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Flucht | Januar 2016
Der Armreif des Thor
von Ingo Pietsch

Brasilien - Im tiefsten Dschungel, nahe des Amazonas
In der Stufenpyramide war es dunkel und es roch muffig.
Christian Laubner schwenkte seine Gaslaterne hin und her, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen. Als Archäologe galt sein Augenmerk hauptsächlich auf zurückgelassene Gegenstände. Doch bis auf ein paar unbedeutende Tonscherben, war hier nichts zu finden.
Hinter ihm, an einer Wand, war seine Kollegin Rebecca Schulz damit beschäftigt, Inschriften mit einem Pinsel freizulegen.
Sie waren nicht ganz freiwillig hier: Ihr Freund Professor Wellington hatte sie dazu gedrängt, diesen Ort aufzusuchen. Er hatte die Pyramide vor ein paar Jahren zufällig selbst entdeckt, als er sich im Dschungel verirrt hatte.
Das Besondere hier war, dass sämtliche technischen Geräte im Umkreis von zwei Kilometern - weder Handy, Navi, noch Taschenlampe - einfach nicht mehr funktionierten.
Nur mit Bleistift, Papier und einem Spiegel hatte er einen kleinen Teil der Zeichnungen abpausen können.
Zuhause hatte er herausgefunden, dass die Pyramide möglicherweise das Versteck einer Waffe mit Namen „Armreif des Thor“ sein könnte. Dieser Armreif verlieh seinem Träger unglaubliche Kräfte.
Der Professor war erstaunt, dass die nordische Mythologie bis nach Südamerika vorgedrungen war.
Obwohl er seine Entdeckung unter Verschluss gehalten hatte, gelangten einige Informationen irgendwie an Issak Goldstein, einen Sammler seltener und mächtiger Artefakte. Auf seine hinterlistige und brutale Art entlockte er dem Professor die Koordinaten der Pyramide.
Aber der Professor hatte Goldstein leicht veränderte Daten gegeben.
Es war nur eine Frage der Zeit bis er die Wahrheit herausfand.
Christian beobachtete Rebecca bei ihrer Arbeit. Sie hatte ihre rote, lockige Haarmähne mit einem Haarreif gebändigt. Die Linguistin strich sich immer wieder eine Strähne aus dem Gesicht. Sie hatte deswegen bereits schwarze Streifen auf den Wangen und der Stirn, die ihre Attraktivität aber nicht minderte.
Christian riss sich zusammen. Sie waren nur Kollegen und gute Freunde, mehr nicht, auch wenn er sich manchmal eingestand, dass da doch etwas anderes zwischen ihnen war.
Rebecca funkelte ihn mit ihren grünen Augen an: „Ist was?“
Christian räusperte sich: „Nein, kommst du gut mit deinen Hieroglyphen voran?“
„Es sind Petroglyphen“, verbesserte sie ihn. „Und ja, ich habe schon eine Menge herausgefunden. Komm her.“
Zusammen betrachteten sie das Relief. Es zeigte Menschen verschiedener Herkünfte. Südamerikanische Ureinwohner, Ägypter, Wikinger, Druiden und noch andere.
Jeder hatte an seinen Handgelenken Bänder befestigt und hielt einen riesigen Stein über seinen Kopf.
„Anscheinend verleihen die Armreifen übermenschliche Kräfte. Kein Wunder, dass Goldstein hinter dem Artefakt her ist.“
Rebecca stimmte Christian zu.
„Suchen wir die Grabkammer!“, Christian klatschte in die Hände und wirbelte Staub auf.
Beide mussten husten.
„Außer diesem Relief, gibt es in diesem Raum nichts. Wahrscheinlich müssen wir einen versteckten Mechanismus finden, der uns weiter nach unten bringt“, schlug Rebecca vor.
Christian tastete die Wände ab, aber nichts passierte.
Rebecca überlegte und betrachtete weiter die Menschen. Über ihnen thronte eine gehörnte und gefiederte Schlange, die drohend auf sie herabstarrte. Aus ihren Augen kamen Strahlen, die auf einige Menschen fielen.
Rebecca drückte auf die Felsen über den Köpfen der angestrahlten Menschen.
Die Pyramide bebte und eine Treppe sackte Stufe für Stufe in der Mitte des Raumes ab.
„Auf geht`s!“, Rebecca schnappte sich ihre Laterne und ließ Christian mit offenem Mund zurück.

Eine Etage tiefer befand sich tatsächlich die Grabkammer. Völlig schmucklos und ohne Grabbeigaben, was Christian enttäuschend fand. Er fühlte sich fehl am Platze.
Vorsichtig durchsuchten sie die Kammer nach Fallen und dergleichen, wurden aber zum Glück nicht fündig, was sie ein wenig stutzig machte. Anscheinend hatte niemand mit einer Entdeckung gerechnet oder der Inhalt des Grabes war eher spirituell, als wertvoll.
Der Sarkophag bestand aus bearbeitetem Granit. Auf dem Deckel waren nordische Runen eingraviert.
„Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“, übersetzte Rebecca. „Irgendwo habe ich das schon Mal gehört!“
Christian musste grinsen: „Liest du etwa keine Comics?“
Sie rümpfte die Nase: „Ich bin ein ernsthafter Mensch. Hilf mir mal mit der Brechstange.“
Zusammen hebelten sie den Deckel hoch, der krachend zur Seite rutschte und Staub aufwirbelte.
Nachdem sich der Dreck gelegt hatte, schauten beide ins Innere.
Darin lag ein menschliches Skelett in zeremonieller Kleidung. Der Schädel war deformiert - länger als bei einem normalen Menschen. Aber das kannten die beiden Archäologen schon von anderen Grabfunden aus Südamerika.
Tatsächlich war am linken Handgelenk ein Armreif befestigt. Christian langte in den Sarg und streifte ihn über die Hand.
Im Matten Schein der Laterne war kaum etwas zu erkennen.
„Lass uns ans Tageslicht gehen, dann sehen wir mehr.“
Rebecca nickte ehrfürchtig.

Der Armreif fühlte sich an wie Leder, schien aber aus einer Art Kunststoff zu sein. In das Grau waren türkise Schriftzeichen eingebettet. An den Rändern befanden sich Ösen, durch die Lederbänder liefen, mit denen der Armreif am Handgelenk befestigt werden konnte.
„Kannst du das entziffern?“, fragte Christian, der das Artefakt immer wieder hin und her wiegte.
Rebecca schüttelte den Kopf. „Es sieht aus wie eine Mischung aus Arabisch und Chinesisch, ist aber keines von beiden.“
„Soll ich es mir umbinden?“, wollte Christian wissen, während er den Armreif auf den Handrücken legte.
Rebecca zuckte mit den Schultern.
Christian zog die Bänder fest. Es bedeckte gerade die Hälfte seines Gelenkes, als würde die andere Hälfte fehlen.
Christian horchte in sich hinein, aber nichts passierte. Er wedelte damit herum, kam sich aber albern vor.
„Vielleicht ist es defekt?“, schlug Rebecca vor.
Ein Motorengeräusch näherte sich.
Beide sahen durch das Blätterdach des Dschungels nach oben und entdeckten in großer Höhe einen Hubschrauber – eine Militärmaschine.
„Goldstein!“, kam es wie aus einem Mund.
„Los, weg hier!“, Christian griff nach seinem Rucksack. Der Hubschrauber war immer noch sehr hoch, aber direkt über der Pyramide. Seile wurden nach unten geworfen.
Der Hubschrauber war noch ein Stück abgesunken, als das Rotorengeräusch gänzlich erlosch.
Christian blickte zurück und sah, wie die Rotorblätter still standen und die Maschine sekundenlang in der Luft wie festgefroren war.
Dann stürzte er wie ein Stein ab und explodierte auf dem Dach der Pyramide.
„Weiter!“ Rebecca zerrte Christian mit sich.
Wenn einer diesen Absturz überlebt haben könnte, dann war es Goldstein. Er war einfach nicht Tod zu kriegen.
Und schon hörten sie seine Stimme: „Ich weiß, dass ihr beide hier seid!“
Sie rannten bis an den Fluss. Dort lag ihr Boot, mit dem sie Flussabwärts fahren konnten. Einen anderen Weg gab es nicht, der Dschungel war einfach zu dicht. Zu Fuß würde man Wochen brauchen.
Christian riss eine der Leinen los, als Goldstein schon aus dem Unterholz auf sie zustapfte. Er blutete aus einer Kopfwunde und seine Kleidung war zerschlissen. Sein irrsinniger Blick erschien den beiden unheimlich, dazu kamen seine spitze Nase und das spitze Kinn die ihm ein haihaftes Aussehen verliehen. Die vernarbte Wunde auf seiner linken Wange tat ihr übriges.
Rebecca saß schon im Boot, als Goldstein ein Maschinengewehr hob und abdrückte.
Ein Schuss löste sich, dann gab es nur noch ein leeres Klackern.
Christian hob schützend seinen Arm vors Gesicht. Die Kugel traf den Armreif und prallte ab.
Christian fühlte sich stärker, seine Sinne waren schärfer. Er hörte und sah besser.
Die Zeichen auf dem Artefakt leuchteten leicht.
Goldstein war heran gekommen. Er hatte sein Maschinengewehr beiseite geworfen und ein langes Messer gezogen.
Christian warf sich herum und fing die Attacke mit seinem Oberkörper ab.
Das Messer riss eine Wunde in seine Schulter. Es brannte höllisch, doch Christian packte Goldstein mit übermenschlichen Kräften und warf ihn gegen den nächsten Baum.
Der rappelte sich sofort wieder auf und setzte zum nächsten Angriff an, als er vornüber kippte und zusammenbrach.
Rebecca stand neben ihm und hatte ihn mit einem dicken Ast bewusstlos geschlagen.
Sie eilte zu Christian und half ihm ins Boot.
„Wir müssen deine Wunde verarzten“, doch als sie das Hemd weiter aufriss, war der Stich schon halb verheilt.
Christian roch zwischen den vielen Düften des Dschungels die anziehenden Pheromone, die Rebecca unterbewusst freisetzte. Er schüttelte den Kopf und hielt das Artefakt in verschiedene Richtungen, bis die Schriftzeichen heller leuchteten.
„Da müssen wir hin!“, sagte er bestimmt. Er strotzte nur so vor Kraft, obwohl er eigentlich erschöpft sein sollte.
„OK“, meinte Rebecca unsicher und wich ein Stück von ihm weg.
Christian öffnete die Bänder. Kaum löste sich der Armreif von seinem Gelenk, merkte er die körperliche Anstrengung.
„Man sollte ihn nicht zu lange tragen, es könnte einen umbringen.“ Er betrachtete den Gegenstand hinter dem Goldstein her war.
Es würde nicht lange dauern und Goldstein wäre ihnen wieder auf den Fersen.
Was immer sich dort in der Richtung befinden würde, in die der Armreif gezeigt hatte, sie würden sich beeilen müssen …

Letzte Aktualisierung: 24.01.2016 - 09.13 Uhr
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