Ganz schön bissig ...
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Die rosarote Brille | März 2016
Sonnentanz, Hundeplazenta und eine Abhandlung über Mais
von Alison Kuhn

Es war der 29. November und ich steckte mitten in den letzten Zügen meiner Dissertation. Durch eine glückliche Fügung hatte ich vorgestern auf einem juristischen Kongress in München den altehrwürdigen und meiner Meinung nach absolut genialen Professor Reinhold Stuckmeyer kennengelernt und ihn für meine Arbeit interessieren können. Er hatte mir sogar zugesagt, meine Promotionsschrift zu lesen und mir sein Feedback zu geben, wenn ich sie ihm bis zum 29. November zukommen ließe. Am darauffolgenden Tag würde er mit seiner ungarischen Geliebten zu einer dreimonatigen Asienrundreise aufbrechen, auf die er sich seit Jahrzehnten schon freue.
Ich hatte bis in die Nacht an der Mail gesessen, sie jedoch immer noch nicht abgeschickt, da ich einfach noch nicht gänzlich zufrieden war.
Meinen Wecker, sowie meine Mutter schien dies recht wenig zu interessieren.
Beide rissen mich um Punkt fünf Uhr dreißig aus dem Schlaf.
Einen der beiden konnte ich mit einem gezielten Ninja-Schlag ausschalten, die andere wollte ich in einem kurzen Anflug von Revolte schon wegdrücken, als das grinsende Anrufer-Foto auf meinem Smartphone schließlich doch das schlechte Gewissen in mir weckte.
„Morgen, Mama…“
„Guten Morgen, mein Paulchen! Zeit aufzustehen! Du hast noch zwei Stunden Autofahrt vor dir, da solltest du nicht verschlafen sein. Wahrscheinlich kommst du auch noch in den Berufsverkehr. Lieschen freut sich schon so auf dich. Zieh auf jeden Fall die Krawatte an, die sie dir geschenkt hat an und putz dir die Ohren!“
Meine Mutter war eine unglaublich herzige Frau, doch ich hätte ihr niemals erzählen können, dass ich den heutigen Tag tausendmal lieber damit verbracht hätte, meine Promotionsarbeit zu perfektionieren, als die zwei Stunden in mein heimatliches Kaff zu fahren, um Tante Lieschens 60. Geburtstag zu feiern.
Für sie als Fleischereifachverkäuferin war die geistige Arbeit, die ich tagtäglich leistete nichts Greifbares.
Auch mein Vater war ein typischer Arbeiter - Parkettverleger, mit einem starken Sinn für Familienzusammenhalt und wenig Deckhaar.
Beide waren damals nicht sonderlich begeistert gewesen, als ich zum Jurastudium in „die große, gefährliche Stadt“ gezogen war und hätten es lieber gesehen, wenn ich mir ein Beispiel an meinem kleinen Bruder genommen, zu Hause gewohnt und eine Lehre begonnen hätte. Für mich allerdings waren die zwei Stunden Autofahrt, die uns trennten das absolute Minimum. Es war nicht so, dass ich auf meine Familie herabblickte. Es gab da nur diese wenigen Momente, nach denen ich mich maßlos schuldig fühlte.

Nun saß ich also um sechs Uhr morgens mit einem Kaffee in der Hand und der bescheuerten Häschen-Krawatte um den Hals in meinem alten Ford Fiesta und steuerte auf das Ziel zu, das ich so gerne vermied.
Nicht mal mein bester Anzug hatte das Ensemble retten können - doch Tante Lieschen wäre enttäuscht gewesen, hätte ich ihre Krawatte nicht getragen.
Ich gähnte in meinen Kaffee. Welche Partys begannen denn um 8 Uhr morgens? Ach ja, die im Behindertenheim „Sonnenstrahl“.
Im Grunde war es die einzig richtige Entscheidung, Tante Lieschen zu ihrem 60. Geburtstag zu besuchen, schließlich hatten die Ärzte damals nicht einmal ihren zehnten vorausgesagt. Im Alter von vier Jahren hatte ihre geistige Weiterentwicklung aufgrund einer schweren Hirnhautentzündung versagt.
Nun war sie 60. Und das bedeutete Partytime.
„Na, meine Dissertation werden wir heute schon irgendwie abgeschickt bekommen, was?“, raunte ich dem riesigen Teddybären mit rosa Schleife zu, den ich auf dem Beifahrersitz neben meiner Laptoptasche geparkt hatte.

Im Heim „Sonnenstrahl“ angekommen wurde ich überschwänglich von Lieschen begrüßt, die zwei Sekunden später jedoch nur noch Augen für ihren neuen Riesenteddy hatte.
Mein Vater klopfte mir auf die Schulter, meine Mutter strich meine Augenbrauen mit einem angefeuchteten Finger zurecht, was in mir wie üblich einen gewissen Würgereflex auslöste.
Onkel Benno hielt eine fünfzigminütige Rede, die bedeutend weniger von Tante Lieschen, als von seinem wilden Sexualleben handelte.
Und schließlich der Höhepunkt…Heimleiterin Jenny rief zum Sonnenritual auf. Dieses bestand aus einem gemeinsamen Sonnentanz, dem Verteilen von Sonnenblumen und einem Sitzkreis, in dem eine rosa getünchte Sonnenbrille herumgereicht wurde.
„Jeder, der die Sonnenbrille aufsetzt, sagt in kurzen Worten, wofür er heute dankbar ist und endet mit dem Satz ‚Das Leben ist sonnig und schön‘. Ihr werdet sehen, danach geht es euch allen viel besser“, lautete die Anweisung der übergewichtigen Jenny, die man als Betreuerin kaum von den Heimbewohnern unterscheiden konnte.
Die lächerliche Hippie-Brille machte die Runde und sowohl die Behinderten als auch meine Familie schienen großen Spaß an der ganzen Aktion zu haben. Ich betete, dass zum Mittagessen gerufen würde, bis sie bei mir ankam.
Natürlich ließ sich der Koch heute besonders viel Zeit und mein perverser Onkel Benno übergab mir augenzwinkernd das scheußliche Teil.
Zögerlich setzte ich meine eigene Hornbrille ab und zog das rosafarbene Modell auf. In diesem Farbton erschien mir die gesamte Szenerie noch abstruser. Schon im Kindergarten hatte ich Sitzkreise gehasst. Immer diese geballte, geheuchelte Aufmerksamkeit.
„Na, wofür bist du denn dankbar, mein Schatz?“, versuchte mir meine Mutter auf die Sprünge zu helfen.
„Ähm…“
„Vielleicht für deine schnuckelige Freundin?“, krächzte Großtante Mechthild.
Meine Mutter flüsterte unüberhörbar: „Nein, Mechti, mit der ist schon seit einem Jahr Schluss.“
Ich seufzte innerlich auf und durchbrach das Geflüster etwas zu laut:
„Ich bin dankbar für…“
„diese Krawatte bestimmt nicht“, kicherte meine Cousine Mia und ich warf ihr einen vernichtenden Blick zu.
Ein neuer Versuch: „Ich bin dankbar für…“
„Mittagessen!“
Alle sprangen freudig auf und vergaßen meine Peinlichkeit im Nu.
Lediglich Jenny blieb mir gegenübersitzen und blickte mich mitleidig an. Mich unwohl räuspernd reichte ich ihr die Brille zurück und setzte endlich meine eigene wieder auf.
„Nee, Junge. Behalt du die mal. Ich glaub, die kannst du gebrauchen“, hauchte sie gefühlvoll und steckte mir das rosarote Ding in die Jacketttasche. Ich wusste nicht, was ich entgegnen sollte. Diese ganze Show überforderte mich.
Meine Überforderung anscheinend als Rührung deutend, umarmte mich die dicke Jenny und gab mir einen allzu feuchten Kuss auf die Wange, in gefährlicher Nähe zu meinem Mund.
Ich sackte in mich zusammen.

In meinem Elternhaus lieferte ich die Tabletts mit den übriggebliebenen Mettstullen in der Küche ab, räumte die Gartenstühle weg und setzte mich beschwingt an den Wohnzimmertisch, um endlich mit der Arbeit zu beginnen. Mein Bruder Nils und seine sommersprossige Freundin Anne saßen bereits dort. Sie zeigte ihm lustige Katzenvideos auf ihrem MacBook, während er eine Tüte Chips vernichtete… Da sah man mal wieder, an wem die ganze Arbeit hängenblieb. Um dies nochmal zu bestätigen, betrat meine Mutter das Zimmer, als ich gerade den Inhalt meiner Laptoptasche ausgebreitet hatte und den ersten Buchstaben eintippte.
„Paul, ich hab ganz vergessen, dass ich dem Dieter gesagt hab, dass du seinem Sohn heute bei seiner Meisterarbeit hilfst!“
„Wie bitte?“
„Na der Kevin, den kennst du doch noch von früher… Der macht doch seine Ausbildung zum Landwirt und muss dafür irgendwas am Computer schreiben. Der kommt damit gar nicht zurecht und da hab ich gesagt, dass mein Paul da ganz bestimmt helfen kann.“
Mein linkes Auge begann nervös zu zucken.
„Also Mama, ehrlich gesagt, habe ich gerade selbst noch was Wichtiges zu erledigen.“
Meine Mutter legte mir eine Hand auf die Schulter und erklärte, dass der Nachbarbauer Dieter ihnen doch geholfen hatte, die Tannen abzuholzen und sie ihm dafür noch einen Gefallen schuldig waren.
„Na gut… Aber um Sechs muss ich spätestens wieder hier sein.“
„Ja klar, Schatz, dann musst du ja sowieso Nils und Anne zum Flughafen fahren, die fliegen doch nach Mallorca.“
Anne stieß einen Freudenschrei aus und mein Bruder stimmte das anspruchsvolle Lied „Malle ist nur einmal im Jahr“ an.

„D…d…danke, Mann“, ließ Kevin seine Dankbarkeit verlauten, die mir auch ganz gewiss zustand. Niemals zuvor hatte ich eine solch desaströse Arbeit gesehen. Kevins Schreibprogramm war geschätzt von 1928, Schriftarten und Größen variierten je nach Laune und zwischendrin fand sich immer mal wieder ein zusammenhangloses Foto von Maiskolben oder Düngemittelverpackungen.
Nachdem ich Hand angelegt hatte, konnte sich die Meisterarbeit sogar einigermaßen sehen lassen. Ich musste zugeben, der scheue und stotternde Kevin, der technisch im letzten Jahrtausend stehen geblieben schien, kannte sich mit seiner Leidenschaft, dem Maisanbau, inhaltlich bestens aus.
Gerade als ich mich aus dem schäbigen Schreibtischstuhl erheben wollte, kletterte Kevins mopsartiger Hund auf meinen Schoß. Er atmete merkwürdig schwer.
„D…d…das ist meine Dogge M…Milli.“
Unsicher streichelte ich die trottelig aussehende Milli und tätschelte ihren eingedellten Kopf.
„Oh!“, rief Kevin, plötzlich aufgeregt. „D…d…die Jungen k…k…kommen!“
Da bemerkte ich, dass auf meinem Schoß ein schleimiges, blutiges Etwas lag, das Milli augenblicklich abzuschlecken begann.
„P…P…Papa!“
Meine beste Anzughose war zerstört.

Eine Meisterarbeit über Mais, sowie eine Hundeentbindung später, kam ich abgehetzt bei meinen Eltern an.
„Wo bleibst du denn?“, fuhr mich mein Bruder an. „Der Flug ist in anderthalb Stunden!“
Wortlos rannte ich an ihm vorbei, packte meine Laptoptasche zusammen, umarmte meine Eltern und setzte mich ins Auto.

Es war elf Uhr abends als ich mich wieder in meiner natürlichen Umgebung, sprich meiner chaotischen, urbanen Einzimmerwohnung befand.
Wie in Trance ließ ich mich an meinem vertrauten Schreibtisch nieder, packte mein MacBook aus, klappte es auf und sah das Standbild einer Katze, die in einem Goldfischglas steckte.
Es war Annes Laptop.
Ich nahm die rosarote Brille aus der Brusttasche meines blutbefleckten Anzugs.
„Das Leben ist sonnig und schön.“

Letzte Aktualisierung: 12.03.2016 - 21.03 Uhr
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