Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Die rosarote Brille | März 2016
Vom Sturz der Mutter und des Kronprinzen und von neuer Kraft
von Christiane Borchers

„Nimm endlich deine rosarote Brille ab“, schimpft Lisa mit ihrer alten Mutter. Im selben Augenblick bedauert sie, dass sie diesen Satz ihrer Mutter so forsch entgegen geschleudert hat. Lisa hat sich nicht mehr im Griff. Seit einem Jahr wohnt ihre Mutter bei ihr. Sie hat sie bei sich aufgenommen, obwohl sie damit überfordert ist. Lisa hat einen ausgefüllten Arbeitstag: Sie ist Ärztin. Sie kümmert sich gern um ihre Kranken. Aber sie muss ihre Kräfte gut einteilen. Es ist überlebenswichtig, dass sie sich die nötige Erholung verschafft.

Abends kommt sie meistens zufrieden, aber todmüde von der Arbeit nach Hause. Dort wartet ihre Mutter. Sie wartet nicht darauf, dass Lisa ihr bei der Körperpflege oder anderen Dingen hilft. Das schafft sie alles allein. Sie wartet darauf, dass ihre Tochter ihr Zeit und Aufmerksamkeit schenkt. Lisa ist mit sich im Zwiespalt. Ihre Mutter möchte ihre Zuwendung - die gibt sie ihr auch gern. Dennoch wird es schnell anstrengend, wenn sie sich bei ihr aufhält. Sie klagt und jammert viel. Das raubt Lisa die Kraft. Ihre Mutter kann nicht verwinden, dass Rainer, ihr über alles geliebter Sohn, sie vor die Tür gesetzt hat. Ohne Umschweife hat er ihr kurzerhand eröffnet: „Mutter, du bist jetzt alt. Ich habe dir einen Platz im Altersheim besorgt.“

Nie wird Wilhelmine diesen furchtbaren Tag vergessen. Sie begriff nicht sofort. Ohne mit der Wimper zu zucken hat Rainer seine ungeheuerlichen Worte wiederholt. Er sprach mitleidslos und ohne Regung, so als ob er gesagt hätte: „Die Post ist da“. Anschließend hat er sie stehen lassen, sich geschäftig seinen Papieren zugewendet. Wilhelmine hat es die Sprache verschlagen. Verwirrt und leichenblass verließ sie den Raum. Sie musste hier weg, weg von seiner Gegenwart.

Seit diesem Tag ist nichts mehr wie zuvor. Es gibt ein Davor und ein Danach. Eine neue Zeitrechnung hat für Wilhelmine begonnen. Ihr Leben ist aus den Fugen geraten. Sie hat keinen Boden mehr unter den Füßen. Ihr eigener Sohn hat sie fallen lassen. Sie ist noch nie so tief gestürzt. Ihr ganzes Leben hat sie in diesem Haus verbracht. Mit ihrem Mann hat sie eine gutgehende Bäckerei aufgebaut. Seit dem Tod ihres Mannes leitet Rainer das Geschäft. Sie führt den Haushalt, geht ihm im Geschäft zur Hand. Sie hat ihm den Rücken freigehalten, ihn verwöhnt. Er ist doch ihr einziger Sohn. Hat sie sich in ihrem Sohn getäuscht? Sie hat gedacht, dass sie sich auf ihn verlassen kann. Ihr Lebensgebäude fällt in sich zusammen.

Rainers Ansinnen, dass seine Mutter in ein Altersheim soll, bleibt nicht lange verborgen. Bald wissen die Verwandten und alle Nachbarn Bescheid. Der Kreis weitet sich aus. Die Leute reden im ganzen Viertel über Rainer. Nachbarn, Verwandte, gute Freunde und Kunden suchen das Gespräch mit ihm mit dem Ziel, ihn umzustimmen. Zwecklos, er bleibt bei seinem Entschluss. „Das ist typisch für ihn“, munkeln einige, die ihre Erfahrungen mit ihm gemacht haben. Rainer ist unbeliebt, auf seinen Vorteil bedacht, gepaart mit einer gehörigen Portion Selbstüberschätzung. Er hält sich für sehr wichtig. Das bestätigen ihm seine zahlreichen Ämter und Posten, bisher auch seine Mutter. Er hat es verstanden, sich mit seinem Geld Macht und Einfluss zu verschaffen. Wilhelmine ist stolz auf ihren Sohn gewesen. Niemand mochte ihr die Augen öffnen, niemand sie verletzten.

Lisa kommt von der Arbeit nach Hause. Sie billigt das Verhalten ihres Bruders nicht. Dennoch reagiert sie inzwischen gereizt, wenn ihre Mutter das Thema „Rainer“ anschlägt. Erschöpft klopft sie an die Zimmertür der Mutter. Wilhelmine sitzt im Halbdunkeln in ihrem bequemen Sessel. „Soll ich uns eine Tasse Tee machen?“, fragt Lisa und bemüht sich, freundlich zu klingen. „Oh ja“, lächelt die Mutter. Das Lächeln verschwindet aber sofort wieder aus ihrem Gesicht. Lisa geht in die Küche, setzt Wasser auf. Nach kurzer Zeit kommt sie zurück, serviert den Tee. Wilhelmine nippt an der Teetasse aus feinem chinesischem Porzellan. Ständig kreisen ihre Gedanken um das, was ihr Sohn ihr angetan hat, fragt nach dem Warum, wird den Schmerz nicht los.

Lisa sieht ihr ihre Sorgen an. „Mama“, sagt sie, „So kann das nicht weitergehen. Es ist nicht in Ordnung, was Rainer gemacht hat und ungerecht. Er hätte dich nicht wegschicken dürfen. Aber du kannst nicht den Rest deines Lebens mit diesem Problem hadern.“ „Womit habe ich das verdient“, klagt Wilhelmine, als hätte sie die Worte ihrer Tochter nicht gehört. „Das hast du nicht verdient.“, bestätigt diese. „Dein Leben lang hast du alles für Rainer getan. Du hast ihn immer in Schutz genommen und Verständnis für ihn gehabt. Du hast immer eine Entschuldigung parat gehabt, auch dann, wenn es nicht in Ordnung war, wie er sich verhalten hat.“ „War das so?“ fragt Wilhelmine ungläubig. „Ja, das war so. Weißt du noch? Als er Meike, die bei ihm in der Lehre war, entließ, bloß weil sie zu Weiberfastnacht übermütig in sein Büro gestürmt war und ihm den Schlips abschnitt? „Ja, das war nicht schön. Meikes Eltern baten mich um Hilfe. Aber ich konnte Rainer nicht bewegen, die Kündigung zurück zu nehmen.“

„Mama“, fährt Lisa fort „nicht viel anders hat er Silke behandelt. Nichts konnte sie ihm recht machen. Er nörgelte ständig an ihr herum. Wenige Monate nach der Heirat hat er sie rausgeschmissen.“ „Das hätte er nicht tun dürfen, nicht auf diese Art und Weise.“ „Er hat der ganzen Familie Schande gebracht. Die Leute haben darüber geredet.“ „Ja“, wirft Wilhelmine kleinlaut ein. „Ich habe mich gar nicht mehr auf die Straße getraut. Ich wollte niemandem mehr begegnen.“

„Du hast ihm alles verziehen, Mama, alles. Rainer konnte in deinen Augen nichts falsch machen. Er war dein Kronprinz, der bei dir Narrenfreiheit hatte.“ Leise fügt Lisa hinzu: „Du hast ihn mir vorgezogen.“ Sie ist überrascht, dass sie ehrlich und offen mit ihrer Mutter redet, ohne Vorwurf, ohne Selbstmitleid. „Habe ich das tatsächlich gemacht?“, fragt Wilhelmine verunsichert „Das habe ich gar nicht gemerkt. Das wollte ich nicht. Glaube mir: Du bist mir genauso wichtig wie er. Weißt du das denn nicht? „Nein“, sagt Lisa, „für dich gab es immer nur Rainer.“ „ Ich habe dich doch lieb, mein Kind. Das ist für mich selbstverständlich. Vielleicht habe ich das nicht deutlich genug gezeigt“, flüstert Wilhelmine kaum hörbar. So intim hat sie noch nie mit ihrer Tochter gesprochen. „Ich habe dich auch lieb“, sagt Lisa und nimmt ihre Mutter in den Arm.

Wilhelmine weiß es selbst. Sie muss mit diesem ständigen Grübeln Schluss machen. Sie wird keine Antwort darauf bekommen, warum ihr eigener Sohn sie so behandelt hat. Er hat nicht mit ihr vorher gesprochen, sich nicht mit ihr beraten. Er hat sie Knall auf Fall vor vollendeten Tatsachen gestellt. Das Verhalten ihres Sohnes hat eine tiefe Sinnkrise bei ihr ausgelöst. Die soll jetzt zu Ende sein, beschließt sie. „Es hat keinen Sinn, weiter über Reiners Verhalten nachzudenken“, sagt sie „ich will das nicht mehr. Ich will den Kopf für andere Dinge frei haben. Lisa, es ist an der Zeit, dass ich den Kronprinzen endlich vom Thron stürze.“ Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, als sie das sagt. Dieses Lächeln hält an. „Ich glaube, du hast eben deine rosarote Brille bei Seite gelegt“, sagt Lisa glücklich und schenkt ihrer Mutter noch eine Tasse Tee ein. Mit neuer Kraft wird sie morgen den Tag beginnen.

Letzte Aktualisierung: 27.03.2016 - 20.39 Uhr
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