Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Flucht | Januar 2016
Fluchtversuch
von Sarina St├╝tzer

Gehetzt warf Kiara einen Blick ├╝ber die Schulter. Seit sie in die kleine Gasse eingebogen war, konnte sie ihre Verfolger nicht mehr sehen, doch die stampfenden Schritte und das Rufen waren deutlich h├Ârbar. Metallisches Schaben, als eines der gezogenen Schwerter an einer Hauswand entlangschleifte, drang an ihr Ohr; sie mussten n├Ąher sein, als sie gehofft hatte.
Verzweifelt w├╝nschte sie sich, nur einen Augenblick stehen bleiben zu d├╝rfen, um zu sp├╝ren, wie das Pumpen in der Brust weniger schmerzhaft wurde, der brennenden Lunge und den stechenden Muskeln eine Pause zu g├Ânnen. Stattdessen qu├Ąlte sie sich weiter.
Wenn sie sie erwischten, w├Ąre das ihr sicherer Tod. Und es w├╝rde kein leichter, schneller Tod sein. Nein, ihr Sterben w├╝rde grausam und dreckig werden. Dieses Wissen trieb sie ├╝ber jede Grenze, die ihr K├Ârper ihr setzen wollte, hinaus.
Da ... eine T├╝r ├Âffnete sich. Gab es hier vielleicht eine mitleidige Seele, die ihr Unterschlupf gew├Ąhrte? Hoffnung zuckte in ihr auf. Ein bleiches Gesicht sah sie erschrocken an, dann wurde die T├╝r hastig wieder zugeschlagen, noch bevor sie sie erreicht hatte. Das Ersterben der Hoffnung wollte ihre Muskeln erschlaffen lassen. Sie zwang sich, nicht daran zu denken, hatte nicht einmal mehr die Kraft zu weinen. Vorw├Ąrts, weiter, weiter, einen Fu├č vor den anderen, in die n├Ąchste Gasse einbiegen und auf ein Wunder hoffen.
Vorn links ging es zum Marktplatz. Konnte sie in dem Gemenge untertauchen? Oder war die Gefahr zu gro├č, dass jemand der Obrigkeit zu Diensten sein wollte und sie festhalten w├╝rde? Nicht jeder im Ort war ihr wohlgesonnen.
Nach rechts ging es zur Stadtmauer. War das Tor entgegen den Gepflogenheiten dieser friedlichen Zeit besetzt? W├╝rden sie versuchen, sie dort abzufangen? Oder konnte sie ungehindert hindurch und versuchen, den Wald zu erreichen? Dazu w├╝rde sie jedoch erst freies Feld ├╝berqueren m├╝ssen.
Ohne anzuhalten entschied sie sich f├╝r den Marktplatz. Zum gro├čen Viehmarkt war viel fremdes Volk in der Stadt, aber in ihrem Zustand w├╝rde sie selbst dort auffallen. Sie musste es riskieren, das Gewirr der Wagen und Herden ausnutzen und versuchen, f├╝r ihre Verfolger unsichtbar zu werden.
Sie kniff die Augen zusammen, als sie aus dem Schatten der Gasse hinausrannte, und stolperte, fast w├Ąre sie gest├╝rzt. Die Sonne brannte hell und sengend vom wolkenlosen Himmel. Schwarze Flecken tanzten wie zu fr├╝h erwachte Flederm├Ąuse durch ihr Blickfeld.
Kiara tauchte ein in die Ger├╝che und Ger├Ąusche des Viehmarkts, die Ausd├╝nstungen der Tierleiber vermischt mit Dung und Schwei├č, verst├Ąrkt durch die mitt├Ągliche Hitze, lie├č ihr eigenes rasselndes Keuchen im Bl├Âken, Br├╝llen und Feilschen untergehen. Sie selbst nahm Ger├Ąusche nur noch ged├Ąmpft wahr; das Pochen ihres Herzens, der n├Ąchste schmerzhafte Atemzug waren die Dinge, die ihr Bewusstsein beherrschten.
Lange w├╝rde sie nicht mehr durchhalten. Panisch zuckte ihr Blick hin und her, suchte sie nach einer M├Âglichkeit, sich zu verbergen, bog hinter dem erstbesten Karren ab und begann einen Zickzacklauf durch die Herden und Wagen und Menschengruppen. Die erstaunten Blicke der Marktbesucher ahnte sie mehr, als dass sie sie sah. Ihre Haube war verrutscht, das braune Haar klebte ihr str├Ąhnig am Kopf und ihre Kleidung war nicht erst, seit sie auf dem Marktplatz war, verdreckt und schlammbespritzt.
Pl├Âtzlich wurde sie gewahr, dass sie das Poltern der Schritte hinter sich nicht mehr h├Ârte. Keine Rufe, kein Waffenrasseln. Sie wusste nicht, ob es an dem Marktgeschrei oder an dem Blut lag, das durch ihre Ohren rauschte, oder ob ihre Verfolger tats├Ąchlich nicht mehr zu h├Âren waren. Sie erlaubte sich, ein wenig langsamer zu werden.
Pl├Âtzlich packte eine schwere Hand ihren Arm. Sie wollte schreien, doch ihren Lungen entwich nur ein Kr├Ąchzen. Sie wurde zur Seite gezogen undÔÇô

Verwirrt sah sie auf. Nur langsam erkannte sie die Gegenst├Ąnde in ihrer kleinen Wohnung wieder, das abgewetzte Schlafsofa, die winzige K├╝chenzeile, der farblose Schrank aus Bucheimitat. Dann wurde ihr bewusst, dass das Telefon schrillte, wie lange schon, konnte sie gar nicht sagen. Jedenfalls war dies das Ger├Ąusch, das sie in die Gegenwart geholt hatte. Sie klappte das Buch zu und sah sich suchend um. Wo hatte sie nur dieses Telefon liegen lassen? Sie ging dem Ger├Ąusch nach und fand es schlie├člich in ihrer Tasche. Stimmte ja, sie hatte es gestern zum Schlummertrunk bei Karin zwei Etagen tiefer mitgenommen. Sie dr├╝ckte auf das gr├╝ne H├Ârersymbol.
ÔÇ×Hallo?ÔÇť
ÔÇ×Hallo? Wer ist da? Ist da Tamara Langer?ÔÇť
ÔÇ×Nein, hier ist Birgit Oppst├Ądt.ÔÇť
ÔÇ×Oh, sorry, verw├Ąhlt.ÔÇť Klick.
Birgit runzelte die Stirn w├Ąhrend sie das Telefonteil in die Station stellte. Unschl├╝ssig stand sie kurz davor und beschloss dann, sich etwas zu essen zu machen, damit sich die Unterbrechung wenigstens lohnte. Der Blick in den Schrank er├Âffnete ihr die Auswahl zwischen Nudeln mit Fertigso├če, einer Dose Ravioli und Cornflakes. Da der Milchbestand fast aufgebraucht und Nudeln kochen ihr gerade zu aufwendig war, entschied sie sich f├╝r die Ravioli. Sie setzte den Dosen├Âffner an und sah aus dem Fenster. Es regnete immer noch; das gegen├╝berliegende Hochhaus wurde durch den Wasserschleier weich gezeichnet.
Mit ge├╝bten Bewegungen entfernte sie den Deckel von der Dose und merkte nicht, dass sie seufzte. Morgen war schon wieder Montag. Sie w├╝rde wieder ins B├╝ro gehen, wo ein Stapel B├Ąnder auf sie wartete, den sie heruntertippen w├╝rde. Wie jeden Tag. Montag bis Freitag, acht Stunden, zwanzig Tage Urlaub im Jahr.
Sie legte den Dosen├Âffner und den Deckel auf die Sp├╝le. Kurz streifte ihr Blick das Geschirr vom gestrigen Abendessen. Das musste warten, Kiaras Schicksal war jetzt wichtiger. Sie steckte eine Gabel in die Raviolidose, nahm beides mit zum Tisch und klappte das Buch wieder auf. Noch blieben ein paar Stunden.

Version 3

Letzte Aktualisierung: 26.01.2016 - 20.24 Uhr
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