Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Heimat | Februar 2016
Abschied vom Samland
von Martina Lange

Ich sehe es noch genau vor mir, das kleine Zimmer in unserem Haus. Ein Fenster, viel zu winzig, um genug Licht einzulassen, das Bett meiner Eltern und der einzige Schrank im Haus. Die niedrige Decke, die ich mittlerweile mit den Fingerspitzen berühren konnte. Mein Reisesack stand fertig gepackt vor mir auf dem Bett.
Grete und Mine hatten sich auf mich gestürzt. Ihre Gesichter ganz verheult. Sie schluchzten durcheinander und ich musste ihnen versprechen ganz oft zu schreiben. Von allen Abenteuern berichten, die ich erleben würde. Den wilden Tieren, den schwarzen Menschen und wie es dort überhaupt aussah, in Deutsch-Südwest-Afrika. Sie konnten mich nicht halten, auch wenn sie es zu gern getan hätten, so fest drückten sie mich. Grete spürte, dass mir allmählich unwohl wurde, und löste sich wiederstrebend als Erste. Die kleine Mine folgte ihrem Beispiel. Ich erhielt noch recht feuchte Küsse auf die Wangen und dann waren sie aus dem Zimmer.
Ach, sie konnten nicht ahnen, wie sehr sie mir fehlen würden. Mit einem energischen Ruck zog ich den Sack zu und verschnürte ihn sorgfältig. In ihm befand sich schließlich meine gesamte Habe und ich wollte nicht riskieren, dass etwas davon verloren ging. Die Reisepapiere für die Schiffspassage, das Begleitschreiben des Ingenieurs der Bergbaugesellschaft und meinen Ausweis steckte ich in die Brusttasche unter der Weste.
Die Knöpfe gingen nur schwer durch die Löcher. Der Stoff war steif. Selten getragen, da ich sie nur an den Sonntagen zum Kirchgang anzog. Mutter achtete darauf, dass wir unsere guten Kleider schonten. Zum Auszug in ein fremdes Land erschien es mir angebracht, die guten Kleider zu tragen. Meine Eltern sollten sich meiner nicht schämen müssen.
Hinter mir erklang ein Räuspern. Da standen sie. Alle beide. So dicht in der niedrigen Tür, als wollten sie sich gegenseitig stützen. Sie musterten mich und in ihren Gesichtern standen alle Sorgen und Ängste, die sie nicht mehr auszusprechen wagten. Vater begann zu husten und suchte sich seinen Platz auf dem Kanapee.
Meine Mutter trat heran und legte fragend die Hand auf den Reisesack.
„Na, mein Junge? Hast du alles beieinander?“
„Ja, ich denke schon. Nur noch die Jacke.“ Ich hob den Sack vom Bett, wo er einen tiefen Abdruck in den altersschwachen Federn hinterließ. Als ich mich anschließend behutsam an meiner Mutter vorbei aus dem Zimmer schob, stand sie mit gesenktem Kopf da. Sagte kein Wort.
Neben dem blank gescheuerten Tisch saß mein Vater. Den Kopf in die schwieligen Hände gestützt, atmete er schwer. Das Rasseln und Pfeifen aus seiner Lunge war deutlich zu hören. Mir zog sich das Herz zusammen. Konnte ich ihn so zurücklassen? Als guter Sohn sollte es meine Aufgabe sein den Unterhalt der Familie zu bestreiten, wenn der eigentliche Brotverdiener es nicht mehr konnte. Stattdessen zog es mich in die Welt hinaus.
„Mutter, ich ...“, würgte ich hervor, doch sie fiel mir ins Wort.
„Ich weiß, was du denkst. Aber mach dir keine Sorgen. Wir schaffen das schon. Eine solche Gelegenheit bekommt man nur einmal im Leben. Nutze sie!“
„Ja!“, brachte mein Vater gequält hervor, bevor ihn ein erneuter Hustenanfall unterbrach. Meine Mutter trat neben ihn und strich ihm sanft über die Schulter.
„Du kennst es doch. Heute haben sie wieder gesprengt und dann ist es zuerst immer so, bis er den ganzen Staub ausgehustet hat. Bald wird es besser.“ Sie nickte mir bestätigend zu, als wüsste ich nichts über die Umstände, unter denen wir, Vater und ich, jeden Tag die Bernsteine aus der blauen Erde des Berges ans Licht beförderten.
Und als wollte Vaters Lunge Mutters Worte bestätigen, ließ der Anfall nach. Er richtete sich auf, drückte den schmerzenden Rücken durch und lächelte mir aufmunternd zu. So trat ich zu ihm hin, die Hände zum Abschied entgegenstreckend. Vater aber ignorierte sie. Stattdessen langte er schwerfällig neben sich und legte mir ein großes, in braunes Papier eingeschlagenes Paket in die Hände. Fragend sah ich zu Mutter hinüber. Sie zuckte nur mit den Schultern.
„Pack es nur aus.“ Ein winziger Funken Freude blitzte in ihren Augen.
Mit ungelenken Fingern schob ich das Packpapier auseinander. Ein seltsam heißer Klumpen bildete sich in meinem Magen und meine Augen brannten. Vor mir lag eine Jacke aus festem schwarzen Stoff und sie war ganz neu.
„Die alte war an den Ärmeln schon ganz dünn und abgestoßen. So kann ich meinen Sohn doch nicht unter die Wilden ziehen lassen“, schniefte Mutter und wischte sich die Augen.
„Damit du in der Fremde immer an deine Heimat erinnert wirst. Zeige ihnen, dass du stolz bist, ein Bergmann zu sein und unsere Tracht zu tragen“, erklärte Vater.
„Nun zieh sie an, damit ich sehen kann, ob sie auch richtig sitzt“, forderte meine Mutter. Ich nahm das schöne Stück auf, wohl wissend, wie viele Entbehrungen es alle gekostet haben musste, mich mit dieser neuen Jacke auszustatten. Und ja, sie saß wie angegossen. Mutter schlug sich die Hände vor den Mund, ganz so als wollte sie den gerührten Schluchzer zurückdrängen. Mein Vater nickte anerkennend und auch in seinen Augen glänzte es verdächtig. Er stemmte sich ächzend hoch und klopfte mir überraschend kräftig auf die Schulter.
„Es ist Zeit. Mach dich auf den Weg. Gib acht in der Fremde und mach unserer Zunft keine Schande, mein Sohn!“ Dabei sah er mir tief forschend in die Augen. Nickte bestätigend, als hätte er darin gefunden, was er suchte und verließ abrupt den Raum.
Verwirrt rief ich ihm noch nach: „Danke Vater!“ Da schlug die Hintertür bereits zu, ohne dass er geantwortet hatte.
„Er kann nicht verstehen, dass ich gehe, nicht wahr?“
Mutter schüttelte den Kopf. „Aber er weiß, dass du musst. Du wirst ihm fehlen, genau wie mir und deinen Schwestern. Zugeben würde er das jedoch nie.“ An ihren Gesichtszügen konnte ich erkennen, dass sie noch viel mehr hätte sagen wollen, sie rang mit sich und schwieg dann. Stattdessen lächelte sie mir aufmunternd zu.
„Du musst gehen, dein Zug wartet nicht.“
Ungeschickt nahm ich sie fest in den Arm.
„Ich schicke euch von meinem Lohn, sobald ich kann.“
„Mein lieber Junge.“ Ihre harte Hand streichelte liebevoll über meine Wange. „Bleib nur gesund und wenn die Zeit um ist, sehen wir uns wieder. Und vergiss nicht zu schreiben!“
„Ja, ja. Euch und Ella und allen anderen auch.“ Ich lachte, ungewollt mischte sich ein verstecktes Schluchzen darunter. Mutter küsste mich auf beide Wangen und die Stirn. Das war zuviel. Ich presste ein „Auf Wiedersehen“ hervor, riss die Tür auf und stürzte auf die Straße.
Meine weit ausholenden Schritte trugen mich die Straße entlang. Ich zwang mich, nur auf den Weg direkt vor meinen Füßen zu achten. Dabei sah ich weder nach rechts noch nach links und schon gar nicht zurück. Die gleichförmigen Genossenschaftshäuser begleiteten mich, und schneller als gedacht, erreichte ich das Ende der Straße. Hier musste ich nach rechts abbiegen. Zögerlich warf ich einen kurzen Blick über die Schulter. Einen allerletzten Blick konnte ich mir nicht verwehren.
Da standen sie alle. Mutter und Vater und zu beiden Seiten Grete und Mine. Als einzige gestattete sich Mine, die Hand zu heben und mir einen Gruß nachzuwinken. Die anderen hielten einander, so als wollten sie verhindern, dass noch ein Mitglied der Familie verschwand aus dem Land am Meer.
Ich tippte grüßend an meine Kappe. Im letzten Augenblick sah ich, wie Vater meinen Gruß erwiderte und mir zunickte. Dann waren sie verschwunden. Vor mir lag, angestrahlt vom Licht der Spätnachmittagssonne, erwartungsvoll der kleine Bahnhof von Kraxtepellen.

Letzte Aktualisierung: 25.02.2016 - 18.00 Uhr
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