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Die rosarote Brille | März 2016
Der K/B-Effekt
von Jochen Ruscheweyh

Dykmann kam mit dieser - wie ich fand - mainstreamigen Idee an, er habe ein Konzept erarbeitet, das unser Zusammenleben in der WG verbessern würde. Und dass er es in den Mittelpunkt seiner Abschlussarbeit stellen wolle und wir sicher nichts dagegen hätten, ihm als Testgruppe zur Verfügung zu stehen. Dann wuchtete er den flachen Karton, der schon die ganze Zeit wie ein pappgewordener Schäferhund zu seinen Füßen lag, auf den Tisch.
„Das Prinzip ist absolute Ehrlichkeit. Paul und Leif, ihr die blauen, Linda und Daniela die rosa Päckchen.“
„So eine wollte ich als Kiddie immer haben“, quiekte Linda wie eine Hausfrauen-Porno-Orgasmus-Vortäuscherin, als sie ihre Barbie auspackte.

„Ich nicht“, hielt Leif dagegen, der wie ich einen Ken im Hawaii-Anzug aus seinem Päckchen zog.
„Ken ist doch der Inbegriff des 70er Jahre-Ami-Durchschnitts-Lutschers. Warum kriegen wir keine Big Jims?“, stieß ich in dieselbe Kerbe.

„Es läuft so“, sagte Dykmann, „wir kommunizieren unsere Wünsche, Emotionen und Probleme ab jetzt nur noch über die Puppen.“
Er holte einen weiteren Ken aus dem Karton, hielt ihn wie ein Mikrofon vor sich und sagte: „Ken hat Hunger!“

Klammer auf:
Ich könnte Linda den ganzen Tag angucken, weil sie echt ein granatenhübsches Gesicht hat. Leider ist sie nicht im selben Maße mit Power gesegnet, wenn es darum geht, die Rolle der Frauen in der Gesellschaft zu behaupten. Und wenn irgendjemand sagt, er hat Hunger, dann löst das bei ihr immer einen immensen Feeder-Instinkt aus.
Klammer zu.

Daher wunderte es mich Null, dass Linda Dykmann durch ihre Plastikpuppe ausrichtete: „Du hast sicher einen anstrengenden Tag hinter dir. Barbie macht dir ein paar Spiegeleier.“
Was Daniela veranlasste, ihre rothaarige Arielle sagen zu lassen: „Das lässt Barbie schön bleiben, solange die Ken-Fraktion nicht abgewaschen hat.“
„Großartig“, rief Dykmann, „Spürt ihr diese Dynamik? Wie wir endlich in den Dialog kommen?“

Eine halbe Stunde und zugegebenermaßen ein paar super situationskomische Aspekte später begann die ganze Schose mich zu langweilen, als Leif die Bombe platzen ließ: „Ken studiert nicht mehr.“
„Scheiße, Leif wieso das denn?“, kam es von Daniela.
„Ken fände es prima, wenn du deine Chairwoman für dich sprechen lassen könntest“, insistierte Dykmann über seinen dämlichen Ken, der im Gegensatz zu Leifs und meiner Figur einen Business-Anzug trug.
Daniela setzte an, mit den Augen zu rollen, ließ es dann aber doch bleiben: „Barbie will wissen, warum Ken sein Studium geschmissen hat.“
Leif griff nach seiner Cola, erkannte, dass diese zwar ähnlich geformt, aber nicht sein Ken war, nahm den Ken und stellte seine Cola wieder ab. „Ken mochte schon immer Getränkemärkte und hat immer in welchen gejobbt. Ken liebt es Kästen zu stapeln und Waren zu bestellen und Ken steht auf Bier-Etiketten. Und Ken hat nur studiert, weil Kens Vater meinte, es müsste wenigstens einer aus der Familie Akademiker werden.“
„Was ist das denn für eine bescheuerte Begründung?“, platzte Daniela heraus.
„Dany!“ ermahnte sie Dykmann.
„Ken 2 hält sich bitte raus, wenn Barbie grad dabei ist, Ken 1 zu erklären, dass er ein Hochschulstudium gegen einen Dödel-Job tauscht und wenn Barbie 2 Ken 2 jetzt tatsächlich Eier brät, geht sie gleich zur Tanke und holt neue.“
„Warum ist Barbie 1 denn so aggressiv?“, fragte Dykmann, als es klingelte.
„Ich dachte Harvard-Ken steht auf Dynamik?“, warf ich ein.
Linda besah sich das Ei in ihrer Hand, als würde es gleich anfangen zu sprechen, ehe sie es zurück in die 12er-Packung legte und zur Tür ging.

„Walhalla!“, grüßte einer der beiden, die Linda in die Küche gebracht hatte. „Wir wollten zu Clement, wegen der Sozialethik-Arbeit.“
„Harvard-Ken mag keine Adventure-Geschädigten in der WG Küche!“, grenzte Dykmann sich ab, der meine Rollen-Zuweisung scheinbar gerne adaptierte.
„Äh, was bitte?“
„Harvard-Ken denkt, ihr gehört nicht zu unserer Gruppe.“
„Logo“, gab der erste zurück, „wollen wir ja auch nicht, sondern zu Clement.“
„Was für ein Clement?“, stöhnte Daniela, „hier gibt‘s keinen Clement.“
„Dany ...!“, erhob Dykmann die Stimme.
„Barbie 1 ist der Meinung, dass Harvard-Ken zu sehr auf Leader macht.“
Leif nahm seine Cola und sprach in den Flaschenhals: „Hey, ihr studiert doch, oder? Ken 1 möchte wissen, ob ihr euch wirklich frei dabei fühlt oder ob es nur weniger Korsett ist, als nicht zu studieren.“

„Ich weiß nicht, wer Ken ist, und warum du in die Cola-Pulle quatscht, aber ich studier, damit ich irgendwann mal kräftig Kohle verdien und einen Adventure-Laden aufmachen kann. Genauso wie mein Kumpel Easy“ - er zeigte auf den Typen hinter sich - „und Clement.“
„Hier hat‘s noch nie einen Clement gegeben“, schnitt Daniela ihm das Wort ab.
„Dany! Harvard-Ken ermahnt dich jetzt nur noch einmal.“
Linda setzte sich auf die Arbeitsplatte und zog ihren Mini-Rock grade. „Barbie 2 erinnert sich dunkel daran, dass hier vor zwei WG-Generationen mal ein Clement gewohnt hat; der Aushilfsklempner, der das Bad renovieren wollte.“
„Ach?“, fragte der Walhalla-Genosse, „dann wohnt der hier gar nicht mehr?“
„Hast du ihr zugehört, Schwarz-Auge? Dann wohl nicht!“
Bevor Dykmann seinen Spruch ablassen konnte, ergänzte Daniela: „Anführungsstriche oben, Komma, sagte Barbie 1.“
Leif drückte mit dem Rand seiner Cola-Flasche gegen die Innenseite seiner Oberlippe.
„Wisst ihr, wo Clement jetzt wohnt?“, fragte Easy.
„Guckt halt im Telefonbuch unter Gas/Wasser/Scheiße und jetzt haut ab, ihr seht doch, dass wir hier grad am Diskutieren sind“, konterte Daniela.
Dykmann schlug mit der Hand auf den Tisch.
Leif zuckte zusammen, kam aus dem Flow seiner Hospitalismus-Bewegung und rammte sich die Cola-Flasche gegen die Nase.
„Harvard-Ken spricht jetzt ein Machtwort!“
„Ihr seid ja total durchgeknallt!“, ließ uns der eine der beiden wissen. „Komm, wir hauen ab.“

„Nee, wart doch mal, Raffael“, bremste Easy und wandte sich an Dykmann: „Das ist ein ziemlich abgefahrenes Game, was ihr da zockt, ich würd gern mitmachen. Kann ich auch eine Figur haben?“

„Adventure Ken denkt, dass Getränke-Oasen Ken sein Zen gefunden hat. Flaschen könnten ein Symbol für den Lebensdurst der Subsysteme im Dunstkreis von Getränke-Oasen-Ken sein.“
„Barbie 2 ist der Meinung, dass Adventure Ken einen dampfenden Haufen Scheiße quatscht, weil Getränke-Oasen Ken ein richtig guter Psychologe hätte werden können, aber sein Potential jetzt damit verschleudert, Leergut abzurechnen.“
Ich hatte mich zu Linda auf die Arbeitsplatte gesetzt, als der Walhalla-Typ meinte: „Fjord-Ken findet, dass das Business mit dem Durst ziemlich im Kommen ist. Ein Kollege von Clement hat sich mit einem Getränke-Taxi selbständig gemacht.“
„Ist jetzt der große Wurf unter den Arbeitslosen, was?“, warf ich ein.
Dykmann stand auf und legte seine Hand auf meinen Oberschenkel. „Harvard-Ken erinnert dich an die Regel.“
Daniela nahm sich umständlich ein Bier aus dem Kasten unter der Sitzbank. „Fuck, genauso gut könntest du in die Systemgastronomie gehen, Leif. Mann, denk doch mal nach.“
„Getränke-Oasen Ken mag Barbie 2, aber Barbie 2 ist nicht seine Mutter.“
„Klar, dann würde das hier anders laufen ...“
Ich schob Dykmanns Hand weg, glitt von der Arbeitsplatte und ging zur Toilette. Das „Besetzt-Schild“ war umgedreht. Musste jemand vergessen haben. Als ich die Klinke runterdrückte, kam ein „He!“ von innen.

„Wer bist du und warum schiffst du hier?“, fragte ich.
„Ich schiffe nicht, ich mess euren Lokus ab."
„Bist du Clement?“
„Jau!“
„Wie lange brauchst du noch?“
„Keine Ahnung, komm in zehn Minuten wieder.“
Ich nickte, wandte mich zum Gehen, machte dann aber nochmal kehrt. „Wie kommst du eigentlich hier rein?“
Er zog die Nase hoch. „Mit ’nem Schlüssel.“
„Aha. Wieso hast du noch einen?“
„Wieso nicht? Was meinst du, wer noch alles ’n Schlüssel für die Hütte hat?“
„Udo Lindenberg und Sarah Jessica Parker?“, sagte ich.
Und er: „Den ersten kenn ich nicht, aber hier hat mal ’ne Sarah gewohnt. Könnt hinkommen.“

Im Flur kam mir Dykmann entgegen und schob mich in sein Zimmer. „Du boykottierst mein Projekt. Wieso ist soviel Reibung zwischen uns?"
„Anti-Ken redet nur mit Leuten, die in der Ken-Konvention bleiben. Ein bisschen mehr Practise what you preach hätte ich schon von dir erwartet“, ließ ich ihn stehen.

Als ich wieder in die Küche kam, fühlte ich mich plötzlich wahnsinnig zu Linda hingezogen. Was mich irgendwie verwirrte, da Linda von ihrem Standing und Selbstbewusstsein her so überhaupt nicht mein Typ war. Ich hatte immer mehr auf die laute, ihren Platz einfordernde Daniela geschaut, die sich wiederum ständig über Lindas ausladende Oberschenkel lustig machte. Als ich mich wieder zu Linda auf die Arbeitsplatte setzte, schien mir definitiv mehr zwischen uns als die statische Aufladung von Stoppsocken auf Taiwan-Laminat. „Kommst du nachher noch ein Hörspiel mit mir hören?“, fragte ich nicht viel später, denn wenn dies bescheuerte Projekt-Experiment ein Gutes hatte, dann, dass man aus sich raus kam. Linda antwortete mit einem Dackel-Hasen-zwittrigen Blick und schob ihre Hand ziemlich nah zu meiner.
„Fjord-Ken versteht immer noch nicht, warum es ein Problem für Barbie 1 ist, wenn Ken 1 konsequent und selbstbestimmt handelt.“
Daniela kippte ihr Bier herunter und sagte: „Geh in deine Kack-Bucht und ersauf da! Ich geh jetzt jedenfalls pennen.“

Irgendwann in der Nacht wachte ich davon auf, dass mir jemand in die Hose griff. Es war Dykmann, der mir seine Puppe vor’s Gesicht hielt und flüsterte: „Harvard-Ken will dich ficken.“
Er hatte es gerade ausgesprochen, als Lindas Faust, die er wohl nicht erwartet hatte, von der anderen Seite des Bettes kam und in seiner Fresse landete.


Beim Frühstück schwiegen alle, bis Dykmann - mit einem Maxi Veilchen ausgestattet - aufstand und sagte: „Ich hab das alles zu sehr durch die rosarote Brille betrachtet. Ihr seid noch nicht so weit. Gebt mir meine Figuren zurück. Ich such mir eine andere WG.“
Daniela spuckte Toastkrümel über den Tisch, als sie sagte: „Ich wär dafür, das Clement wieder hier einzieht. Er installiert übrigens grad eine neue Kloschüssel.“

Letzte Aktualisierung: 17.03.2016 - 05.53 Uhr
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