Ganz schön bissig ...
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Heimat | Februar 2016
Egypt`s Land und alte Fleischtöpfe
von Glädja Skriva

Fortsetzung der Januargeschichte 2016 im SL-Archiv, aber auch für sich zu lesen.

Mich fror. Der Regen legte sich auf mich wie ein klatschnasses Handtuch. Durchfeuchtete meine dünne Bluse, die ich noch im kalten Deutschland in Erwartung des süßen, leichten, italienischen dolce vita übergestreift hatte. Gänsehaut zog sich über meine Schenkel, an denen kleine Regenrinnsale entlangperlten. Tropfen für Tropfen. Ich zitterte wie morgens unter einer eiskalten Dusche. Die Haare klebten im Nacken. Ich hatte das dringende Gefühl aufs Klo zu müssen; presste meine Beine zusammen, schlang sie umeinander und wippte.

Alles war hier geschlossen. Mist. Der kleine Bahnhof lag in bedrückender Stille. In tiefer Nacht. Keine Menschenseele. Noch nicht einmal ein Stern am Himmel hatte sich hierher verirrt. Meine Zähne klapperten. Bäche flossen in meinen Mund, trieften die Brust entlang, ergossen sich in meinen Slip, hinunter in mein Schuhwerk. Ich hippelte wieder mit den Füßen, die inzwischen zu Eisklötzen geworden waren. Wenn es wenigstens einen Schuppen zum Unterschlüpfen gehabt hätte. Meine Schuhe quietschten; randvoll mit Wasser. In Italien hätte ich sie einfach abgestreift und wäre barfuß durch wohlig warme Pfützen gehüpft.

In Italien. Meine Hoffnung auf einen Neubeginn war mit diesem Land verknüpft gewesen und mit jeder durchweinten Nacht neben Frank unbändiger geworden war. Aber nun war alles anders gekommen, als ich es geplant und mir ausgemalt hatte. Das Leben war mir wieder einmal aus der Hand geglitten, floss in reißenden Strömen davon und ließ mich fröstelnd zurück. In Holland. Ich fühlte mich, als hätte ich mich wie Mose endlich aufgemacht zu einem Land, in dem Milch und Honig fließt, und stünde jetzt, mit dem Verfolger Angst im Nacken, vor dem Meer, das keinen Weg freigab und sich vor mir nicht teilte. Nicht teilen würde. Denn Wunder gab es nicht. Daran glaubte ich schon lange nicht mehr.

In diesen Momenten gewinnen alte Fleischtöpfe wieder an Bedeutung. Ich sah Frank und mich am Tisch. Im warmen Zimmer. Die Kerze flackerte. Das Essen roch nach frischen Kräutern. Die Suppe dampfte. Er schlürfte. Mein Magen krampfte. Wohl von dem scharfen Essen. Ich schaute in den Garten. Beobachtete die kleine Meise, die auf der Bohle saß. Sie zwitscherte. Frank schlürfte. Den letzten Löffel. Dann stand er auf und ging. Der Garten. Wunderschön in seiner Blüte.

Ich vermisste ihn …

Als Stunden später der Morgen über dem Bahnhof graute, ging der Platzregen in leichten Nieselregen über. Rostige Schienen schälten sich schemenhaft aus dem Dunkel. Manche von ihnen waren mit Schotter und Müll überdeckt und stillgelegt. Schrill hörte ich die ersten Autohupen quäken. Kopfschmerz pochte in meinen Schläfen, so, als hätte ich einen Kater nach einer langen, durchzechten Nacht. Die ersten Sonnenstrahlen schlichen sich in meine zugekniffenen Augen. Das Leben kehrte zurück. Männer in dunkelblauen Business Anzügen mit passender Krawatte und schwarzer Laptoptasche traten auf den abgeschabten Bahnsteig. Ältere Frauen, rundlich, mit sonnengegerbtem, freundlichen Gesicht und kleingeblümtem Kopftuch mischten sich darunter. Die Markttasche in einem Arm schwatzten sie lebhaft miteinander. Und Kinder, viele Kinder spielten unbeschwert miteinander Fangen. Die kleinen schwarzen Lackschühchen trommelten dazu lebhaft ihren Takt auf dem grauen Beton. Manchmal rief eine ältere Frau ein Mädchen, das vom Spielen erhitzte Backen zeigte, zu sich, gab ihr einen Schluck zu trinken und glättete ihr Haar, das sich beim Herumspringen gelöst hatte. Dann nahm sie die Spange in den Mund, zupfte die schwere, schwarze Locke zurecht, um kurz darauf den wippenden Pferdeschwanz damit zu bändigen. „Bella“, rief sie befriedigt. „Bella Maria.“

Jedes Geräusch pochte an diesem Morgen in meinem Kopf. „B – e – l – l – a“ hallte es darin. Sollte ich doch in Italien gelandet sein und mich der hingeworfene Satz des Zugführers in Holländisch auf eine falsche Fährte geführt haben? War ich nun doch in meinem Traumland, in dem alles anders, besser werden würde, weil ich die Menschen dort verstand und sie mich verstehen würden. Nicht wie Frank. Unverständlich zwar in ihrer Sprache und doch verständlich – in ihrem, meinem Herz.

Aber diese kalte Nacht auf diesem Bahnhof hatte meine Hoffnung ausgesaugt. Sah so Italien aus? Verrostete Schienen, zugemüllte Abstellgleise? Wo blieb das dolce vita? Männer, die mir hinterherpfiffen oder mit der Zunge schnalzten? „Schöne Frau mit blonde Haare.“ Mir war plötzlich, als hätte ich in Deutschland neben Frank in meiner Vorstellung frische, italienische Trüffel goutiert, die ursprünglich nach gar nichts schmeckten – und doch mit jeder wachen Nacht neben ihm an sinnlichem Geschmack zunahmen. Bis sie sich jetzt, auf diesem klatschnassen Bahnsteig, in stinkende, urinierte Nieren verwandelt hatten.

Warum hatte ich vergessen wollen, dass Witten meine Heimat war?


* * * *



Am späten Nachmittag schaukelte mich der Zug in Richtung Frankfurt. Durch die italienisch sprachige Schweiz. Hinter mir im 6er Zugabteil war es ruhiger geworden. Gastarbeiter, die von Sizilien wieder zurück nach Deutschland fuhren, schnarchten. Lange Kofferreihen stapelten sich im Flur. Einige Verschwitzte hatten die Fenster geöffnet und blickten gedankenverloren auf die schneebedeckten Gipfelspitzen. „Do not lean out“ stand verblasst auf einem kleinen Aluschild in dem verstaubten Fensterrahmen. Niemand kümmerte sich darum. Manchmal drückte sich eine deutsche Touristin durch die Flure, ausgerüstet mit einem kleinen Kosmetiktäschchen, um sich nach der langen Fahrt in der Zugtoilette frisch zu machen. Bei älteren Frauen traten die Männer in den Gängen in ihre Zugabteile zurück, steckten sich eine Zigarette an und inhalierten den Rauch mit feinen Kringeln gegen die Fensterscheiben, die sie wieder geschlossen hatten. Eisig kalt war es da draußen in der Fremde.

Ich hatte in dem anderen 6er Abteil einen Fensterplatz ergattert. Die älteren Damen aus der Schweiz waren beim letzten Halt ausgestiegen und hatten mit ihren Spitzentaschentüchlein einen schweren Duft von 4711 zurückgelassen. Das Lüften hatte nicht geholfen. Ich stellte meine Füße auf die Heizungsschlitze unterhalb des schmutzig blinden Fensters und des Abfalleimers, der überquoll von Zigarettenkippen, zusammengeknülltem Bonbonpapier und braun verfaulten Bananenschalen. Mein Magen knurrte. Ich schaute hinaus auf die vorbeiziehende Landschaft und versuchte es zu ignorieren. Mir schräg gegenüber saß nur noch eine alte Frau. Wohl Italienerin. Hingesetzt von ihrem Sohn, der irgendwo im Zug nach Plätze für seine große Familie suchte. Auf ihrem Schoß breitete sie ein kleines, rotkariertes Geschirrtuch aus, kramte ein wenig in ihrer Tasche und legte darauf Pizzabrot, Tomaten, Käse und einen Apfel. Es duftete. Das Wasser lief mir in dem Mund zusammen. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich seit meinem überstürzten Weggehen von zuhause nichts mehr gegessen hatte. Das letzte Geld war für die Fahrkarte aufgebraucht. Ich würde mir auch nichts mehr bei den kleinen Imbisswagen kaufen können, die bei jedem Halt auf dem Bahnsteig den Zug entlanggefahren wurden: „Heiße Würstchen zu verkaufen. Heiße Würstchen.“

Die Lokomotive pfiff laut. Wir fuhren in den Tunnel. Ich beobachtete im Spiegelbild des Fensters die Frau. Ihre abgearbeiteten Hände. Sie zerrupfte in Ruhe das Brot, zerschnitt Tomaten, würzte sie. Ich folgte jedem ihrer Handbewegungen. Es kam mir vor wie die Zubereitung eines königlichen Mahls. Mir war schwach vor Hunger, als wir weiter rüttelnd in den Stollen einfuhren und ich dachte an Sauerbraten und Reibekuchen und Waffeln. Viele Waffeln.

„Prego“. Ihre Hand berührte leicht meinen Arm, reichte mir den Apfel. Saftig. Prall. Ihre Augen schauten wissend. Ich biß gierig hinein. Der süße Saft gurgelte hinunter in meinen Magen und der Schluck aus der Flasche mit dem italienischen Tischwein schloß ihn zufrieden. „Gracie, mille Gracie.“ Wir teilten das letzte Stückchen Pizzabrot, ein Stück Käse. Zu mehr Worte reichte es nicht. Wir lachten. Satt und zufrieden nickten wir uns.


Würde sich mit Frank auch wieder so ein Gefühl des Wohlseins einstellen? Oder war das zu „rosarot“ gesehen? (Fortsetzung vielleicht März 2016)


© P.S./Glädja Skriva/Febr. 2016/ 1. Version

Letzte Aktualisierung: 22.02.2016 - 07.03 Uhr
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