Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Die rosarote Brille | März 2016
Männer sind Schweine
von Ingo Pietsch

„Komm doch rein!“, Silke hielt Friederike die Tür auf.
Völlig durchnässt zog Friederike ihren klammen Mantel aus.
„Gib her, ich häng ihn über die Badewanne.“
Friederike musste niesen.
Silke kam zurück und zerrte ihre Freundin hinter sich her. „Ich gebe dir was Trockenes zum Anziehen.“
Die Wohnung war nicht besonders groß, aber für eine Person reichte sie vollkommen aus. Es gab eine Wohnküche, ein Schlafzimmer und das Bad.
Silke wühlte in ihrem Kleiderschrank, während Friederike sich bis auf die Unterwäsche auszog.
„Wow“, meinte Silke. „Hast du das mit deinem Fitnesstraining tatsächlich durchgezogen.
Friederike errötete ein wenig, während sie in die Jogginghose und den viel zu großen Pullover schlüpfte.
Jetzt hatte sie den gleichen Schlabberlook wie ihre Freundin.
„Ich mache uns jetzt schönen heißen Tee und dann tratschen wir über unsere Vergangenheit. Du kannst es dir auf dem Sofa gemütlich machen.“
Friederike sah sich um: An den Wänden hingen ziemlich viele Fotos. Ein Großteil zeigte Silke mit einem gutaussehenden Fremden. Der Rest stammte aus der Kindheit und Jugend. Und es waren sogar einige bekannte Leute dabei, die Friederike schon Mal im TV gesehen hatte.
„Ist das Karl Lagerfeld?“, fragte sie ungläubig und zeigte auf das Foto.
Silke schaute von den Kaffeebechern auf und sagte: „Ja, habe ihn kurz auf einer Vernissage kennengelernt. Der ist tatsächlich sogar noch netter, als alle immer behaupten.“
Friederike setzte sich aufs Sofa und wickelte sich in eine Decke ein. „Der Hauseingang ist gar nicht so leicht zu finden.“
„Ja, der ist ein bisschen versteckt. Aber dafür klingelt auch nicht alle Nase jemand, der was verkaufen will.“ Der Wasserkocher begann zu brodeln. Silke fasste sich mit der Hand an ihren Haarknoten, aus dem etliche Strähnen in alle Richtung abstanden. Sie mochte dieses kitzlige Gefühl auf ihrer Haut.
Während sie die Tassen zum Tisch trug, bemerkte sie die grinsende Friederike.
„Was ist?“, fragte sie und zog eine Grimasse.
„Dein Tick!“
Silke rollte mit den Augen. „Ich habe schon alles Mögliche probiert, werde es aber einfach nicht los. Sag Mal, wie lange haben wir uns jetzt nicht mehr gesehen? Acht Jahre?“ Sie setzte sich im Schneidersitz neben Friederike aufs Sofa und deckte sich auch zu.
„Es sind schon zehn Jahre. Direkt nach dem Abitur.“ Friederike schlürfte an ihrem heißen Tee.
„Boah. So lange schon. Ja, stimmt. Gleich nach dem Abitur hatte ich doch das Angebot für ein Praktikum bei diesem Käseblatt. War ich froh, als das zu ende war. Der Chefredakteur wollte mit andauernd an die Wäsche. Aber nachdem ich ihm ein kleines Veilchen verpasst hatte und er Riesenärger mit seiner Frau hatte, war er der freundlichste Mensch, den du dir vorstellen kannst. Der hat mir sogar den Job bei der Boulevardzeitung besorgt, bei der ich jetzt als Journalisten tätig bin. Und wie ist es dir so ergangen?“
„Ich bin aus unserer Kleinstadt nicht raus gekommen. Du weißt ja, dass ich im Laden meiner Eltern immer viel ausgeholfen habe.“
Silke nickte.
„Mein Vater hatte kurz nach unserem Schulabschluss einen riesen Kredit aufgenommen, um das Geschäft zu erweitern. Dann bekam er plötzlich einen Herzinfarkt und ich musste einspringen, weil meine Mutter sich um ihn kümmerte.“
„Ist er?“ Silke suchte nach den richtigen Worten. „Hat er es überlebt?“
Friederike nickte. „Es hat eine Zeit gebraucht, aber er hat sich davon wieder erholt.“
„Das freut mich. Mit meinen Eltern habe ich nur noch gelegentlich Kontakt. Sie kommen mich auch besuchen. Aber dass ich weggegangen bin, haben sie mir nie richtig verziehen.“
„Ich sehe sie öfters, wenn sie bei mir Einkaufen. Aber sie erwähnen dich nie. Nur wenn ich sie drauf anspreche.“
„Du weißt ja, dass sie wollten, dass ich Jura studiere oder so einen Kram und dann die Kanzlei von meinem Vater übernehme.“ Silke hob abwehrend die Hände. „Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich dich nie besucht habe. Ich wollte meine Vergangenheit und die Erinnerungen an meine Eltern loswerden. Meine Eltern haben mich früher viel geschlagen.“ Ihre Stimme versagte und sie strich sich wieder über die Haare.
„Ich habe so was schon vermutet. Du warst ja auch ganz schön oft bei uns und ich kaum bei dir.“
„Bei euch auch gab es immer Eis, so viel man wollte.“
Beide mussten lachen. Es war schön, sich auch an gute Zeiten zu erinnern.
Friederike strich sich ihre Haare aus dem Gesicht, die es einrahmten.
„Hey! Du hast keine Brille mehr!“
„Und du keine Zahnspange!“
Silke war ganz aufgeregt: „Gleich nachdem ich die bekommen hatte, sind wir doch mit unseren Eltern zu diesem Italien-Urlaub aufgebrochen.“
„Ja, das war dieser Supersommer, wo der Sand echt in jeder Ritze steckte und wo wir uns alle in Fabio verliebt haben!“, schwärmte Friederike.
„Ja“, knurrte Silke, „der steckte auch in jeder Ritze!“
„Silke!“
„`Tschuldigung, ist mir so rausgerutscht. Aber der hat doch mit jedem Mädchen was angefangen. Zum Glück haben wir nur geknutscht, wer weiß, was sonst noch passiert wäre.“
„Ähm“, machte Friederike.
„Frederike, du hast doch nicht mit dem Typen?“, Silke war ganz aufgebracht.
„Nein, nur ein bisschen rumgemacht. Kuck mal, ich war pumelig und hatte diese dämliche Brille.“
Friederike wechselte das Thema: „Ist das dein Verlobter auf den Fotos?“
Silke schielte zur Seite und machte einen spitzen Mund. „Bis letzte Woche schon. Der Armleuchter hat kalte Füße bekommen. Ich glaube eher, dass seine Mutter ihm eingeredet hat, dass ich nicht gut genug für ihn wäre. Und dass es seiner Karriere schaden könnte, wenn er sich mit einem Landei, wie mir, abgeben würde. Der Typ hat so ein Adelstitel, auf den seine Familie mächtig Stolz ist. Allerdings ist es verarmter Geldadel. Von und zu Pleite. Er war auch irgendwie nicht richtig helle. Aber er hatte andere Qualitäten, wenn du weißt, was ich meine. Trotzdem wäre er vermutlich der Richtige gewesen.“ Silke starrte ins Leere, dann sagte sie: „Und hast du auch schon den Richtigen gefunden?“ Sie sprang auf und nahm die leeren Tassen mit zur Spüle. Sie holte zwei Sektgläser und öffnete die Flasche Prosecco, die Friederike mitgebracht und im Flur vergessen hatte.
„Da waren unter anderem Alexander, Tobias und Kevin“, antwortete Friederike kleinlaut.
„Das klingt so nach Jungen aus der Grundschule.“
„Naja, bei uns im Ort ist die Auswahl nicht sonderlich groß. Mit Kevin war ich fast fünf Jahre zusammen, bis ihm einfiel, dass er sich zu einer Frau umoperieren lassen wollte. Und ich hab mir auch noch die Schuld daran gegeben und wäre fast daran verzweifelt. Und dann das Gerede. Ich habe kaum noch ein Date bekommen. Ich bin bei uns im ganzen Landkreis gefürchtet.“ Frederike trank ihr Glas leer und verlangte noch mehr Prosecco. Tränen standen in ihren Augen.
„Dabei bist du so hübsch geworden. Vielleicht sollten wir hier die Gegend unsicher machen. Ich kenne ein paar gute Clubs.“
Friederike schmollte: „Glaub mir, mein Bedarf an Männern ist gedeckt.“
„Mich hat ein Freund per SMS abserviert. Und das an unserem Einjährigen.“
Frederike konterte: „Mit mir hat einer über meinen Vater mit mir Schluss gemacht. Ich wohne ja noch oben bei meinen Eltern und der Penner hatte nicht mal den Mut, es mir selber zu sagen. Also klingelt er unten und Vater geht nichts ahnend zur Tür. Ich höre die beiden im Flur reden und befürchtete schon, dass er noch einen Herzinfarkt bekommt. Und dann sagt er: Wer sind Sie denn überhaupt? Und er fragt zurück: Wohnt hier nicht Friederike? Und er: Für ihre Gesundheit hoffe ich es nicht. Und mein Vater langt nach der uralten Schrotflinte, die neben der Tür steht und eh nicht funktioniert. Was glaubst du, wie schnell der Kerl verschwunden war?“
Beide mussten laut lachen.
Der Prosecco war leer. „Ich habe noch Trost-Eis im Kühlschrank. Möchtest du welches?“
Friederike nickte: „Können wir damit unsere gescheiterten Männerbekanntschaften vergessen?“
„Wir können es ja versuchen.“ Silke und Frederike verdrückten fast eine ganze Packung Schokoladeneis mit Stückchen. Sie plauderten noch bis spät in die Nacht über Vergangenes und Zukünftiges.
Friederike gähnte herzhaft. „So, ich muss langsam los zum Hotel. Morgen ist ja auch noch ein Tag!“ Sie stellte die Schüssel auf den Tisch und wollte aufstehen.
„Warte. Du hast da noch was am Mund.“ Silke kam ihr ganz nahe und schaute ihr in die Augen. Sie strich Frederike das Haar aus dem Gesicht und mit dem Daumen Schokoreste von der Wange.
„Männer sind Schweine“, hauchte Silke.
„Männer sind Schweine“, erwiderte Friederike und ihre Lippen verschmolzen in sinnlicher Leidenschaft.

Letzte Aktualisierung: 18.03.2016 - 06.04 Uhr
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