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Das Salz in der Suppe | April 2016

Selber schuld
von Marcel Porta

Wie konnte das nur passieren? Wo ich doch unfehlbar und allwissend bin. Eigentlich kann es gar nichts geben, das ich nicht weiß. Das ist ein Widerspruch in sich. Und doch habe ich diese Entwicklung nicht vorausgesehen. Da muss wohl irgendetwas in meinem Unterbewusstsein abgelaufen sein, dem ich nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt habe. Ja, so muss es sein. Wenn ich mal Zeit habe, werde ich das genauer analysieren. Ha, die Zeit ist wirklich eine meiner genialsten Erfindungen. Seit ich sie in Gang gesetzt habe, ist alles viel interessanter geworden.

Vielleicht kommen die Probleme daher, dass ich Eva ein wenig zu viel Empathie verpasst habe. Oder Adam zu wenig Aggressivität. Die beiden sollten sich gleichzeitig lieben und hassen. Damit es immer schön spannend bleibt. Diese beiden Empfindungen in der Waage zu halten, das war der Plan. Und jetzt dieses Debakel! Ich muss schon sagen, das kratzt ganz schön an meinem Ego.
Bei ihrer Erschaffung habe ich Ergonomie walten lassen und dennoch einer verspielten Eleganz Raum gegeben. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen! Jede der beiden Versionen ist perfekt, aber zusammen sind sie mehr als das. Kein Wunder also, dass sie ihre Körper toll finden. Doch das ist noch lange kein Grund, sich nur noch damit zu beschäftigen. Andauernd spielen sie miteinander. Und jede Überprüfung ihrer Emotionen zeigt das gleiche Phänomen: Das gefällt ihnen besser als alles andere, was das Paradies zu bieten hat.
Dabei habe ich mir mit den Tieren und Pflanzen so viel Mühe gegeben. Der Tiger mit all seinen Streifen hätte mich fast zum Wahnsinn getrieben! Oder der Igel – jeder Stachel Handarbeit! Und bis der Elefant erschaffen war! Der Rüssel - eine geniale Idee, auch wenn er erst im fünften Anlauf richtig funktionierte. Ist manchmal wirklich lustig, wenn ich meine Allwissenheit kaschiere und mich dumm stelle. Nur weil ich auch allmächtig bin, bekomme ich das überhaupt hin.

Unter der sichtbaren Oberfläche gibt es noch viel mehr zu bewundern. Wie freue ich mich schon auf den Augenblick, wenn die Menschen das Mikroskop entdecken! Und das Teleskop. Erst dann werden sie verstehen, was ich da geleistet habe. Von den perfekt ausgewogenen Naturkonstanten will ich gar nicht reden. Bis die jemand versteht, vergehen Äonen.
Aber bis dahin wäre ein bisschen mehr aufmerksamer Respekt für die Natur angemessen. Und nicht immer nur dieses Herumspielen an ihren Körperteilen!
Diese außergewöhnlichen Glücksgefühle stehen den beiden überhaupt nicht zu! Die sind für mich reserviert. Glück für meine Geschöpfe, ja, schon, aber nicht in diesem Ausmaß. Die Aufgabe der Menschen ist es, mich zu amüsieren. Und sie besteht nicht darin, glücklich zu sein. Daran sollten sie gelegentlich mal denken!
Eigentlich ist Glück ja langweilig, wenn es ein Dauerzustand ist. Davon kann ich ein Lied singen, ich weiß, wovon ich rede. Aber für die wirklich abgrundtiefe Langeweile leben die beiden noch nicht lange genug.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich ihnen das mit den Nachkommen nicht richtig erklärt habe. Sie haben Sehnsucht nach Kindern, die habe ich ihnen eingepflanzt. Als Anreiz, sich fortzupflanzen. Was sie tun müssen, um Kinder zu bekommen, habe ich ihnen ausführlich und genau erklärt. War gar nicht so einfach, obwohl das Design fast selbsterklärend ist. Was habe ich mit ihnen geübt!
Doch jetzt ist Eva mit Zwillingen schwanger - und die beiden machen einfach weiter damit. Dieses ewige Geschmuse! Dabei gibt es überhaupt keinen Grund mehr, sich zu vereinigen. Richtig süchtig sind sie danach. Ich sollte ihnen das Ganze vielleicht doch noch mal ausführlich erklären. Nicht das Wie, das beherrschen sie inzwischen perfekt, sondern das Wozu.

Aber das wird wohl nichts nützen, der Spaßfaktor ist für die beiden einfach zu groß. Ein gutes Stück größer als von mir gewollt. Das ärgert mich! Und ich ärgere mich nicht gerne. Es macht den ganzen schönen Plan zunichte. Immer nur diese Gefühlsduselei, das ist so was von langweilig! Am liebsten würde ich das Experiment abbrechen und alles in die Tonne klopfen. Wie schade, dass ich mir selbst verboten habe zu fluchen, jetzt hätte ich so richtig Lust dazu.

Aber halt - da fällt mir etwas ein. Ja, so könnte es gehen. Ich werde ihnen die Suppe versalzen! Den beiden die Lust aufeinander austreiben, wird mir ein Vergnügen sein! Wenn ich die paradiesischen Zustände ein wenig modifiziere, ein bisschen Arbeit und sonstige Widrigkeiten implementiere, werden sie gar nicht mehr die Zeit haben, dauernd beieinander zu liegen. Die Zeit, die Zeit, welch köstliches Ding.
Genau betrachtet ist das zudem nicht mehr als gerecht - wo ich doch selbst so viel Arbeit mit ihrer Erschaffung hatte. Ha, das wird ein Spaß, gleich ran ans Werk.
Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, lasse ich sie in dem Glauben, sie seien selbst an ihrem Elend schuld. Ein kleiner inszenierter Sündenfall, und schon ist das schlechte Gewissen ihr ständiger Begleiter.
Wenn man nicht so genau hinschaut, sind sie ja auch selber schuld. Mich so mit ihrer verflixten Lust zu ärgern. Das haben sie nun davon!

© Marcel Porta 2016
Version 1

Letzte Aktualisierung: 13.04.2016 - 19.46 Uhr
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