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Das Salz in der Suppe | April 2016
Die Männerschwitzhütte
von Glädja Skriva

Die Männerschwitzhütte berührt eine starke Sehnsucht nach der Verbindung mit der kraftvollen Männlichkeit.
Im Kreis von Männern können wir einander Licht- und Schattenseiten spiegeln. Ehrlich, humorvoll, mit Herz und Respekt. Männer können das erstaunlich gut.
In dem magischen Raum des Schwitzfeuers entstehen Antworten von spürbarer Kraft auf Fragen in der Mitte unseres Lebenslabyrinths: „Was ist erfülltes Mannsein?“
Der monotone Takt der Trommel versetzt unsere Körper in Schwingung und Resonanz. Zischende Feuersteine lassen uns alte Muster ausschwitzen und entdampfen.
Unser Bewusstsein wird spirituell neu geöffnet für ein männliches, authentisches Selbstverständnis und lässt die Verbundenheit mit den elementaren Kräften in uns wachsen.

10. bis 11. Oktober 2016
110 Euro Ü / F (40 Euro Preisnachlaß für Männer, die zu zweit kommen)
Im Garten von Alwin Hutterer, spiritueller Schwitzhüttenleiter und Wasseraufgießer


Frank Büsemacker hatte sich angemeldet. Eigentlich hätte er das nie gemacht, sich für so einen Schwachsinn anzumelden. Über Männlichkeit musste er nicht nachdenken, die funktionierte einfach.
Aber irgend so ein Idiot hatte es Alwin gesteckt, dass er ein Verhältnis hatte mit Silke, der besten Freundin seiner Frau. Ein sehr vergnügliches Verhältnis. Wäre Alwin ein Bruno oder Harald oder Kevin gewesen, hätte das niemand interessiert oder, wenn überhaupt, hätte man ihm, Frank, anerkennend auf die Schulter geklopft, von Mann zu Mann sozusagen; schließlich war Silke eine scharfe Schnitte, bei der nicht wie bei Lea, seiner Frau, sagen wir einmal, das Salz in der Suppe fehlte. Schön scharf war sie schließlich. Die Silke. Das war nicht das Problem. Sondern Alwin. Der war nämlich nicht nur spiritueller Schwitzhüttenleiter, sondern auch Supervisor für Prädikanten, für angesehene Laienprediger der örtlichen Kirchengemeinde und damit auch für ihn. Für Frank Büsemacker.
In einer Großstadt hätte das keinen gejuckt, ob er als Laienprediger ein Verhältnis hatte oder nicht, aber hier, in einem kleinen Dorf in der Nähe von Witten, reagierte die Moral genauso sensibel wie die Rapsaussaat auf die Erderwärmung.
So hatte ihn Alwin donnerstags nach dem allwöchentlichen Männerchor zur Seite genommen, ihn auf die Selbstunsicherheit bezüglich seines Mannseins angesprochen (?) und ihn zum Schwitzhüttenwochenende eingeladen, um in einem vertrauten Rahmen in der Hitze des Feuers, nicht nur seine Poren zu öffnen, sondern seine Moral zu läutern.
Frank Büsemacker nickte. Gespielt schuldbewusst. Ohne zu kollaborieren würde er nicht nur aus dem Männerchor fliegen, sondern das gesamte Dorf würde auch in Lea, seiner Frau, das Opfer seiner Schandtat sehen. Damit hätte er nicht nur das Damenkränzchen auf dem Hals, sondern, viel schlimmer, würde die Zeit seines munteren Mailaustausches mit manchem Sahneschnittchen endgültig vorbei sein. Er wäre ein Hahn, degradiert zum Gockel – und das nicht nur ohne Kamm. Welch` ein freudloses Dasein!



So bildete Frank Büsemacker am 10. Oktober an einem leicht frostigen Abend einen Kreis in Alwins Garten mit fünf weiteren Männern, während das Feuer in ihrer Mitte loderte:
Mit Gerhard, dem verwitweten Inhaber eines Elektrogeschäftes, dessen Alte sich vor kurzem die Gurgel abgesoffen hatte, sowie mit „M.“, einem dünnen, hochgewachsenen Mann mit Hakennase, den niemand kannte und der unerkannt bleiben wollte. Und schließlich mit Helmut, dem Geizkragen, der seinen schüchternen, linkischen Neffen mitgeschleppt hatte, um die 40 Euro bei der Anmeldung zu sparen.
In der Arschkälte der Nacht brauchte es nicht viel Überredungskünste von Alwin, damit die Männer die Trommeln in die Hand nahmen, um sich warm zu klopfen. Ugha. Ugha. Manelo. Leo. Lo. Es entwickelte sich ein tranceartiger Rhythmus. Der feingliedrige M. entfaltete seine Hände wie eine Primaballerina gen Himmel (war er Tänzer?). Helmut, der Geizkragen, geizte nicht mit seinen Schweißtropfen, die sich Perle für Perle auf seiner Glatze bildeten und in feinen Bächen in seine Nackenwülste liefen, während er von einem Fuß auf den anderen stampfte. Hin. Her. Hin. Her. Ugha. Ugha. Manelo. Leo. Lo.
Frank Büsemacker ersehnte, dieses Kinderspielchen bald hinter sich zu haben, als Alwin abrupt stehenblieb. Mit weit ausholender Gestik wies er, wie ein Indianer mit seinem Tomahawk, auf den Eingang der Schwitzhütte, aus der rotglühende, angefeuerte Steine durch die übergeworfenen Zeltdecken ihren flackernden Schein in die Dunkelheit warfen.
„Sind wir bereit, in den warmen Schoß der Mutter Erde zurückzukehren?“, raunte er.
„JA“, rief es im erhitzten Männerchor dröhnend, während Frank plötzlich an Silkes Schoß denken musste und sich lautstark anschloß.
Alwin nickte befriedigt in Franks Richtung, der überraschende Kooperation zeigte.
„Trauen wir uns, uns verletzlich zu zeigen, nackt, wie wir in die Welt geworfen wurden?“
„Ja-a-a“, rief es erneut. Dieses Mal etwas gedehnter und zögerlicher. Nicht jedoch von Frank. Er war sich sicher, hier mithalten zu können. Mit diesem schmalbrüstigen M. sowieso.
„Dann legt ab, Eure alten Kleider. Sammeln wir uns in der Hütte um das lodernde Feuer, damit Altes verzehrt wird und Neues aufsteigen kann.“
Woraufhin kurze Zeit später fünf nackte Männerkörper aus der Kälte der Nacht in die Schwitzhütte schlüpften. Ihre entblößten Hintern begannen auf den aufgeheizten Steinen zu schwitzen, während der Schein des Feuers in ihren Gesichtern flackerte.
„Was immer hier in den Vordergrund tritt, verdient Beachtung und ist willkommen“, eröffnete Alwin den Kreis mit verschwörerischer Stimme.
„Trau dich“, raunte er dem schmächtigen Neffen neben sich zu, während er einen Handschmeichler liebevoll in seinen Händen knetete und dicht an ihn heranrückte.
„Wir atmen, stöhnen, singen, lachen, schweigen, beten“, vibrierend begann Alwin einen Singsang, der seinen Oberkörper in Gang setzte und ihn leicht wie ein Bambusrohr im Wind bewegte und dabei die Schulter des Neffen sanft berührte.
„Wir atmen, stöhnen, singen, lachen, schweigen …“
Helmut, der lange Zeit unbeweglich in die Flammen geblickt hatte, fand die ersten Worte:
„Ich könnte in Pellets investieren.“
Ein allgemeines Nicken ergriff die Runde. Nun fasste auch M. Mut und outete sich, während er die schützende Hand zaghaft vor sich wegnahm, dass „M.“ das Synonym für „Meister Marvin“ sei, was Frank Büsemacker neidvoll wahrnehmen musste.
„Das Salz in der Suppe“, nickte Frank anerkennend, während Helmut die Tränen schmeckte, die ihm herunterliefen, als er an Alma dachte und sie vermisste.



Als Alwin Hutterer am nächsten Morgen in Einzelgesprächen die Schwitzhüttenerlebnisse aufarbeitete, redete er auch mit Frank:
„Geläutert?“
Er sah Frank ernst über seine randlose Brille an, während er diesen Brief in seiner Hand hielt, dessen eckige Buchstaben Frank darauf erkannte und die Worte, die da lauteten: „Ich bitte Frank Büsenmacker bis auf Weiteres seinem Prädikantenamt wegen vorsätzlichen Ehebruchs zu entheben.“
„Sind wir nicht allzumal Sünder?“, entgegnete Frank und ein breites Grinsen tauchte in seinem Gesicht auf, als er ergänzte: „Einen netten Neffen hat dieser alte Geizkragen von Helmut. Einen sehr netten Neffen. Findest du nicht auch, Alwin? Und ein Schmutzfink, wer sich mehr dabei denkt. Genauso, wie Sonja einfach eine Freundin unserer Familie ist.“

Einen Moment sann Alwin nach. Dann räusperte er sich, setzte schließlich an und sagte: „Gott ist den Sündern gnädig. Sollten wir es nicht auch sein?“
Dabei glitt ihm der Brief mit der gestochen scharfen Handschrift aus der Hand - in die letzte glimmende Glut des Schwitzfeuers.



© P.S./Glädja Skriva/April 2016

Letzte Aktualisierung: 27.04.2016 - 07.32 Uhr
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