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Heimat | Februar 2016
Grizzly mit Kluntjes
von Anna Hoffmann

„Und wann haben Sie den Entschluss gefasst mit Grizzlybären Ihren Lebensunterhalt zu verdienen?“ Jochen Meyer, freier Journalist und Autor musterte sein Gegenüber fragend. Der Mann war Anfang dreißig, wirkte durchtrainiert, hatte wettergegerbte Haut und die hier übliche Outdoorbekleidung an. Um diese Jahreszeit war das eine gefütterte Jacke mit Fellmütze. Das einzig auffällige an ihm waren seine strohblonden Haare und seine wasserblauen Augen.
„Eigentlich verdiene ich mein Geld ja nicht direkt mit den Grizzlybären, sondern mit den geführten Touren“, grinste Hauke Schmidt, der in der Tat heute sein Führer durch den Nationalpark war. Hauke sah sich bedeutungsvoll um. Die Aussicht von ihrem Gipfel aus auf die schon mit Schnee bedeckten Hänge war atemberaubend. „Die Leute buchen die Touren bei mir aus allen möglichen Gründen. Gerade jetzt in der Nebensaison kommen viele, die einfach mal aussteigen wollen. Sie erleben die Welt hier von oben, merken wie klein sie sind – und vielleicht auch ihre Probleme. Die meisten haben Probleme mit der Familie. Ich höre viel auf meinen Touren, je länger ich mit jemandem unterwegs bin. Von jahrelangen schwelenden Konflikten bis hin zu Kindheitstraumata mit den Eltern.“
Meyers Magen verkrampfte sich unwillkürlich. „Ach“, sagte er nur und beschloss nicht weiter nachzufragen.
„Und dann gibt es natürlich die reinen Naturliebhaber und neuerdings auch viele Hobbyfotographen, die praktisch nie nahe genug an die Grizzlybären herankommen können.“
„Ja, genau, die Grizzlies“, hakte Meyer ein. „Wann bekommen wir denn welche zu sehen?“
Schmidt reiche ihm wortlos einen Feldstecher aus seinem Rucksack und deutete in Richtung einer Baumgruppe auf dem gegenüber liegenden Berghang.
Meyer schaute hindurch und sah sie. Eine Gruppe Grizzlybären, die sich anscheinend um eine Wasserquelle versammelt hatten. „Wunderbar … nur hatte ich gedacht, wir kommen vielleicht auch ein bisschen näher ran?“ Die Enttäuschung sprach deutlich aus Meyers Stimme.
„Geduld. Es ist eine zweitägige Tour, oder? Ich verspreche Ihnen, Sie werden auf Ihre Kosten kommen. Bei mir ist noch niemand unzufrieden wieder nach Hause gefahren.“ Schmidt lächelte ihn breit an. Aus seinen Augen sprach viel Erfahrung. Erfahrung mit Grizzlybären oder Erfahrung mit Menschen? Meyer war sich da auf einmal nicht mehr so sicher.
Sie brauchten etwa drei Stunden für den Abstieg und es dämmerte schon, als sie die Hütte erreichten. In der Nebensaison hatten die größeren Hotels im Park schon geschlossen. Überhaupt war es nur noch möglich, sich mit autorisierten Führern im Park zu bewegen.
Schmidt schichtete Holz im Kamin auf. „Ich werde es uns erst mal gemütlich warm machen. Geh Du schon mal Wasser holen.“ Während des Abstiegs waren sie irgendwann beim Du angekommen. Er drückte Jochen einen altmodischen Teekessel in die Hand.
Als Jochen wieder in die Hütte kam, staunte er nicht schlecht, als Hauke in aller Seelenruhe weiße Porzellantassen mit blauem Zwiebelmuster auf den kleinen Holztisch stellte.
„Du hast mich doch gefragt, was für mich Heimat ist und warum ich so weit weg von Deutschland arbeite und lebe,“ meinte Hauke und stellte noch einige Dinge auf den Tisch. Eine Packung H-Sahne, eine Schale mit braunem Kandis und Teelöffel für sie beide. Er bedeutet ihm Platz zu nehmen.
„Zuerst die Kluntjes in die Tasse geben“, forderte Hauke ihn mit einer feierlichen Ernsthaftigkeit auf und deutete auf die kleine Schale mit dem Kandis. Dann goss er den Tee ein. „Jetzt die Sahne. Ich zeige es Dir.“ Hauke goss Sahne auf seinen Löffel und ließ die Sahne vorsichtig in den Tee gleiten, so dass sich kleine Wölkchen bildeten. „Jetzt Du“, forderte er ihn auf. Jochen tat wie geheißen. „Auf keinen Fall umrühren! Das ist wichtig. Wir genießen den Tee jetzt mit allen seinen Schichten: Sie sahnigen, die bitteren und die süßen Noten sollten deutlich unterscheidbar sein“, dozierte Hauke. Er trank langsam und feierlich einen Schluck und setzte die Tasse dann wieder ab und lächelte plötzlich sehr entspannt.
„Das ist also Heimat für Dich? Eine Tee-Zeremonie?“ fragte Jochen interessiert.
Hauke nickte gelöst. „Ja, das und die Erinnerungen, die dann kommen. Ich habe mein Stück Heimat hierher mitgenommen.“ Er zwinkerte. „Ich erinnere mich gern an Zuhause, meine Eltern, unser Haus...“ Hauke sah Jochen vielsagend an.
Zack, da war es wieder. Dieses Stechen in der Magengrube. Jochen erinnerte sich nicht gerne. Er hatte nur eine Reisereportage schreiben wollen. Niemand hätte ahnen können, dass er auf jemanden wie Hauke treffen würde. Jochen fühlte sich plötzlich unwohl. „Ich gehe mal einen Moment frische Luft schnappen“, entschuldigte er sich.
Am nächsten Morgen bekam Jochen seine versprochenen Nahaufnahmen von den Grizzlybären. Begeistert schoss er ein Foto nach dem anderen. Dann wechselte der das Objektiv. „Sie sind atemberaubend in freier Wildbahn. Aber nicht ungefährlich, wenn man ihnen zu nahe kommt, oder? Sie sind sehr stark, nicht wahr?“
„Stark sein ist was anderes als Du denkst. Wir sind alle viel stärker, als wir glauben.“ Hauke sah ihn einfach nur offen an. Diesmal sagte Jochen nichts und wehrte sich auch nicht gegen diese Aussage. Er sah sich einfach nur die hell glänzende Schneelandschaft an, die gewaltige Natur um ihn herum und atmete die klare Luft ein.
Tage später zurück in Berlin fand sich Jochen in der emsigen Betriebsamkeit des Tegeler Flughafens wieder. Er stand am Rollband und wartete auf seinen Koffer. Die Reportage hatte er schon per Email an seinen Verlag geschickt. Im Geiste plante er die Reise für seinen nächsten Auftrag. Sein Koffer kam auf ihn zugerollt und er nahm ihn vom Band. Auf dem Weg raus fiel ihm ein Werbeplakat für den Berliner Zoo ins Auge. Mit Bären. Sie sahen ihn an. Sahen direkt in sein Herz. Jochen holte tief Luft. Mit einem mal überkam ihn eine seltene Ruhe und Entschlossenheit. Er suchte sich eine einigermaßen ruhige Nische, zog das Handy raus und wählte.
„Meyer“, melde sich eine barsche Stimme am anderen Ende. „Hallo Vater“, sagte Jochen nur. Fast klang es ein bisschen angriffslustig. Stille am anderen Ende der Leitung.
„Wir müssen reden.“

Letzte Aktualisierung: 25.02.2016 - 06.15 Uhr
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