Der Tod aus der Teekiste
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Das Salz in der Suppe | April 2016
Frauen
von Sabine Esser

Hermann ist achtundsiebzig Jahre alt, seit zwei Jahren Witwer und so fit, daß für ihn „Betreutes Wohnen“ nicht in Frage kommt.

Der Tod von Riekchen, so nannte er seine Erika, hat keine großen Änderungen in sein Leben gebracht. Sie war lange krank, so hat er sich rechtzeitig an „Essen auf Rädern“ und die deutschrussische Haushaltshilfe Marja, die ihn liebevoll Opa Hermann nennt, gewöhnen können. Mit dem jungen Fensterputzer Jochen kann er über Fußball reden. Den Rum, den er gern in seinen Abendtee kippt, kauft er selbst bei Ina am Kiosk, die kann schweigen. Den leeren Flachmann wirft er höchstpersönlich in die Mülltonne; eine große Flasche würde Marja sofort finden. Marja schimpft schlimmer als Riekchen, vor allem viel öfter und viel lauter.

Wasser für Tee kann er kochen, mit der Kaffeemaschine kommt er nicht klar, so marschiert er zur Bäckerei um die Ecke, um dort zu frühstücken. Die hübsche junge Shirin weiß genau, was Hermann darf: Ein Brötchen mit dick Butter und Diabetiker-Marmelade, dazu Kaffee mit Milch ohne Zucker.

Wenn Hermann gar keine Lust auf sein „Essen auf Rädern“ hat, kehrt er in Kostas griechischem Restaurant ein, wo er fast zur Familie gehört. Wenn Kostas Frau, Despina, nicht hinguckt, gibt ihm Kosta heimlich sogar Ouzo – und nicht nur einen. Despina ist schlimmer als Riekchen, was die dusselige Diabetes angeht. Auf der Karte steht sein eigenes Gericht: Platte Hermann. Die darf er und nichts anderes! Und nur ein Glas richtigen Wein. Mit Despina ist nicht zu spaßen!

Auf den Dämmerschoppen in der Eck-Kneipe muss er auch nicht verzichten: Ella serviert ihm unnachgiebig Diabetiker-Wein. Diese Unsitte hatte Erika schon vor Jahren eingeführt. Hermann hätte gern den Dämmerschoppen zu einem Frühschoppen ausgeweitet. Das Doppel-Donnerwetter von Ella und Marja hat er in unangenehmer Erinnerung: „Wir haben Erika versprochen, auf dich aufzupassen!“

Jeden Mittwoch fährt Hermann mit dem Bus zum Friedhof, um sein Riekchen zu begießen. Er stutzt: „Das ist aber mal 'ne fesche Biene“ und schaut erneut zu der attraktiven Dame einige Gräber weiter. „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ summt er unhörbar vor sich hin, während er ein nichtvorhandenes Blättchen vom Marmor wischt. Noch ein kurzer Blick auf die schöne Unbekannte, und er geht sehr aufrecht Richtung Ausgang. „Mann muss sich rar machen“, weiß er von früher. Hermann spürt ihre Blicke im Rücken. Zuhause legt er gleich die alte Single auf.

„Opa, Opa“ lacht Marja verschmitzt. „Was ist los? Du warst beim Friseur und bist rasiert. Sogar ein sauberes Hemd hast du an. Hast du eine kleine Freundin?“ Hermann brummt Unverständliches und kaut auf seinem Gebiss. Woher wissen diese verdammten Frauen immer alles!

Mit der Gießkanne wartet er am Wasserhahn auf die Schöne. Sie kommt tatsächlich. Was für einen eleganten leichten Gang sie hat. Und was für ein herzliches Lächeln beim Wiedererkennen! Ganz Gentleman bietet er ihr an, die Kanne zu füllen und zum Grab zu tragen.
„Ich bitte um Entschuldigung. Ich habe mich nicht vorgestellt. Mein Name ist Hermann Förster.“ Fast hätte er einen zu tiefen Diener gemacht.
Sie neigt leicht den Kopf und erwidert: „Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen. Ich bin Hannelore Behrens.“
Zusammen begießen sie Alfred Behrens und Erika Förster. Beide sind im gleichen Jahr an Krebs gestorben, das verbindet.
„Bis nächste Woche also. Es war sehr nett, sie kennenzulernen“, verabschiedet sich Hannelore unverbindlich lächelnd und reicht Hermann ihre gepflegte Hand. Er schaut ihr lange nach. Zuhause wartet die Platte von Udo Jürgens.

So geht es mehrere Wochen. Der Mittwochnachmittag ist der wichtigste Termin für Hermann. Marja liegt ihm ständig in den Ohren und wedelt bedrohlich mit dem Zeigefinger: „Friseur reicht nicht. Du brauchst neue Anzüge, weißt du. Und schicke Schlipse. Und neue Hemden. Und schöne Schuhe. Und du musst gut riechen. Ich geh‘ mit dir einkaufen.“ Endlich seufzt sie zufrieden: „Jetzt kannst du sie zum Kaffee einladen. Und dann ein Glas Sekt. Nicht für dich, du darfst das nicht. Höchstens eins.“

Hermann fühlt sich gar nicht wohl, so herausgeputzt, wie er ist. Wie immer wartet er am Wasserhahn. Hannelore verspätet sich. Er tritt unruhig von einem Bein auf das andere: „Alter Bock! Was hast du denn gedacht. Dass so eine tolle Frau nur auf dich wartet!“ Sie kommt. Noch schöner als sonst. Hermann verschlägt es die Sprache. Einträchtig schweigend begießen sie die Dahingegangenen. Die Kannen sind leer. Mühsam bringt Hermann seinen Satz heraus: „Liebe Frau Behrens, das Wetter ist so schön. Darf ich sie zu einem Kaffee einladen?“
Sie strahlt ihn an: „Liebend gern, Herr Förster. Es wäre wirklich zu schade, jetzt schon nach Hause zu gehen.“

Marjas Tipp ist sehr gut: Das Kaffeehaus hat einen herrlichen Biergarten, sogar eine kleine Tanzfläche unter alten Bäumen. Beim ersten Glas Sekt bittet er als der Ältere formvollendet um das Du, und Hannelore stimmt zu. Nach dem fünften oder sechsten Glas nennt er sie „Lörchen“ und sie ihn kichernd „Manne“.

Hannelore blickt länger schon sehnsüchtig zur Tanzfläche und stupst ihn an: „Meinst du, wir können es mal versuchen? Ich tanze so leidenschaftlich gern.“
Hermann ist unbehaglich zumute: „Ich weiß nicht recht, ob ich das noch kann.“
Hannelore steht bereits: „Na komm, Tanzen verlernt man nicht.“

Offensichtlich doch, denn Hermann erwischt einige Male ihre teuren Schuhe: „Das liegt bestimmt am Sekt“, entschuldigt er sich beschämt.
„Aber nein Manne, üben müssen wir. Es gibt doch Tanzkurse. Wie wundervoll, dass auch du Interesse am Tanzen hast“, strahlt sie ihn glücklich an und hängt sich in seinen Arm.
Sehr spät und sehr beschwingt verabschieden sie sich mit einem Küßchen auf die Wange.

„Hat geklappt, ja? Tanzkurs ist sehr, sehr gut! Jetzt brauchst du neue Unterwäsche und neue Schlafanzüge auch. Und einen neuen Bademantel. Nichts Altes darf da sein. Fotos ja, sonst nichts. Und ich muss gründlich putzen. Du rufst den Jochen an. Der muss die Sachen zur Müllkippe bringen!“ dröhnt befehlsgewaltig Marja.
„Und keinen stinkenden Rum! Darfst du sowieso nicht!“
Hermann zuckt zusammen. Woher weiß sie denn das schon wieder?
Sie hebt den gefährlichen Zeigefinger: „Und - ganz wichtig: Jeden Morgen rasieren. Keine Zeitung beim Frühstück!“
Hermann grummelt: „Erika war nicht so kompliziert“.

Jochen ist von Marja bestens informiert. Verschwörerisch zieht er Hermann beiseite und grinst anzüglich: „So ein Tanzkurs bringt den ganzen Körper auf Trab. Nur Schwimmen ist besser. Du weißt schon...“ Hermann nickt verlegen.

Mittwoch für Mittwoch vergeht, der Herbst wird unschön, kalt und nass.
„Was meinst du, wollen wir heute mal zusammen fernsehen?“ fragt Hannelore.
„Ich habe aber nichts Essbares zuhause“ druckst Hermann.
„Das ist doch egal. Die Geschäfte haben so lange geöffnet. Alfred wollte nie, dass ich koche. Die Küche war sein Heiligtum.“
Nie hätte er gedacht, daß er so kraftvoll Tüten tragen kann. Mit dieser wunderbaren Frau ist alles möglich.

In der Küche schnippelt und brät sie. Hermann steht neben ihr und kann es sich nicht verkneifen, ihr schnell und zart über den Popo zu streichen. „Hast du Bier im Haus?“ fragt sie übergangslos, ihr Gesicht ganz dicht an dem seinen. „Dann setz‘ dich hin und lass‘ mich machen.“

Der Fernseher läuft, Hermann nippt an seinem Diabetiker-Bier, aus der Küche duftet es: Bratkartoffeln mit Spiegelei und Speck! Hermann schnauft zufrieden in seinem Sessel: „So soll das Leben sein. Jeden Tag.“

Hannelore kommt mit zwei vollbeladenen Tellern: „Entschuldige bitte. Dein Herd ist anders als meiner. Die Kartoffeln sind ein bisschen dunkel geworden.“ Hermann spießt ein fettriefendes braunes Kartoffelstück auf, kaut und schluckt tapfer. Die Spiegeleier sind strohtrocken, die schwarzen Kohlestücke vermutlich Speck.
„Schmeckt es dir?“ fragt sie, Hermann grunzt Unverständliches und spült nach. Einträchtig gucken sie fern. So viel Bier hat er seit Monaten nicht getrunken. „Lörchen, das war ein wunderschöner Abend. Ich rufe dir ein Taxi. Nimm es mir nicht übel, so viel warmes Essen abends macht mich todmüde.“

Marjas Zeigefinger sticht zu: „So geht das nicht! Sie darf nicht kochen. Musst du ihr sagen! Hast du Angst? Bist du ein Mann?“

Hermann schleicht entmutigt zum Dämmerschoppen. Lautstark wird am Stammtisch sein Problem diskutiert.
„Ich weiß gar nicht, was du willst“, dröhnt ein Fremder vom Thresen: „Deine Frau war einzeln. Jetzt hast du eine für den Haushalt, eine für die Fußpflege, eine für‘s Frühstück, eine für‘s Mittagessen, eine für die Kneipe. Nimmst du noch eine für’s Tralala, sie muss ja nicht kochen!“

Der Stammtisch johlt begeistert: „Genau so machst du das! Eine für’s Tralala!“
Ella nähert sich, eine Hand bedrohlich in der Hüfte: „So hier nicht! Keine frauenfeindlichen Sprüche! Verstanden?“
„Aber ohne euch Frauen geht es doch nicht“ wehrt sich Hermann zaghaft.
„Stimmt genau. WIR sind das Salz in eurer Suppe! Ohne uns seid ihr gar nichts! Ihr merkt das nur nicht!“ schimpft Ella.
Grollend zieht sie sich hinter ihren Thresen zurück. „Salz in der Suppe - Tralala“ grölt der Stammtisch.

Marja tätschelt Hermanns Schulter: „Wird schon. Ist Hanne doch eine kluge Frau. Will lieber tanzen als Haushalt machen. Übertreibst du die Diabetes.“
In der Küche grinst sie: „Sehr kluge Frau.“

Am nächsten Mittwoch nimmt Hermann beim Sekt Anlauf: „Lörchen, ich muss dir etwas beichten. Ich habe Diabetes, nicht schlimm, aber Vieles darf ich nicht essen. Du müsstest einen Spezial-Kochkurs machen. Das mag ich dir nicht zumuten. Abends eine Scheibe Brot reicht doch auch.“
„Aber ich möchte dich doch so gern verwöhnen“, seufzt sie leise.
„Das tust du doch. In jeder Minute, die wir zusammen sind. Wir hätten dann auch mehr Zeit für Wichtigeres.“
Sie drückt liebevoll seinen Arm: „Ach Manne, du bist so zartfühlend.“
Ihr zufriedenes Lächeln entgeht Hermann.

Letzte Aktualisierung: 25.04.2016 - 07.20 Uhr
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