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Die rosarote Brille | März 2016
Die ungleichen Schwestern
von Eva Fischer

„Das wird schon wieder, Mama!“

Die Augen in dem wächsernen Gesicht, das sich kaum von der weißen Bettwäsche unterschied, leuchteten kurz auf.
„Ihr seid liebe Töchter, aber ich bin jetzt müde. Geht nach Hause! Kommt morgen wieder, wenn ihr wollt.“

Kaum waren sie vor dem Krankenzimmer, fauchte Vera ihre Schwester an.
„Wie kannst du einer Todkranken so einen Bullshit erzählen.“
„Ach ja, hättest du lieber über ihr Krebsleiden diskutiert?“
„Warum nicht? Die Wahrheit ist immer besser als deine Lebenslügen.“
„Meine Lebenslügen??“
„Du merkst es schon gar nicht mehr, Rose. Dein Mann geht fremd. Dein Sohn tanzt dir auf der Nase herum.“
„Ich freue mich, dass mein Sohn so voller Leben ist.“
„Und dass dein Mann eine andere vögelt, freut dich auch?“
„Das sehe ich nicht so eng.“
„Nicht so eng“, äffte Vera ihre Schwester nach.
„Nein, wirklich nicht! Ich möchte nicht allein leben so wie du“, konterte Rose. „Deinem Röntgenblick hielt bisher keiner stand. Und, bist du jetzt glücklich?“
„Eine völlig falsche Frage“, murmelte Vera.
Was ist schon Glück? Ein grüner Wackelpudding, der höchstens Kinder auf einer Geburtstagsparty begeistern kann, dachte sie.

Kaum waren sie zu Hause, erhielten sie die Nachricht, dass ihre Mutter verstorben sei.
In Frieden eingeschlafen, hatte die Krankenschwester gesagt, was Rose immer wieder wie ein Mantra herbetete.
„Hätte sie nicht so viel geraucht, wäre sie gar nicht erst gestorben“, empörte sich dagegen Vera.
„Nun übertreibst du aber. Jeder muss sterben“, hielt Rose dagegen.
„Aber nicht so! Nicht an einem Lungenkrebs!“
Es hatte wirklich keinen Zweck mit ihrer Schwester zu streiten, dachte Rose, auch wenn es regelmäßig passierte, sobald sie sich begegneten. Stets stießen eine Warm- und eine Kaltfront aufeinander und sofort entlud sich ein Unwetter.

Ihre Mutter hinterließ ihnen eine Eigentumswohnung, die sie verkaufen, und etwas Bargeld, mit dem sie den Grabstein und die Beerdigung bezahlen konnten, aber der Notar hielt noch einen Brief der Verstorbenen bereit. Überrascht nahmen die Schwestern ihn entgegen und lasen.

Liebe Vera, liebe Rose!
Trotz aller Unterschiedlichkeit seid ihr meine geliebten Töchter.
Vera, meine Älteste, du warst immer skeptisch, während Rose als Jüngere sich ihren Optimismus nicht nehmen ließ. Ich habe mich stets bemüht, euch gleich und gerecht zu behandeln.
Wenn ihr diese Zeilen lest, dann bin ich nicht mehr unter euch, und so wird es Zeit, ein Geheimnis zu lüften, das euch betrifft.
Anbei findet ihr zwei Namen mit Adressen von Männern meines Alters, zu denen ihr Kontakt aufnehmen solltet.

Behaltet mich in guter Erinnerung! Gott segne euch!
Eure euch liebende Mutter.

„Die Adressen sind nicht gerade um die Ecke“, stellte Vera fest.
„Prima, dann können wir einen schönen Ausflug machen“, strahlte Rose.
„Unsere Mutter ist bestimmt fremdgegangen, und nun sollen wir noch dieser Peinlichkeit nachgehen.“
Vera runzelte die Stirn. Rose legte beschwichtigend eine Hand auf ihren Arm.
„Bist du denn gar nicht neugierig?“
Doch das war sie. Veras Jagdinstinkt war geweckt und so verabredeten sie sich für das nächste Wochenende.

Das Navi führte sie aus der Großstadt über die Autobahn Richtung Süden. Kaum hatten sie die Schnellstraße verlassen, fuhren sie unbekannte Landstraßen entlang, wo hohe Tannen Spalier standen, vor denen sich ein weißer Teppich ausbreitete.

„Schau mal die schönen Schneeglöckchen!“, begeisterte sich Rose.
„Du willst jetzt nicht wirklich, dass ich hingucke. Die Straße ist schon kurvenreich genug“, entgegnete Vera.
Rose hatte von Kindesbeinen an gelernt, die Einwände ihrer Schwester zu ignorieren. So auch jetzt. Sie bewunderte die würzig duftenden Nadelbäume, hinter denen sich sicher Rehe tummelten, den blauen Himmel, viel blauer als in der Großstadt, die herrliche Ruhe, man fühle sich gleich wie im Urlaub.
Schließlich hielten sie in einem Dorf, das immerhin einen Kirchturm zu bieten hatte. Direkt daneben stand das Pfarrhaus.
„Was hatte unsere Mutter mit Pfaffen zu tun?“, wunderte sich Vera, als sie ausstiegen.
Nachdem sie geklingelt hatten, hörten sie eine Stimme im Inneren singen.
„Figaro, Figaro...“, ertönte es im immer lauter werdenden Bariton. Schließlich öffnete ein großer, schlanker Mann in grauem Rollkragenpullover und schwarzen Hosen. Er hatte volles, dunkles Haar. Trotz der Furchen im Gesicht konnte man ihn immer noch als schön bezeichnen.
„Zu Diensten, meine Damen.“
„Sind Sie der Pfarrer?“, fragte Vera streng.
„Pfarrer oder nicht Pfarrer? Atheist oder Christ? Wer will das schon wissen?“
Vera ging näher auf den Mann zu. Er roch sicher nach Messwein, den er scheinbar schon zum Frühstück zu sich nahm.
„Kommt doch rein!“, lächelte der Mann maliziös, Veras Skepsis ignorierend.
Er hieß sie in einem bescheidenen Wohnzimmer oder sagte man bei Pfarrern Empfangsraum Platz zu nehmen.
„Kennen Sie eine Brigitte Bayer?“
„Ich kenne eine Brigitte Bardot“, sagte der Mann, aber als er in die humorlosen Gesichter sah, fügte er hinzu.
„Ja, eine Brigitte Bayer kannte ich auch mal. Was ist mit ihr? Geht es ihr gut?“
„Das kann man nicht so sagen“, entgegnete Vera spitz. „Sie ist vor zwei Wochen gestorben.“
Der Gesichtsausdruck des Mannes verfinsterte sich augenblicklich.
„Arme Brischitt“, sagte er, den Namen französisch aussprechend
„Wer hätte gedacht, dass es dich als Erste trifft!“
„Und woher kennen Sie meine Mutter?“, forschte Vera nach.
„Wir haben mal zusammen gelebt“, entgegnete der Mann noch immer geschockt und offensichtlich in Gedanken versunken.
„Meine Mutter hatte was mit einem Pfaffen“, empörte sich Vera.
„Ich bin nicht als Pfaffe auf die Welt gekommen.“
Und nach einer kleinen Pause fuhr er fort.
„Wir haben zusammen in einer WG gelebt, damals Anfang der 70iger Jahre. Ich studierte Philosophie und Geschichte. Hegel, Marx, den Kommunismus, all das interessierte mich brennend.“
Er kramte nach einer Zigarettenpackung und entzündete eine Zigarette.
„Auch eine?“, bot er an. Vera schüttelte missbilligend den Kopf.
„Ja, ihr wollt wissen, wie ein Kommunist Pfarrer wird?
Sagen wir so, Christen und Kommunisten sind nicht so weit auseinander. Die einen brauchen einen Gott, die anderen nicht. Beides geht schief, wenn ihr mich fragt. Aber beide haben ein idealisiertes Menschenbild. Sie glauben, dass der Mensch von Grund aus gut ist. Man muss nur etwas buddeln, die Schlammschicht entfernen, unter der er feststeckt. Ich bin von Natur aus eher Skeptiker, ja Pessimist. Und Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. “
Er zog nachdenklich an seiner Zigarette.
„Und hatten Sie nun was mit meiner Mutter?“, insistierte Vera.
„Darf ich fragen, wann du geboren bist?“, fragte der Mann.
„Am 23. Mai 1977“, sagte Vera.
„Dann bist du wohl meine Tochter.“
„Und mein Vater, ich meine den Mann, mit dem meine Mutter als Ehefrau zusammen gelebt hat?“
„Den gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht, meine Liebe. Den hat Brischitt später kennen gelernt. Fünfzehn Jahre älter als sie, unfähig Kinder zu zeugen, ein echtes Familientier, ein wahrer Glücksfall! “ Er hustete.
„Ich bin am 5. März 1979 geboren“, schaltete sich Rose ein.
„Wie schön für dich, mein Kind, aber als Tochter kommst du für mich nicht in Frage. Ab 1977 zog ich nach Kuba. Ich wollte nach der Theorie auch die Praxis studieren. Das hätte ich besser sein gelassen, denn spätestens in der Praxis scheitert jedes noch so schöne Wortgebilde.“
„Haben Sie von meiner Existenz gewusst?“ fragte Vera.
„Das schon. Brischitt hat es mir irgendwann geschrieben, aber als Vater taugte ich ganz und gar nicht. Da waren wir uns einig.“
„Was ist das für eine Heuchelei! Wie kann man seine eigenen Kinder belügen!“ Veras Augen funkelten ihn zornig an.
„Sachte, sachte, mein Liebe! Keiner hat dich angelogen. Hast du nach der Wahrheit gefragt? Nein! Und es war auch nicht meine Idee. Von mir aus hätte Brischitt die ganze Geschichte mit ins Grab nehmen können.“
„Wie kann ich nach etwas fragen, von dem ich nichts weiß?“, brauste Vera auf.
„ In der Tat ein interessantes, erkenntnistheoretisches Problem“, murmelte er.
Vera erhob sich abrupt. „Komm, Rose, lass uns fahren! Hier vergeuden wir nur unsere Zeit.“

Wenig später im Auto sagte Vera zu ihrer Schwester.
„In der Rückschau wird mir so einiges klar. Warum haben unsere Eltern nie ihren Hochzeitstag gefeiert? Nicht, weil sie es für bürgerliche Sentimentalität hielten, wie uns immer gesagt wurde, nein, wir hätten uns ausrechnen können, dass es unseren Vater“ und sie machte in der Luft Anführungszeichen, „zu unserer Geburt noch gar nicht gegeben hat.“
„Unser Vater,“ Rose unterließ geflissentlich die Anführungszeichen, „war immer gut zu uns.
Du solltest unseren Eltern keine Vorwürfe machen! Das bringt doch nichts mehr. Sie sind beide tot.“
„Du hast gut reden, Rose, aber jetzt fahren wir weiter zu deinem Erzeuger. Mal sehen, ob du dann imme noch so locker bleibst.“

Stunden später schellten sie an einem Einfamilienhaus. Dr. Peterson stand auf der Klingel.
„Offensichtlich hast du es besser getroffen“, bemerkte Vera.
Ein großer fülliger Mann, auf eine Krücke gestützt, öffnete.
„Ja, bitte?“
„Wir sind die Töchter von Brigitte Bayer und haben Ihre Adresse bekommen“, sagte Rose.
„Brigittes Töchter! Oh, wie schön! Kommen Sie doch herein.“
Er humpelte vor ins Wohnzimmer.
„Darf ich Ihnen etwas anbieten? Einen Kaffee? Ein Glas Wein?“
„Ein Glas Wein wäre schön, wenn es Ihnen keine Umstände macht“, sagte Rose.

„Ja, ich erinnere mich an Brigitte. Sie war meine erste Patientin.“
Rose und Dr Peterson prosteten sich zu.
„Es freut mich sehr, dass Sie mir so gut gelungen sind, wenn Sie verstehen, was ich meine.“
Rose errötete leicht. „Ich denke schon. Sie sind mein Vater.“
Dr. Peterson brach in ein lautes Gelächter aus.
„Hat Ihnen das Brigitte erzählt?“
„Nein“, stammelte Rose verlegen.
„Ich bin Arzt. Da Brigittes Mann keine Kinder zeugen konnte, haben wir einen anonymen Samenspender gesucht und ich habe lediglich die intrazytoplasmatische Spermieninjektion vorgenommen.
Und, wie geht es Brigitte?“

Letzte Aktualisierung: 09.03.2016 - 14.42 Uhr
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