Ganz schön bissig ...
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Das Salz in der Suppe | April 2016
Die Vernissage
von Monika Heil

»Es geht um den Zyklus „Genuss“. Bilder von Speisen, speisenden Menschen und Menschen beim Genießen. Das ist Ihre letzte Chance, Schiller. Vermasseln Sie es nicht wieder.« Mit diesen Worten entließ Berend von Kungenheim, der Chefredakteur des Tageblattes, seinen jungen Mitarbeiter. Jens Schiller versprach, sein Bestes zu geben. Und dieses Versprechen würde er diesmal auch einhalten. Zu tief saß die Schmach über seine verpatzte Rezension der Theaterpremiere vor einem Jahr. Obwohl, geschrieben war jene Kritik super gut. Pech nur, dass der Text in Satz ging, obwohl die Premiere wegen eines Darmvirus ausgefallen war. Und so war er postwendend vom erhofften Kulturredakteur zum Feld-Wald-und-Wiesen-Lokalredakteur degradiert worden. Das bedeutete Berichte über die Eröffnung des neuen Supermarktes oder Saisonbeginn des Freibades. Es bedeutete Interviews mit der Leiterin eines Workshops im Seniorenheim „Malen nach dem Verfahren Quadrologie“, oder dem Übungsleiter der Behindertensportgruppe über „Herzgesundes Laufen.“ Und nun nach einem Jahr diese Chance. Er würde den Alten, wie ihn die Kollegen nannten, nicht enttäuschen. Er würde das Kulturressort doch noch erobern.

Die Galerie war gut besucht. Frank Heinzel rieb sich - bildlich gesehen - permanent die Hände. Mit strahlendem Lächeln ging er durch die Reihen. Ah, der Stadtdirektor war auch gekommen. Na ja, sicher seiner derzeitigen Lebensgefährtin zuliebe. Die war doch die Freundin von Ninja und die wiederum war die aktuelle Lebensabschnittsgefährtin von Roberta Mendozza. Roberta! Der Star des Abends. Und da hinten? War das nicht Maja Mullér, diese Schweizer Schauspielerin, die am hiesigen Stadttheater große Erfolge feierte? Langsam schlenderte er auf sie zu.
»Gnädige Frau, welche Ehre, Sie hier anzutreffen. Heinzel, Frank Heinzel.«
»Grüezi, Herr Galerist. Wie gut, dass ich heute spielfrei habe. Eine interessante Ausstellung. Und eine gute Gelegenheit, Roberta Mendozza kennenzulernen. Ich weiß, dass mein Mann sie und ihre Werke schätzt. Er steht schon eine Zeitlang in regem Kontakt zu ihr. Udo ist, wie Sie wissen, ein großer Förderer aufstrebender, unbekannter Talente und dieser jungen Frau gilt, wie mir scheint, aktuell seine ganze Aufmerksamkeit.« Die Schauspielerin schaute mit einem verschwörerischen Lächeln um sich, als hielte sie Ausschau nach ungebetenen Zuhörern.
Mit anderen Worten - Roberta ist seine aktuelle Geliebte, dachte Frank Heinzel und verkniff sich eine ironische Bemerkung.

Er konnte nicht ahnen, dass der Reporter, der staunend vor einer großformatigen Jagdszene stand und alles mit anhörte, dasselbe dachte. Spontan drehte sich Jens Schiller um.
»Gnädige Frau, lieber Herr Heinzel, guten Abend. Jens Schiller, Tageblatt. Darf ich ein paar Fragen an Sie stellen? Unsere Leser wüssten gern ...«
»Später, junger Mann, später. Ich glaube, der Professor will beginnen. Entschuldigen Sie mich?«
Ein kurzes, bedauerndes Schulterzucken und weg war er.

Jens entdeckte Professor Mannesmann, der mit theatralischer Geste seinen Ehering gegen das Sektglas stieß, was bei der Geräuschkulisse in dem weitläufigen Raum untergehen musste. Doch die Umstehenden deuteten die Bewegung richtig. Sie verstummten nach und nach. Endgültig still wurde es, als Heinzel neben ihn trat und seinen Text abspulte.
»Meine sehr verehrten Damen und Herren, hochverehrte Roberta. Es ist mir eine große Freude, Sie alle hier und heute begrüßen zu dürfen. Der bekannte Kunstexperte, Herr Professor Mannesmann, dem ich sofort das Wort erteilen werde, wird Sie mit dem Werk von Roberta Mendozza und damit auch mit dem Begriff „Genuss“ vertraut machen. Vorher möchte ich mich bei einigen Damen und Herren bedanken, die uns die Ehre ihres Kommens erwiesen und deren Zusage, viele rote Punkte zu verteilen, mich von Herzen freut. Sie wissen, ein roter Punkt steht für „verkauft“. Dafür - danke, danke, danke.«
Es folgten eine Reihe prominenter Namen aus Wirtschaft, Kultur und Kommunalpolitik. Danach führte er kurz den Lebenslauf der Künstlerin aus und gab schließlich das Wort an den Professor.

Jens hatte nur noch Augen für Maja Mullér. Die wiederum verschlang Ottmar Mannesmann mit ihren Blicken. Red´ nicht lang, dachte sie. In meiner Suite steht der Champagner kalt. Diesen Genuss solltest du dir nicht entgehen lassen.
»Gnädige Frau, könnten wir unser Interview eventuell später bei ...«
»Pst, junger Mann. Ja, später.« Jens Schiller verstummte gehorsam. Betört vom Duft ihres Parfums, dessen Preis er förmlich riechen konnte, verharrte er bewegungslos an ihrer Seite.

»Bilder, die sich suchten und fanden, meine Damen und Herren. Inspiration und Idee entstanden bei dem sinnlichen Vorgang des Kochens und - mehr noch - bei einigen genüsslichen Essen, verriet mir die Künstlerin und das sieht man ihrem Werk an. Ein mehrfach gepaarter Zyklus. Sehen Sie. Diese Jagdszene als erstes. Ein Mann und eine Frau auf der Pirsch. Das Wild wird erlegt und ausgeweidet und später«, er wies auf das nächste Bild, «in der Küche und in trauter Zweisamkeit zerteilt und gegart. Wie interpretieren wir das?«

Hoch motiviert schrieb Jens mit. Der Professor sprach schnell und abgehackt. Er stolzierte von Bild zu Bild, untermalte seine Worte mit theatralischen Gesten, schwafelte von der Vergänglichkeit des Seins, von der Leichtigkeit des Schwebens. In einem weiteren »gepaarten Zyklus«, einem Begriff, über den nicht nur Jens Schiller schmunzeln musste, schwebte auf einer der beiden gleich großen Gemälde ein einsamer Adler an einem riesigen, unnatürlich blauen Himmel, den nicht die kleinste Wolke tupfte. Eine Wiese war als schmaler, unterer Rand in dezenten grünen Linien erkennbar. Zwei mit wenigen Strichen angedeutete Personen schienen sich rechts und links am Rahmen anzulehnen und den Flug des Adlers zu beobachten. Auf der anderen Leinwand lag, zwei dünne Beine in die Luft gestreckt, ein Riesenvogel - gerupft, braun glänzend in einer fetten Soße schwimmend und gierig angestarrt von zwei Messer und Gabel schwingenden Gestalten.

»Erkennen Sie das Paar? Das ist das Geniale an diesem Genussreigen. Mann und Frau bleiben sich gleich. Die Genüsse wechseln. Erst das scheue Reh, dann der erhabene König der Lüfte.« Und so ging es weiter und weiter. Adam und Eva, nackt, unzählige rote Äpfel jonglierend und als Pendant ein gestapelter Berg Kartoffelpuffer in einem grün-gelben Apfelmus-See.
»Die vegetarische Variante«, erläuterte der Kunstprofessor.
Es folgten Floskeln wie: »die geistige Flucht ins Spirituelle, dem Käfig des Nichts oder den Zwängen des Lebens« und anderem Unsinn.

Jens wusste bald nicht mehr, wie er sich verhalten sollte. Seine Emotionen zerrissen ihn fast. Der Professor ging zielstrebig von Bild zu Bild. Seine Erklärungen klangen in den Ohren des jungen Redakteurs wie purer Schwachsinn. Maja Mullér blieb mit amüsiertem Lächeln und fast unmerklichem Kopfschütteln stehen. Er versuchte, sie nicht aus den Augen zu verlieren. Einmal trafen sich ihre Blicke. Der Artikel über die Vernissage war wichtig. Der Alte würde ihm den Kopf abreißen, wenn er keinen authentischen Bericht ablieferte. Deshalb war er hier. Doch die Aussicht, ein Interview - und vielleicht noch mehr - von der bekannten Schauspielerin zu erhalten, reizte ihn ebenso. Er wollte versuchen, beides zu schaffen. Damit musste der Sprung in die Kulturredaktion gelingen. Was für ein Spagat!

Endlich waren sie bei dem letzten Gemälde angekommen. Mein Gott, wie schrecklich, dachte nicht nur Professor Mannesmann.
Genial, dachte der Galerist Heinzel. Das bringt uns beiden ein gutes Sümmchen, liebe Roberta.

Auch Maja Mullér machte sich ihre Gedanken. Was fand ihr Mann an dieser dürren Person? Ihre sogenannten Kunstwerke konnte er doch nicht wirklich gut finden. Oder? Wahrscheinlich ist es - wie so oft - die Jugend, vermutete sie und schloss mit schnellen Schritten zu Professor Mannesmann auf. Verblüfft blieb sie vor dem letzten großformatigen Werk stehen. Will uns diese sogenannte Künstlerin für blöd verkaufen?, hätte sie beinahe laut gefragt, als sie glaubte, rechts außen den Gesichtsausdruck ihres eigenen Mannes zu erkennen. Nein, auch die anderen zwölf Nackten auf diesem Machwerk trugen seine Züge. Nur, dass ihr Udo schlank und sportlich war und diese Gestalten wohlgenährt bis dick.

Eine Art Abendmahl. Zwölf Männer zu Tisch, vor sich große, tiefe Schalen, deren Inhalt man nicht erkennen konnte. In den Händen hielten sie überdimensionale Holzlöffel. Dabei schauten die einen gen Himmel, die anderen scheinbar in die Ferne. Nur einer schien verschämt den Blick nach unten zu richten. Über ihren Köpfen schwebten engelhafte Wesen mit kleinen Schalen in den Armen, deren Inhalt sie großflächig über die Szene rieseln ließen.
Koks?, fragte sich Jens Schiller.
Zucker, vermutete die Schauspielerin. Wahrscheinlich das süße Leben symbolisierend.

»Und nun der Höhepunkt dieser Reihe, meine Damen und Herren. Sozusagen die Zusammenfassung des Seins. Das pralle, dekadente Leben, wie es die Menschheit in allen Jahrtausenden seit Anbeginn der Welt schätzt und genießt. Dieses grandiose Abschlussgemälde symbolisiert ohne Frage - sozusagen und bildlich gesprochen - das Salz in der Gemälde-Suppe. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und überlasse Sie nun Ihren eigenen Gedanken und Interpretationen.«
Applaus brandete auf.

Professor Mannesmann überlegte, wie er schnell verschwinden könnte, bevor ihn diese Schauspielerin in ihre Fänge bekam. Er dachte an ein früheres Zusammentreffen. Eine schmale Hand berührte seinen Arm. Wenn man vom Teufel sprach.
»Maja, Liebste, es tut mir leid. Aber ich muss ganz schnell los. Mein Flieger geht in einer Stunde.« Eine galante Verbeugung und weg war er.

»Gnädige Frau, hätten Sie jetzt ein paar Minuten für mich und unser Interview?«, versuchte Jens Schiller blitzschnell, seine Chancen auszuloten.
»Minuten? Wenn Sie wollen, gern auch länger, junger Mann. Ich schlage vor, wir gehen zum Essen in mein Hotel. In meiner Suite sind wir ungestört.«

Diesmal vermasselte der Redakteur nichts. Gar nichts.

Letzte Aktualisierung: 20.04.2016 - 19.03 Uhr
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