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Flucht | Januar 2016
Kopfbilder
von Eva Fischer

„Geh!“
Sein Vater ist in den letzten Monaten merklich gealtert, sein Körper regelrecht eingesackt. Einst war er ein großer Mann, jetzt ist er um eine Kopflänge geschrumpft. Doch seine Augen sprühen Energie, mehr noch Hass und Wut, auch wenn er weiß, dass sie nicht ihm gelten.
„Geh!“
Das Wort trifft ihn wie ein Pistolenschuss mitten ins Herz.
„Geh! Habe ich dich nicht Respekt gelehrt, Sohn!“
Das Aber bleibt ihm in der Kehle stecken. Er weiß, es ist zwecklos.
„Und nimm deine Schwester mit! Du bist für sie verantwortlich.“
Seine Schwester sieht ihren Bruder furchtsam an. Er weiß, sie möchte sich am liebsten vor ihrem Vater zu Boden werfen, ihn anflehen, sie nicht wegzuschicken.

Wohin sollen sie gehen? In ein fremdes Land, dessen Sprache sie nicht verstehen? In eine ungewisse Zukunft? Wird er seinen Vater je wiedersehen? Werden sie ihre Drohungen wahrmachen und ihn töten, so wie sie seine beiden älteren Brüder getötet haben? Verräter stand auf der Mauer, nur weil sie Schiiten sind.
Er sieht, wie die Tränen über das Gesicht seiner 16 jährigen Schwester Zahira laufen, lautlos.
Sein Vater dreht sich um. Kein Abschiedskuss, keinen Segen.
Mit dem „geh!“ ist alles gesagt, mehr Kraft hat der gealterte Mann nicht mehr und doch wird sich dieses Wort für immer in Ahmads Kopf wie ein Kainsmal einbrennen.
Er schaut auf die Ruinen der Stadt, in der sein Vater einst eine Silberschmiede besaß.
Auf dem Boden liegen zwei Rucksäcke im Staub. Er weiß, was drin ist. Etwas Brot und einige Flaschen Wasser, etwas Kleidung zum Wechseln und das letzte Geld seines Vaters, damit er die Schlepper bezahlen kann.
„Schau dich nicht um, Ahmad! Das bringt kein Glück!“
Er schultert die Rucksäcke, nimmt seine Schwester an die Hand und folgt dem Fremden.

*

Es ist dunkel im Raum. Es sind immer wieder die gleichen Bilder, die ihn mitten im Traum hochschrecken lassen. Sein Herz rast. Er versucht sich zu erinnern, wo er ist.
Nein, die Flucht ist zu Ende. Er ist registriert, schläft in einem kleinen Raum hier in Deutschland, der nach frischem Holz riecht. Draußen rast ein Schnellzug durch die Nacht, durchbricht die Stille. Er hört den regelmäßigen Atem seiner Schwester in ihrem Bett. Aber er kann nicht mehr einschlafen. Das weiß er. Aus der Wasserflasche nimmt er einen Schluck, dann zieht er sich lautlos seine Jeans und seinen Pullover an und öffnet vorsichtig die Tür. Kein Sternenhimmel liegt über ihm, nur wolkenverhangene Dunkelheit. Er atmet tief durch, lässt die kühle Luft in seine Lunge, hofft, dass sie seine dunklen Gedanken vertreibt. Doch, wie soll er sich beruhigen, wenn immer wieder diese Bilder auftauchen. Er macht vorsichtig ein paar Schritte auf dem Schotterweg, möchte die Dämonen durch die Bewegung seiner Beine abschütteln.
„Geh!“, hört er seinen Vater brüllen. Immer wieder. Er hält sich die Ohren zu, wechselt von den geräuschvollen Steinen auf den stillen Erdboden. Die Dunkelheit schreckt ihn nicht mehr. Seine Augen gewöhnen sich langsam, nehmen die Umrisse von Bäumen wahr. Hinter dem Wald liegt eine Siedlung, doch er ist ohne Ziel.

*

Immer wieder diese blutverschmierten Toten und Verletzten, die über die Mattscheibe flimmern. Seit dem Tod ihres Mannes vor zehn Jahren sieht sie eigentlich nicht mehr so gerne Krimis, aber sie haben hartnäckig fast alle Sender erobert. Eigentlich sollte sie ins Bett gehen, anstatt den Spätkrimi zu Ende zu sehen. Doch irgendwie kann sie sich nicht aufraffen, den bequemen Sessel zu verlassen, mit ihren arthrosegeplagten Knien die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer zu steigen. Schon öfter hat sie darüber nachgedacht, ob es nicht sinnvoll wäre, das Haus zu verkaufen. Seit beide Töchter ausgezogen sind, ist es eigentlich zu groß für sie.
Wer ist der Mörder? Sie sehen alle gleich aus, sind alle Menschen wie Du und Ich. Das macht die Krimis so unheimlich. Jeder versteckt irgendwelche Schattenseiten hinter einer makellosen Stirn.
Sie denkt an die dunklen Gestalten, die seit Weihnachten durch den kleinen Ort ziehen. Sie weiß, dass sie Flüchtlinge sind wie einst Maria und Josef. Freundlich lächeln sie, wenn sie einen Einheimischen treffen. Die Kinder winken. Aber was verbirgt sich in ihren Köpfen, Zeichen, die sie nicht entziffern kann, Sprache, die sie nicht versteht?
Sie schaut vom Fernseher durch die großen Scheiben in die Dunkelheit, hinter der sich ihr Garten ausdehnt. Auch viel zu groß für sie in ihrem Alter.

*

Der Mond schenkt ihm keine Orientierung. Er ist ziellos, planlos, weiß, dass dies aufhören muss. Er muss endlich seine Vergangenheit hinter sich lassen, nach vorne schauen, die Sprache hier lernen. Ob sein Beruf als Silberschmied hier gefragt ist? Auch in seinem Land gab es nur noch wenige Käufer. Doch seine schmalen Hände sind geschickt, seine Augen scharf wie die eines Adlers. Plötzlich spürt er ein Stechen in seinen Lenden. Er sollte zurück zu den Häuserbaracken, aber da vorne sieht er ein Licht hinter den Bäumen. Er windet sich durch die Büsche. Die Schmerzen attackieren ihn unbarmherzig wie Messerstiche. Durch die Scheiben sieht er eine Frau in ihrem Sessel sitzen. Sie könnte so alt wie seine Mutter sein. Schutzlos sitzt sie allein in ihrem Haus. Wo ist ihr Mann? Wo sind ihre Söhne?

*

Das Blut gefriert ihr in den Adern, denn durch die Scheiben sieht sie ein Gesicht. Ein echtes, zweifellos das eines jungen Mannes! Dunkle, schmerzverzerrte Augen schauen sie an und jetzt hört sie, wie seine Fingerknöchel gegen das Glas pochen.
Sind die Diebe mittlerweile so dreist? Ist das der neueste Trick? Das Geräusch wird immer fordernder, unerbittlicher. Sie erhebt sich von ihrem Sessel. Noch immer will sie nicht glauben, was sie da sieht. Von zwei Bildschirmen scheinen gleichzeitig irreale Bilder in ihr Wohnzimmer zu flackern. Sie will das nicht, hat Angst. Mit einem Knopfdruck bringt sie die Jalousie in Gang. Sie schaut als letztes in die erstaunten, ungläubigen Augen des Mannes, der verzweifelt mit den Armen wedelt, bevor er aus ihrem Blickfeld verschwindet.
Mit der Fernbedienung bringt sie die restlichen Bilder zum Schweigen.
Mühsamer als sonst schlurft sie die Treppe hinauf, aber das Bild des jungen Mannes lässt sich in ihrem Kopf nicht abstellen. In dieser Nacht findet sie keinen Schlaf.

Letzte Aktualisierung: 12.01.2016 - 16.50 Uhr
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