Ganz schön bissig ...
Ganz schön bissig ...
Das mit 328 Seiten dickste Buch unseres Verlagsprogramms ist die Vampiranthologie "Ganz schön bissig ..." - die 33 besten Geschichten aus 540 Einsendungen.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Kevin N. Hoffmann IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Die rosarote Brille | März 2016
Das Abendlied
von Kevin N. Hoffmann

»Was ist? Zieh alles aus!«
Die kalte Stimme des Mannes tönte gedämpft aus dem geschlossenen Fenster und war unten auf der Straße bereits nicht mehr zu hören. Ein schwarzer Rabe glitt lautlos über das Haus des Mannes hinweg und gab einen klagenden Ruf von sich, der die Stille der Nacht wie einen Faden durchschnitt.

***

Neben einer von Schnee bedeckten Landstraße führte ein baumgesäumter Weg aus dem Ort, in dem Philippe seit einem Jahr zu Hause war. In jener Nacht schlug Philippe den düsteren Weg der Einsamkeit ein und lief, bis die Kirche im Ortszentrum nichts weiter war, als eine bedrohlich wirkende Silhouette. Ein dichter Schneefall setzte ein. Ohne einer Menschenseele zu begegnen steuerte er auf einen Baumstumpf zu, ließ sich darauf nieder und blickte gen Himmel. Dort begann er sich an der Wolkendecke entlang zu tasten, heftete seinen Blick jedoch kurze Zeit später wieder auf den Weg vor sich, da der Mond verborgen blieb. Nur wenige Meter entfernt bemerkte Philippe rote Spuren, die sich zur Straße entfernten. Neugierig geworden sprang er auf und folgte ihnen. Dabei suchte er nach weiteren Fußabdrücken, was aufgrund des dichter werdenden Schneefalls zu einer Herausforderung wurde. Er fand erneut blutige Fußspuren, die in unregelmäßigen Linien Richtung Brücke führten.
Den Spuren weiter folgend kam er der Brücke immer näher. Der Mond brach hinter einem Meer aus Rissen in der Wolkendecke hervor und zeichnete den Umriss einer gekrümmt laufenden Person ab. Philippe blieb keuchend stehen. Ein junges Mädchen, nicht älter als vierzehn, humpelte vor ihm her, eine leuchtendrote Spur zurücklassend. Ihr Pullover flatterte im Wind. Ihre Beine und Füße waren der Kälte schutzlos ausgeliefert. Als Philippe die Brücke betrat, war es schon einige Meter weit von ihm entfernt. Er rief ihr etwas zu. Sie blieb stehen und sah verunsichert dabei zu, wie er näher kam. Dabei fielen ihm zahlreiche Schürfwunden und Frostbeulen auf, die ihre Oberschenkel bedeckten. Blut quoll an ihren Beinen hinab und bildete einen scharlachroten Fleck.
Wenige Meter trennten die beiden noch voneinander, als sie ihm mit bebender Stimme etwas zurief.
»Nein! Bitte geh weg. Ich will nicht wieder dorthin zurück. Ich will nicht«
Schleppend drehte sie sich um, doch Philippe hatte sie bereits eingeholt. Zitternd stand sie vor ihm und blickte ihn aus verquollenen Augen an. Eiskristalle hatten sich in den Haaren festgesetzt, die Lippen waren aufgeplatzt und ihre Haut war bläulich. Dunkle Schluchten zeichneten sich unter ihren Augen ab. Leise murmelte sie vor sich hin, Philippe verstand jedoch kein Wort.
Ohne etwas zu sagen schlüpfte er aus seinem Mantel und den Schuhen, reichte sie ihr und spürte, wie die Kälte sich in seinen ungeschützten Körper bohrte. Seinem inneren Pflichtgefühl treu, wollte er ins Dorf gehen um Hilfe zu holen. Beim Anblick der von Fieberträumen heimgesuchten Augen überlegte er es sich anders. Lange würde sie nicht mehr stehen können. Mit steifen Fingern umschloss sie seinen Arm, zuckte bei der Berührung jedoch zusammen und stürzte zu Boden. Philippe half ihr auf, hüllte sie in den Mantel und deutete auf die Schuhe. Mit bebendem Körper schlüpfte sie hinein und ließ sich von Philippe zum Rand der Brücke führen. Unter Schmerzen setzte sich das Mädchen auf die Brüstung und verhüllte das Gesicht in den Händen.
»Ich gehe Hilfe holen«
»Nein! Bitte nicht. Die werden mich wieder zurückschicken … ich will nicht! Ich will nicht wieder zurück! Ich kann nicht. Bitte!«
Philippe nickte. Mit einer Mischung aus Unsicherheit und Erleichterung sah sie zu ihm hinüber und gab ein kaum hörbares »danke« von sich.
Philippe spürte kaum noch die Eiseskälte, so sehr hatte ihn das Mädchen in den Bann gezogen. Ein Band der Vertrautheit schien sich wie ein unsichtbarer Schleier um sie gelegt zu haben. Tröstend strich er ihr über den Rücken, hielt jedoch inne, da sie bei der leisesten Berührung zusammenzuckte. Leise sprach sie vor sich hin, während in der Ferne die Turmuhr Mitternacht schlug. Der erste März war unbarmherzig hereingebrochen. Drei Stunden hatte er noch Zeit, seinen Plan in die Tat umzusetzen.
Er wusste um ihre Leiden, er verstand weshalb sie es mied Hilfe zu holen und sich lieber den Schmerzen hingab. Selbst der Tod musste ihr wie ein Akt der Gnade vorkommen.
»Hier!« Sie wollte ihm den Mantel zurückgeben.
»Behalte ihn! Mir ist nicht sonderlich kalt«
Sie schluckte und zog den Mantel langsam zu sich zurück.
»Er … er hat mich jahrelang missbraucht ohne dass ich etwas gesagt habe. Er … es war immer das Gleiche. Er kam am Abend betrunken von der Arbeit nach Hause und hat sich zu mir ins Bett gelegt«
Totenstille.
»Meine Eltern haben nie etwas dazu gesagt, sondern haben es einfach geschehen lassen« Das Mädchen fing an zu schluchzen. »Mein Onkel, er hatte Geld und konnte uns aus den Schulden heraushelfen, dafür hat er mich Nacht für Nacht genommen und hat seine Spielchen mit mir getrieben. Ich … ich … konnte mich nicht wehren, was hätte ich auch tun sollen? Meine Oma lag im sterben – es hätte ihr das Herz gebrochen, wenn sie erfahren hätte, was ihr eigener Sohn mir jahrelang angetan hat. Tagtäglich redete ich mir ein, es sei zum Wohle meiner Familie … tagtäglich durchlitt ich das Grauen. Meine Oma starb und keinen schien es zu kümmern. Meine Eltern taten, als wüssten sie von nichts und mein Onkel … er war brutaler wie je zuvor. Ich bin weggelaufen, einfach weg. Ich habe es nicht mehr ausgehalten und bin vor zwei Nächten einfach auf und davon, als er mich wieder …«
Das Bild einer weit zurückliegenden Nacht blitze in Philippes Kopf auf. In eine Leere getaucht, die sich tief in ihre Herzen gefressen hatte, warteten sie, hörten das Rauschen des Windes und den fernen Glockenschlag. Jeder versuchte auf seine Weise die Erinnerung zu verdrängen, die sich in ihren Lebenslauf gebrannt hatte und auf ewig in Form des Kummers und Schmerzes in ihnen lodern würde. Von den Stimmen seiner Vergangenheit heimgesucht erhob sich Philippe und streckte dem Mädchen die Hand entgegen.
»Ich bin übrigens Philippe«
Es kam ihm albern vor, doch durch diese Handlung abgelenkt, verklang die grausige Stimme in seinem Kopf.
»Amelie«
Philippe lächelte und spürte, wie seine Strümpfe zu Eis gefroren.
»Wohin wirst du nun gehen?«, fragte er.
»Ich weiß nicht«
»Vertraust du mir?«
Ein Schulterzucken folgte als Antwort.
»Wenn du es tust, dann wende dich an die Pension Herbstlaub. Die Besitzer sind gute Freunde von mir und werden dir mit Sicherheit weiterhelfen«
Sie lachte nervös.
»Und wenn sie die Polizei rufen und mich zurück schicken?«
»Das werden sie nicht tun. Du hast mein Wort«
Erneut wurde die Luft erfüllt von der Melodie des Kirchturms. Philippe schreckte auf. Er hatte die Zeit vollkommen vergessen. Zurück in die Realität geholt spürte er, wie seine Fußsohlen brannten. Philippe vertrieb den Schmerz und winkte Amelie zum Abschied. Mit großen Schritten entfernte er sich von der Brücke und wurde von der alles verschlingenden Nacht umhüllt.
Ein letztes Mal drehte er sich um und konnte in der Ferne zwei glänzende Punkte ausmachen, die ihm nachblickten. Er lächelte und wandte sich ab.

***

Phillipe setzte seinen Weg fort. Ohne sich ein weiteres Mal umzudrehen verschwand er im dichter werdenden Nebel.
In seinem Kopf hallten die letzten Worte seines Vaters nach, die er gehört hatte, kurz bevor er das Haus seiner Eltern für immer verlassen hatte.
»Was ist? Zieh alles aus!«
Leise, um die Stimme seines Vaters zu verdrängen, begann er vor sich hin zu singen:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

(Johann Wolfgang von Goethe)

***

Ein schwarzer Rabe glitt lautlos über den Leichnam des Jungen hinweg und gab einen klagenden Ruf von sich, der die Stille des Morgens wie einen Faden durchschnitt.

Letzte Aktualisierung: 28.03.2016 - 11.21 Uhr
Dieser Text enthält 7786 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2022 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.