Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Das Salz in der Suppe | April 2016
Das Salz-Paradoxon
von Jochen Ruscheweyh

"Trotz der √§rmlichen Verh√§ltnisse, in denen du lebst, hast du eine Mahlzeit auf den Tisch gebracht, auch wenn es nur eine Suppe ist", sagte der Landvogt. "Das ehrt dich. Dennoch bleibt es dabei, dass du Steuern und Zinseszins s√§umig bist. Hof und Land gehen auf mich √ľber.‚Äú
"Ich kenne den traurigen Anlass, aus dem ihr mich aufsucht. Aber gewährt mir einen Wunsch, bevor ihr eurer Pflicht nachkommt“, antwortete der Bauer.
Der Landvogt nickte. "So sprich, wie lautet dein Wunsch?"
"Seid mein Gast und speist mit mir, bevor ihr den Hof und das Land nehmt."
Der Landvogt dachte einen Moment nach, dann schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch: "Teufel auch, Bauer, warum denn nicht? Knappe, hole er mein Weib herein, auf dass sie mit uns speise."
Der Knappe kam der Aufforderung seines Herrn nach, brachte die Frau des Landvogts an den Tisch und verschwand nach draußen.
Der Bauer verbeugte sich und begann sogleich, aus einem Topf gebundene Suppe in einfache Holzschalen zu schöpfen.
"Welch außergewöhnlicher Geschmack, nie zuvor aß ich eine köstlichere Suppe", bemerkte der Landvogt nach dem ersten Löffel. "Sage mir, Bauer, welche Zutaten du verwendest."
"Ich bin ein einfacher Gesell, mein Herr, ich verarbeite die Dinge, die unser Herrgott auf meinen ... oh, verzeiht, auf euren Feldern wachsen lässt."
"Freilich", erwiderte der Landvogt, " ist mir bekannt, welche Sorten in unserer Region gedeihen, und ich schmecke R√ľbe und Erdapfel, ein Hauch von Roter Beete, aber sag, wie kommt diese hintergr√ľndige W√ľrze in die Suppe. Ist es Rauke oder Meerrettich?"
Der Bauer legte den L√∂ffel neben seiner Sch√ľssel ab, griff in seinen Rock und holte ein gl√§sernes R√∂hrchen hervor. "Das, was ihr schmeckt, woran ihr euch berauscht, ist dieses Salz."
"Ein Chlorid verursachet mir ein derartiges Sinneserleben, davon abgesehen war ich der Ansicht, ihr einfachen Leut bedienet euch der Pflanzenasche als Salzersatz auch um die Steuer zu umgehen?"
Der Bauer √ľberh√∂rte den Einwand und sch√ľttelte den Kopf. "Mitnichten. Es ist ein ganz besonderes Salz."
"Dann sage mir, wo ich es erwerben kann!"
Der Bauer legte das Röhrchen neben den Löffel. "Es ist nicht zu erwerben. Die Menge in diesem Röhrchen hier ist die einzige, die existiert."
Der Landvogt lachte auf: "Am Ende willst du mir noch erzählen, du hast es selbst abgebaut."
Ein Lächeln trat auf das Gesicht des Bauern. "Nicht abgebaut, sondern gewonnen."
"So sprich dann wie!"
"Immer, wenn euer Weib w√§hrend einer eurer Reisen zu mir auf den Hof kam und wir uns liebten, fing ich die Schwei√ütropfen auf, die √ľber unsere K√∂rper rannen und destillierte die Fl√ľssigkeit, wenn die Eure wieder auf ihre Burg zur√ľckkehrte."
Der Landvogt sprang auf: "Hund, ich werde dich auf der Stelle töten."
Der Bauer hob beschwichtigend die H√§nde: "Haltet ein. Denn t√∂tet ihr mich, da ihr mich f√ľr einen L√ľgner haltet, wird dies langen, um euren Zweifel zu beschwichtigen?" Der Landvogt warf seiner Frau einen gestrengen Blick zu und griff an seinen G√ľrtel, an dem ein Messer baumelte. Der Bauer lie√ü sich nicht davon beeindrucken und fuhr fort: "T√∂tet ihr auch euer Weib, weil ihr sie der Untreue f√ľr schuldig haltet, verliert ihr die Achtung eurer Garde, des Volkes und des Kurf√ľrsten, denn wie k√∂nnte es sein, dass ein einfacher Bauer euch euer Weib ausspannt? L√∂scht ihr hingegen unser aller Leben aus, das eurige ebenfalls, br√§chtet ihr euch um alle Freuden, die das Dasein noch zu bieten hat und ihr gingt in die B√ľcher der Schreiber ein als der betrogene Landvogt, der in seinem Liebeswahn nicht die Verantwortung bedachte, die er seinen Kindern und dem Vaterlande gegen√ľber hat."
Der Landvogt lie√ü sich zur√ľck auf den Stuhl fallen. "So, dann", sagte er, "scheint es, dass guter Rat teuer ist."
Da wollte sich die Frau zu Wort melden. "Gerade heraus, Weibsbild, seid ihr untreu gewesen?", fuhr er sie an. Mit gesenktem Kopf sprach sie: "Ich bitte euch untert√§nigst, lasst ihm seinen Willen, lasst ihm den Hof und lasst Gras √ľber eure Zweifel wachsen."

Nachdem der Landvogt mitsamt Frau und Garde den Hof verlassen hatte, √∂ffnete der Bauer die Lade seines K√ľchenschrankes und entleerte das R√∂hrchen in das Salz-Beh√§ltnis, aus dem er es am Morgen gef√ľllt hatte.

In dieser Nacht schlief der Bauer so gut wie lang nicht mehr. Als er beim ersten Hahnenschrei erwachte, sprang er erquickt und bester Grille aus dem Bett, mit dem festen Vorsatz, das geliehene Salz zu den Nachbarh√∂fen zur√ľckzubringen.
Er zuckte zusammen, als er in die K√ľche trat und den Landvogt am Tisch sitzen sah. "Herr, habt ihr mich erschreckt!"
"Bauer", begann dieser sogleich, "ich habe mich die ganze Nacht in die Werke verdienter Alchemisten vertieft, und keinen einzigen Hinweis gefunden. Ihr habt mich getäuscht, es ist in höchstem Maße unwahrscheinlich, diese Menge Salz aus Schweiß herzustellen."
"Und doch ist es möglich", entgegnete der Bauer.
Der Landvogt beugte sich vor. "Dann beweise es!"
Wieder umspielte ein Lächeln den Mund des Bauern. "Ihr meint doch nicht etwa mit eurer Frau?"
"Halunke, willst du, dass ich es mir anders √ľberlege und dich doch sofort t√∂te?", brauste der Landvogt auf.
Der Bauer lehnte sich zur√ľck und faltete die H√§nde vor seinem Bauch. "Was schlagt ihr stattdessen vor?"
"Nun", entgegnete der Landvogt, " ich schicke euch eine einfache Magd zur Nacht, postiere eine Wache vor der T√ľr und bei Morgengrauen zeigst du mir das Chloridium."
"So sei es, Herr!"

Mit dem ersten Hahnenschrei am n√§chsten Morgen √∂ffnete sich die T√ľr zur Schlafkammer des Bauern. "Und? Wo ist es?", rief der Landvogt.
Rasch bedeckte der Bauer seine und der Magden Nacktheit und sagte: "Es ist viel Liebreizendes an Lisbeth" - die Erw√§hnte kicherte leise - "sie ist klug und obendrein entz√ľckend anzuschauen, aber sie ist nicht die richtige, um euch zu beweisen, was ihr einfordert, da sie der anderen nicht ebenb√ľrtig ist." Die so Geschm√§hte zog einen Schmollmund und griff nach ihrem Leibchen. "Ihr m√ľsst mir wohl oder √ľbel eine andere schicken."

Am n√§chsten Morgen empfing der Bauer den Landvogt mit den Worten "zu gro√ü", am Tag darauf "zu klein", am √ľbern√§chsten Tag "zu √ľppig", am folgenden "zu ungebildet".

Einige Woche später, als der Landvogt wieder einmal in die Schlafkammer des Bauern trat, fand er den Bauern in inniger Umarmung mit der letzten Magd vor, die er ihm geschickt hatte und die im Übrigen die letzte Unvermählte des ganzen Landkreises war.
"Die hier ist richtig!", lachte der Bauer.
"Und wo zur Hölle ist mein Salz?"
Der Bauer rieb sich die Arme. "Guter Herr, seht nach drau√üen, Raureif √ľberzieht eure Felder, wie kann in dieser frostigen Kammer Schwei√ü entstehen? Ich rate euch, weist eure Knappen an, das kleine W√§ldchen zu roden, die Klafter Holz in handtellergro√üe St√ľcke zu hacken und s√§uberlich aufzustapeln, auf dass mein neues Weib und ich den Ofen beschicken k√∂nnen. Anders wird hier keine W√§rme entstehen."
Der Landvogt fluchte leise vor sich hin, dann rief er seine Knappen herbei und erteilte Ihnen die Anweisung.

Als der Landvogt einige Wochen sp√§ter in die Stube kam, in der der Ofen bullerte, dass die Scheiben beschlugen und den Bauern mit √ľberschlagenen Beinen in einem Schaukelstuhl d√∂send vorfand, packte ihn die Wut. Er riss ihn sogleich hoch, sch√ľttelte ihn und br√ľllte: "Wo in drei Teufels Namen ist mein Salz?"
"Bester Herr, gleich nach eurem letzten Besuch hat sich gezeigt, dass mein Weib guter Hoffnung ist. Bei allem Respekt, ihr erwartet doch nicht etwa, dass ... in ihrem Zustand...?"
Der Landvogt steigerte sich daraufhin derart in seine Erregung, dass ihn der Schlag traf und er leblos zusammenbrach.
Da die Frau des Landvogts den Eintrag in das Schuldnerbuch mit dessen Ableben schwärzte, erlangte sein Nachfolger von diesem lange währenden Vorgang keine Kenntnis und verfolgte ihn daher auch nicht weiter.
Der Bauer aber lebte gl√ľcklich und zufrieden mit Frau und Kind bis an sein Lebensende auf seinem Hof, den ihm nie wieder jemand streitig machte.


In der √Ėkonomischen Lehre beschreibt das Salz-Paradoxon eine Situation, in der ein wirtschaftlich schw√§cheres Unternehmen eine √úbernahme durch einen Global-Player allein durch geschicktes Taktieren und Infragestellen feststehender Bedingungen und Bezugsgr√∂√üen verhindert. Der bekannteste Fall dieser Art ereignete sich 1982, als ein japanisches Wirtschaftskonglomerat den skandinavischen Zugmaschinen-Hersteller VarioTruckDansk √ľbernehmen wollte und scheiterte.
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Letzte Aktualisierung: 26.04.2016 - 07.31 Uhr
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