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Flucht | Januar 2016
Ihre Seele klebte wie Kaugummi an ihrer Schuhsohle
von Glädja Skriva

Ihre Seele klebte wie Kaugummi an ihrer Schuhsohle – und hinderte sie am Gehen.

Sie versuchte stillzustehen, damit sie dieses Gefühl nicht spüren musste. Und beim äußeren Stillstehen wuchs ihre Sehnsucht, die sich innerlich längst aufgemacht hatte. Sie wuchs erst diffus; dass er sie niemals gehen lassen würde, was ihre Hände band und ihren Willen erschöpfte, ihn abzulösen, weil er unwiderbringlich verbunden war – mit ihr und ihrem Stillstehen.

Bis irgendwann die Sehnsucht leise Gestalt annahm. Zu fliehen. Gezogen von Tönen, die in die Stille tropften: italienische Melodien. Leicht und lebensfroh. Das erste Mal hob sie ihren geduckten Kopf gen Himmel. Lauschte. Schloß die Augen. Wandte sich der Sonne, der Wärme zu. Für einen huschenden Augenblick. Auf dem Gesicht. Wohlig hinunter bis auf die Schultern. Ihre angespannten Muskeln lockerten sich und ließen das Herz lebendig werden. Fort. Nur fort.

Das erste Mal hatte sie es gewagt, sich von ihm abzuwenden. Mit einer kleinen Kopfbewegung. In eine eigene Richtung. Dem Leben nach. Kaum von einem außenstehenden Beobachter wahrzunehmen. Und doch …

Schon setzte ihre innere Stimme ein: „Du kannst nicht gehen. Einfach so. Nicht alles hinter dir lassen. Flucht ist keine Lösung. Schließlich hast du es so gewollt. Und nun sieh, was du daraus machst. Schließlich trägst du die Verantwortung für das, was du dir vertraut gemacht hast, sonst bist du schlecht, schlecht, schlecht … man rennt nicht einfach davon. Du Feigling!“

Doch dann begannen wieder die Melodien in ihrem Kopf zu spielen. Erinnerungen stiegen auf. Italien. Alte Frauen, die vor ihren Häusern mit dem abgeblätterten Putz saßen und erzählten von früherer Zeit bis tief in die Nacht, die angenehm lau war nach dem brütend heißen Tag. Grillen, die zirpten. Orangenbäume, die fruchtig zart dufteten. Und Wellen, die unermüdlich an den Strand klatschten, beruhigend anrollend, mit den kleinen Gesprächen der Frauen im Gepäck.

Dann kam sie wieder, die Stimme: „In der Erinnerung ist immer alles vergoldet. Aber willst du wirklich s o alt werden? Mit einer fremden Sprache, die du nicht verstehst? Medizinisch schlecht versorgt. Verlassen von den Jungen, die in ein besseres Land ziehen, in dem du bereits lebst und trotzdem nicht dankbar dafür bist!“

Der alte Kaugummi klebte wieder. Aber der Schnürsenkel hatte sich gelockert. Sie begann zu stolpern. Konnte nicht mehr bleiben. Noch nicht gehen. Nicht flüchten. Wohin auch?

Das Meer hatte damals, wie mit Abermillionen Swarovski Steinen besetzt, geglitztert. In Milazzo. Lupenreines Azurblau unter wolkenlosem Himmel. Sie erinnerte sich an die Taxifahrer, die sie von einer versteckt gelegenen Lagune zur nächsten gefahren hatten, in der sie ins Wasser sprangen, übermütig, splitternackt und die sie dann wieder auflasen; lachend, wild gestikulierend. Hemdsärmlig, mit heraushängendem Arm trieben sie die alte Büchse von Auto den Berg hinunter. Im Zickzackkurs. Immer eine Flasche schweren, dunkelroten Tischwein und eine fette Eselswurst im Kofferraumgepäck.

„Lupenreines Azurblau.“ Ihre innere Stimme lachte höhnisch. „Scheiße war es, die im Meer herumschwamm. Tanker, die knapp vor der Küste ihren Dreck abließen. Träume sind Schäume, wie die Würste, die im Wasserstrudel aufgewirbelt wurden. Für so etwas willst du gehen? Und wenn du zurückkehrst, wird alles zerstört sein. Dein Traum und die Realität.“

Ihr Kaugummi klebte. Hielt zäh ihre Bewegung auf Stillstand. Flucht. Sinnlos. Sie atmete schwer. Ihre Schritte wurden mühsam. Sie stolperte. Wohin? Der zweite Schnürsenkel hatte sich halb gelöst. Verwickelt.

Dann ging sie, vier kleine Schritte, dreiundeinhalb zurück. Wie in Zeitlupe von der Vergangenheit gehalten. Dort, Richtung Bahngleis 10. Das Köfferchen. Nur kurz verschnaufen. 9.53 Uhr. „Milano“. Das Meer. Frei. Endlich frei.
Der Zug ratterte mit Getöse ein. Schweißtropfen standen auf ihrer Stirn. „Milano“. Dreck. Oper. Gestank. Gestank. Italienische Melodien. Leicht und zart. Ihre Hand tastete nach dem Griff entlang des Einstiegs. „Du wirst es bereuen. Es wird schlimmer werden, als es je zuvor war“, wusste ihre Stimme. „Mache dich nicht unglücklich.“ Sie taumelte zurück. Ließ den Koffer. Die Hand war frei. Die zweite. Sie tastete erneut nach dem Einstiegsgriff. Die Stufen waren hoch. Sehr hoch. Der Kaugummi klebte. Fest. Am Stufengitter, verdrehte sich erneut, zog das Gummi lang. Schrill der Pfiff des Zugführers. Das Winken des Signals. Klack. Klack. Die Türen schlugen kurz hintereinander zu. Klack, Klack, Klack. Dann, der Kaugummi durch den letzten Schlag gekappt, taumelte sie in den Waggoninnenraum.

Sie konnte ihre Füße kaum setzen. Es klebte. Es klebte immer noch. „Du hast alles falsch gemacht“, höhnte ihre Stimme. „Es gibt kein glückliches Leben. Hier nicht. Dort nicht. Du wirst immer auf der Flucht sein. Weil du auf der Flucht bist vor dir selbst. So wird es nie etwas werden. Nie, nie, nie …“

Das „Nie“ ratterte gleichförmig auf den Schienen. Sie war eingenickt und träumte: Ein Mann mit einem lustig hochgezwirbelten Bart und einem bunten Tuch, nonchalant umgebunden, schob ihr über den Tresen eine kleine Tasse Espresso herüber. Schwarz. Duftend. Stark. Angenehm bitterer Geschmack legte sich auf ihre Zunge und auf den leicht süßlichen Tomatengeschmack der vorangegangenen Penne, die sie genossen hatte. Sie atmete den Schweiß und Knoblauch jenes Mannes mit jeder Pore ein und hauchte ihn über ihr dickbauchiges Rotweinglas hinweg. Ihre Fußspitze begann zu „Te amo“ zu wippen, das aus einem alten 50iger-Jahre-Radio schnulzig schepperte. Ihre Füße, ihr Körper begann sich wild zu drehen, bis ihr schwindlig wurde und der bauschige Petticoat dazu hochschwang und ihr Höschen zeigte.

Der Zug bremste. Ihre Stirn schlug hart gegen die kühle Fensterscheibe. Draußen war es inzwischen Nacht geworden. Sie könnte längst zuhause sein. Zuhause?

Als sie ausstieg, nieselte es leicht. Morgen früh würde davon der Boden getränkt sein und frisch und grün würde diese Landschaft unter der italienischen Sonne ersteigen. Sie würde im nächsten Straßencafe einen Espresso trinken. Klein. Schwarz und bitter. Und dabei das erste Mal wieder Luft bekommen, weil sie frei war, dorthin gehen zu können, wohin sie wollte. Alles, alles hatte sich gelohnt.

Der Zugführer schien ihr wie ein leibhaftiges Omen zu sein, als er ihr freundlich, abschiednehmend winkte. Sie wedelte zurück und rief begeistert: „Arrivederci! Arrivederci, Vergangenheit!!“ Er antwortete, immer noch freundlich lachend: „Tot ziens! Tot ziens!“

„Tot ziens?“ Sie konnte es nicht glauben. Sie buchstabierte : „T – o – t. Tot. Tot ziens!“ Sie war in Holland gelandet. Diesem beschissenen Holland. Das Wetter kühl und feucht. Sie würde sich an Holzpantinen gewöhnen müssen und holländischen Rosenkohl hinunterwürgen.

Als sie sich umdrehte, war der Zug längst abgefahren.


Wie ist das, wenn der erträumte Zielbahnhof, endlich erreicht, zum Kopfbahnhof wird?
Das nächste Schreiblust-Thema im Februar ist „Heimat“. Schaun wir mal, wohin die Lebensreise weitergeht, wenn sie weitergeht.

© P.S./Glädja Skriva/Januar 2016/ 2. Version


Letzte Aktualisierung: 26.01.2016 - 20.19 Uhr
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