'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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Das Salz in der Suppe | April 2016
Das Salz-Paradoxon
von Jochen Ruscheweyh

"Trotz der ärmlichen Verhältnisse, in denen du lebst, hast du eine Mahlzeit auf den Tisch gebracht, auch wenn es nur eine Suppe ist", sagte der Landvogt. "Das ehrt dich. Dennoch bleibt es dabei, dass du Steuern und Zinseszins säumig bist. Hof und Land gehen auf mich über.“
"Ich kenne den traurigen Anlass, aus dem ihr mich aufsucht. Aber gewährt mir einen Wunsch, bevor ihr eurer Pflicht nachkommt“, antwortete der Bauer.
Der Landvogt nickte. "So sprich, wie lautet dein Wunsch?"
"Seid mein Gast und speist mit mir, bevor ihr den Hof und das Land nehmt."
Der Landvogt dachte einen Moment nach, dann schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch: "Teufel auch, Bauer, warum denn nicht? Knappe, hole er mein Weib herein, auf dass sie mit uns speise."
Der Knappe kam der Aufforderung seines Herrn nach, brachte die Frau des Landvogts an den Tisch und verschwand nach draußen.
Der Bauer verbeugte sich und begann sogleich, aus einem Topf gebundene Suppe in einfache Holzschalen zu schöpfen.
"Welch außergewöhnlicher Geschmack, nie zuvor aß ich eine köstlichere Suppe", bemerkte der Landvogt nach dem ersten Löffel. "Sage mir, Bauer, welche Zutaten du verwendest."
"Ich bin ein einfacher Gesell, mein Herr, ich verarbeite die Dinge, die unser Herrgott auf meinen ... oh, verzeiht, auf euren Feldern wachsen lässt."
"Freilich", erwiderte der Landvogt, " ist mir bekannt, welche Sorten in unserer Region gedeihen, und ich schmecke Rübe und Erdapfel, ein Hauch von Roter Beete, aber sag, wie kommt diese hintergründige Würze in die Suppe. Ist es Rauke oder Meerrettich?"
Der Bauer legte den Löffel neben seiner Schüssel ab, griff in seinen Rock und holte ein gläsernes Röhrchen hervor. "Das, was ihr schmeckt, woran ihr euch berauscht, ist dieses Salz."
"Ein Chlorid verursachet mir ein derartiges Sinneserleben, davon abgesehen war ich der Ansicht, ihr einfachen Leut bedienet euch der Pflanzenasche als Salzersatz auch um die Steuer zu umgehen?"
Der Bauer überhörte den Einwand und schüttelte den Kopf. "Mitnichten. Es ist ein ganz besonderes Salz."
"Dann sage mir, wo ich es erwerben kann!"
Der Bauer legte das Röhrchen neben den Löffel. "Es ist nicht zu erwerben. Die Menge in diesem Röhrchen hier ist die einzige, die existiert."
Der Landvogt lachte auf: "Am Ende willst du mir noch erzählen, du hast es selbst abgebaut."
Ein Lächeln trat auf das Gesicht des Bauern. "Nicht abgebaut, sondern gewonnen."
"So sprich dann wie!"
"Immer, wenn euer Weib während einer eurer Reisen zu mir auf den Hof kam und wir uns liebten, fing ich die Schweißtropfen auf, die über unsere Körper rannen und destillierte die Flüssigkeit, wenn die Eure wieder auf ihre Burg zurückkehrte."
Der Landvogt sprang auf: "Hund, ich werde dich auf der Stelle töten."
Der Bauer hob beschwichtigend die Hände: "Haltet ein. Denn tötet ihr mich, da ihr mich für einen Lügner haltet, wird dies langen, um euren Zweifel zu beschwichtigen?" Der Landvogt warf seiner Frau einen gestrengen Blick zu und griff an seinen Gürtel, an dem ein Messer baumelte. Der Bauer ließ sich nicht davon beeindrucken und fuhr fort: "Tötet ihr auch euer Weib, weil ihr sie der Untreue für schuldig haltet, verliert ihr die Achtung eurer Garde, des Volkes und des Kurfürsten, denn wie könnte es sein, dass ein einfacher Bauer euch euer Weib ausspannt? Löscht ihr hingegen unser aller Leben aus, das eurige ebenfalls, brächtet ihr euch um alle Freuden, die das Dasein noch zu bieten hat und ihr gingt in die Bücher der Schreiber ein als der betrogene Landvogt, der in seinem Liebeswahn nicht die Verantwortung bedachte, die er seinen Kindern und dem Vaterlande gegenüber hat."
Der Landvogt ließ sich zurück auf den Stuhl fallen. "So, dann", sagte er, "scheint es, dass guter Rat teuer ist."
Da wollte sich die Frau zu Wort melden. "Gerade heraus, Weibsbild, seid ihr untreu gewesen?", fuhr er sie an. Mit gesenktem Kopf sprach sie: "Ich bitte euch untertänigst, lasst ihm seinen Willen, lasst ihm den Hof und lasst Gras über eure Zweifel wachsen."

Nachdem der Landvogt mitsamt Frau und Garde den Hof verlassen hatte, öffnete der Bauer die Lade seines Küchenschrankes und entleerte das Röhrchen in das Salz-Behältnis, aus dem er es am Morgen gefüllt hatte.

In dieser Nacht schlief der Bauer so gut wie lang nicht mehr. Als er beim ersten Hahnenschrei erwachte, sprang er erquickt und bester Grille aus dem Bett, mit dem festen Vorsatz, das geliehene Salz zu den Nachbarhöfen zurückzubringen.
Er zuckte zusammen, als er in die Küche trat und den Landvogt am Tisch sitzen sah. "Herr, habt ihr mich erschreckt!"
"Bauer", begann dieser sogleich, "ich habe mich die ganze Nacht in die Werke verdienter Alchemisten vertieft, und keinen einzigen Hinweis gefunden. Ihr habt mich getäuscht, es ist in höchstem Maße unwahrscheinlich, diese Menge Salz aus Schweiß herzustellen."
"Und doch ist es möglich", entgegnete der Bauer.
Der Landvogt beugte sich vor. "Dann beweise es!"
Wieder umspielte ein Lächeln den Mund des Bauern. "Ihr meint doch nicht etwa mit eurer Frau?"
"Halunke, willst du, dass ich es mir anders überlege und dich doch sofort töte?", brauste der Landvogt auf.
Der Bauer lehnte sich zurück und faltete die Hände vor seinem Bauch. "Was schlagt ihr stattdessen vor?"
"Nun", entgegnete der Landvogt, " ich schicke euch eine einfache Magd zur Nacht, postiere eine Wache vor der Tür und bei Morgengrauen zeigst du mir das Chloridium."
"So sei es, Herr!"

Mit dem ersten Hahnenschrei am nächsten Morgen öffnete sich die Tür zur Schlafkammer des Bauern. "Und? Wo ist es?", rief der Landvogt.
Rasch bedeckte der Bauer seine und der Magden Nacktheit und sagte: "Es ist viel Liebreizendes an Lisbeth" - die Erwähnte kicherte leise - "sie ist klug und obendrein entzückend anzuschauen, aber sie ist nicht die richtige, um euch zu beweisen, was ihr einfordert, da sie der anderen nicht ebenbürtig ist." Die so Geschmähte zog einen Schmollmund und griff nach ihrem Leibchen. "Ihr müsst mir wohl oder übel eine andere schicken."

Am nächsten Morgen empfing der Bauer den Landvogt mit den Worten "zu groß", am Tag darauf "zu klein", am übernächsten Tag "zu üppig", am folgenden "zu ungebildet".

Einige Woche später, als der Landvogt wieder einmal in die Schlafkammer des Bauern trat, fand er den Bauern in inniger Umarmung mit der letzten Magd vor, die er ihm geschickt hatte und die im Übrigen die letzte Unvermählte des ganzen Landkreises war.
"Die hier ist richtig!", lachte der Bauer.
"Und wo zur Hölle ist mein Salz?"
Der Bauer rieb sich die Arme. "Guter Herr, seht nach draußen, Raureif überzieht eure Felder, wie kann in dieser frostigen Kammer Schweiß entstehen? Ich rate euch, weist eure Knappen an, das kleine Wäldchen zu roden, die Klafter Holz in handtellergroße Stücke zu hacken und säuberlich aufzustapeln, auf dass mein neues Weib und ich den Ofen beschicken können. Anders wird hier keine Wärme entstehen."
Der Landvogt fluchte leise vor sich hin, dann rief er seine Knappen herbei und erteilte Ihnen die Anweisung.

Als der Landvogt einige Wochen später in die Stube kam, in der der Ofen bullerte, dass die Scheiben beschlugen und den Bauern mit überschlagenen Beinen in einem Schaukelstuhl dösend vorfand, packte ihn die Wut. Er riss ihn sogleich hoch, schüttelte ihn und brüllte: "Wo in drei Teufels Namen ist mein Salz?"
"Bester Herr, gleich nach eurem letzten Besuch hat sich gezeigt, dass mein Weib guter Hoffnung ist. Bei allem Respekt, ihr erwartet doch nicht etwa, dass ... in ihrem Zustand...?"
Der Landvogt steigerte sich daraufhin derart in seine Erregung, dass ihn der Schlag traf und er leblos zusammenbrach.
Da die Frau des Landvogts den Eintrag in das Schuldnerbuch mit dessen Ableben schwärzte, erlangte sein Nachfolger von diesem lange währenden Vorgang keine Kenntnis und verfolgte ihn daher auch nicht weiter.
Der Bauer aber lebte glücklich und zufrieden mit Frau und Kind bis an sein Lebensende auf seinem Hof, den ihm nie wieder jemand streitig machte.


In der Ökonomischen Lehre beschreibt das Salz-Paradoxon eine Situation, in der ein wirtschaftlich schwächeres Unternehmen eine Übernahme durch einen Global-Player allein durch geschicktes Taktieren und Infragestellen feststehender Bedingungen und Bezugsgrößen verhindert. Der bekannteste Fall dieser Art ereignete sich 1982, als ein japanisches Wirtschaftskonglomerat den skandinavischen Zugmaschinen-Hersteller VarioTruckDansk übernehmen wollte und scheiterte.
V2


Letzte Aktualisierung: 26.04.2016 - 07.31 Uhr
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