Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Die rosarote Brille | März 2016
... nicht rosarot, der Frosch
von Helga Rougui

Er ist natürlich nicht rosarot, der Frosch, er ist froschgrün. Etwa so, wie eine Smaragdeidechse smaragdgrün ist. Wohingegen Zauneidechsen zaunbraun sind. Wenn man sie fangen will, darf man sie nicht am Schwanz packen. Der geht dann nämlich ab.
Das ist nicht bei jedem schwanztragenden Lebewesen so. Obwohl manchen Exemplaren diese Behandlung ganz gut täte. Wie auch immer - die Notaufnahmen der Krankenhäuser wären jede Nacht überfüllt mit schwanzlosen weinenden Kerlen.

Das sind sie sowieso, schwanzlos und hirnlos und gefühllos, dachte Leroy, auf was für Abstrusitäten man so kommt nach einer 72-Stunden-Schicht ohne mehr als anderthalb Stunden Schlaf am Stück von Zeit zu Zeit. Sein Mann hatte ihn und ihre Beziehung vor zehn Tagen auf Eis gelegt – er hatte behauptet, nur in absoluter Abgeschiedenheit für seine Zwischenprüfung lernen zu können. Da waren dem temporär Verlassenen diese anstrengenden Mega-Nachtschichten gerade recht gekommen, aber nun forderte die dienstbegründete Schlaflosigkeit ihren Tribut.
Wie ein Ninja-Turtle hatte der froschgrüne Frosch um die Augen eine rosarote Brille getragen, die hatte ausgesehen wie eine Taucherbrille.
Was angesichts seiner Amphibiennnatur sicher von Vorteil war.
Kiai.

***

Ein dicker Packen eng getippter DIN A4-Blätter, alle Aufzeichnungen fein säuberlich hintereinandergeheftet – das Philosophikum, genauer gesagt, die Pädagogikzwischenprüfung - (Philosophikum hört sich definitiv eleganter an) – also, diese Prüfung ist keine Kleinigkeit. Das Auswendiglernen war auch keine Kleinigkeit.
Nun muß der Kram nur noch richtig sitzen, um automatisch abgespult werden zu können. Und zwar jeweils einsetzend und weiter ohne PausePunktUndKomma an der Stelle, die der Prüfer durch seine Frage aufruft.
Andy braucht einen stillen Ort, um sich die ganze Chose noch mal aufzusagen und damit richtig einzuprägen, und da bietet sich selbstredend das stille Örtchen an, außerhalb der Wohnung auf dem halben Treppenabsatz gelegen, in diesem Mietshaus, erbaut am Anfang des letzten Jahrhunderts und jetzt, im Jahr 1972, mehr als renovierungsbedürftig.
Bißchen zugig ist es da, zugegeben, aber Andy hat sein Klo mit einer nagelneuen rosaroten Klobrille aufgepeppt, die ist durchsichtig mit einem Drahtgeflecht innendrin, und auf diesem Dornenkranz gedenkt er nun, ausgestattet mit seinem Skript und drei Literflaschen stillen Wassers, die nächsten acht Stunden lautstark repetierend zuzubringen.
Großer Vorteil: er braucht den Lernprozeß nicht zu unterbrechen, um aufs Klo zu rennen.
Kiai.

***

Zwei Monate später.
Andy und Leroy sitzen im Flieger nach Tokyo, außen auf der Maschine prangt Pikachu, sonnenblumengelb, und nun heißt es nicht mehr Kiai, sondern Kawaii, Urlaub, Japan, wir kommen, viel freie Zeit, viel Schlafen, keine Nachtschichten, keine Examina.
Und als Fluggastgeschenk von All Nippon Airlines gibt es eine 8 cm große MyMelody-Puppe mit einem rosaroten Hasenmützchen auf dem Kopf.
Frohe Ostern.

Letzte Aktualisierung: 22.03.2016 - 20.14 Uhr
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