Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Der verzauberte Wald | Mai 2016
Die Beschützerin
von Ingo Pietsch

Die Sonne tauchte die Wiesen und Felder in das goldene Licht der Abenddämmerung
Anni und Marlies hatten am Bach nahe der alten Mühle gespielt und wussten, dass es jetzt Zeit war nach Hause zurück zulaufen.
„Wir müssen jetzt los“, erinnerte Anni.
„Nur noch ein bisschen“, Marlies war ganz in ihr Spielen vertieft.
Der Wind frischte auf und die Blätter der umstehenden Bäume raschelten.
„Du weißt, dass dein Vater beim letzten Mal furchtbar geschimpft hat, als wir zu spät wiederkamen.“
Marlies ließ ihr Schiff aus Grashalmen auf dem Bach schwimmen, fasste Anni bei der Hand und zog sie hinter sich her.
Ihre Kleidchen wurden nass vom Sprühnebel des ratternden Mühlenrades.
Sie rannten ein Stück auf dem erdigen Feldweg, der nach einigen Kilometern ins Dorf führte.
Barfuß sprangen Anni und Marlies durch das hüfthohe Getreidefeld, das von unzähligen Mohnblumen durchsetzt war.
Sie kletterten über einen Weidezaun und nahmen die Abkürzung zu den Höfen über die Viehwiese.
„Nicht so schnell, Marlies!“ Anni hielt mit der anderen Hand ihr Kleid fest, während ihre Freundin sie immer noch mitzog und sie darauf achtete, nicht hinzufallen.
Eine Kuh wich ihnen plötzlich aufgeschreckt aus.
Beide Mädchen mussten lachen. Sie drehten sich im Kreis und winkten der Kuh zu.
Sie ereichten das Ende der Weide und krochen diesmal unter den Baumstämmen hindurch.
Vor ihnen lagen mehrere kleine Wäldchen.
Marlies hüpfte zwischen den Baumgrenzen auf einem ausgetretenen Pfad dahin, Anni blieb aber stehen. Wenn sie das Wäldchen direkt vor sich durchqueren würde, wäre sie schneller als ihre Freundin zuhause.
Zwei mächtige Kastanien säumten den Eingang zum Hain. Anni zögerte und wagte sich dann doch vor.
Als sie die Kastanien passiert hatte, fühlte sie sich wie in einer anderen Welt: Die Luft stand still und war so klar, dass jegliche Geräusche von überall gleichzeitig zu kommen schienen.
Es war angenehm warm. Anni durchströmte ein Gefühl von Glückseligkeit.
Ihr Vater hatte sie vor diesen Wäldchen immer gewarnt, dass sie sie nicht betreten sollten, weil dies früher ein riesiges Moor gewesen war und es keine sicheren Wege gab.
Doch der Boden war verlockend weich und warm, es fühlte sich an, als ginge sie auf Wolken.
„Marlies! Ich bin schneller als du!“, rief sie. Erstaunlicherweise gab es von ihrer Stimme kein Echo. Sie lief weiter und blickte in die Baumkronen, die bestimmt drei Mal höher über dem Boden waren, als bei normalen Bäumen. Sie erkannte beim Vorbeilaufen, dass die Stämme so dick waren, dass mehrere Männer zusammen sie nicht umfassen konnten.
„Marlies!“, rief sie erneut. Marlies reagierte nicht und Anni schrie ihren Namen so laut sie konnte.
Jetzt endlich drehte sich ihre Freundin um und blieb suchend stehen.
Marlies faltete ihre Hände zu einem Trichter und schrie ebenfalls etwas, das Anni aber nicht hören konnte.
„Ich bin hier!“, erwiderte Anni fröhlich. Sie lief auf Marlies zu. Doch egal wie weit und schnell sie lief, sie erreichte die Baumgrenze nicht.
Langsam bekam sie Angst.
Marlies blickte hoffnungslos in ihre Richtung. Tränen rannen über ihr Gesicht, als sie weiter den Weg entlangeilte.
„Aber ich bin doch hier!“ Verzweiflung klang in Annis Stimme auf. Sie drehte sich um und suchte die beiden Kastanien. Doch alles sah gleich aus. Ein Baum glich dem anderen.
Als Anni wieder zum Pfad schaute, war es dort dunkel geworden. Leute mit Fackeln suchten die Gegend ab. Ihre Eltern, Marlies Eltern und die Knechte von den Höfen.
Anni schrie so laut sie konnte. Aber auch diesmal reagierte niemand. Sie schlug die Hände vor die Augen und als sie sie wieder herunternahm, schneite es draußen.
Hier drinnen im Wäldchen herrschte weiter das goldene Dämmerlicht, es war warm und Vögel sangen.
Anni sah wieder Marlies den Weg entlang gehen. Der Schnee war weg, es war Frühling. Sie war jetzt fast einen Kopf größer als Anni und sie hielt den Nachbarsjungen bei der Hand. Es waren bestimmt ein paar Jahre vergangen.
„Hilfe!“, hörte Anni eine Stimme aus dem Herzen des Waldes.
Sie wendete sich von Marlies ab und folgte der Stimme.
Immer wieder vernahm sie den Hilferuf, während sie die Riesenbäume umrundete. Sie fühlte wie die knorrigen Rinden, die sich irgendwie lebendig anfühlten, pulsierten.
Sie strich mit ihren Händen über leuchtende Blumen und üppig behangene Beerensträucher. Anni pflückte eine wilde Erdbeere und steckte sie sich in den Mund. Nie zuvor hatte sie eine so köstliche Frucht gegessen.
Sie kam auf eine Lichtung und dort mitten im diffusen Sonnenlicht stand ein Mädchen in ihrem Alter. Mit einem weißen Kleid, heller Haut und silbernen Haaren. Es war umringt von Rehen, Hasen, Waschbären und Eichhörnchen.
„Bitte, du musst mir helfen!“, sagte das Mädchen flehend.
Anni beeilte sich. Die Tiere wichen ein Stück zurück und sie erkannte, dass das Mädchen mit einem Fuß in einer Wildfalle steckte.
Anni sah sich um und entdeckte einen dicken Ast. Wie ihr Vater es ihr beigebracht hatte, stemmte sie die Metallhälften auseinander und das Mädchen war frei.
Es hüpfte leichtfüßig auf der Lichtung herum und stupste ab und zu eines der Tiere auf die Nase.
„Ich danke dir, Anni!“, sagte sie lachend.
„Woher kennst du meinen Namen?“, wollte sie wissen.
Das Mädchen überlegte: „Ich war immer hier und werde es immer sein.“
Anni machte große Augen: „Das verstehe ich nicht.“
Das Mädchen breitete seine Arme aus: „Der Wald, die Felder, die Wiesen. All das bin ich.“
Anni verstand nicht so recht: „Wie heißt du?“
Das Mädchen antwortete: „Ich bin die Beschützerin. Ich beschütze alles um dich herum.“
„Ich werde dich Bea nennen.“
Bea nickte.
„Bist du ein Geist? Ich habe von Geistern gehört, die hier leben sollen.“
Bea überlegte: „Ja, das könnte sein.“
Anni wollte noch mehr wissen: „Wenn du die Beschützerin bist, warum bist du dann in diese Falle geraten?“
Bea blickte traurig. „Auch mir fehlt manchmal die Kraft, alles zu verstehen. Immer wieder verirren sich böse Menschen in mein Reich. Sie wollen mich fangen und sogar töten. Früher, als es hier noch keine Menschen gab, lebten wir alle in Harmonie miteinander. Wir versuchten auch im Einklang mit euch zu leben, aber ihr fingt an, die Bäume zu fällen und die Flüsse zu begradigen.“
Verlegen starrte Anni zu Boden. Ihr Vater war Holzfäller.
Bea legte Anni eine Hand auf den Arm. „Ich bin dir nicht böse.“
Anni wurde es unangenehm. „Ich möchte gerne wieder nach Hause!“
„Komm mit. Ich zeige dir den Weg!“ Bea tänzelte zum Rand der Lichtung. „Folge mir!“
Die Tiere blickten Anni hinterher und sie winkte ihnen zum Abschied.
Sie kamen wieder zum Weg, der an dem Wäldchen vorbeiführte.
Zusammen sahen sie eine erwachsene Frau mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern. Kurz sah die Frau sehnsuchtsvoll in ihre Richtung.
Anni erkannte sie: Es war Marlies!
Plötzlich traf Anni der Schlag der Erkenntnis: „Vergeht die Zeit hier viel langsamer, als draußen?“
„Für mich gibt es den Begriff Zeit nicht. Ich werde immer sein. Aber ja, du hast Recht. Komm weiter.“
Obwohl alles gleich schien, standen sie auf ein Mal vor den beiden Kastanien.
„Ich habe Angst. Leben meine Eltern noch?“ Anni war sich unsicher. Ein Wind kam auf und zerrte an ihrem Kleid.
Beas Haare wurden durcheinandergewirbelt und Anni sah ein leuchtendes Mal auf ihrer Stirn.
„Geh! Schnell!“ Bea schloss die Augen.
Anni rannte zwischen den Bäumen hindurch und schaute über ihre Schulter. Dort stand ein Einhorn und bäumte sich auf. Es wurde durchscheinend und löste sich auf, genau wie die Kastanien.
Anni hatte ein mulmiges Gefühl.
„Anni! Wo bleibst du denn?“ Marlies, so wie sie sie als kleines Mädchen kannte, stand außer Atem vor ihr.
„Willst du, dass ich das Rennen wieder gewinne?“
Anni überlegte, doch die Erinnerungen an die Begegnung mit der Beschützerin verblassten schon. Sie lächelte und wusste im nächsten Moment schon nicht mehr, warum.
Aus irgendeinem Grund fragte Anni ihre Freundin: „Was hältst du eigentlich von Hannes, unserem Nachbarssohn?“
Marlies zog eine Grimasse: „Ich mag ihn nicht. Er ärgert mich immer. Komm jetzt, oder willst du da Wurzeln schlagen?“
Als die beiden wieder losliefen, hörten sie in weiter Ferne ein Pferdewiehern, das wie ein Lachen klang.

Letzte Aktualisierung: 18.05.2016 - 13.41 Uhr
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