Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Das Salz in der Suppe | April 2016
Die Midgardschlange
von Ingo Pietsch

„Das ist alles? Eine mit Moos zugewachsene Bruchsteinmauer?“, Rebecca Schulz war empört. Ihre roten Haare klebten ihr am Kopf und auf den Schultern.
Es hatte einen halben Tag gedauert, sich durch das unwegsame Gelände der kanadischen Wälder zu schlagen.
„Naja, es ist eine sehr große moosbedeckte Mauer“, versuchte Christian Laubner den unspektakulären Fund zu beschönigen.
Die Mauer war schätzungsweise sechs Meter hoch und ungefähr dreihundert Meter lang. Sie bestand aus unbehauenen Granitsteinen und war von Farnen und Bäumen bewachsen. Hier mitten im tiefsten kanadischen Wald passte sie sich perfekt in die Natur ein. Hätte die eine Hälfte des Armreif des Thor sie nicht direkt hierher geführt, hätten Christian und Rebecca sie wahrscheinlich gar nicht entdeckt.
Die Mauer war in einen zugewucherten Hügel eingebettet.
„Benutz den Armreif! Goldstein ist uns auf den Fersen und sonst kommen wir nicht weiter!“, Rebekka wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Mit ängstlichem Gesicht sah Christian seine Wegbegleiterin an.
Trotz der trockenen Hitze fror er. Er zog den Armreif aus seinem Rucksack und betrachtete ihn argwöhnisch. Bei jeder Benutzung hatte sich sein Bewusstsein verändert. Der Armreif machte ihn nicht nur stärker und schneller, auch waren seine Sinne verstärkt worden. Er hörte und sah besser, allerdings hatte es ihn auch aggressiver gemacht. Und das machte ihm Angst.
„Ein Armreif sie zu knechten“, scherzte Rebecca.
„Du darfst ihn gerne mal anlegen.“ Christian hielt ihr das Schmuckstück hin.
Rebecca wurde ernst: „Tut mir leid. Aber wir haben nicht viel Vorsprung. Und wer weiß, was Goldstein damit vorhat.“
Widerwillig legte Christian ihn an. Die Schrift auf dem lederartigen Material leuchtete so hell wie nie zuvor, aber nichts geschah.
Der Archäologe sah Rebecca an, die mit den Schultern zuckte. Dann schritt er auf die Mauer zu und riss mit der Kraft des Armreifes mehrere große Steine heraus.
Als er eine fünf Meter große Lücke freigelegt hatte, hielt er inne und blickte staunend zusammen mit seiner Kollegin auf dass, was dahinter verborgen war: Eine vollkommen glatte und weiße Wand.
Auf dem Armreif blinkte ein Licht.
Christian drückte darauf und in der Wand entstand zischend eine Öffnung.
Vorsichtig spähten die beiden in die Dunkelheit und zuckten gleich wieder zurück, als Deckenleuchten aufflammten.
Der Innenraum glich dem eines Hochgeschwindigkeitszuges: Eine Reihe komfortable Sitzplätze auf jeder Seite.
Keine Fenster oder keine erkennbare Lichtquellen. Und trotzdem war es hell.
„Wie lange steht der Zug schon hier?“, fragte Rebekka.
Christian rieb sich das Kinn mit dem Dreitagebart. „Wenn ich mir die Höhe der Bäume und den Rest der Vegetation ansehe, würde ich auf ein paar Hundert Jahre schätzen. Aufgrund der Mauer würde ich sagen, dass er versteckt worden ist. Vielleicht steht er schon deutlich länger hier herum. Gehen wir rein?“
Rebekka nickte.

Drinnen setzte sich jeder in einen Sessel. Sie kamen sich darin ziemlich verloren vor. Die Sessel waren für Personen gemacht, die eine Größe von mindestens 2,50 Meter besaßen oder sogar noch größer waren.
Plötzlich durchzuckte Christian ein Kopfschmerz. „Ich muss unbedingt das Artefakt abnehmen. Es ist noch schlimmer als sonst.“
„OK, aber vorsichtig.“
Christian verstaute das Armband in seinem Rucksack.
Neugierig drückte Rebecca auf den Armlehnenkonsolen herum, aber nichts geschah.
„Wahrscheinlich müssen wir die Energie einschalten“, meinte sie.
Zusammen gingen sie zum Ende des Abteils, das durch eine weiße Wand abgegrenzt war. Alles wirkte, wie aus einem Guss.
Sie klopften die Wand ab, ohne Erfolg.
Christian holte tief Luft und schnallte sich den Armreif wieder um das linke Handgelenk.
Der stechende Schmerz kehrte zurück und Wut keimte auf.
Christian drückte wieder ein blinkendes Licht und die Wand schob sich zur Seite.
Ein weiteres Abteil und dann noch eins. Schließlich gelangten sie in einen Raum, in dessen Mitte auf einem Podest unter einer klaren Kuppel das zweite Stück des Armreifes lag.
Christian klopfte mit der rechten Hand dagegen: „Massiv“.
Dann griff er mit der linken einfach hindurch und packte das Stück.
Sterne tanzten vor seinen Augen.
„Soll ich die beiden Stück wirklich verbinden?“
„Auf keinen Fall!“, sagte eine tiefe weibliche Stimme hinter ihnen.
Christina und Rebecca drehten sich zur Abteiltür.
Dort standen Goldstein mit einer Pistole in der Hand und eine Frau, eine Person, die Christian um mindestens vier Köpfe überragte. Sie trug weite Gewänder und jede Menge goldenen Schmuck. Ihr Gesicht lag tief verborgen unter einer Kapuze.
„Ich will Ihnen nichts tun, aber bitte geben Sie mir den Armreif.“ Sie drückte Goldsteins Waffe nach unten, der ein Knurren von sich gab.
„Nein, Christian. Wenn du das tust, wird sie unbesiegbar sein!“, Rebecca stellte sich vor Christian.
„Ich besitze selber einen Armreif“, sie entblößte ihren linken Unterarm. „Was Sie unbedingt wissen sollten: Wenn Sie die beiden Hälften verbinden, können Sie den Armreif nie wieder ablegen. Mit der Zeit wird er sie wahnsinnig machen und ihnen ihre Lebenskraft nehmen.
„Glaub ihr kein Wort, mach es um“, wandte Rebecca energisch ein.
Christian war hin- und hergerissen – sein Kopf tat weh. Rebecca hatte keine Ahnung, wie es sich anfühlte. Trotzdem legte er wie in Trance die zweite Hälfte an die erste.
Sie verschmolzen miteinander und mit der Haut.
Die große Frau blieb ruhig: „Das macht die Sache ein wenig komplizierter. Ich werde Sie jetzt nicht mehr gehen lassen können.“
Goldstein hob wieder seine Waffe.
Rebacca machte einen Schritt rückwärts und Christian ging es erstaunlicher Weise besser.
Die Frau hatte auf ihrem Armband herumgetippt.
Die Anzeigen auf Christians Armband waren erloschen.
„Ich habe ihren Armreif ausgeschaltet, bis wir unser Ziel erreicht haben. Damit bei Ihnen nicht alle Sicherungen durchbrennen.“ Sie kreiste mit ihrem langen Zeigefinger an ihrer Stirn. „Natürlich könnte ich Sie auch an Ort und Stelle töten. Aber das liegt weder in meinem noch in ihrem Interesse. Und Sie sollten sich besser hinsetzen.“
Sie schritt an den beiden Archäologen vorbei, weiter nach vorne, wahrscheinlich in den Betriebswagen.
Der Zug begann zu zittern. Überall fingen Lichter an zu blinken.
Christian, Rebecca und Goldstein nahmen Platz.
Die seitlichen Wände und die Decke wurden transparent und man konnte nach draußen sehen: Erst nur Erde, Geröll und Wurzeln. Dann beschleunigten die Bilder und die Landschaft flog nur an ihnen vorbei.
Sie wurden kaum merklich in die Sitze gepresst.
Die großgewachsene Frau kam wieder und die schlug die Kapuze zurück.
Sie hatte ein schönes, fein geschnittenes Gesicht, schrägstehene Augen und ihre dunklen Haare waren zu einer beeindruckenden Turmfrisur geflochten.
Christian sah genauer hin und erkannte, dass es kein Zopf war, sondern die Locken an dem langgstreckten Hinterkopf herunterhingen.
„Darf ich mich ihnen vorstellen: Mein Name ist Hathor. Mein Volk kam vor Jahrtausenden auf diesen Planeten, um die Menschen bei ihrer Entwicklung zu unterstützen. Mich hat man zurückgelassen. Ich war über lange Zeit in einer Stasiskammer eingefroren.“
„Sie sind eine Außerirdische?“, fragte Rebecca erstaunt.
Hathor lächelte: „Richtig. Sie haben von Zeit zu Zeit unsere Hinterlassenschaften entdeckt.“
Christian hatte den Blick auf den Waggonwagen gesenkt. „Sie haben mehrmals versucht uns umzubringen!“
„Ich muss leider zugeben, dass Mr. Goldstein sehr effektiv ist. Er war bis vor kurzem in den Diensten eines Widersachers, der ihn, sagen wir zu seinen Zwecken umgeformt hat.“
Goldstein knurrte und funkelte Christian böse an.
„Wenn Sie schon einen Armreif besitzen, wozu brauchen Sie einen zweiten?“, Rebecca hatte sich vorgebeugt.
„Der Armeif, den Sie tragen Herr Laubner, ist ein spezieller Schlüssel. Er öffnet das geheime Labor meines Bruders Thor. Nur dort finde ich die nötige Technologie, um mit meinem Volk Kontakt aufzunehmen.“ Hathor zeigte auf einen großen Bildschirm, auf dem sich der Zug durch das unwegsame Waldgelände schlängelte. Wir fahren jetzt nach Island. Unterwegs werde ich ihnen mehr über mein Volk erzählen und was die Menschheit uns alles verdankt. Und sollten Sie Fragen haben, nur zu.“
Christian und Rebecca hatten keine Ahnung, was sie in Island erwartete, doch lauschten sie voller Interesse Hathors Worten.
Und Christian hoffte den Armreif irgendwie loswerden zu können.

Letzte Aktualisierung: 22.04.2016 - 23.11 Uhr
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