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Das Salz in der Suppe | April 2016
Schmeckt’s euch nicht?
von Eva Fischer

Das Telefon klingelt. Ich schaue auf das Display und auf meine Uhr. Wenn ich jetzt den Hörer abnehme, werde ich einen mindestens dreißig-minütigen Redeschwall von Gitta über mich ergehen lassen müssen. Die Frage ist, will ich das? Ja, ich will! Gitta ist meine ehemalige Klassenkameradin. Seitdem ich sie vor fünf Jahren zufällig in einer Apotheke wiedergetroffen habe, – in ihrer Apotheke, - haben wir durchaus vergnügliche Stunden miteinander verlebt, wenn sie nicht auf die Idee kommt...
Sie wird schon nicht.
Ich atme tief durch. Schon höre ich ihre wie immer leicht hektische Stimme. Es ist stets dasselbe. Ihr Chef ist eine Null. Eigentlich wirft Gitta den Laden. Wenn er ihr nur Anerkennung zollte, dann würde sie sich ja nicht beklagen. Stattdessen nörgelt er an ihr herum. Nun könnte Gitta ja den Arbeitsplatz wechseln, weil die Apotheke nicht wirklich ihre ist, aber das lässt ihr Pflichtgefühl nicht zu. Ohne sie ginge die Apotheke den Bach runter. Ich höre mir ein paar neue Details der never-ending-story an. Danach hat sie sich spürbar entspannt.

„Du Jani, ich habe da eine Idee...“
Dieses Mal ist es an mir, einen Seufzer zu unterdrücken.
„Ja?“, frage ich mit einem letzten Fünkchen Hoffnung, dass sie vielleicht mit mir durch die Altstadtkneipen ziehen will.
„Was hältst du von einem netten Mädelabend?“
Netter Ausdruck für 50jährige Ladies, denke ich.
„Ich koche auch was.“
Nun ist es raus. Ich quittiere das Angebot mit Schweigen, während ich fieberhaft überlege, wie ich das Unglück abwenden könnte.
„Ich kenne da ein nettes Lokal, gar nicht so teuer“, versuche ich es.
„Kommt gar nicht in Frage. Ich habe Geburtstag, und da koche ich selbstverständlich für euch. Das gehört sich so“, höre ich sie in einem Nachsatz.
Obwohl ihre alte Mutter- neben ihrem Chef- Gittas zweites Reizthema ist, bedient sie sich oft ahnungslos der verhassten Phrasen ihrer Erzeugerin.
„Wann soll das Fest denn starten?“, frage ich, weil ich es einfach nicht fertigbringe, Gitta zu enttäuschen. Einmal im Jahr. Da muss ich durch.

Auf Babsi passt die Beschreibung „Mädel“ schon eher. Sie arbeitet in einer Boutique und ist sich selbst das liebste Model. Winters wie sommers hüllt sie ihre gazellenartigen Beine in Stiefel. Ansonsten variiert ihr Äußeres farblich und designermäßig je nach Jahreszeit und innerer Stimmung.
„Toll siehst du wieder aus“, bemerkt Gitta und nimmt ihr Geschenk-eine Flasche Schampus-entgegen.
„Happy Birthday, meine Liebe!“, zwitschert Babsi und umarmt ihre Freundin.
„Hübsch hast du den Tisch gedeckt“, bemerkt sie.
Sie nimmt die Blümchenservietten in die Hand und wedelt mir augenzwinkernd damit zu.

Als Vorspeise gibt es Tomaten-Mozarella.
„Die Tomaten habe ich frisch auf dem Markt gekauft und das Basilikum auch“, erwähnt Gitta nicht ohne Stolz.
„Lasst es euch schmecken!“, fordert sie uns auf.
Babsi und ich denken wohl dasselbe. Noch konnte Gitta nichts verderben, noch ist alles im grünen Bereich.
„Könnte ich wohl etwas Salz haben?“, flötet Babsi.
„Probier doch erst mal“, sagt Gitta. „und außerdem Salz ist ungesund“.
Die letzten Worte haben Babsi und ich im Chor mitgesprochen.
„Wenn du Angst hast, an Bluthochdruck zu sterben, ich nicht!“ , besteht Babsi auf ihrem Salz und schüttet reichlich über die Tomaten.
„Das ist auch nicht gut für dein Herz“, hebt Gitta erneut an, nimmt aber dann doch ihr Glas Rotwein und prostet uns zu.
„Auf euch, meine Lieben! Schön, dass ihr gekommen seid!“

Während Gitta in der Küche am Backofen herumwerkelt, flüstert Babsi mir zu. „Ich wollte nur schon mal das Salz in Reichweite gebracht haben.“
Stolz stellt Gitta wenig später einen dampfenden Auflauf auf den Tisch.
„Gnocchi mit Pute und Käse überbacken“, stellt Gitta ihre Kreation vor.
Das Gericht sieht gut aus. Man sollte es fotographieren und das Bild an eine Kochzeitschrift schicken, denke ich. Aber der erste Bissen wird alle Illusionen zerstören.
„Nicht so viel!“, flötet Babsi. „Du weißt meine Figur.“
Dafür häuft mir Gitta das Doppelte auf. Welche Ausrede habe ich?
Es ist, wie ich es befürchtet habe. Das Fleisch hat nie Salz oder ein anderes Gewürz gesehen. Der Käse – mit Sicherheit das Schmackhafteste - kann das Ganze auch nicht mehr retten.
Babsi salzt erst einmal drauf los, und auch ich bediene den Salzstreuer.
Zu glauben man könne nachwürzen, ist ein Gerücht. Das Salz möchte bei dem Kochvorgang einbezogen werden, eine Einheit mit den anderen Ingredienzen bilden. Nachträglich hinzugefügt bleibt es hoffnungslos an der Oberfläche kleben und das Ganze schmeckt eben nur versalzen.
Bis zur Hälfte kämpfe ich mich durch. Dann lege ich resigniert das Besteck beiseite. Babsi stochert derweil in ihrem Essen herum, als wolle sie eine chemische Analyse erstellen.
„Schmeckt’s euch nicht?“, fragt Gitta.
„Doch“, will ich gerade sagen, als von Babsi ein klares Nein ertönt.
„Nun sei endlich ehrlich!“, fordert sie mich auf.
Mit der Ehrlichkeit ist das so eine Sache, denke ich. Wie leicht kann man Menschen damit verletzen.
„Nun ja, etwas Salz hätte deinem Auflauf nicht geschadet. Sonst ist er aber ganz lecker. Ich bin nur schon satt“, versuche ich es diplomatisch.
„Ohne Salz ist das Ganze ungenießbar. Das ist die Wahrheit“, trumpft Babsi auf.
„Auch wenn du eine miserable Antisalzköchin bist, bleibst du doch eine super Freundin.“ Sie lächelt Gitta versöhnlich zu. „Und jetzt lasst uns den Schampus killen, Mädels!“, schlägt sie vor.
„Mögt ihr keinen Nachtisch mehr?“, fragt Gitta.
„Was gibt es denn?“, will Babsi wissen.
„Schokoladeneis mit frischen Himbeeren“, antwortet das Geburtstagskind.
„Eis geht immer, nicht wahr Jani?“ Babsi blinzelt mir zu.
„Ich nehme auch kein Salz auf die Himbeeren. Ich schwöre!“ Theatralisch hebt Babsi drei Finger ihrer rechten Hand in die Luft. Gitta muss lachen.

Die Wahrheit ist wie das Salz in der Suppe, denke ich. Es geht nicht ohne, aber pur schmeckt beides ekelig.

Letzte Aktualisierung: 02.04.2016 - 14.33 Uhr
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