Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Flucht | Januar 2016
Kristallmond
von Martina Lange

Maizie schob die schweren Türen auseinander. Die Kaverne war angefüllt mit Dunkelheit. Kein Laut störte die vollkommene Stille. Sie ergriff ihre Laterne und trat über die Schwelle. Eine Hand auf der holzvertäfelten Wand, tastete sie sich vorwärts. Sie spürte die geschnitzten Runen unter ihren langen, empfindsamen Fingern. Sorgsam entzündete sie eine Öllampe nach der anderen, bis sie die Finsternis in die entferntesten Winkel zurückgetrieben hatte. Zufrieden wandte sie sich um. Nun war alles bereit für das große Thing. Gegenüber der hohen Eingangstür schimmerte klar der Kristall in seiner Fassung aus poliertem Onyx.
Sie liebte sein Glitzern seit ihrem ersten Tag in den Höhlen des Menai. Den großen Höhlen des Lernens, des Wissens. Der flackernde Schein der Öllampen erweckte huschendes Leben in ihm. In jeder Facette ein anderes Bild. Magisch anzogen von ihrer Lebendigkeit, lähmte seine pulsierende Energie Maizie. Ein schlagendes Herz. Der Widerschein des mächtigen Artefakts spiegelte sich in ihren großen roten Augen. Die Welt umher löste sich auf.

Ein Räuspern schreckte Maizie aus ihrer Trance. Sie fuhr herum und sah sich Ogham gegenüber. Augenblicklich warf sie sich ihm, dem Ehrwürdigen, zu Füßen. Sie wagte kaum zu atmen, ganz zu schweigen davon, den Kopf zu heben. Neben den obersten Runenmeister trat der Nestor des Menai, Orthgar. Mit Zyklen beinah ebenso reich beschenkt wie Ogham, fehlte es Orthgar jedoch an dessen Emphase, die alles um ihn erhellte. Kalt musterte der Nestor die junge Koboldin aus kieselharten Augen. Schon setzte er zu einer Rüge an, mit seiner Stimme, die nie laut wurde und doch so viel schärfer schnitt als jedes Messer. Maizie erfasste eine würgende Übelkeit.
Ogham legte haltsuchend seine verknöcherte Hand auf Orthgars Arm und erstickte dessen Absicht im Keim. Dann hob er seinen weißen Stab und deutete auf Maizie.
„Erhebe dich, Kind!“, forderte er sie auf. Maizies Herz stolperte heftig. Bebend kam sie seiner Aufforderung nach.
„Du solltest schon längst deine Festgewänder angelegt haben, nicht wahr?“ Er konnte nicht erkannt haben, dass sie nur ein Mädchen war. Verlegen sprach sie nun zu ihren nackten Füßen, die unter dem groben Stoff ihres Kleides hervorschauten.
„Mit Verlaub, Ehrwürdiger, ich bin kein Grünling, ich bin eine Magd.“ Unbedacht war ihr die Spottbezeichnung für die Vate entschlüpft, wie sie unter der Dienerschaft häufig gebraucht wurde für die Schüler des Menai. Orthgar sog scharf die Luft ein. Maizie hob den Kopf und sah wie Ogham lächelte.
„So so? Eine Magd? Dann will eine Magd also nicht am großen Thing und an der Suche nach einem neuen Kristallmeister teilnehmen? Ein derartiges Ereignis sollte sich auch eine Magd nicht entgehen lassen. So etwas geschieht nicht in jedem Zyklus. Also geschwind, kleide dich um. Heute sollen alle Kobolde anwesend sein“ Um seine milchigen Augen unter den dichten weißen Brauen gruben sich unzählige Falten. Machte er sich über sie lustig? Rasch senkte sie ihre Augen. Fort von dem tiefgründigen Blick, der bis in ihr geheimstes Inneres vorzudringen schien.
„Eine Magd?“ Richtete er die Frage an sich selbst und wackelte zur Antwort mit den nackten Ohren? Mit einem Schwung setzte der Runenmeister seinen Stab wieder zu Boden und seinen Weg fort. Hinter seinem Rücken fixierte Orthgar Maizie und zischte: “Das wird ein Nachspiel haben. Scher dich hinaus und befolge die Anweisungen, die der Meister dir gab. Und nach der Zeremonie findest du dich in meinem Gemach ein.“ Mit dieser bedeutungsschweren Anordnung eilte er dem Meister nach.

Maizie rannte durch das Labyrinth aus langen Höhlengängen und hielt erst an, als sie keine Luft mehr bekam. Eine Hand in die stechende Seite gepresst, sich mit der anderen an der Wand abstützend, versuchte sie ihren Atem zu beruhigen. Ihre Wangen brannten. Sie fühlte sich bloßgestellt. Ertappt. Und sie fürchtete sich vor dem Nestor. Seine Liste ihrer Verfehlungen war lang. Dabei hatte sie versprochen sich zu bessern.
Muma, der Hausmutter, Junas, dem Oberdiener, Fern, dem Küchenmeister und auch dem ehemaligen Kristallmeister Thales. Ihm vor allen anderen. War er es doch gewesen, der sie vor mehr als fünf Zyklen von ihren Eltern fort und hierher gebracht hatte.
Maizie seufzte. Wenn sie ehrlich war, so hatte sie dieses Versprechen wirklich Vielen gegeben. Zu Vielen.
Die Umgebung verschwamm unter ihren Tränen. Sie musste fort. Aber wohin sollte sie gehen? Sie würde hungernd und frierend durch die Oberwelt streifen. In dem Menai wollte, nein, konnte sie nicht länger bleiben. Immerhin bestand durchaus die Möglichkeit, dass der Kristall Orthgar zu seinem nächsten Meister erwählte. Die Folgen wagte sie sich nicht auszumalen.
Eilige Schritte und aufgeregte Stimmen schreckten Maizie aus ihren düsteren Gedanken. Hastig sah sie sich in dem holzgetäfelten Gang nach einem geeigneten Versteck um.
Unbewusst hatte sie ihre Flucht aus der Kristallkammer in den Bereich geführt, in dem die Bibliothek und die Studierzimmer des Menai untergebracht waren. Rasch schob sie die nächstgelegene Tür auf und wieder zu. Unwillkürlich entwich ihr ein Schmerzlaut. Ihre Schwanzspitze klemmte in der Führungsschiene und pulsierte schmerzhaft. Mazie hielt den Atem an, während sie sich lauschend gegen die Tür lehnte.
Die beiden Grünlinge auf dem Gang stockten verwundert. Ausgerechnet Lunat und Bergo, die grässlichsten der Vate. Sie trugen ihre breiten Nasen so hoch, dass sie ihre großen Füße nicht mehr sehen konnten. Maizie verzog angewidert den Mund. Wie sie die Dienstboten herumscheuchten, als wären sie die Meister! Dabei wusste Maizie genau, dass ihre Väter ihnen die Plätze des Menai gekauft hatten. Jeder in den unteren Quartieren wusste davon. Und auch von wem. Die überlieferten Aufgaben während des Initiationsrituals hätten die beiden Dummbeutel nie und nimmer aus eigener Kraft gelöst. Tag für Tag bestand nun ihr liebster Zeitvertreib darin, vermeintlich Schwächere zu drangsalieren. Maizie verwandte ihre ganze Geschicklichkeit darauf, ihnen aus dem Weg zu gehen, denn eine Magd durfte den hohen Vate, den auserwählten Schülern des Menai, nicht unter die Augen treten.
Leise wich sie von der Tür zurück. Durchquerte den nach Papier und altem Holz riechenden Saal und schlüpfte durch eine der verborgenen Wandtüren. Maizie huschte durch einen der unzähligen Gänge, die die Höhle durchzogen wie das Netz einer Spinne, in ihre Kammer unweit der Küche. Rasch streifte sie ihr Arbeitskleid ab und legte dafür das wenig benutzte Festgewand an. Ihre Knöchel schauten hervor, denn seit sie in der Menai Magd geworden war, hatte sie es nicht mehr getragen.
Auf ein ausgebreitetes Schultertuch legte sie die wenigen Habseligkeiten, die sie ihr Eigen nennen durfte, und knotete die Ecken zusammen. So blieb nichts zurück, das sie vermissen würde. Sie schloss nicht einmal die Tür, als sie sich auf den Weg zurück zur Kaverne machte.

Stimmengewirr schlug Maizie entgegen. Die ausladenden Abmessungen des Raumes wurden ausgefüllt von der anwesenden Koboldgemeinschaft. Aus allen Teilen des Landes hatten sie sich zum großen Thing eingefunden. Maizie sah Baumwohner, Waldwohner, Grasländer und Bergwohner. Und noch einige mehr, deren Zugehörigkeit ihr unbekannt war, aber deren Habit sie eindeutig als Angehörige der Koboldgemeinschaft auswies. In dieser Vielfalt würde sie ungesehen die Höhle für immer verlassen können.

Mit Erscheinen des obersten Runenmeisters verstummte das aufgeregte Gemurmel. Nun stimmte er eine lange Litanei an, in welche alsbald auch die Meister auf der Galerie, die Vate und alle Kobolde einstimmten. Maizie lehnte sich gegen die Wand und betrachtete den Kristall. Im Dach der Kaverne öffnete sich ein Durchlass. Silbriges Mondlicht traf auf das Artefakt. Auf all seinen Facetten fand sich ein Spiegelbild des vollen Mondes. Rein und schimmernd. Die Welt um Maizie versank.
Kälte kroch der jungen Koboldin den Rücken hinauf. Sie fröstelte. Die Kaverne lag still in Mondlicht getaucht.
Wo waren die Anderen? Dumpf drang der Rhythmus der Trommeln an ihre Ohren. Das Fest hatte bereits begonnen! Es gab also einen neuen Kristallmeister und sie hatte seine Wahl verpasst. War sie eingeschlafen? Nein, das konnte nicht sein. Ihr Blick fiel wieder auf das Artefakt. Der Mond war weitergewandert, hatte aber den Rand der Öffnung noch nicht erreicht. Maizies Herz begann wie wild zu schlagen. Sie erhob sich und schritt langsam auf den Kristall zu. Nur einmal: nur einmal wollte sie ihm ganz nah sein. Wenn sie die Menai verließ, würde sie nie mehr zurückkehren. Davon war sie überzeugt. So trat Maizie in den Kreis aus Runen, der den Kristall umgab. Ihr rotes Haar flammte im Mondlicht.
Wie schön es sich in den Facetten spiegelte. Verzaubert streckte sie ihre Hand aus…
Ein zorniger Schrei hallte durch die Kaverne. Bevor der Nestor Maizie jedoch erreichte und zurückreißen konnte, erfüllte weißblaues Licht den Raum.

Geblendet hob Maizie die Hände vor die Augen. Sie fiel. Das Licht hüllte sie ein und der Mond kam auf sie zu. So hatte sie sich ihren Fortgang aus dem Menai keinesfalls vorgestellt. Abwehrend streckte sie die Arme aus, trudelte und stürzte durch den Mond.

Letzte Aktualisierung: 16.01.2016 - 19.05 Uhr
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