith, ich habe fünfundfünfzig Jahre mit meiner Frau verbracht. Das heißt, zuvor gab es mich nur kurzzeitig als Georg, die meiste Zeit meines Lebens war ich GeorgundHilde. Eines Tages, gibt es plötzlich wieder nur Georg. Keiner warnte mich davor, wie es ist, wieder auf sich alleine gestellt zu sein. Davor, wie unfähig man sich bei den kleinsten Alltagssituationen anstellt, nur weil man jahrelang der Macht der Gewohnheit ausgesetzt war. Wie tief und dunkel das Loch ist, in das man jeden Morgen auf’s Neue fällt. Sie haben keine Vorstellung davon, wie weit das Glück und ich uns auseinander gelebt haben.“
„Traurig.“
„Das ist es.“ Er nickt.
„SIE finde ich traurig! Ich kann ja verstehen, dass Sie ihre Frau unendlich vermissen. Aber Georg, Sie haben die Liebe ihres Lebens gefunden, geheiratet, obendrein eine lange, scheinbar glückliche Zeit miteinander verbracht. Es tut mir leid das sagen zu müssen, aber was Sie hier tun, das nennt man Jammern auf hohem Niveau.“
„Ach wirklich?“, fragt er gelassen, während ihr darauf folgendes „Ja!“, leicht empört klingt, was er ein klein wenig anziehend findet.
„Gut, Sie mögen jetzt, im hohen Alter allein sein. Aber alt geworden sind sie doch gemeinsam mit ihrer Frau.“ Wissen Sie wie viel das wert ist?“, fragt sie eindringlich.
„Leben Sie alleine, Edith?“
„Bereits seit vielen Jahren.“ antwortet sie, scheinbar verdutzt über die Gegenfrage.
„Und fühlen Sie sich einsam?“
„Nein. Gelegentlich alleine.“ Sie schweigt kurz. „Aber einsam, das würde ich als übertrieben bezeichnen.“
„Aha, und wissen Sie warum?“
„Vermutlich sagen Sie jetzt, weil ich es nicht anders kenne?“
„Nein.“
„Nein?“
„Sie fühlen sich nicht einsam, weil das Schicksal es gut mit ihnen gemeint hat. Weil Sie nämlich frühzeitig von der Liebe einen Tritt in den Hintern bekommen haben.“
Ihre Augenbrauen wandern irritiert nach oben.
„Scheinbar sogar mehr als einmal. Aber mich“, er blickt kurz zurück auf das Grab seiner Frau, bevor er leise weiterspricht, „mich hat die Liebe auf Händen getragen, hat es stets gut mit mir gemeint, hat mich all die wunderbaren Momente auskosten lassen, um mir dann nicht nur in den Hintern zu treten, sondern um mich eiskalt vom höchsten aller Glücksgipfel zu stoßen.“
Während Edith’s Augen größer werden, redet er sich weiter in Rage.
„Ich bin aber nicht einfach nach unten gefallen,“ er bestärkt seine Worte mit leicht zittrigen Handgesten, „sondern an Vorsprüngen hängen geblieben, über hartes Gestein gerollt, das Gesicht habe ich mir zerkratzt, mir wahrscheinlich sogar ein paar Knochen gebrochen, um schließlich irgendwann erschöpft und völlig lädiert auf dem Boden liegen zu bleiben.“
Er macht eine kurze Pause, in der sein Gegenüber kaum zu atmen wagt. Dann erhebt er seine Stimme, sodass Edith kurz zusammen zuckt.
„Aber ich bin nicht tot, Edith. Nein!“ Sein Gesicht nähert sich dem Ihren. „Ich liege nun dort unten. Kraftlos. Verwundet. Von meiner Trauer gebeutelt.“ Edith weicht ein Stück zurück.
„Und von ganz weit oben, vom höchsten Gipfelpunkt, kann ich ihr hässliches Lachen hören. Die Liebe, sie lacht mich aus. Sie lässt mich liegen. Tagelang. Wochenlang. Vielleicht sogar für Jahre?“
Nun muss Edith doch tief einatmen, fast nach Luft schnappen.
„Manchmal kann ich mich aufrappeln“, erzählt er weiter, „sogar neuen Mut fassen und ein kleines Stückchen gehen, bevor ich erneut zusammenbreche. Doch meist liege ich hilflos auf der Erde und meine Wunden wollen einfach nicht heilen.“
Edith's fassungsloser Blick fixiert ihn.
„Verstehen Sie was ich meine?“ So wie sie ihn gerade ansieht, befürchtet er, sie hat es nicht begriffen.
Ganz langsam holt sie Luft. „Wissen Sie was mir soeben klar wird, Georg?“
„Nein.“ Gespannt blickt er in das Wasserblau.
„Mein lieber Georg“, sagt sie ruhig, „Sie brauchen einen Drink. Oder einen Psychologen. Am besten beides.“
„Wie bitte?“
„Alkohol? Sie wissen, dass man damit keine Probleme löst? Mal abgesehen davon, dass ich das schon versucht habe und es in meinem Fall lediglich zu schrecklichem Sodbrennen führt. Ich bitte Sie Edith, haben Sie mir nicht zugehört?“
„Doch, das habe ich Georg.“ Sie legt ihm eine Hand auf die Schulter. „Und deshalb werde ich Sie jetzt mitnehmen und nach einem kurzen Drink, reden wir weiter. Vielleicht erzähle ich Ihnen dann ein bisschen etwas über die wahren Gemeinheiten der Liebe. Von wirklich schlimmen Gipfelstürzen.“
Er blickt auf seine Schulter. Ihre Hand gleitet gerade wieder davon.
„Edith, nun seien Sie nicht albern, ich…“
„Kommen Sie Georg, wir gehen!“ Sie nickt den Kopf kurz zur Seite und dreht sich um. Georg rührt sich nicht, blickt sie bloß irritiert an. Sie scheint es ernst zu meinen. Irgendwie ist das Angebot aber auch verlockend. Jemanden zum Reden haben. Zum Zuhören.
„Meinetwegen können Sie auch einen Espresso trinken.“, wendet sie sich an ihn zurück. „Und sagen Sie jetzt bloß nicht, Koffein lässt Sie nicht schlafen.“
Sie nimmt ihn am Arm und zieht in sanft mit sich. Leicht verdattert, jedoch widerstandslos folgt er ihr, blickt sich nochmals zu Hilde’s Grab um und wirft ihm ein lautloses „Tschüss“ zu.

Schließlich, Edith hat seinen Arm losgelassen, geht er mit ihr über den Friedhofskies. Beim Blick auf den Boden entdeckt er neben sich weinrot lackierte Fußnägel in Ledersandalen, die bei jedem Schritt ein Stück unter dem Blumenrock hervorlugen.
„Sagen Sie Edith, sind Sie eigentlich irgendwo in den 60ern hängen geblieben?“
„Wie meinen Sie das?“
„Nun, ihr Aufzug erinnert mich stark an die 60er Jahre. Würde mich nicht wundern, wenn Sie gleich noch eine dieser Hippie-Sonnenbrillen aufsetzen.“
„Ha! Georg, Sie haben ja Humor! Wenn Sie den bei ihrem Gipfelsturz nicht verloren haben, dann besteht noch Hoffnung.“
„Sehr witzig. Machen Sie sich ruhig lustig.“
„Sie erinnern sich an die 60er?“
„Natürlich! So verkalkt bin ich nun auch nicht.“
„Aber man sagt doch, wer sich an die 60er erinnern kann, war wahrscheinlich nicht dabei.“, feixt sie.
Nun prusten sie beide los. Ihr Lachen schallt über den Friedhof.
„Pscht!“ macht Edith, während sie versucht ihr Kichern zu unterdrücken.
„Glauben Sie mir“, flüstert Georg japsend, „ich war dabei!“

Die Melodie erklingt erneut. Hilde schmiegt sich ganz dicht an ihn. Für einen Moment meint er sogar, einen Hauch ihres warmen Atems zu spüren. Sein Blick schweift zu Edith, die noch immer vor sich hin grinst. Und während sie gemeinsam das Friedhofsgelände verlassen, gräbt Georg Jansen von ganz weit her, ein zutiefst ehrliches Lächeln aus sich heraus.
Beautiful people
Never have to be alone


(Beautiful people, Melanie Safka)

Version 2

Letzte Aktualisierung: 27.12.2015 - 23.22 Uhr
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