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Heimat | Februar 2016
Der Tagebucheintrag einer Schülerin
von Kevin N. Hoffmann

Tränen kenne ich nicht mehr und auch den Schmerz, den ich empfand, als meine Eltern und Geschwister tot aufgefunden wurden...weggeschwemmt von den Massen des Meeres.
Ein Jahr ist seit dem Unglück vergangen. Ich bin alleine. Die Gesichter, die wie blankes Papier an mir vorüberziehen, verschwinden ebenso schnell wieder, wie sie gekommen sind. Einzig ich bin hier geblieben – an diesem Ort des Schreckens und Leidens: Ausgedehnt, überbevölkert – Zelte und Container reihen sich dicht an dicht aneinander und lassen mir kaum Platz zum Atmen.
Diese klaustrophobische Lebensweise macht mich krank – kränker noch, als ich sowieso schon bin. Ein Wunder, dass sie mich überhaupt hier hereingelassen haben. Ich beobachte die Wächter jedes Mal, wenn ein Wagen mit neuen Flüchtlingen gebracht wird. Sie werden zur Untersuchung geschickt. Wenn das Ergebnis positiv ist, werden diese armen Kreaturen nicht hereingelassen. So etwas nennt sich dann wohl Nächstenliebe? Hilf all denen, die es auch wirklich wert sind gerettet zu werden – ich könnte kotzen!
Einer der Wächter, ich glaube er heißt Akuma, schaut den jungen Mädchen immer hinterher, wenn sie an ihm vorbeigehen. Mir jedoch schaut er nicht nach. Irgendwie würde ich es auch nicht wollen..., aber doch versetzt es mir einen Stich..., denn wer möchte schon ein Mädchen haben, dass mit Glatze durch die Gegend läuft und ständig ein Taschentuch an die Nase hält, um die Blutung zu stoppen? Ich möchte es nicht, daher schaue ich auch nie in den Spiegel oder in eine Fensterscheibe. Mein Spiegelbild ist mir zuwider!
Wenn es regnet und alle Menschen panisch in den Unterschlupf fliehen, bin ich es, die draußen über den aufgeweichten Boden wandelt und das kalte Nass im Gesicht genießt.
Was stört es mich, ob der Regen kontaminiert ist oder nicht? Ich bin es doch schon. Die Natur, der Staat, TEPCO - sie alle haben mir schon meine Familie, meine Freunde und mein zu Hause genommen – meine bereits eingeschränkte Freiheit werden sie mir nicht auch noch nehmen!
Reden will mit mir ohnehin keiner – »ich bin komisch« – sagen diese namenlosen Stimmen um mich herum – »läuft umher, als ob sie der Strahlung überlegen wäre«...
NEIN! Ich bin der Strahlung nicht überlegen, aber weshalb sollte ich sie weiterhin fürchten? Bei meiner Untersuchung hatte es der Arzt nicht über sich gebracht mir zu sagen, wann ich sterben würde. Doch ich sah das »sehr bald« in seinen Augen. Und seht mich an! Bisher habe ich ein ganzes Jahr lang überlebt. Und doch bin ich während diesem langen Jahr noch mehr gestorben. Noch mehr als wenn ich damals von den zerstörenden Kräften der Natur mit in die Tiefen gerissen worden wäre.
Wie meine gesamte Familie.
Meint ihr der Tod macht mir, nach einem Jahr des Wartens, Angst? Ihr stellt ihn euch vielleicht wie den brutalen Sensenmann vor, der mit kalter Stimme euren Tod verkündet. Ich jedoch denke, er wird in Form eines Raben erscheinen; einem wundervollen Raben, der durch die Lüfte gleitet und mir die Freiheit und den Frieden zeigt. Er wird zu mir kommen, wenn es soweit ist, ich weiß es.
Aber was hilft all das Jammern, all die Warterei? Genau! Nichts. Ich sitze hier, warte auf den Tod, der nicht kommen will – mich zurück lässt in einer zum Sterben verdammten Welt. Der Lärm, die Luft, die Menschen, die Enge, der Geruch nach Leid und Tod, ja sogar ich selbst, all das ist zu einer unerträglichen Bürde geworden.
Yuna, die einzige Frau hier, die den Sinn des Daseins verstanden hat, wurde im Winter von einer Grippe dahingerafft. Sie ließ mich alleine in einem Labyrinth aus Intoleranz, Dummheit und Egoismus – niemand schien im Geringsten darauf bedacht, das große Ganze zu sehen. Jeder ist auf sich fixiert, trotz der aussichtslosen Lage.
Die Panik, die sich seit einem Jahr tiefer in ihre Knochen gefressen hat, machte die einen lethargisch, die anderen gewalttätig. Männer wie Frauen lehnen sich auf, werden roh und brutal und das, obwohl sie sich alle in derselben aussichtslosen Lage befinden.
Ich verstehe weshalb und doch verstehe ich es nicht. Die Wut, die sich in uns allen gegen unser Schicksal aufstaut ist greifbar wie ein Stein. Wir alle sind verzweifelt. Yuna sagte bereits voraus, dass die Notlager noch viele Jahre bestehen werden. Aber weshalb nur muss man seinen Zorn gegen die eigenen Leute richten? Die alte Frau gegenüber wurde erst letzte Woche von einem neunzehnjährigen überfallen. Sie hatte eine Schale Reis in ihren Händen gehalten. Er hat sich mit dem Essen aus dem Staub gemacht und sie auf dem Boden liegen lassen. Die Wächter wollen davon nichts mitbekommen. Sie stehen rauchend und gelangweilt an den Zaunkontrollen.
Die Unzufriedenheit wächst mit jedem Tag, die Klagen werden lauter, die Menschen rebellieren, die Regierung handelt – NICHT! Der Atomausstieg ist besiegelt und doch wieder nicht. Man hat Leuten hören, dass wohl neue Atomkraftwerke gebaut werden sollen, doch ob das nur ein Gerücht ist oder nicht...ich weiß es nicht.
Eines jedoch weiß ich, Fukushima – die Insel des Glücks – sie ist nichts weiter als eine totbringende Zeitbombe geworden.
Mir ist das nun alles egal. Denn ich spüre bereits, dass mein Körper schwächer wird. Ob die Wachen und meine Nachbarn je bemerken werden, dass ein junges Mädchen nicht mehr unter ihnen weilt?
Als letzte Nacht der Aufstand einer Gruppe junger Männer am Eingang des Lagers die Wachen ablenkte, quetschte ich mich still und leise durch eine Lücke im Zaun und floh. Ich wollte weg von all dem Lärm, weit weg...weg nach Hause.

Der Stadtteil in Minamisōma, welcher all die Jahre meine geliebte Heimat war, ist nun eine leblose Geisterstadt. Die zahllosen Risse, die mir einst vorkamen wie aufgerissene Wunden, waren tief und ausgetrocknet. Dreck, Holz, Gestein und Geröll, es schien, als wäre es soeben erst von den Wellen herangespült worden und machten das Geschehene wieder lebendig. Ich spürte meine damalige Panik in mir und lief gehetzt durch die seelenlosen Straßen zu dem eingestürzten Schulgebäude, unter dem ich einst verschüttet wurde. Das karge Reisabendessen machte sich in meiner Halsgegend bemerkbar, doch ich schluckte es herunter und stand schließlich vor meinem einstigen Heim.
Mit pochendem Herzen schritt ich die bröckelnden Steinstufen empor, die einst zur Haustür geführt hatten; ließ mich auf der Obersten nieder, und begann diesen Eintrag hier zu schreiben.
Ich vermag meine Gefühle nicht zu deuten, die ich hier und jetzt verspüre, denn ich lebe seit geraumer Zeit in einer Sphäre der Belanglosigkeit und doch bin ich froh, endlich wieder zu Hause zu sein. Die Stunden vergehen und der Sternenhimmel über mir scheint mir urplötzlich weitläufiger, als zuvor. Die Sterne erinnern mich an die funkelnden Augen des Raben, der mir damals auf dem Schulhof begegnete.

Ich werde nun sterben.

Dort sitzt ein Rabe auf einem Berg aus Schutt und putzt das glänzende Gefieder. In seinen Augen spiegelt sich der Sternenhimmel wider - die Kraft des Universums, die Kraft der Weltenseele. Er ist es! Er, der mich damals aufmerksam beobachtete, als ich verzweifelt nach meiner Familie suchte.

Wer auch immer dieses Tagebuch hier finden wird – wer auch immer diesen Eintrag hier liest – ich habe eine Bitte an ihn – an alle dort draußen:
Ihr habt verstörende Bilder aus sicherer Entfernung verfolgt, ihr habt herzlose Interviews gesehen, darüber geredet und diskutiert, ihr habt euch Meinungen gebildet und Menschen verurteilt. Doch ihr habt es nicht ERLEBT!
Dieses Leben ist kein Leben mehr. Um mich herum erhebt sich eine leblose Stadt. Schulen und Hallen sind zu Leichenhallen geworden, in die meine Freunde und Familie wie leblose Objekte hinein geworfen wurden. Der Staat schwingt sich in Reden – er handelt aber nicht.
Bitte stellt euch vor, wie es ist, all die Menschen um euch herum zu verlieren. Dreht euch zur Seite und stellt euch vor, wie dieser Mensch einfach so verschwindet. Ob ihr ihn kennt oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Er ist einfach weg und wird nie wieder kehren.
Bitte behandelt euch respektvoll, mit achtsamen Interesse und feiert die Andersartigkeit jedes einzelnen Menschen, denn wenn er weg ist, habt ihr niemals mehr dazu eine Chance.

Ich bedanke mich bei euch und sage lebe wohl.

***

Das Mädchen hat ihren Stift zur Seite gelegt und blickt nun direkt in das Antlitz des Raben. Eine einzelne Feder verlässt seinen gespreizten Flügel und fällt zu Boden.
Sayo, die den Raben immer noch aus ihren braunen Augen anblickt atmet einmal tief durch, legt sich zur Seite, schließt die Augen und spürt, wie ihr Herz mit jedem Schlag schwächer wird.
Drei Schläge zählt der Rabe, dann herrscht Stille. Ein Lächeln umspielt Sayos Gesicht, friedlich liegt sie dort, die ehemalige Schülerin aus Minamisōma, tot und erlöst von ihrem menschlichen Leid. Ein leichter Regen setzt ein und erlaubt Frieden.
Der Rabe gibt einen krächzenden Ruf von sich und flattert auf in den Sternenhimmel.

Letzte Aktualisierung: 16.02.2016 - 07.07 Uhr
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