Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Heimat | Februar 2016
Die letzte Verteidigung
von Ingo Pietsch

April 1945 - Kurz vor Berlin
Es war viel zu ruhig.
Alfred Brinkmann spähte über den Rand des Schützengrabens.
Gelegentliche Leuchtfeuer ließen nur die Bäume, Stacheldraht und Panzersperren erkennen.
Die Russen wussten ganz genau, dass die Mündungsfeuer ihrer Maschinengewehre in der Morgendämmerung sie sofort verraten würden.
Alfred rutschte wieder herunter und befühlte die Brusttasche, in der der letzte Brief seines Bruders Karls steckte. Vier Monate war der Brief schon alt. Seitdem hatte er nichts mehr von ihm gehört.
Darin stand, dass nicht die Russen, sondern die Kälte der wirkliche Feind war. Täglich hatten sie mit Erfrierungen in der Kompanie zu tun. Und Hunger. Der Nachschub kam immer spärlicher. Einige Kameraden überfielen sogar Bauernhöfe und wurden zu richtigen Bestien. Keiner konnte sagen, wie lange das noch so weiter gehen sollte.
Inzwischen waren Preussen, Polen und noch weitere Landstriche in Feindeshand gefallen.
Alfred packte sein Gewehr und straffte sich.
Nichts und niemand würde an diesem Verteidigungswall vorbeikommen.
In der Ferne wurde geschossen und ein Kanonenschlag erscholl.
Ein Kamerad zündete sich eine Zigarette an und zog daran. Er hielt sie Alfred nach dem ersten Zug hin, doch der lehnte ab.
„Klaus, das Zeug wird dich eines Tages umbringen“, mahnte ihn Alfred.
„Das oder die Russen.“ Klaus lachte. Er nahm seinen Helm ab und kratzte sich am Kopf.
Alfred schüttelte den Kopf.
Weiter hinten im Graben wurde neue Munition verteilt.
„Brauchen wir überhaupt noch Munition? Der Feind ist bestimmt schon zurückgeschlagen!“ Klaus zog sich an einer Wurzel zum Grabenrand. „Siehst du, da ist keiner!“, nuschelte er mit der Kippe im Mund.
„Komm wieder runter!“ Alfred wollte seinen Kameraden wieder zurückziehen, als er ihm entgegenfiel. Gleich darauf folgte Schall eines Schusses.
Alfred musste sich übergeben. Die Kugel hatte vom Kopf nicht viel übrig gelassen.
Das Glimmen der Zigarette hatte Klaus das Leben gekostet.
Plötzlich waren alle auf den Beinen.
„Scharfschützen!“, rief einer. Und „An die Waffen!“ ein anderer.
Ein Sanitäter lief geduckt auf Alfred zu und verlangsamte seine Schritte, als er sah, was der Schütze angerichtet.
Das MG wurde nach oben gehievt und fing augenblicklich an zu schießen.
Es wurde blind in den Wald geschossen.
Das war das Zeichen für die Gegner, die sich an den Mündungsfeuern orientierten.
Der Sanitäter hatte Klaus Leiche weggezerrt und alle anderen lagen am Schützenrand und schossen. Immer wieder kam ein Kamerad und verteilte Munition.
Die Befehle der Offiziere waren durch das laute Rattern kaum zu vernehmen.
Überall spritzte Erde auf von Querschlägern.
Alfred tränten die Augen, so konzentrierte er sich aufs Schießen.
Das Gewehr wurde langsam warm. Eine Wohltat für die klammen Finger.
Eine Gestalt rannte zwischen den Bäumen umher. Im Blitzgewitter des Gefechts war sie gut zu erkennen. Ein Selbstmörder!?
Alfred zielte: Kimme, Korn, Abzug.
Die Gestalt brach im Laufen zusammen.
Das Rattern des Maschinengewehrs klang inzwischen wie Musik. Überall platzte Rinde von den Bäumen.
Alfred wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er musste nachladen.
Mehrere seiner Kameraden lagen verletzt oder tot am Boden des Grabens. Der Sanitäter eilte von einem zum andern und wusste nicht so recht, was er tun sollte.
Alfred lud durch und zielte wieder.
Er erkannte mehrere russische Soldaten, die hinter jedem Baum, der sich in ihrer Nähe befand, Schutz suchten.
Einen erwischte er. Ein zweiter eröffnete das Feuer auf ihn, um ihn abzulenken.
Der dritte rannte weiter und drehte etwas mit beiden Händen – eine Granate!
Alfred tauchte ab und hielt mit beiden Händen seinen Helm fest.
„Granate!“, rief er, aber das Wort ging im Maschinengewehrlärm unter.
Der Druck der Explosion warf ihn auf die Seite.
Glühende Querschläge und Metallteile brannten sich durch seine Kleidung.
Ein Tinnitus füllte seinen Kopf aus. Immer noch beide Hände an die Schläfen gepresst, versuchte er sich aufzurappeln. Alfreds Beine versagten und eine Qualmwolke verhinderte jegliche Sicht im Graben.
Langsam kehrte sein Gehör zurück. Oben wurde immer noch geschossen.
Alfred quälte sich hustend hoch zum Rand, um an frische Luft zu kommen.
Ein riesiger Krater gähnte dort, wo sich das Geschütz befunden hatte. Kleine Feuer brannten überall an den Bäumen und erhellten die neu entstandene Lichtung.
Nahm dieser Wahnsinn überhaupt kein Ende mehr? War dieser Kampf ums Vaterland das alles wert?
Motor- und Quietschgeräusch näherten sich.
Mehrere russische Spähpanzer pflügten durch den Wald.
Alfred besah sein Gewehr und gestand sich ein, dass es sinnlos war. Er rutschte in den Graben zurück. Der Qualm hatte sich fast verzogen.
„Funker!“, schrie er und drehte den nächst besten Kameraden um, der auf dem Boden lag – er hatte keine Beine mehr und stöhnte.
Alfred eilte weiter, bis er den Funker gefunden hatte: Er war auch tot, aber wie durch ein Wunder schien das Funkgerät auf seinem Rücken unversehrt. Er nahm den Hörer und drehte mehrmals die Kurbel an der Seite. Erst rauschte es nur, dann meldete sich eine Stimme: „Hauptquartier, was ist los?“
Alfred versuchte ruhig zu bleiben: „Wir brauchen dringend Luftunterstützung!“
„Wo sind Sie?“
In irgendeinem verdammten Wald. Alfred konzentrierte sich: „Spreewald, letzte Verteidigung. Werden angegriffen von russischen Panzern.“
Es kam keine Antwort mehr. Nur noch Rauschen.
Alfred schlug noch mehrmals auf das Gerät, gab es dann aber auf.
Sie hatten verloren.
Er spähte noch einmal nach oben.
Es fielen nur noch vereinzelt Schüsse. Soldaten schritten zwischen den Bäumen umher.
Ein Panzer jagte ohne jeglichen Gegenwehr genau auf den Graben zu und kippte vornüber in den Granatenkrater.
Das Kanonenrohr knickte um und der Panzer steckte fest.
Über sich hörte Alfred ein Flugzeug heranrasen. Es feuerte mitten in den Wald, erwischte ein paar Soldaten, traf den Panzer und drehte wieder ab.
Noch war nicht alles verloren.
Alfred packte sein Gewehr und näherte sich dem durchsiebten Panzer.
Die Luke wurde aufgerissen und ein Russe kletterte verletzt heraus. Der rechte Arm hing schlaff herunter, in der linken Hand hielt er eine Pistole.
Alfred nahm das Gewehr in Anschlag und zielte.
Der Russe tat es ihm gleich.
Die Zeit schien still zustehen. Vergessen das sinnlose Morden. Vergessen der Krieg.
Alles um Alfred herum begann zu verschwimmen. Er sah nur den Feind, der ihn bedrohte. Er vernahm keinen Schüsse mehr und auch kein Schreien.
Und dann kam ihm der Gedanke: Dachte der Russe vielleicht das Gleiche? Hatte man ihm eingetrichtert, dass er, Alfred, der Deutsche, der Böse war?
Wer war überhaupt der Böse? Wer war der wirkliche Feind?
Dem Russen liefen Tränen über die Wangen. Der Russe hatte bestimmt Schmerzen.
Sollte Alfred schießen? Schließlich hatte er kaum einen Kratzer abbekommen. Er könnte es hier und jetzt sofort beenden. Und dann?
Nach endlosen Minuten fingen Alfreds Finger an zu zittern.
Er hatte alles getan, was möglich gewesen war, um sein Vaterland zu schützen. Alles Weitere würde nur noch mehr Leid bringen. Er senkte sein Gewehr und ließ es fallen.
Der Panzerfahrer steckte seine Waffe ebenfalls weg und kippte halb ohnmächtig in den Graben.
Alfred rannte zu ihm hin und half ihm auf. Er gab ihm einen Schluck aus seiner Feldflasche und sah nach oben. Am Morgenhimmel zeichnete sich eine ganze Flotte von Flugzeugen ab. Es klang wie ein ganzer Bienenschwarm, als sie direkt über ihnen waren.
Der Russe sagte: „Spasibo“ und Alfred nickte ihm zu.
Alfred hatte ein ganz mieses Gefühl.
Er kletterte auf den Rand und blickte Richtung Berlin. Zwischen und über den Bäumen verdunkelten schwarze Rauchsäulen den Himmel.
Der Krieg war endgültig verloren.
Alfred hoffte, dass es seiner Familie, die westwärts geflüchtet war, gut ging. Vielleicht sah er auch seinen Bruder wieder und er betete, dass sie alle ein neues Zuhause finden würden.

Letzte Aktualisierung: 24.02.2016 - 17.49 Uhr
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